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 <title>Kritische Ausgabe Plus - Gesamt</title>
 <link>http://www.kritische-ausgabe.de/taxonomy/term/154/2</link>
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 <title>Vampire mit Biss und Cowboystiefeln</title>
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 <description>&lt;p&gt;Vampire sind &amp;uuml;berall. Sie verstecken sich in Videospielen und Fernsehserien, lauern zwischen bedruckten Buchseiten auf ahnungslose Opfer, schauen verf&amp;uuml;hrerisch von Postern in Teenagerzimmern und flimmern in &amp;uuml;berschminkter Nahaufnahme in Kinos&amp;auml;len &amp;uuml;ber Leinw&amp;auml;nde. Kaum eine andere Mythengestalt kann es derzeit mit der Popularit&amp;auml;t der Blutsauger aufnehmen. Dass viele moderne Vampire es mit dem Mythos ihrer einstigen Vorv&amp;auml;ter nicht ganz so genau nehmen, ist zum Teil der wachsenden Vampirindustrie geschuldet. Flei&amp;szlig;ige Autoren bem&amp;uuml;hen sich, auch die letzten Winkel des &amp;uuml;berstrapazierten Trends auszuloten und eine eigene Version des Kinds der Nacht zu Papier zu bringen. &amp;raquo;Schreiben Sie doch einfach irgendetwas &amp;uuml;ber Vampire, das verkauft sich&amp;laquo;, ist l&amp;auml;ngst zu einem ein gefl&amp;uuml;gelten Wort unter Verlegern geworden. P.C. Cast (&lt;em&gt;House of Night&lt;/em&gt;), Stephanie Meyer (&lt;em&gt;Twilight&lt;/em&gt;) und viele andere haben dies w&amp;ouml;rtlich genommen. Dabei wirken einige Vertreter der Spezies &amp;rsaquo;Vampyr litterarius&amp;lsaquo; zahnloser als Graf Zahl aus der Sesamstra&amp;szlig;e. Doch es gibt auch einen Trend gegen den Trend: Und genau hier kommt &lt;em&gt;American Vampire&lt;/em&gt; ins Spiel.&lt;/p&gt;
&lt;!--break--&gt;&lt;!--break--&gt;&lt;p&gt;&lt;strong&gt;Von blutigen Bissen im wilden Westen&lt;/strong&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Bereits das Cover von &lt;em&gt;American Vampire&lt;/em&gt; macht klar, dass es sich um einen eigenen Vampirmythos handelt, den Scott Snyder hier schreibt und Rafael Albuquerque zeichnet. &amp;Uuml;ber und unter dem Schriftzug des Titels verbinden sich die beiden Elemente, die im Comic zusammengef&amp;uuml;hrt werden sollen: Vampire und der Wilde Westen. Die Idee ist nicht neu: Als Rollenspiel und Buchserie &lt;em&gt;Deadlands&lt;/em&gt; zeigte Shane Lacy Hensley, wie lohnend eine Verbindung von Western und klassischem Horror sein kann. &lt;em&gt;American Vampire&lt;/em&gt; geht einen &amp;auml;hnlichen Weg und versetzt die Vampirgeschichte um den untoten Gesetzlosen Skinner Sweet ins Amerika des sp&amp;auml;ten 19. und fr&amp;uuml;hen 20. Jahrhunderts. Als Reflektorfigur dient dabei &amp;uuml;ber weite Strecken Pearl Jones, eine junge Stummfilmschauspielerin, die in die F&amp;auml;nge alten Vampiradels ger&amp;auml;t. F&amp;uuml;r diesen wiederum ist Skinner Sweet der erkl&amp;auml;rte Feind, da er einer neuen Spezies eines Vampir angeh&amp;ouml;rt: St&amp;auml;rker und ohne Schw&amp;auml;chen wie Anf&amp;auml;lligkeit gegen Sonnenlicht, f&amp;uuml;hrt Sweet einen Rachefeldzug und zieht Jones mit herein. Als sie stirbt, macht er sie selbst zum Vampir. Zusammenhaltende Erz&amp;auml;hlerfigur ist William Bunting, Augenzeuge und Verfasser von &amp;raquo;Bad Blood&amp;laquo;, eines fiktiven Vampirromans im Comic &amp;uuml;ber die erlebten Ereignisse.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;img alt=&quot;&quot; src=&quot;/sites/default/files/u152/amvamp.jpg&quot; style=&quot;width: 250px; height: 385px; margin: 20px; float: left;&quot; /&gt;Die Zeichnungen von Alburquerque sind stimmig und fangen den Wechsel zwischen altem Wilden Westen und Moderne gut ein. Die Geschichte hingegen h&amp;auml;lt sich mit zu vielen Nebencharakteren auf, etwa James Book, einem Gesetzesh&amp;uuml;ter, der Sweet jagt und ebenfalls als Vampir endet. Dies w&amp;auml;re passend f&amp;uuml;r eine Geschichte, die sich Zeit l&amp;auml;sst, nicht aber f&amp;uuml;r einen vergleichsweise kurzen Vampircomic, dessen unruhige &amp;uuml;berlagernde Panelf&amp;uuml;hrung und h&amp;auml;ufigen Spr&amp;uuml;nge in der erz&amp;auml;hlten Zeit ein hastiges Tempo vorgibt. Andererseits m&amp;uuml;ssen ja auch irgendwo die Charaktere herkommen, die Sweet in gro&amp;szlig;en Panels und mit viel Blut ermordet. Und blutig ist &lt;em&gt;American Vampire&lt;/em&gt; allemal. Die Panels in denen Horror &amp;uuml;ber Deformation des menschlichen K&amp;ouml;rpers erzeugt wird, bleiben aber die Ausnahme. Ansonsten wird haupts&amp;auml;chlich gebissen und geschossen. Schade eigentlich, denn gerade die k&amp;ouml;rperlichen Szenen, etwa der Beginn des Kapitels Ein aufgehender Stern mit der sterbend durch die W&amp;uuml;ste wandernden, halbnackten Pearl Jones &amp;uuml;ber dem gekonnt platzierten Paratext des Titels, geh&amp;ouml;ren zu den st&amp;auml;rkeren Seiten des Werkes.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;Blasse Gesichter unter breiten Hutkrempen&lt;/strong&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Ansonsten sind Snyders Vampire eher blasse Charaktere und zwar in mehr als nur der Hinsicht ihres untoten Hauttons. Vor allem Skinner Sweet wirkt abseits seiner Morde eher harmlos und &amp;auml;hnelt optisch einer cowboyhuttragenden Version des verstorbenen S&amp;auml;ngers Curt Cobain. Nur selten, etwa im Kapitel Ein Tropfen Blut gewinnt der Vampir d&amp;uuml;stere Gr&amp;ouml;&amp;szlig;e, wenn er auf einem aus Leichen und Schrott get&amp;uuml;rmten Thron, von Fackelschein erleuchtet seine Bande befehligt (comickundige Leser erkennen hier nat&amp;uuml;rlich das optische Zitat aus Todd McFarlanes &lt;em&gt;Spawn&lt;/em&gt;). Sweets Motivation aber bleibt unklar &amp;ndash; seine Gegenspieler, die alten Vampire, tauchen kaum auf. Auch Pearls Entwicklung von einem &amp;auml;ngstlichen Opfer zur monstr&amp;ouml;sen Vampir-Killerin wirkt mit weniger als vier Seiten eher unglaubw&amp;uuml;rdig. Der Fokus des Comics liegt auf der Action:&amp;nbsp; entgleisende Z&amp;uuml;ge, Handgemenge, Schie&amp;szlig;ereien, Verfolgungsjagden und Morde, wobei sich die Gewalt teils visuell deutlich, oft aber in guter Comic-Tradition zwischen den Panels im Kopf des Lesers abspielt. Ein grunds&amp;auml;tzliches Grauen aber kommt nicht auf. &lt;em&gt;Amercian Vampire&lt;/em&gt; ist f&amp;uuml;r klassischen Horror zu sehr dem Western verpflichtet. Das verwundert umso mehr, da der Altmeister der gut verkauften Horrorliteratur, Stephen King, am Comic mitwirkte. Doch dieser verfolgt ein ganz eigenes Projekt.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;Eine Kampfansage an Edward, Lestat und Co.&lt;/strong&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&amp;raquo;Vampire sind keine blassen Detektive, die Bloody Mary trinken [&amp;hellip;] keine netten Herren aus den S&amp;uuml;dstaaten, die an unerwiederter Liebe leiden. Keine magers&amp;uuml;chtigen Teenies. Oder Gespielen mit feuchten gro&amp;szlig;en Augen&amp;laquo;, schreibt Stephen King in seinem Vorwort &lt;em&gt;Bis aufs Blut &lt;/em&gt;und holt damit zum Rundumschlag gegen die Vampirdarstellung der letzten zwei Jahrzehnte aus. Als Co-Autor des Werkes ist sein Projekt eine Brutalisierung des Vampirmythos, dessen Emanzipation &amp;uuml;ber schmachtende Teenieherzen und der Deutungshoheit von &amp;raquo;soften Romantikern&amp;laquo;, kurz, die Darstellung des Vampirs als blutgieriger Killer. Aber gelingt dies wirklich im Werk?&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Die Verbindung mit dem Westen ist der erste Schritt seines Programms, der eine barbarischere Kulisse, in dessen Wirklichkeit das Recht des St&amp;auml;rkeren und Treffsichereren vorherrscht. Hier kann der Vampir wieder zum J&amp;auml;ger und M&amp;ouml;rder werden und seinen Blutdurst ausleben, welcher in den High-School-Klassenzimmern (der von King kritisierten Werke) unterdr&amp;uuml;ckt wurde. Dabei schaffen Snyder und King das Programm einer Revolution, ein &amp;rsaquo;Wir-gegen-die&amp;lsaquo;, was sich auch auf die Handlungsebene wiederspiegelt. Skinner Sweet ist Vertreter der neuen Generation von Vampiren, ein getriebener Killer, der gegen seine angepassten, Anzug und Schirm tragende Vorg&amp;auml;ngerversionen k&amp;auml;mpft. Besonders deutlich wird dies in den Panels, in denen Sweets (und Pearls) physische Darstellung mit verzerrten Proportionen, gestreckten Gliedern und langen Klauenfingern ins Monstr&amp;ouml;se &amp;uuml;bergeht. Am Ende triumphiert Sweet &amp;uuml;ber seine Widersacher und jagt noch dem Augenzeugen und Schreiberling Bunting bei dessen Vortrag &amp;uuml;ber Vampire durch seine blo&amp;szlig;e Anwesenheit Furcht ein. Sweet triumphiert, weil er besser an den barbarischen Wilden Westen angepasst ist, der wiederum ein solches Wesen erfordert und hervorbringt, wodurch beide zur &amp;raquo;Nachtseite&amp;laquo; (so King im Vorwort) stilisiert werden. Figur und Setting verbinden sich zum anachronistischen Symbol einer Kehrseite des Vampirmythos und der Kultur des modernen Amerikas.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Doch &lt;em&gt;American Vampire&lt;/em&gt; kann Kings Gegenentwurf nicht liefern. Skinner Sweets Figur ist zu getrieben und fremdbestimmt, zu viele Aspekte seiner Person bleiben vage. Zu selten sind die blutigen Panels und zu oft zitiert der Comic doch die Klischees der Vampirliteratur, etwa im Kapitel Doppelbelichtung, als Pearls Mann Henry Preston ihr nach dem Angriff eines Vampirs freiwillig anbietet, von seinem Blut zu trinken und sie anschlie&amp;szlig;end mit ihm schl&amp;auml;ft. Der tagwandelnde, vampirjagende Vampirr&amp;auml;cher erinnert zu sehr an &lt;em&gt;Blade&lt;/em&gt; von Marvel Comics (erstmals erschienen bereits 1973 in &lt;em&gt;Tomb of Dracula&lt;/em&gt; #10). Auch Skinner Sweet selbst bleibt eine Antwort auf den Gegenentwurf schuldig. Als Erkl&amp;auml;rung ihrer Natur schreibt er Pearl auf einem Zettel &amp;raquo;SIE / Vorlieben: Blut, Mondlicht, Elder Zwirn [&amp;hellip;] / WIR &amp;hellip; / &amp;nbsp;Oh, ich will Dir die &amp;Uuml;berraschung nicht verderben.&amp;laquo;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;Was w&amp;uuml;rde Stoker dazu sagen?&lt;/strong&gt;&lt;img alt=&quot;&quot; src=&quot;/sites/default/files/u152/amvamp2.jpg&quot; style=&quot;width: 250px; height: 380px; margin: 20px; float: right;&quot; /&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Stephen Kings Vorwort zu &lt;em&gt;American Vampire&lt;/em&gt; und dessen Programm gegen den Trend des angepassten Vampirs kann als R&amp;uuml;ckbesinnung auf fr&amp;uuml;here Horrorliteratur gelesen werden, als Vampire noch zum F&amp;uuml;rchten waren. King spricht damit, will man einigen Fanbriefen glauben, vielen Lesern aus der Seele. Doch ein Anzeichen f&amp;uuml;r eine Trendwende in der Popkultur noch dessen Ausl&amp;ouml;ser ist &lt;em&gt;American Vampire&lt;/em&gt; nicht. Auch verkennt King in der Kritik an den Romantikern den Ursprung des modernen literarischen Vampirs: Abraham &amp;raquo;Bram&amp;laquo; Stoker schrieb Dracula 1897 als r&amp;uuml;ckw&amp;auml;rtsgewandten Briefroman und Verneigung vor Autoren der vergangenen Schauerromantik wie Ann Radcliffe (&lt;em&gt;Thy Mysteries of Udolpho&lt;/em&gt;, 1794) oder Mary Shelley (&lt;em&gt;Frankenstein or The Modern Prometheus&lt;/em&gt;, 1818). Und welche literarische Figur k&amp;ouml;nnte eine bessere Projektionsfl&amp;auml;che f&amp;uuml;r eine romantische R&amp;uuml;ckschau, eine Vermischung von Zeitebenen und Anschauungen sein, als der Vampir, der als unsterblicher Augenzeuge alle Zeitalter und Trends durchlebt? Dracula diente Stoker als perfekte Leinwand und vereinte sowohl angepasste viktorianische Etikette als auch widerspr&amp;uuml;chliche anachronistische Z&amp;uuml;ge. &lt;em&gt;American Vampire&lt;/em&gt; hingegen meidet programmatisch die R&amp;uuml;ckw&amp;auml;rtsgewandtheit der Vampirfigur. Der Comic bleibt eine &amp;Uuml;berzeichnung in best&amp;auml;ndiger Angst vor dem Klischee, ohne bestimmten Topoi vollends zu entkommen. Immerhin bereichern King und Snyder den Vampirmythos um eine interessante, unverbrauchte Facette, au&amp;szlig;erhalb des Jugendromans. Alleine daf&amp;uuml;r hat das Werk den erhaltenen Eisner Award redlich verdient.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&amp;nbsp;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;Scott Snyder, Rafael Albuquerque, Stephen King: American Vampire. &lt;/em&gt;&lt;em&gt;Band 1. Stuttgart: Vertigo Verlag 2010. ISBN: 978-3-86201-025-7. 16,95 Euro.&lt;/em&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;
	&amp;nbsp;&lt;/p&gt;
</description>
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 <category domain="http://www.kritische-ausgabe.de/tags/comic">Comic</category>
 <category domain="http://www.kritische-ausgabe.de/kategorie/literatur/literatur-kritik">Literatur - Kritik</category>
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 <category domain="http://www.kritische-ausgabe.de/tags/vampir">Vampir</category>
 <pubDate>Wed, 22 Feb 2012 04:05:32 +0000</pubDate>
 <dc:creator>Dirk Walbrühl</dc:creator>
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 <title>Die mächtige Frau</title>
 <link>http://www.kritische-ausgabe.de/artikel/die-m%C3%A4chtige-frau</link>
 <description>&lt;p&gt;&lt;a href=&quot;http://www.kritische-ausgabe.de/artikel/charles-dickens-und-die-gefallenen-frauen&quot;&gt;Charles Dickens&lt;/a&gt;&amp;rsquo; Heldinnen waren zumeist junge M&amp;auml;dchen, die leiden und dann tragisch sterben mussten wie die kleine Nell im &lt;em&gt;Old Curiosity Shop&lt;/em&gt;. Auch seine Schauspielerin Ellen Tennant war ja erst 18 und er 45. Jeder Autor hat seine Biografie, seine Vorlieben. Das Gegenbild der jungen, arglosen Heldin ist die m&amp;auml;chtige Frau, die Gro&amp;szlig;e Mutter. Sie ist ein &lt;a href=&quot;http://www.kritische-ausgabe.de/artikel/faust-und-das-ewig-weibliche&quot;&gt;Archetypus&lt;/a&gt; im Sinne C. G. Jungs, und Schriftsteller &amp;ndash; nat&amp;uuml;rlich M&amp;auml;nner &amp;ndash; haben sie gestaltet.&lt;/p&gt;
&lt;!--break--&gt;&lt;!--break--&gt;&lt;h5&gt;
	Sacher-Masoch&lt;/h5&gt;
&lt;p&gt;Im 19. Jahrhundert muss man &lt;a href=&quot;http://de.wikipedia.org/wiki/Leopold_von_Sacher-Masoch&quot;&gt;Leopold von Sacher-Masoch&lt;/a&gt; (1836&amp;ndash;1895) nennen, der in seinem Roman &lt;a href=&quot;http://gutenberg.spiegel.de/buch/4334/1&quot;&gt;&lt;em&gt;Venus im Pelz&lt;/em&gt;&lt;/a&gt; (1870) eine m&amp;auml;chtige Frau schildert, Wanda.&lt;/p&gt;
&lt;blockquote&gt;&lt;p&gt;
	&amp;raquo;&amp;rsaquo;Wart&amp;rsquo; nur, du sollst mir noch wie ein Hund wimmern unter der Peitsche&amp;lsaquo;, drohte sie und begann mich zugleich zu peitschen. Die Hiebe fielen rasch und dicht, mit entsetzlicher Gewalt auf meinen R&amp;uuml;cken, meine Arme, meinen Nacken, ich biss die Z&amp;auml;hne zusammen, um nicht aufzuschreien. Jetzt traf sie mich im Gesicht, das warme Blut rann mir herab, sie aber lachte und peitschte fort.&amp;laquo;&lt;/p&gt;&lt;/blockquote&gt;
&lt;p&gt;Der Erz&amp;auml;hler liebt Wanda, und sein Angebot, ihr Sklave zu sein, nimmt sie an. Sie erzieht und dem&amp;uuml;tigt ihn, verl&amp;auml;sst ihn aber, da sie &amp;ndash; paradoxe, aber nicht unlogische Wendung &amp;ndash; einen starken Mann suchte. Da war eine bislang unbekannte &amp;nbsp;Leidenschaft geschildert, eingebettet in schw&amp;uuml;le Atmosph&amp;auml;re, verst&amp;ouml;rend und erregend. In &lt;em&gt;Gottesmutter&lt;/em&gt; (1883) wird ein junger Mann, Sabadil, von Mardona, der Oberpriesterin einer Sekte, gefoltert. Sie ist die ideale Frau des Masochisten: kalt, grausam wie die Natur, strafend. Dennoch liebt sie Sabadil und wird geliebt, doch es geschieht ein Verrat, ein Missverst&amp;auml;ndnis, und daraus entspringt grausame Strafe.&lt;/p&gt;
&lt;p class=&quot;rtecenter&quot;&gt;&lt;small&gt;&lt;img alt=&quot;&quot; src=&quot;/sites/default/files/u84/poser_srilanka.jpg&quot; style=&quot;width: 600px; height: 483px;&quot; /&gt;Weibliche Statuen in einer H&amp;ouml;hle auf Sri Lanka. (Foto: Manfred Poser, 2005)&lt;/small&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Ich habe eine italienische Ausgabe, und auf der R&amp;uuml;ckseite steht ein gegl&amp;uuml;ckter Satz: &amp;raquo;Ein im h&amp;ouml;chsten Ma&amp;szlig;e dramatischer psychologischer Komplex (&lt;em&gt;nodo&lt;/em&gt;), der dazu beitr&amp;auml;gt, jene schw&amp;uuml;le (&lt;em&gt;torbida&lt;/em&gt;), mystisch-rituelle Atmosph&amp;auml;re zu schaffen, die aus Warten, Reue, Angst, Verlangen und Schuldgef&amp;uuml;hl besteht und das Werk des &amp;ouml;sterreichischen Schriftstellers charakterisiert.&amp;laquo; Die Faszination der m&amp;auml;chtigen Frau ist nicht nur das Verlangen nach der Peitsche; es ist weitaus subtiler.&amp;nbsp;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Sacher-Masoch war ein Erfolgsautor, gesch&amp;auml;tzt von Victor Hugo, Emile Zola und Henrik Ibsen. In der Folge des Venus-Buchs erschien die &lt;em&gt;Psychopathia sexualis&lt;/em&gt; von &lt;a href=&quot;http://de.wikipedia.org/wiki/Richard_von_Krafft-Ebing&quot;&gt;Krafft-Ebing&lt;/a&gt;, und pl&amp;ouml;tzlich fand sich Sacher-Masoch als Namensgeber einer sexuellen Pathologie wieder. Er und seine Anh&amp;auml;nger wehrten sich so verzweifelt wie vergeblich. Sein Werk ist vergessen, nur im Masochismus lebt Leopold fort.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Bald nach &lt;em&gt;Venus im Pelz&lt;/em&gt; erhielt er gl&amp;uuml;hende, schw&amp;auml;rmerische Briefe, die mit &lt;em&gt;Anatol&lt;/em&gt; unterzeichnet waren. Sacher-Masoch nahm es als Spiel und genoss es, wollte aber ein Treffen, das der geheimnisvolle Anatol lange ablehnte. Es kam dazu, doch der r&amp;auml;tselhafte Briefschreiber verbarg sich. Es war nur zu erahnen, dass er gro&amp;szlig; war und seine Stimme voll und tief. Erst 1881, bei einem Gespr&amp;auml;ch mit Dr. Grandauer in Passau, wurde alles klar, wie Wanda von Sacher-Masoch in ihrem Buch &lt;em&gt;Meine Lebensbeichte&lt;/em&gt; erz&amp;auml;hlte: Anatol war mit ziemlicher Sicherheit der bayerische K&amp;ouml;nig &lt;a href=&quot;http://de.wikipedia.org/wiki/Ludwig_II._%28Bayern%29&quot;&gt;Ludwig II.&lt;/a&gt; (1845&amp;ndash;1886).&lt;/p&gt;
&lt;h5&gt;
	Schreckliche Ehrfurcht&lt;/h5&gt;
&lt;p&gt;1886, im Todesjahr Ludwigs II., kam dann &lt;a href=&quot;http://www.kritische-ausgabe.de/artikel/im-berg&quot;&gt;&lt;em&gt;She&lt;/em&gt;&lt;/a&gt;. Es ist ein Abenteuerroman, der gro&amp;szlig;artige Schaupl&amp;auml;tze und viele Wendungen bereith&amp;auml;lt, und Spielbergs Indiana-Jones-Filme verdanken &lt;a href=&quot;http://de.wikipedia.org/wiki/Henry_Rider_Haggard&quot;&gt;Rider Haggard&lt;/a&gt; einiges; doch Ayesha, die Sch&amp;ouml;ne und zugleich Diabolische, l&amp;auml;sst einiges zu w&amp;uuml;nschen &amp;uuml;brig. Sie taucht auf, in wei&amp;szlig;e Schleier gekleidet, verbreitet Furcht und Schrecken, doch als sie dann mit dem Erz&amp;auml;hler konferiert, den sie schw&amp;auml;rmerisch mit &amp;raquo;Oh Holly&amp;laquo; anspricht, wirkt sie wiederum zu brav und weibchenhaft, als dass sie einen faszinieren k&amp;ouml;nnte.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&amp;raquo;Schreckliche Ehrfurcht kann der Hohen Liebe vorausgehen und sie hervorrufen, und manchmal muss sie das auch&amp;laquo;, schreibt Rabbi &lt;a href=&quot;http://de.wikipedia.org/wiki/Adin_Steinsaltz&quot;&gt;Adin Steinsaltz&lt;/a&gt; in seinem Buch &lt;em&gt;In the Beginning&lt;/em&gt; (1992) &amp;uuml;ber das chassidische Gedankengut. In der j&amp;uuml;dischen Kabbalah steht ja oben &lt;em&gt;Kether&lt;/em&gt; (die Krone), unten &lt;em&gt;Malkuth&lt;/em&gt; (die Erde). &lt;em&gt;Chockmah&lt;/em&gt;, die Weisheit &amp;ndash; ein m&amp;auml;nnliches Prinzip &amp;ndash;, projiziert sich auf &lt;em&gt;Binah&lt;/em&gt;, die Formgeberin und Gro&amp;szlig;e Mutter. Jedoch ist Chockmah der Regent des &amp;rsaquo;Pfeilers der Liebe&amp;lsaquo;. Binah dagegen beherrscht den linken Pfeiler, den &amp;rsaquo;Pfeiler der Strenge&amp;lsaquo;, denn Form diszipliniert den Geist. Ein Mann ist in eine Frau verliebt und wirbt um sie; seine Liebe hat sein Objekt und unterwirft sich den Gegebenheiten, wie der Geist sich in Form kleidet.&lt;/p&gt;
&lt;p class=&quot;rtecenter&quot;&gt;&lt;small&gt;&lt;img alt=&quot;&quot; src=&quot;/sites/default/files/u84/poser_stphalle.jpg&quot; style=&quot;width: 600px; height: 377px;&quot; /&gt;Eine der dicken Frauen von &lt;a href=&quot;http://de.wikipedia.org/wiki/Niki_de_Saint_Phalle&quot;&gt;Niki de Saint-Phalle&lt;/a&gt;, h&amp;auml;ngend unter dem Dach des Hauptbahnhofs Z&amp;uuml;rich. (Foto: Manfred Poser, 2010)&lt;/small&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;In meinem &lt;a href=&quot;http://www.kritische-ausgabe.de/artikel/someone-beside-you&quot;&gt;Roman&lt;/a&gt; steht:&lt;/p&gt;
&lt;blockquote&gt;&lt;p&gt;
	&amp;raquo;V&amp;ouml;llig &amp;uuml;berraschend der Auftritt: Das muss Cherry sein, im schulterfreien Kleid, eine Art Tarnanzug mit Schlitz im Kleid, hochhackige Schuhe, einen langen roten Schal in der Hand, den sie sich &amp;uuml;ber die Schulter wirft. Sie ist mager, nicht mehr ganz jung, vielleicht vierzig, mit hervorstehenden Wangenknochen, wild und gro&amp;szlig;artig: &amp;rsaquo;She was savage and superb, wild-eyed and magnificent&amp;lsaquo;, schrieb Joseph Conrad.&amp;laquo;&lt;/p&gt;&lt;/blockquote&gt;
&lt;p&gt;In seinem Buch &lt;em&gt;Heart of Darkness&lt;/em&gt; (1902) hat eine Afrikanerin am Flussufer ihren Auftritt, und das ist eine spektakul&amp;auml;re Szene.&lt;/p&gt;
&lt;h5&gt;
	Matriarchat&lt;/h5&gt;
&lt;p&gt;Von &lt;a href=&quot;http://de.wikipedia.org/wiki/Donatien_Alphonse_Fran%C3%A7ois_de_Sade&quot;&gt;de Sade&lt;/a&gt; bis &lt;a href=&quot;http://de.wikipedia.org/wiki/Joseph_Conrad&quot;&gt;Joseph Conrad&lt;/a&gt; reicht das 19. Jahrhundert, das sich inmitten von Viktorianismus und Industrialisierung fruchtlos und endlos mit der Beziehung zwischen den Geschlechtern herumschlug. 1861 erschien das Buch &lt;em&gt;Das Mutterrecht&lt;/em&gt; des Basler Wissenschaftlers &lt;a href=&quot;http://de.wikipedia.org/wiki/Johann_Jakob_Bachofen&quot;&gt;Johann Jakob Bachofen&lt;/a&gt; (1815&amp;ndash;1887), der zu einem wichtigen Theoretiker des Matriarchats wurde. Er fing bei den Griechen an &amp;ndash; Venus/Aphrodite, G&amp;ouml;ttin der Liebe, die &amp;rsaquo;Gliederl&amp;ouml;serin&amp;lsaquo; &amp;ndash; und postulierte einen Het&amp;auml;rismus, dem die &amp;rsaquo;Gynaikokratie&amp;lsaquo; oder das Matriarchat folgte, um vom &amp;nbsp;Patriarchat entmachtet zu werden.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Dazu fand ich in Konrad Federls Antiquariat in Landsberg am Lech das Buch &lt;em&gt;Eros im Alten Orient&lt;/em&gt;: &amp;raquo;Aus der Urflut erhob sich in der Vorstellung des &amp;Auml;gypters die befruchtende und lebenspendende weibliche G&amp;ouml;tter-Trinit&amp;auml;t Hathor, Nut und Isis.&amp;laquo; Aus dem Scho&amp;szlig; der Riesenkuh Hathor entsprang alle Tage die Sonne. Hinter ihr stand &amp;raquo;gewaltig in ihrem geheimnisvollen Dunkel die Gestalt der gro&amp;szlig;en Himmelsg&amp;ouml;ttin Nut&amp;laquo;, welche den Sonnengott auf ihrem R&amp;uuml;cken trug. &amp;raquo;Wie alle Urzeitg&amp;ouml;ttinnen war sie die Mutter ihres Vaters und die Tochter ihres Sohnes in einem.&amp;laquo; Das M&amp;auml;nnliche hing vom Weiblichen ab; entscheidend war die Trinit&amp;auml;t der Muttergottheit, die als &amp;raquo;Vater der V&amp;auml;ter, Mutter der M&amp;uuml;tter von Anbeginn der Welt existierte und diese schuf&amp;laquo;. M&amp;auml;nner waren von den Mysterien ausgeschlossen.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Das von &lt;a href=&quot;http://de.wikipedia.org/wiki/Johanna_F%C3%BCrstauer&quot;&gt;Johanna F&amp;uuml;rstauer&lt;/a&gt; (geboren 1931) geschriebene Buch gehe auch auf &amp;raquo;gewagte Fragen&amp;laquo; ein, schreibt der Verlag in der Ausgabe von 1965. In jener Zeit wurde wohl mit den Ergebnissen der Forschung auch an die Erregungs- und Vorstellungsbereitschaft des Lesers appelliert. (Man sollte bei Wikipedia F&amp;uuml;rstauers&amp;nbsp; Ver&amp;ouml;ffentlichungsliste durchsehen: Da bleibt kein Wunsch offen.) N&amp;auml;chstens mehr davon.&lt;/p&gt;
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 <comments>http://www.kritische-ausgabe.de/artikel/die-m%C3%A4chtige-frau#comments</comments>
 <category domain="http://www.kritische-ausgabe.de/kategorie/kontroverse/ausrei%C3%9Fversuche">Ausreißversuche</category>
 <pubDate>Thu, 16 Feb 2012 23:01:09 +0000</pubDate>
 <dc:creator>Marcel Diel</dc:creator>
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<item>
 <title>Ein nachhaltiges Gefühl von Gleichgültigkeit</title>
 <link>http://www.kritische-ausgabe.de/artikel/ein-nachhaltiges-gef%C3%BChl-von-gleichg%C3%BCltigkeit</link>
 <description>&lt;p&gt;&amp;raquo;Ja, sicher, warum nicht.&amp;laquo; &amp;ndash; Diese Erwiderung findet sich auf den mehr als 700 Seiten von Clemens J. Setz&amp;rsquo; &lt;em&gt;Die Frequenzen&lt;/em&gt; immer wieder und sie wird von immer anderen Figuren im Dialog mit ihnen nahe stehenden Personen ge&amp;auml;u&amp;szlig;ert. Sie l&amp;auml;sst die Gleichg&amp;uuml;ltigkeit erkennen, die sowohl die sozialen Beziehungen der Protagonisten kennzeichnet als auch das Verh&amp;auml;ltnis des Rezipienten gegen&amp;uuml;ber dem Text pr&amp;auml;gt. Zun&amp;auml;chst wirkt es auf den Leser, als w&amp;uuml;rde sich dieses Gef&amp;uuml;hl wie ein Leitmotiv durch den gesamten Roman ziehen und das ist wohl auch ein Grund daf&amp;uuml;r, dass der erste Leseeindruck nicht viel mehr als Gleichg&amp;uuml;ltigkeit gegen&amp;uuml;ber den Figuren des Romans hervorbringt.&lt;/p&gt;
&lt;!--break--&gt;&lt;!--break--&gt;&lt;p&gt;&lt;em&gt;&lt;em&gt;&lt;img alt=&quot;&quot; src=&quot;/sites/default/files/u152/qawqfq_1.png&quot; style=&quot; margin: 20px; float: right; width: 239px; height: 600px;&quot; /&gt;&lt;/em&gt; &lt;/em&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Da sind vor allem Alexander und Walter, die beiden Protagonisten, aus deren Perspektiven der Roman abwechselnd in der ersten und dritten Person erz&amp;auml;hlt wird. Die beiden M&amp;auml;nner sind Jugendfreunde, die sich aus den Augen verloren haben und sich eher zuf&amp;auml;llig wiedertreffen. Walter versucht als Laiendarsteller die Gruppensitzungen der Therapeutin Valerie in die von ihr gew&amp;uuml;nschte Richtung zu lenken, Alexander hat seit kurzem eine Aff&amp;auml;re mit eben dieser Valerie. Von diesem Bindeglied zwischen ihren doch recht gegens&amp;auml;tzlichen Lebensl&amp;auml;ufen ahnen die beiden M&amp;auml;nner jedoch nichts. Was sie verbindet ist eine problembelastete Beziehung zu ihrem Vater. W&amp;auml;hrend Alexanders Vater ganz pl&amp;ouml;tzlich und ohne Erkl&amp;auml;rung die Familie verlie&amp;szlig;, qu&amp;auml;lt Walters Vater seinen Sohn mit &amp;Uuml;ber-F&amp;uuml;rsorge. Jeden noch so abwegigen oder halbherzig ge&amp;auml;u&amp;szlig;erten Berufswunsch versucht er mit dem gr&amp;ouml;&amp;szlig;ten Ernst zu unterst&amp;uuml;tzen, indem er Walter dank seiner Beziehungen Praktikumspl&amp;auml;tze in allen m&amp;ouml;glichen Branchen verschafft, immer in der Hoffnung, der Sohn werde eine ebenso gro&amp;szlig;e Karriere machen wie er selbst, der ber&amp;uuml;hmte Architekt.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;	Die eingangs konstatierte Gleichg&amp;uuml;ltigkeit ist in Setz&amp;rsquo; Roman aber nicht lediglich aufseiten des Rezipienten so omnipr&amp;auml;sent. Auch die Vater-Sohn-Beziehung der beiden Protagonisten ist von einer Gleichg&amp;uuml;ltigkeit gepr&amp;auml;gt, die wie ein Schatten &amp;uuml;ber dem Leben der beiden liegt und sie f&amp;ouml;rmlich zu erdr&amp;uuml;cken scheint. Bereits bevor Alexanders Vater seine Frau und seinen Sohn an einem Wintertag bei einer Autopanne im wahrsten Sinne des Wortes stehen l&amp;auml;sst &amp;ndash; die beiden m&amp;uuml;ssen das festgefahrene Auto anschieben, mit dem der Vater dann kommentarlos wegf&amp;auml;hrt &amp;ndash; brachte auch seine Mutter ihm deutliches Desinteresse entgegen. Als er bei einem gemeinsamen Ausflug in den Park wegl&amp;auml;uft, w&amp;auml;hrend die Mutter sich mit einer Freundin unterh&amp;auml;lt, scheint diese sich kaum Sorgen um ihren Sohn zu machen. Erst gegen Abend kehrt Alexander wieder nach Hause zur&amp;uuml;ck: es ist alles wie immer.&lt;/p&gt;
&lt;blockquote&gt;&lt;p&gt;
	Sie h&amp;auml;tte mich zwar kurz gesucht, sagte sie, aber da sie mich nicht gefunden h&amp;auml;tte, sei sie nach Hause gegangen. [...] Es war ein weiterer Testlauf gewesen, eine Simulation, so nahe der Wirklichkeit, wie man &amp;uuml;berhaupt kommen konnte. Aber das Ergebnis des Testlaufs war katastrophal: keines.&lt;/p&gt;&lt;/blockquote&gt;
&lt;p&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Im Gegensatz dazu bekommt Walter die Gleichg&amp;uuml;ltigkeit seines Vaters nicht in Form von Desinteresse oder Nichtbeachtung zu sp&amp;uuml;ren. Vielmehr tr&amp;auml;gt das schier unstillbare Interesse an den Aktivit&amp;auml;ten und Karriereversuchen seines Sohnes eine solch gleichf&amp;ouml;rmige Empathie zur Schau, dass der Sohn sich am Ende nicht ernst genommen f&amp;uuml;hlt und selbst nur noch mit Gleichg&amp;uuml;ltigkeit auf den Vater reagieren kann.&lt;/p&gt;
&lt;blockquote&gt;&lt;p&gt;
	Er wusste, dass er den Kampf verloren hatte. Nein, noch schlimmer, dass es &amp;uuml;berhaupt keinen Kampf gegeben hatte. Alles, wogegen er rebellierte, war weich und durchl&amp;auml;ssig.&lt;/p&gt;&lt;/blockquote&gt;
&lt;p&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;So ruft auch die Tatsache, dass sich Walter bei einem Familienbesuch im Alkoholrausch auf der Couch im elterlichen Wohnzimmer &amp;uuml;bergibt und danach heimlich durch den Garten verschwindet, keine erkennbare Reaktion beim Vater hervor. Es scheint, als w&amp;auml;re das einsame Trinkgelage, in dessen Verlauf Walter sich mit einem Ahnenportr&amp;auml;t an der Wand unterh&amp;auml;lt, die einzige Form der Rebellion, zu der er noch f&amp;auml;hig ist.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;	Diese Familienkonstellationen lassen Alexander und Walter einsam erscheinen und bilden eine reichlich traurige Bilanz. Trotzdem f&amp;auml;llt es dem Leser schwer, den Eindruck distanzierter Gleichg&amp;uuml;ltigkeit zu durchbrechen und sich in die Protagonisten einzuf&amp;uuml;hlen. Selbst das Lachen &amp;uuml;ber Szenen, wie das besagte Zwiegespr&amp;auml;ch mit einem Wandbild, von denen man annehmen k&amp;ouml;nnte, dass sie ein gewisses Ma&amp;szlig; an Komik entfalten w&amp;uuml;rden, mag nicht gelingen. Vielleicht liegt es an der selbstbemitleidenden und resignativen Art, mit der sich Alexander und Walter auf sehr &amp;auml;hnliche Weise in ihr jeweiliges Leben f&amp;uuml;gen; vielleicht liegt es aber auch an der Breite, die diesen Szenen im ohnehin sehr umfangreichen Roman einger&amp;auml;umt wird, dass der Leser eher genervt als belustigt reagiert.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;	Am deutlichsten tritt dieser Effekt bei der Figur Alexanders zutage, dessen Slapstick-Einlagen als Altenpfleger genausowenig eine komische Wirkung entfalten, wie seine seltsame Marotte, scheinbar telefonierend durch die Stadt zu laufen. In Wahrheit w&amp;auml;hlt Alexander in diesen Situationen die Nummer der Zeitansage und beginnt dann ein Telefonat mit einem imaginierten Gespr&amp;auml;chspartner, das sich jedoch schnell zu einem selbstverliebten Monolog wandelt. Dies scheint ihm in Stresssituationen zu helfen, die Kontrolle &amp;uuml;ber seine Gef&amp;uuml;hle zu wahren, sp&amp;auml;testens beim dritten Auftauchen im Text f&amp;uuml;hrt es jedoch zu Langeweile aufseiten des Lesers, weil Alexander die immer gleichen Phrasen aneinanderreiht. Selbst die Pointe, dass auch Alexanders Mutter sich dieser Methode bedient und mit einem fiktiven Telefongespr&amp;auml;ch den Abschied des Sohnes nach einem Besuch hinausz&amp;ouml;gert, kann keine rechte Komik entfalten.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;	Warum, fragt man sich, hat Setz&amp;rsquo; Roman 714 Seiten, wenn das zentrale Thema, die Entfremdung innerhalb der Familie und die Entfremdung von sich selbst, bereits auf Seite 218 mit einer eindr&amp;uuml;cklichen Charakterisierung Alexanders seinen H&amp;ouml;hepunkt erreicht:&lt;/p&gt;
&lt;blockquote&gt;&lt;p&gt;
	Es schien mir, dass ich im Grunde nie etwas anderes getan hatte als vorzut&amp;auml;uschen. So zu tun &lt;em&gt;als ob&lt;/em&gt;. Diese zwei unscheinbaren W&amp;ouml;rter, &lt;em&gt;als ob&lt;/em&gt; &amp;ndash; vielleicht waren sie das Schl&amp;uuml;sselloch, durch das man mein Leben betrachten musste. [...] Ich sch&amp;auml;mte mich nicht einmal. Denn vor wem h&amp;auml;tte ich mich sch&amp;auml;men sollen, wenn mein Marionettentheater das war, was von allen &lt;em&gt;Alexander Kerfuchs&lt;/em&gt; genannt wurde. Ich war ein Kom&amp;ouml;diant, &amp;uuml;ber den ein einziger Mensch lachte &amp;ndash; und der war f&amp;uuml;r alle unsichtbar und wohnte als finsterer, rechthaberischer Einsiedler hinter meiner Stirn.&lt;/p&gt;&lt;/blockquote&gt;
&lt;p&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;img alt=&quot;&quot; src=&quot;/sites/default/files/u82/Setz_CDie_Frequenzen_106910.jpg&quot; style=&quot;float: left; margin: 20px; width: 200px; height: 317px;&quot; /&gt;Diese Selbsterkenntnis Alexanders ber&amp;uuml;hrt und man w&amp;uuml;nscht sich, auf den folgenden 500 Seiten diesem &amp;raquo;finsteren, rechthaberischen Einsiedler&amp;laquo; n&amp;auml;her zu kommen. Bis zum Ende des Romans bleibt er jedoch weitgehend im Verborgenen. Wer zu solch tiefgreifender Selbsterkenntnis f&amp;auml;hig ist, dem nimmt man den stoischen Gleichmut, mit dem er jede weitere Reflexion dieses Befundes vermeindet, nicht recht ab. Wie, fragt man sich, hat Alexander sich damit arrangiert, seinen Mitmenschen weiterhin eine Rolle vorzuspielen? Indem er &amp;uuml;ber seine eigene Kom&amp;ouml;die lacht? Doch dieses Lachen kann der Leser nicht teilen, der Text pr&amp;auml;sentiert weiterhin den Heuchler und Schauspieler, das &amp;raquo;als ob&amp;laquo;. Das ist auf die Dauer anstrengend, weil man das Gef&amp;uuml;hl hat, die Marionettenpuppe Alexander mit seinem immer gleichen Spiel bereits zur Gen&amp;uuml;ge zu kennen. So wirkt der Aufbau des Romans wie eine Rube-Goldberg-Maschine, bei der eine m&amp;ouml;glichst komplizierte und &amp;uuml;ber viele Redundanzen f&amp;uuml;hrende Kettenreaktion in Gang gesetzt wird, um einen simplen Effekt zu erzielen.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;	Trotz der &amp;uuml;berschaubaren Zahl an Figuren ist die Handlung von &lt;em&gt;Die Frequenzen&lt;/em&gt; komplex und &amp;ndash; bedingt sowohl durch die wechselnde Erz&amp;auml;hlperspektive als auch die wiederholten Zeitspr&amp;uuml;nge &amp;ndash; nicht immer einfach nachzuvollziehen. Neben den beiden Protagonisten, ihren Familien und ihrer Beziehung zu Valerie entspannt sich ein Gewirr aus weiteren Handlungsstr&amp;auml;ngen. Erz&amp;auml;hlt wird &amp;ndash; sowohl aus der Perspektive des Kranken als auch aus der Sicht der Pflegerin &amp;ndash; von Valeries Vater, der im Sterben liegt, von einem Paar aus ihrer Therapiegruppe, das mit sich, der Welt und ihrem Neugeborenen nicht zurechtkommt, von dem verwirrten Hausmeister aus Alexanders Haus und von dessen vernachl&amp;auml;ssigtem Nachbarsjungen. Dazwischen mischen sich Passagen, die aus der Perseptive eines streunenden Hundes geschildert sind. Erst in der R&amp;uuml;ckschau wird klar, dass diese einzelnen F&amp;auml;den zu einem gro&amp;szlig;en Netz versponnen sind, ohne dass den Figuren diese Verbindungen offenbar werden.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;	Diese komplexe Konstruktion erinnert wiederum an die Funktionsweise einer Rube-Goldberg-Maschine und die Beschreibung ihres Funktionsprinzips ist wohl nicht ohne Grund dem ersten Teil des Romans als Motto vorangestellt. Doch was ist das Resultat der &amp;Uuml;berf&amp;uuml;hrung dieser Logik in ein &amp;auml;sthetisches Prinzip? Setz konstruiert seinen Roman aus einer Aneinanderreihung von Redundanzen sowie einem m&amp;ouml;glichst komplizierten Geflecht an Handlungsstr&amp;auml;ngen. Vor allem die Wiederholungen tragen dazu bei, dass die Lekt&amp;uuml;re des Romans streckenweise etwas anstrengend ist. Und auch die Verflechtung der zahlreichen Handlungsf&amp;auml;den wirkt mitunter konstruiert, vor allem, weil es am Ende keine echte L&amp;ouml;sung gibt. Was ist also der simple Effekt, den die Textmaschine erzielt? Es ist das ebenso hartn&amp;auml;ckige wie irritierende Gef&amp;uuml;hl der Gleichg&amp;uuml;ltigkeit, das einem noch lange nach der Lekt&amp;uuml;re nachh&amp;auml;ngt und das dazu f&amp;uuml;hrt, dass man immer wieder &amp;uuml;ber das Gelesene nachdenkt. Warum, fragt man sich, besch&amp;auml;ftigt einen dieser Roman so sehr, obwohl man w&amp;auml;hrend des Lesens eher indifferent und genervt reagiert hat? Man w&amp;uuml;rde Setz&amp;rsquo; Roman Unrecht tun, wenn man ihn kurzerhand als m&amp;uuml;hsames Buch abtun w&amp;uuml;rde, denn es ist genau dieser so nachhaltige und irritierende Effekt, der eine Einf&amp;uuml;hlung in die Protagonisten am Ende doch noch m&amp;ouml;glich macht: Er f&amp;uuml;hrt dem Leser die Entfremdung, die Alexanders und Walters Leben pr&amp;auml;gt, eindr&amp;uuml;cklich vor Augen, indem die erzeugte Gleichg&amp;uuml;ltigkeit ihn erleben l&amp;auml;sst, wie es sich anf&amp;uuml;hlt, gegen&amp;uuml;ber anderen Menschen abzustumpfen.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;	&lt;em&gt;Clemens J. Setz: Die Frequenzen. M&amp;uuml;nchen: btb Verlag 2011. 714 Seiten. ISBN: 9-783442-741113-01. 12,99 Euro.&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;
	&amp;nbsp;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&amp;nbsp;&lt;/p&gt;
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 <category domain="http://www.kritische-ausgabe.de/tags/k%C3%A4mmerlings">Kämmerlings</category>
 <category domain="http://www.kritische-ausgabe.de/kategorie/literatur/literatur-kritik">Literatur - Kritik</category>
 <pubDate>Wed, 15 Feb 2012 07:33:47 +0000</pubDate>
 <dc:creator>Ute Friederich</dc:creator>
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 <title>In der Welt der Wunder und Vokabeln Abel Nemas </title>
 <link>http://www.kritische-ausgabe.de/artikel/der-welt-der-wunder-und-vokabeln-abel-nemas</link>
 <description>&lt;p&gt;Der &amp;Uuml;bersetzer Abel Nema wurde zum Opfer eines Gewaltverbrechens. In der willk&amp;uuml;rlichsten Stra&amp;szlig;enflucht einer beliebigen Gro&amp;szlig;stadt finden Arbeiterinnen am fr&amp;uuml;hen Morgen seinen vielfach misshandelten K&amp;ouml;rper. Eine Tat, die trotz oder gerade aufgrund ihrer Brutalit&amp;auml;t in den gegenw&amp;auml;rtigen Diskursen einer sich vermeintlich in sozialen Konflikten zuspitzenden Urbanit&amp;auml;t kaum mehr zu einer nachhaltigen Aufmerksamkeit gereichen w&amp;uuml;rde, schon eher zur Best&amp;auml;tigung medialer Sensations- und Hysteriemechanismen.&lt;/p&gt;
&lt;!--break--&gt;&lt;!--break--&gt;&lt;p&gt;Doch Ter&amp;eacute;zia Moras erster, 2004 erschienener Roman &lt;em&gt;Alle Tage&lt;/em&gt;, der mit dem Auffinden des schwerverletzten Abel Nemas einsetzt, entfaltet weder die klassischen Strukturmomente einer Kriminalgeschichte noch stereotype Topoi einer gesellschafts- oder medienkritischen Reflexion. Vielmehr er&amp;ouml;ffnet bereits die in einem &amp;uuml;berwiegend protokollarischen Bericht gehaltene Anfangsszenerie eine leicht irritierende und darin &amp;auml;u&amp;szlig;erst eindringliche, unaufgeregte Ruhe im Erz&amp;auml;hlfluss:&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;&lt;em&gt;&lt;img alt=&quot;&quot; src=&quot;/sites/default/files/u152/qawqfq_1.png&quot; style=&quot;margin: 20px; float: right; width: 239px; height: 600px;&quot; /&gt;&lt;/em&gt; &lt;/em&gt;&lt;/p&gt;
&lt;blockquote&gt;&lt;p&gt;
	&lt;q&gt;An einem Samstagmorgen zu Herbstbeginn fanden drei Arbeiterinnen auf einem verwahrlosten Spielplatz im Bahnhofsbezirk den &amp;Uuml;bersetzer Abel Nema kopf&amp;uuml;ber von einem Kletterger&amp;uuml;st baumelnd. Die F&amp;uuml;&amp;szlig;e mit silbernem Klebeband umwickelt, ein langer, schwarzer Trenchcoat bedeckte seinen Kopf. Er schaukelte leicht im morgendlichen Wind. Gr&amp;ouml;&amp;szlig;e: circa ... (sehr gro&amp;szlig;). Gewicht: ... (sehr d&amp;uuml;nn).&lt;/q&gt;&lt;/p&gt;&lt;/blockquote&gt;
&lt;p&gt;Die Dramatik des Verbrechens &amp;ndash; &amp;raquo;schlie&amp;szlig;lich kann man sich, und sei man noch so f&amp;auml;hig, nicht selbst in so eine Lage bringen&amp;laquo; &amp;ndash; verbindet sich mit der Unaufgeregtheit des Berichts zu einem die Erz&amp;auml;hlung anleitenden Spannungsbogen: Wer ist Abel Nema und was ist mit ihm geschehen?&lt;/p&gt;
&lt;p align=&quot;left&quot;&gt;&lt;strong&gt;Wer ist Abel Nema?&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;
	In einem narrativen Kaleidoskop aus &amp;uuml;bergangslos ineinander verschachtelten R&amp;uuml;ckblenden, Kurzberichten einzelner Charaktere sowie eingestreuten Reflexionen des Protagonisten entfaltet der Roman eine &amp;uuml;berwiegend auktorial erz&amp;auml;hlte Migrationsgeschichte, die sich in zahlreichen, z. T. m&amp;auml;rchenhaft skurrilen Wechself&amp;auml;llen fortentwickelt. Ihren Ausgangspunkt nimmt die Odyssee Abel Nemas in der osteurop&amp;auml;ischen Kleinstadt &amp;raquo;S.&amp;laquo;, in der er als Sohn des Lehrerehepaars Mira und Andor Nema geboren wird und aufw&amp;auml;chst. Die wenigen, gleichwohl markanten geographischen Details lassen das Grenzgebiet rund um das ungarische Sopron durchscheinen, aus dem die heute in Berlin lebende Ter&amp;eacute;zia Mora stammt. In diesem laufen die Territorien &amp;Ouml;sterreichs, Ungarns sowie der Slowakei (bzw. vormals der Tschechoslowakei) an den Ufern des Neusiedler Sees zusammen.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;In ihrem Deb&amp;uuml;t Seltsame Materie &amp;ndash; eine Sammlung kurzer Erz&amp;auml;hlungen, in der sich auch das Prosast&amp;uuml;ck Der Fall Ophelia findet, f&amp;uuml;r das sie 1999 den Ingeborg-Bachmann-Preis erhielt &amp;ndash; bev&amp;ouml;lkert Mora diesen Schmelztiegel sprachlicher sowie kultureller Vielfalt mit den unterschiedlichsten Figuren, die sich mit den Gegebenheiten im Schatten sowie im Fall des Eisernen Vorhangs arrangieren, mit ihnen ringen oder an ihnen scheitern. Sie alle eint vor allem eins: das Leben mit der Grenze in dem Gef&amp;uuml;hl einer unhintergehbaren Fremdheit: &amp;raquo;Alles ist hier Grenze&amp;laquo;, wie die Protagonistin der Erz&amp;auml;hlung Der See mit Blick auf die geographischen, historischen sowie politischen Verstrickungen ihrer Kindheit an den R&amp;auml;ndern der Staatengebilde pointiert.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Auch Abel Nema teilt dieses Fremdheitsgef&amp;uuml;hl seiner grenznahen Heimat, in der sich bereits die Risse eines nahen politischen Umschwungs abzeichnen. Allerdings treiben ihn einschneidende, pers&amp;ouml;nliche Erlebnisse zum Aufbruch:&lt;/p&gt;
&lt;blockquote&gt;&lt;p&gt;
	Das waren, im Wesentlichen, die ersten zw&amp;ouml;lf Jahre. Himmel, Erde. Am letzten Unterrichtstag des dreizehnten Jahres, acht Stunden vor Beginn der Sommerferien, stand Andor Nema fr&amp;uuml;h auf, verlie&amp;szlig;, darauf achtend, dass er weder seine Frau noch seinen Sohn weckte, die Wohnung und kam nicht mehr wieder.&lt;/p&gt;&lt;/blockquote&gt;
&lt;p&gt;Eine erfolglose Suche nach Andor f&amp;uuml;hrt seine Frau Mira und seinen Sohn Abel mit dem Ende der Sommerferien wieder zur&amp;uuml;ck in das kleinst&amp;auml;dtische &amp;raquo;S.&amp;laquo;, wo Miras Mutter den Platz Andors auf der verwaisten Seite des Ehebetts einnimmt. Kurz darauf verliebt sich Abel in seinen Mitsch&amp;uuml;ler Ilia Bor, dessen Zur&amp;uuml;ckweisung nach Abschluss ihrer gemeinsamen Schulzeit sein Empfinden fortan mit einer nachhaltigen Unsicherheit, einem ziel- und gestaltlosen Antrieb versieht.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Aus der entt&amp;auml;uschten Liebe heraus begibt sich Abel erneut auf die Suche nach seinem Vater. Bei Bora, einer Ex-Geliebten Andors, sp&amp;uuml;rt er dessen ehemaliges Versteck auf, trifft ihn jedoch auch dort nicht an. Vielmehr nimmt sein jugendliches Leben infolge eines Unfalls eine erneute Wendung. Durch eine offene Gasquelle entrinnt er nur knapp dem Erstickungstod.&lt;/p&gt;
&lt;blockquote&gt;&lt;p&gt;
	So organisierte etwas, so organisierte sich das Labyrinth in Abel Nemas bis dahin in allen Schulf&amp;auml;chern gleicherma&amp;szlig;en begabten und desinteressierten Verstand so lange um, bis alles, was bis dahin eine Rolle gespielt hatte, das Gewusel von Erinnerung und Projektion, Vergangenheit und Zukunft, das die G&amp;auml;nge verstopfte und in den Zimmern l&amp;auml;rmte, irgendwo verstaut war, in geheimen Wandschr&amp;auml;nken, und er, nun leer, bereit zur Aufnahme einer einzigen Art von Wissen: von Sprache. Dies ist das Wunder, das Abel Nema wiederfahren ist.&lt;/p&gt;&lt;/blockquote&gt;
&lt;p&gt;Doch schon das im Zuge des &amp;raquo;Wunders&amp;laquo; weitgehend verlorene Sinnempfinden (vor allem Geschmack, Geruch, Geh&amp;ouml;r) deutet an, dass sich Abel Nemas Leere von nun an allein in einer eindimensionalen Bewegung f&amp;uuml;llt. Er nimmt die Eindr&amp;uuml;cke und Gegebenheiten seiner Umwelt wie einen Datenstrom selektiv bzw. ged&amp;auml;mpft auf, um sich in ihnen m&amp;ouml;glichst unscheinbar einzupassen. Ein passives &amp;rsaquo;Erlernen&amp;lsaquo; tritt an die Stelle eines aktiven &amp;rsaquo;Verstehens&amp;lsaquo;, einer wechselseitigen Interaktion: &amp;raquo;Die Welt als Vokabel! Das ist mein Trost!&amp;laquo;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;img alt=&quot;&quot; src=&quot;/sites/default/files/u82/Mora_Alle%20Tage.jpg&quot; style=&quot;float: left; margin: 20px; width: 200px; height: 318px;&quot; /&gt;Die sich wandelnden politischen Umst&amp;auml;nde verhindern zudem eine R&amp;uuml;ckkehr in seine Heimat, so dass Abel Nema nach &amp;raquo;B.&amp;laquo; &amp;ndash; in vielen Ankl&amp;auml;ngen l&amp;auml;sst sich das Berlin der sp&amp;auml;ten 80er und 90er Jahre erkennen &amp;ndash; aufbricht, da ihn seine Mutter dort an Prof. Tibor B. vermittelt. Wie in dem von Ilia erfundenen Spiel &amp;raquo;Gottesurteile&amp;laquo; &amp;ndash; an &amp;raquo;jeder Stra&amp;szlig;enkreuzung, Abzweigung, etc. blieben sie stehen und gingen nicht eher weiter, als dass ihnen ein Zeichen gegeben wurde&amp;laquo; &amp;ndash; treibt er durch die wunderlichsten Zuf&amp;auml;lle und Begegnungen, ohne sich in seinem schweigsamen Auftreten oder empathiearmen Empfinden wesentlich zu ver&amp;auml;ndern. &amp;raquo;Ein Mensch ohne Menschheit&amp;laquo;, wie sein erster Mitbewohner Konstantin T&amp;oacute;ti bemerkt. Durch Tibor B. mit Stipendien versorgt eignet er sich im Sprachlabor zehn Sprachen an, die er unmittelbar akzentfrei beherrscht; er arbeitet als Dolmetscher und sp&amp;auml;ter als Redakteur f&amp;uuml;r Skurrilit&amp;auml;ten aller Art; er verbindet sich wiederholt mit den Musikern Kinga, Andre, Kontra und Janda; verkehrt regelm&amp;auml;&amp;szlig;ig in der Rotlichtbar &amp;raquo;Klappsm&amp;uuml;hle&amp;laquo;; heiratet Tibors Witwe Mercedes, um seine Aufenthaltserlaubnis aufrechtzuerhalten, und baut allein zu ihrem Sohn Omar eine wechselseitige, interessierte Beziehung auf. Im Kontext seiner Scheidung von Mercedes spitzen sich die Verflechtungen der Erlebnisse Abels allerdings zu und er gewinnt durch ein erneutes &amp;raquo;Wunder&amp;laquo; nicht allein seinen Geschmackssinn zur&amp;uuml;ck.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;Die Wunder der Allt&amp;auml;glichkeit&lt;/strong&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&amp;raquo;Manchmal verdichten sich, wie Eiter, die Dinge.&amp;laquo; Ter&amp;eacute;zia Mora erz&amp;auml;hlt von diesen sich in einer umbruchreichen, stets wandelnden (sozial, politisch, kulturell, etc.) Allt&amp;auml;glichkeit verdichtenden Dingen. Doch vor allem zeichnet sie in ruhigen, eindringlichen Konturen die paradoxe, h&amp;auml;ufig komisch-sympathische Tragik eines Individuums in den Wechself&amp;auml;llen einer wunderlich-dynamischen Welt. Auch wenn sich in diesem ungemein facettenreich arrangierten Roman verschiedene autobiographische Bezugspunkte abzeichnen, ist Alle Tage an keiner Stelle auf eine Migrationsreflexion zu reduzieren, vielmehr er&amp;ouml;ffnet Mora in ihren poetischen Sprachbildern ein grandioses Spektrum, das von der tragischen Liebesgeschichte, dem &amp;uuml;beraus klugen Gro&amp;szlig;stadtroman bis hin zur fragmentarisch pervertierten Heilsgeschichte reicht. Eine Vielschichtigkeit, die sie auch in ihrem neuesten Roman Der einzige Mann auf dem Kontinent im Kontext aktuellster Themenfelder (u. a. Wirtschaftskrise und anonymisierte Arbeitsverh&amp;auml;ltnisse) gelungen realisiert.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Die in Alle Tage geschilderten &amp;raquo;Wunder&amp;laquo; Abel Nemas verschmelzen in ihren vielf&amp;auml;ltigen F&amp;uuml;gungen augenscheinlich mit den von ihm als Nebenerwerb gesammelten sowie redigierten Zufallsgeschichten des Alltags, wie sie ein nicht weiter detaillierter &amp;raquo;Redakteur&amp;laquo; in den knappen Zeilen, die Ter&amp;eacute;zia Mora ihrem Roman voranstellt, charakterisiert:&lt;/p&gt;
&lt;blockquote&gt;&lt;p&gt;
	Wovon ich rede, sind herzzerrei&amp;szlig;ende undoder komische Geschichten. Extremes und Skurriles. Trag&amp;ouml;dien, Farcen, echte Trag&amp;ouml;dien. Kindliches, menschliches, tierisches Leid. Echte Ergriffenheit, parodierte Sentimentalit&amp;auml;t, skeptischer und ehrlicher Glaube. Katastrophen selbstverst&amp;auml;ndlich. Natur- und andere. Und ganz besonders: Wunder. Was die anbelangt, ist die Nachfrage stets enorm.&lt;/p&gt;&lt;/blockquote&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;&lt;em&gt;Ter&amp;eacute;zia Mora: Alle Tage. M&amp;uuml;nchen: Luchterhand Literaturverlag, 2004. 432 Seiten. ISBN: 978-3630871851. 22,50 Euro.&lt;/em&gt;&lt;/em&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;&amp;nbsp;&lt;/em&gt;&lt;/p&gt;
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 <category domain="http://www.kritische-ausgabe.de/tags/k%C3%A4mmerlings">Kämmerlings</category>
 <category domain="http://www.kritische-ausgabe.de/kategorie/literatur/literatur-kritik">Literatur - Kritik</category>
 <pubDate>Mon, 06 Feb 2012 22:46:03 +0000</pubDate>
 <dc:creator>Benedikt Viertelhaus</dc:creator>
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 <title>Über die Einsamkeit in der Vielheit der reizüberfluteten Möglichkeiten</title>
 <link>http://www.kritische-ausgabe.de/artikel/%C3%BCber-die-einsamkeit-der-vielheit-der-reiz%C3%BCberfluteten-m%C3%B6glichkeiten</link>
 <description>&lt;blockquote&gt;&lt;p&gt;Wenn wir sterben, wogegen tauschen wir unser Leben ein?&lt;br /&gt;
		&amp;raquo;Die Erinnerung betr&amp;uuml;gt einen gerne&amp;laquo;, sagt Stine. &amp;raquo;Ich war gehemmt. Ich war unsicher. Ich hatte keinen Mut. Die Leute haben mich gefragt: Christine, haben Sie auch Mut zur Niederlage?&amp;laquo; Ich habe geantwortet, &amp;raquo;ich kann Versagen nicht verkraften. Dazu tut es zu weh.&amp;laquo;&lt;/p&gt;
&lt;/blockquote&gt;
&lt;!--break--&gt;&lt;!--break--&gt;&lt;h5&gt;
	Am Anfang steht die Firma&lt;/h5&gt;
&lt;p&gt;Wirtschaft, Globalisierung, Industrie, die ganz gro&amp;szlig;en Gesch&amp;auml;fte, das ganz gro&amp;szlig;e Geld, Banken, Finanzierungsprozesse, Kalkulation, Produkte, Kauf, Verkauf, Karriere, und noch mehr Karriere, Renditen, Mieten, rentable weniger rentable Immobilien, Grundst&amp;uuml;cke, Joint Venture, Trug und Betrug. All diese Begriffe bilden die terminologische Fassade des 2002 erschienenen Romans &lt;em&gt;Wenn wir sterben&lt;/em&gt; von Ernst-Wilhelm H&amp;auml;ndler. Erg&amp;auml;nzen kann man sie um das sogenannte Halbierungsspiel, oder Tornadospiel, beide von einer Romanfigur H&amp;auml;ndlers entwickelt, um die Produktion exponentiell zur eingesparten Arbeitskraft zu steigern &amp;ndash; unweigerlich muss man an das Unwort des Jahres 2004 denken, das damals zu heftigen Diskussionen f&amp;uuml;hrte: Humankapital.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;
	&lt;em&gt;&lt;em&gt;&lt;img alt=&quot;&quot; src=&quot;/sites/default/files/u152/qawqfq_1.png&quot; style=&quot;margin: 20px; float: right; width: 239px; height: 600px;&quot; /&gt;&lt;/em&gt;&lt;/em&gt;Aber hinter all diesen der Wirtschaft entstammenden Termini und Prozessen verbirgt sich vor allem die Frage nach der M&amp;ouml;glichkeit in einer solch materiell gesteuerten, schnelllebigen Zeit ein Mensch mit Konturen zu bleiben, oder ob es auf der anderen Seite m&amp;ouml;glich ist auf Konturen zugunsten einer Karriere innerhalb dieser Strukturen zu verzichten.&lt;br /&gt;
	Wenn man an dem Putz der Fassade aus wirtschaftlichen Prozessen kratzt, die H&amp;auml;ndler in diesem Roman beschreibt, bleibt ein Handlungsger&amp;uuml;st zur&amp;uuml;ck, dass eine Fallstudie &amp;uuml;ber den Menschen bildet, dieser blo&amp;szlig;gestellte Mensch wirkt v&amp;ouml;llig unfrei. H&amp;auml;ndler hat sich den Menschen zum Thema genommen und die Wirtschaft dient ihm als Mahnmal f&amp;uuml;r unsere heutige Welt, die Gefahr l&amp;auml;uft gesichtslos zu werden &amp;ndash; Kreativit&amp;auml;t schwindet zu Gunsten von Masse. Somit ist &lt;em&gt;Wenn wir sterben&lt;/em&gt; auch neun Jahre nach seinem Erscheinen von beachtlicher Aktualit&amp;auml;t &amp;ndash; wie z. B. die j&amp;uuml;ngsten Proteste der Occupy-Bewegung zeigen, die sich u.a. gegen eine allzu wirtschaftsfreundliche Politik wenden.&lt;/p&gt;
&lt;h5&gt;
	Keiner f&amp;uuml;r Alle &amp;ndash; alle f&amp;uuml;r keinen&lt;/h5&gt;
&lt;p&gt;	H&amp;auml;ndler beschreibt in seinem vierten Roman die Karriere dreier Frauen, die gemeinsam eine Firma f&amp;uuml;hren. Charlotte, die Leiterin der Firma, wird in den engsten Angelegenheiten von Stine und B&amp;auml;r beraten. Alle drei sind ungef&amp;auml;hr gleichen Alters, alle sind erfolgreich, alle sind auf ihre Art sch&amp;ouml;n &amp;ndash; das perfekte &amp;raquo;Triumvirat&amp;laquo;. Doch H&amp;auml;ndlers Roman ist kein Loblied auf die erfolgreiche F&amp;uuml;hrung eines Unternehmens, vielmehr handelt es sich dabei um einen Abgesang auf das Scheitern einer viel zu schnelllebigen Welt, in der die Menschen, die produzieren, von ihren eigenen Visionen und Produkten &amp;uuml;berholt werden. So kommt es wie es kommen muss, das &amp;raquo;Triumvirat&amp;laquo; br&amp;ouml;ckelt bevor es &amp;uuml;berhaupt zur vollen Bl&amp;uuml;te seiner Herrschaft gelangen kann. Stine lockt zuerst Charlotte und dann B&amp;auml;r in einen Hinterhalt, um die Firma alleine leiten zu k&amp;ouml;nnen. Unterst&amp;uuml;tzt wird sie dabei von ihrem Freund Egin und einem Makler. Der Verrat an ihren Kolleginnen kommt sie aber teuer zu stehen: Die Betr&amp;uuml;gerin Stine wird im Laufe des Romans selbst zur Betrogenen und muss die Firma an eine noch gr&amp;ouml;&amp;szlig;ere Okkupationsmacht, verk&amp;ouml;rpert durch eine weitere weibliche Figur namens Milla, abgeben. Milla kann Stine &amp;uuml;bertrumpfen, weil sie sich v&amp;ouml;llig von sich entfernt hat, quasi den lebendigen Teil von sich abgespalten hat, um auf die Weise funktionieren zu k&amp;ouml;nnen, wie das Business es von ihr erwartet. &amp;raquo;Die Welt ist dir so gro&amp;szlig; vorgekommen, aber seit du aus deiner Haut gefahren bist, hast du auf einmal den Eindruck, die Welt ist nur ein Zimmer.&amp;laquo;&lt;/p&gt;
&lt;h5&gt;
	Alle sind m&amp;uuml;de, niemand spricht es aus&lt;/h5&gt;
&lt;blockquote&gt;&lt;p&gt;
	Kundschafterinnen sind wir, die sich verkleiden, die sich befreit haben vom Komment der Kompositionen von Individuen, die die diskutierbaren Vergn&amp;uuml;gungen individueller Betrachtbarkeit hinter sich gelassen haben.&lt;/p&gt;&lt;/blockquote&gt;
&lt;p&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;Wenn wir sterben&lt;/em&gt; ist eine Schau in die geistigen Abgr&amp;uuml;nde Karriereangetriebener Menschen. Das Leben dieser Menschen gestaltet sich als ein Sequel aus: Ich will erfolgreich sein, auch wenn ich nicht wei&amp;szlig;, warum, ich will nicht erfolgreich sein, auch wenn ich nicht wei&amp;szlig; warum, ich will nicht erfolgreich sein und ich wei&amp;szlig; warum.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;
	Schon ganz zu Anfang des Romans wird deutlich, dass eigentlich jede Person ihrer Aufgabe nicht mehr gerecht werden kann, dabei ist es nicht das Arbeiten f&amp;uuml;r die Firma, das sie zerm&amp;uuml;rbt, sondern der Anspruch auf Unfehlbarkeit. H&amp;auml;ndler macht sehr schnell deutlich, wie seine Figuren innerlich zusammengeschrumpft sind, wenn sie von der M&amp;uuml;digkeit nach dem gesch&amp;auml;ftigen Hin und Her des Tages, von dem Genuss einer momentan suspendierten Welt sprechen: &amp;raquo;Wir merken, dass wir den Atem anhalten um besser zu sehen.&amp;laquo; &amp;raquo;Wir h&amp;auml;tten gerne so vieles, was unvereinbar ist&amp;laquo; und letztendlich bleibt nichts anderes &amp;uuml;brig als &amp;raquo;alle Kr&amp;auml;fte aufbieten zu m&amp;uuml;ssen, um dem Tag entgegenzuleben&amp;laquo;. Eines der st&amp;auml;rksten, weil immer wiederkehrenden Motive, ist der Wunsch nach Bedeutungsleere und Entschleunigung. So sitzt der Makler am liebsten in seinem Haus vor einem Fenster und schaut nach drau&amp;szlig;en:&lt;/p&gt;
&lt;blockquote&gt;&lt;p&gt;
	Warum muss denn alles einen Sinn haben? Warum muss man immer so schlau sein und so aktiv? Man kann doch auch anders gl&amp;uuml;cklich werden. Ich bin jedenfalls &amp;uuml;berhaupt nicht ungl&amp;uuml;cklich, wenn ich aus dem Fenster gucke oder die Wand anstarre.&lt;/p&gt;&lt;/blockquote&gt;
&lt;p&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Doch es bleibt bei diesen Gedankenkonstrukten &amp;ndash; keine der Figuren weicht von ihrem Weg ab.&lt;br /&gt;
	Die Welt in H&amp;auml;ndlers Roman scheint sich in eine gro&amp;szlig;e Firma zu verwandeln, die stetig von den Menschen ausgebaut wird. So ist es auch nicht verwunderlich, wenn Charlotte in ihrer Fabrik ein organisches Wesen sieht, das eigener Handlungen f&amp;auml;hig ist:&lt;/p&gt;
&lt;blockquote&gt;&lt;p&gt;
	Wie sollte man mit einer jungen Fabrik sprechen, die man in der Mitte seiner Jahre aufgebaut hat, seiner reifen Jahre sogar. [...] Die Fabrik war stumm, aber sie wollte reden. Dabei wusste die Fabrik schon immer alles, von dem Augenblick an, als sie fertiggestellt war.&lt;/p&gt;&lt;/blockquote&gt;
&lt;p&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;
	Letztendlich ist es auch die Fabrik, die als einzige Instanz als &amp;raquo;die &amp;uuml;berlegene Ressource&amp;laquo; nicht gescheitert aus den intrigierenden Inszenierungen H&amp;auml;ndlers Roman-Figuren herausgeht.&lt;/p&gt;
&lt;h5&gt;
	H&amp;auml;ndler schreibt und schreibt und der Leser wird nicht m&amp;uuml;de&lt;/h5&gt;
&lt;p&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;img alt=&quot;&quot; src=&quot;/sites/default/files/u82/titelbild_h%C3%A4ndler_jan-2012.jpg&quot; style=&quot;float: left; margin: 20px; width: 200px; height: 304px;&quot; /&gt;H&amp;auml;ndler wei&amp;szlig;, wovon er schreibt, da er selber Unternehmer ist, und so erscheint sein Geschriebenes einem Medium gleich, als die Stimme, die zwischen den einzelnen Firmeng&amp;auml;ngen herumwandelt und den Leser durch diese zu f&amp;uuml;hren gedenkt. Die Einzelschicksale der Protagonisten r&amp;uuml;cken in den Hintergrund ob der Sprachgewaltigkeit H&amp;auml;ndlers, der seine Kritik nie vordergr&amp;uuml;ndig als Parole zum Aufstand formuliert: So wird Charlotte nach ihrer Entmachtung kaum noch erw&amp;auml;hnt. Vielmehr ent&amp;auml;u&amp;szlig;ert er sie durch unterschwellige Anklage in einer manchmal schonungslosen, manchmal melancholischen Poesie des Entwurfs, die sich durch den ganzen Roman zieht. Dies geschieht auch durch die immer wiederkehrenden Motive der M&amp;uuml;digkeit, der Angst vor Machtverlust, der Angst vor Preisgebung von Gef&amp;uuml;hlen und der dadurch offenbarten Angriffsfl&amp;auml;che, der Angst verletzlich zu sein, indem man menschelt. Der in der Wirtschaft agierende Mensch, so scheint es, muss ein Roboter sein, um zu bestehen. So sagt Milla auch bezeichnenderweise, dass es in ihrem Gesch&amp;auml;ft nicht um Kreativit&amp;auml;t geht, sondern einzig um den Profit. Das Endergebnis misst sich an den Verkaufszahlen, gut ist, was der Masse gef&amp;auml;llt.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;
	H&amp;auml;ndlers Schreibe ist ein Komposition aus Stillagen, Collagen, Rhythmen und Perspektiven. Beinahe beil&amp;auml;ufig greift er Bekanntes auf und pflanzt es in sein neues Handlungskonstrukt ein. So erinnert der Vergleich der Firma mit einem K&amp;auml;fer, der nur daran denkt &amp;raquo;dass der Feind versuchen k&amp;ouml;nnte ein St&amp;uuml;ck von ihm abzubei&amp;szlig;en&amp;laquo;, an Kafka und eine Verszeile aus Schillers Glocke: &amp;raquo;Drum pr&amp;uuml;fe, wer sich ewig bindet, ob sich das Herz zum Herzen findet&amp;laquo;, hat gleich wortw&amp;ouml;rtlich Einzug in den Roman gefunden.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;
	Es gibt keine wirkliche Profilzeichnung der vorkommenden Personen, es gibt keine Stringenz au&amp;szlig;er vielleicht die der &amp;Uuml;berschriften, durch die H&amp;auml;ndler fast zu akribisch versucht eine Ordnung in das Gewusel zu bringen, indem er sehr ausf&amp;uuml;hrlich schon auf das kommende Ausschau gibt, damit der Leser nicht ganz in dem Strudel dieses Gedankenkonglomerat untergeht. Mal rennt H&amp;auml;ndler ohne Interpunktion durch sein Szenario, mal entschleunigt er bewusst durch das Beschreiben langsamer Bilder und so unterst&amp;uuml;tzt die Klangfarbe seiner Sprache auf beeindruckende Weise den Inhalt seines Romans.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;
	Was den Roman manchmal sperrig erscheinen l&amp;auml;sst, ist seine Freude an dem Jonglieren mit Erz&amp;auml;hlperspektiven: Mal Innen- mal Au&amp;szlig;enansicht, mal wird alles aus der Sicht eines kollektiven Wir betrachtet, mal erscheint es unm&amp;ouml;glich Fiktion von Realit&amp;auml;t zu trennen. So scheint es fast als h&amp;auml;tte H&amp;auml;ndler beabsichtigt, dass der Leser nicht immer folgen kann, wie die einzelnen Figuren sich zueinander verhalten, da er dem Leser in einer seiner &amp;Uuml;berschriften &amp;raquo;Jeder Figur ihre Erz&amp;auml;hlerin, doch wer ist &lt;em&gt;wir&lt;/em&gt;?&amp;laquo; die Verwirrung schon vorwegnimmt. Manchmal l&amp;auml;sst sich noch nicht einmal eruieren, wer gerade in den Fokus der Erz&amp;auml;hlung ger&amp;uuml;ckt ist: Seltsamerweise, und das ist auch eine St&amp;auml;rke dieses Romans, scheint diese Frage gar nicht so wichtig zu sein.&lt;/p&gt;
&lt;h5&gt;
	Am Ende muss man selber schauen, was der Tag bringt&lt;/h5&gt;
&lt;p&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Wirtschaft, Globalisierung, Werbung, Konsum sind nicht der Teufel, so einfach l&amp;auml;sst sich die Aussage H&amp;auml;ndlers Romans nicht herunterbrechen. Vielmehr geht es hier um eine kritische Betrachtung dieser Prozesse, um die Frage, ob der Mensch sich zu sehr anpasst an das, was ihm vorgesetzt wird.&lt;br /&gt;
	&amp;raquo;Das Ziel m&amp;uuml;sste nicht der Erfolg der Industrie sein, so f&amp;auml;ngt es an, deswegen kannst du nicht so anfangen, das Ziel m&amp;uuml;sste sein, den Menschen M&amp;ouml;glichkeiten aufzuzeigen, ihnen Vorschl&amp;auml;ge zu machen&amp;laquo; &amp;ndash; das hat H&amp;auml;ndler mit seinem Roman sicherlich getan.&lt;br /&gt;
	&amp;nbsp;&lt;br /&gt;
	&lt;em&gt;Ernst-Wilhelm H&amp;auml;ndler: Wenn wir sterben, Frankfurt am Main: Fischer, 2011. 475 Seiten. ISBN 978-3596190027. 10,99. Euro.&lt;/em&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&amp;nbsp;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&amp;nbsp;&lt;/p&gt;
</description>
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 <category domain="http://www.kritische-ausgabe.de/tags/k%C3%A4mmerlings">Kämmerlings</category>
 <category domain="http://www.kritische-ausgabe.de/kategorie/literatur/literatur-kritik">Literatur - Kritik</category>
 <pubDate>Mon, 06 Feb 2012 15:32:06 +0000</pubDate>
 <dc:creator>Ute Friederich</dc:creator>
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 <title>Charles Dickens und die gefallenen Frauen</title>
 <link>http://www.kritische-ausgabe.de/artikel/charles-dickens-und-die-gefallenen-frauen</link>
 <description>&lt;p&gt;Von &lt;a href=&quot;http://de.wikipedia.org/wiki/Charles_Dickens&quot;&gt;Charles Dickens&lt;/a&gt;&amp;rsquo; zwei Dutzend Romanen habe ich etwa die H&amp;auml;lfte gelesen, aber das ist schon 25 Jahre her, damals in Hamburg. &lt;em&gt;Nicholas Nickleby&lt;/em&gt;, &lt;em&gt;Little Dorrit&lt;/em&gt;, &lt;em&gt;Bleak House&lt;/em&gt;, &lt;em&gt;Great Expectations&lt;/em&gt; ... Es waren Feste. Er wurde vor 200 Jahren, am 7. Februar 1812, geboren, ein Wassermann-Sternzeichen wie ich. Also: ein eigener Kopf mit bl&amp;uuml;hender Fantasie; wortm&amp;auml;chtig und charmant; aber auch irgendwie fl&amp;uuml;chtig, immer auf dem Sprung; wenig Erotik und Sexualit&amp;auml;t. Da steht der Wassermann dr&amp;uuml;ber.&lt;/p&gt;
&lt;!--break--&gt;&lt;!--break--&gt;&lt;p&gt;In Z&amp;uuml;rich zeigt das Museum Strauhof am Ende der Augustinergasse (N&amp;auml;he Rennweg) noch bis 4. M&amp;auml;rz die gelungene Ausstellung &lt;a href=&quot;http://www.stadt-zuerich.ch/content/kultur/de/index/institutionen/museum_strauhof/Ausstellungsprogramm_2010/charles-dickens.html&quot;&gt;&lt;em&gt;Die Geheimnisse des Charles Dickens (1812&amp;ndash;1870)&lt;/em&gt;&lt;/a&gt;. Ich erfuhr, dass es nur wenige Neuausgaben seiner Werke gibt: Dickens wird heute nicht mehr viel gelesen. Seine Werke bieten ebensoviel Atmosph&amp;auml;re wie Handlung, sind voll von kuriosen Charakteren und langen Schilderungen; zu anstrengend f&amp;uuml;r heute. Doch er wurde gelesen, und wie! Von 1840 bis 1870 war Charles Dickens der ber&amp;uuml;hmteste Engl&amp;auml;nder, und die ber&amp;uuml;hmteste Frau der Inseln war seine K&amp;ouml;nigin Victoria. Manchmal trafen sich die beiden auch.&lt;/p&gt;
&lt;p class=&quot;rtecenter&quot;&gt;&lt;img alt=&quot;&quot; src=&quot;/sites/default/files/u84/hollyer_dickens.jpg&quot; style=&quot;width: 540px; height: 360px;&quot; /&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p class=&quot;rtecenter&quot;&gt;&lt;small&gt;Der ber&amp;uuml;hmte Autor am Schreibtisch seines Swiss Cottage&lt;br /&gt;
	(Stich von Samuel Hollyer, 1826&amp;ndash;1919)&lt;/small&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Ich habe mir die Ausstellung angeschaut, und danach war mir der Autor so lieb wie davor (&lt;a href=&quot;http://www.kritische-ausgabe.de/artikel/max-frisch-pers%C3%B6nlich&quot;&gt;Max Frisch&lt;/a&gt;, auch einer meiner damaligen Favoriten, kam nicht so sympathisch r&amp;uuml;ber). Dickens war vielleicht ein Ehrgeizling, der zudem &amp;uuml;berall die Z&amp;uuml;gel in der Hand behalten wollte (im Theater war er Autor, Regisseur und Hauptdarsteller in einer Person), aber er hatte ein gro&amp;szlig;es Herz und setzte sich immer f&amp;uuml;r Arme und Schwache ein.&lt;/p&gt;
&lt;h4&gt;
	Das Urania Cottage&lt;/h4&gt;
&lt;p&gt;Da andere sein riesenhaftes Werk w&amp;uuml;rdigen werden, konzentriere ich mich auf Dickens&amp;rsquo; soziales Engagement, denn er schrieb nicht nur &amp;uuml;ber die Verlierer der beginnenden Industrialisierung, sondern er tat auch etwas f&amp;uuml;r sie. Er gr&amp;uuml;ndete das &lt;em&gt;Urania Cottage&lt;/em&gt; in Shepherd&amp;rsquo;s Bush (London), ein Heim f&amp;uuml;r gefallene M&amp;auml;dchen, und elf Jahre lang begleitete er es. Das war nur m&amp;ouml;glich, weil er in Angela Burdett Coutts (1814&amp;ndash;1906) eine wohlhabende Erbin kennengelernt hatte, die in das Projekt einen kleinen Teil ihrer Reserven stecken wollte.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;So entstand sein &amp;raquo;Utopia im Westentaschenformat im Westen Londons&amp;laquo;, wie Jenny Hartley in ihrem 2008 erschienenen Buch &lt;a href=&quot;http://www.methuen.co.uk/charles-dickens-and-the-house-of-fallen-women/b/47&quot;&gt;&lt;em&gt;Charles Dickens and the House of Fallen Women&lt;/em&gt;&lt;/a&gt; schrieb. Das Heim sollte &amp;raquo;ein kleines eigenes Universum sein&amp;laquo;, etwas wie ein Roman in drei Dimensionen, eine von ihm zu kontrollierende Welt. Trotz seiner vielen Arbeit nahm sich der Autor die Zeit, m&amp;ouml;gliche Kandidatinnen selbst zu suchen und zu befragen. Er hatte sich ja angew&amp;ouml;hnt, t&amp;auml;glich bis zu 20 Kilometer lange Fu&amp;szlig;m&amp;auml;rsche durch London zu unternehmen, auch nachts, und er wusste, wo er nachsehen konnte.&lt;/p&gt;
&lt;p class=&quot;rtecenter&quot;&gt;&lt;img alt=&quot;&quot; src=&quot;/sites/default/files/u84/loc_hartford.jpg&quot; style=&quot;width: 540px; height: 386px;&quot; /&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p class=&quot;rtecenter&quot;&gt;&lt;small&gt;M&amp;auml;dchen, die in Hartford (Connecticut) Zeitungen verkaufen, 1909&lt;br /&gt;
	(Foto: Lewis Wickes Hine (1874&amp;ndash;1940); Quelle: &lt;a href=&quot;http://www.loc.gov/pictures/&quot;&gt;US Library of Congress&lt;/a&gt;)&lt;/small&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Denn es gab Tausende arme Jungs und M&amp;auml;dchen. Aus dem Jahr 1848 sind 17000 straff&amp;auml;llige Frauen in London bekannt, die oft nur kleine Diebst&amp;auml;hle begangen hatten und daf&amp;uuml;r mit Gef&amp;auml;ngnis und harter Arbeit bestraft wurden. Viele lebten sonst vom N&amp;auml;hen, noch mehr jedoch von der Prostitution. Und im viktorianischen England herrschte die Ansicht, das sei ein unaufhaltsamer Weg in den Untergang. Dickens teilte diese Ansicht nicht. Sein Heim stattete er &amp;raquo;mit all der W&amp;auml;rme aus, die seine Romane zelebrierten&amp;laquo;, und es sollte wenigen Gl&amp;uuml;cklichen vieles bieten. Von 1847 bis 1862 gab es das Haus, und im Schnitt lebten dort 53 M&amp;auml;dchen.&lt;/p&gt;
&lt;h4&gt;
	Die Regeln, das Ziel&lt;/h4&gt;
&lt;p&gt;Die Regeln lauteten: kein Privatbesitz, keine Privatsph&amp;auml;re. Daf&amp;uuml;r war die Vergangenheit ausgel&amp;ouml;scht. Jenny Hartley hat wunderbar recherchiert. Das Urania Cottage muss &amp;raquo;gutes Theater&amp;laquo; gewesen sein. Es gab Zickenkriege. Manche M&amp;auml;dels verschwanden wieder, andere stahlen, es gab Dramen, und &amp;raquo;Generalissimo Dickens&amp;laquo; spielte sich als Richter auf, der aber nach anf&amp;auml;nglicher Strenge immer entschlossen war, Milde walten zu lassen. &amp;Uuml;brigens war er auch sehr penibel. Alles musste sauber und ordentlich sein.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Er selbst hat auch von dem Heim profitiert. 1848 erschien &lt;em&gt;Hard Times&lt;/em&gt;, 1853 &lt;em&gt;Bleak House&lt;/em&gt;, 1857 &lt;em&gt;Little Dorrit&lt;/em&gt;, und manche Urania-M&amp;auml;dels wurden in Romanen portr&amp;auml;tiert. Hartley fasst zusammen: &amp;raquo;Die Frau als Geheimnis, die Frau mit einem Geheimnis: Ihre Erfahrungen mit verbotenen Erlebnissen sollten Dickens&amp;rsquo; Arbeit in den 1850er Jahren antreiben und ein neues Genres pr&amp;auml;gen, die Gef&amp;uuml;hlsprosa (&lt;em&gt;sensational fiction&lt;/em&gt;).&amp;laquo;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Dickens&amp;rsquo; Engagement dauerte von 1847 bis 1858. Im Jahr davor hatte der 45-J&amp;auml;hrige die 18-j&amp;auml;hrige Schauspielerin Ellen &amp;rsaquo;Nelly&amp;lsaquo; Ternan kennengelernt, was zum Ende seiner Ehe f&amp;uuml;hrte. (Diese Beziehung, die bis zu seinem Lebensende andauerte und &amp;uuml;ber das Platonische hinausging &amp;ndash; oho! &amp;ndash;, wurde erst ein halbes Jahrhundert danach bekannt.) Das Jahr 1858, als sich Dickens nur mehr am Rande f&amp;uuml;r das Urania Cottage interessierte, wurde f&amp;uuml;r ihn zu einer Wende. Trauer und Unrast kamen &amp;uuml;ber ihn.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Er lebte teilweise ruhig in seiner Villa am Gad&amp;rsquo;s Hill Place; durch einen Tunnel konnte er auf die andere Stra&amp;szlig;enseite in sein kleines &lt;em&gt;Swiss Cottage&lt;/em&gt; wechseln, wo er wie immer fiebrig schrieb. Doch immer wieder brach er zu gefeierten Lesereisen in vielen L&amp;auml;ndern auf, bei denen er sich nicht schonte. Warum er, obwohl gewarnt und oft von &amp;Auml;rzten begleitet, darauf bestand, mit Leidenschaft und bis ans Ende seiner Kr&amp;auml;fte seine Werke zu rezitieren, bleibt eines seiner Geheimnisse. Am 8. Juni 1870 brach er zusammen. Er erlitt einen Gehirnschlag und starb am Abend darauf.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Jenny Hartley hat sich auf die Spur der Urania-M&amp;auml;dchen begeben. Das Zauberwort hie&amp;szlig; damals Emigration. Wer geeignet war, sollte auf einem Schiff nach Australien reisen und dort, wenn m&amp;ouml;glich, einen Ehemann und eine neue Existenz finden. Doch es gab kaum noch Spuren, abgesehen von Rhena Cole, die 1856 in Kanada einen Otis heiratete und b&amp;uuml;rgerlich wurde. Immerhin gibt es an dem Ort, an dem bis 1862 das Urania Cottage stand, das 1999 gegr&amp;uuml;ndete Limegrove Hostel f&amp;uuml;r arme Jungs der St. Christopher&amp;rsquo;s Fellowship. Hartley schreibt stolz: &amp;raquo;The spirit of Urania lives on.&amp;laquo;&lt;/p&gt;
</description>
 <comments>http://www.kritische-ausgabe.de/artikel/charles-dickens-und-die-gefallenen-frauen#comments</comments>
 <category domain="http://www.kritische-ausgabe.de/kategorie/kontroverse/ausrei%C3%9Fversuche">Ausreißversuche</category>
 <pubDate>Thu, 02 Feb 2012 23:01:00 +0000</pubDate>
 <dc:creator>Marcel Diel</dc:creator>
 <guid isPermaLink="false">4788 at http://www.kritische-ausgabe.de</guid>
</item>
<item>
 <title>Wenn aus Eisbergen Pfützen werden</title>
 <link>http://www.kritische-ausgabe.de/artikel/wenn-aus-eisbergen-pf%C3%BCtzen-werden</link>
 <description>&lt;p&gt;Als Annja die Wohnung ihres Vaters aufsucht, findet sie ihn eingefroren in der eigenen K&amp;uuml;hltruhe liegen. Das Ger&amp;auml;t ist nicht an das Stromnetz angeschlossen und so liegt der Vater mysteri&amp;ouml;serweise ohne jegliche Energiezufuhr bei -18&amp;deg; Celsius auf Eis. Annett Gr&amp;ouml;schner beginnt ihren Roman Moskauer Eis gleich mit dieser Entdeckung und schafft damit zun&amp;auml;chst eine weniger frostige, als fast schon phantastische Atmosph&amp;auml;re.&lt;/p&gt;
&lt;!--break--&gt;&lt;!--break--&gt;&lt;p&gt;Handelt es sich um einen Science-Fiction-Roman? Einen au&amp;szlig;ergew&amp;ouml;hnlichen Kriminalfall? Ein M&amp;auml;rchen? Nichts davon soll man in diesem Buch vorfinden, daf&amp;uuml;r aber umso mehr Erz&amp;auml;hlungen aus einem Leben in der DDR der Ressourcenknappheit und Spitzensportler, Geschichten von Speiseeis, K&amp;auml;lte und der Schw&amp;auml;che des Gro&amp;szlig;vaters f&amp;uuml;r seine Sekret&amp;auml;rinnen.&lt;br /&gt;
	&amp;nbsp;&lt;/p&gt;
&lt;h2&gt;
	&lt;em&gt;&lt;em&gt;&lt;img alt=&quot;&quot; src=&quot;/sites/default/files/u152/qawqfq_1.png&quot; style=&quot;margin: 20px; float: right; width: 239px; height: 600px;&quot; /&gt;&lt;/em&gt;&lt;/em&gt;&lt;/h2&gt;
&lt;p&gt;&amp;raquo;Gehemmte Eisbl&amp;ouml;cke&amp;laquo; nennt Annjas Mutter ihren Ehemann und ihre Tochter in ihrem Abschiedsbrief, als sie die Familie verl&amp;auml;sst, um in Berlin ein neues Leben anzufangen. Annja ist damals noch ein junges M&amp;auml;dchen und ganz falsch ist diese dem omnipr&amp;auml;senten Thema &amp;rsaquo;Eis&amp;lsaquo; entsprungene Bezeichnung, die die Mutter verwendet, nicht, denn sowohl Klaus Kobe, der Gefrierforscher in zweiter Generation, als auch seine Tochter Annja sind k&amp;uuml;hle und distanzierte Charaktere. Doch ihre Beziehung zueinander ist weniger angespannt, als man denken k&amp;ouml;nnte: Es ist das klassische Bild des alleinerziehenden Vaters, der zwar den Bed&amp;uuml;rfnissen einer pubertierenden Tochter nicht immer gerecht wird, jedoch stets versucht, ein sicheres Heim zu schaffen. Allerdings bleibt er dabei immer der Gefrierforscher und so w&amp;auml;chst Annja im Grunde genommen im K&amp;auml;lteinstitut auf.&lt;/p&gt;
&lt;blockquote&gt;&lt;p&gt;Ich w&amp;uuml;rde ihn nat&amp;uuml;rlich sofort fragen, warum er sich f&amp;uuml;r so einen Versuch hergibt, und er w&amp;uuml;rde mir wahrscheinlich ausweichend antworten: &amp;raquo;Ich bin ja noch gut dran, ich friere blo&amp;szlig;, aber mein Kollege vom Gem&amp;uuml;seinstitut hat sich einkochen lassen.&amp;laquo;&lt;br /&gt;
		&amp;raquo;Ich denke, ihr seid Wissenschaftler und keine Versuchskaninchen&amp;laquo;, w&amp;uuml;rde ich darauf entgegnen, und Vater w&amp;uuml;rde sagen: &amp;raquo;Ehe es ein Laie macht oder einer aus dem Westen, tue ich es lieber selbst.&amp;laquo;&lt;/p&gt;
&lt;/blockquote&gt;
&lt;p&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Annja, die aus Berlin anreist, wo sie als junge Frau wohnt, ist zun&amp;auml;chst schockiert, als sie den eingefrorenen K&amp;ouml;rper ihres Vaters findet, entwickelt dann aber ein abgekl&amp;auml;rtes und teilweise sogar liebevolles Verh&amp;auml;ltnis zu der Truhe, die in der K&amp;uuml;che steht und um die sie t&amp;auml;glich herum t&amp;auml;nzeln muss, w&amp;auml;hrend sie ihre kranke Gro&amp;szlig;mutter pflegt. In den letzten Wochen des Jahres 1991, in denen sie sich um Gro&amp;szlig;mutter Kobe k&amp;uuml;mmert, versucht sie, das R&amp;auml;tsel der Truhe zu l&amp;ouml;sen und sucht nach Hinweisen f&amp;uuml;r den Zustand des Vaters.&lt;/p&gt;
&lt;h5&gt;
	Mit dem Eispickel durch die DDR&lt;/h5&gt;
&lt;p&gt;Annett Gr&amp;ouml;schner pr&amp;auml;sentiert uns so die Familiengeschichte der Kobes, indem sie Annja in zahlreichen R&amp;uuml;ckblenden, die keiner Reihenfolge zu unterliegen scheinen und doch zu einem festen Netz aus naher und ferner Vergangenheit verwoben sind, ihre eigene Geschichte erz&amp;auml;hlen l&amp;auml;sst. Wie aus einer K&amp;uuml;hltruhe werden Kapitel f&amp;uuml;r Kapitel Anekdoten und Geschichten herausgenommen und aufgetaut - um der &amp;Uuml;ber-Metapher Gr&amp;ouml;schners treu zu bleiben. Der Roman ist in vier Teile gegliedert, die nach und nach immer tiefer in die Vergangenheit der Familie hinabtauchen. So wird zwar im ersten Teil schon angedeutet, dass Gro&amp;szlig;vater Kobe ein stets frivoles Verh&amp;auml;ltnis zu seinen Sekret&amp;auml;rinnen pflegte, das Seelenleben der Gro&amp;szlig;mutter und die Umst&amp;auml;nde dieser Beziehung werden aber erst im dritten und vierten Teil klar. Auch Annjas Leben vor der Entdeckung des eingefrorenen Vaters wird nur langsam erz&amp;auml;hlt: Wie ein dicker Eisblock taut die Figur Annjas die gesamte Dauer des Romans &amp;uuml;ber auf, bis man am Ende in einer Pf&amp;uuml;tze Wasser steht. Gr&amp;ouml;schner gelingt es durch schnelle Wechsel zwischen Gegenwart und Vergangenheit, die Informationszufuhr zwar langsam zu gestalten, jedoch trotzdem keine Langeweile aufkommen zu lassen. Gleichzeitig bleibt alles stets &amp;uuml;bersichtlich, nicht zuletzt wegen Annjas distanzierter, beobachtender Erz&amp;auml;hlweise. Allein die Geschichte um den eingefrorenen Vater bleibt bis zum Ende ungel&amp;ouml;st, das sei dem neugierigen Leser an dieser Stelle gesagt.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;	Der Vater experimentiert im Labor, um das perfekte Speiseeis zu finden. Seine Tochter dient ihm dabei immer als Probandin &amp;ndash; ein Traum eines jeden Kindes! Jedoch nicht, wenn man sich in der DDR befindet und es im Wechsel an Milchfett oder Aromastoffen mangelt. Dass sich der Sohn mit der Herstellung von Eiscreme besch&amp;auml;ftigt, st&amp;ouml;rt den Gro&amp;szlig;vater, seinerzeit ebenfalls Gefrierforscher, in seinem Bild der leistungsorientierten DDR-Wissenschaft.&lt;/p&gt;
&lt;blockquote&gt;&lt;p&gt;
	&amp;raquo;Wir waren Spitze im Weltma&amp;szlig;stab, und was macht ihr, ihr fahrt das Ding gegen den Baum. Sensorische Qualit&amp;auml;tspr&amp;uuml;fung f&amp;uuml;r Eiskrem! Wir haben &amp;rsaquo;Blitzkost&amp;lsaquo; im Weltraum erprobt, wir haben die besten K&amp;uuml;hlh&amp;auml;user gebaut, wir waren dem Westen L&amp;auml;ngen voraus, und was macht ihr daraus? Eiskrem. Da&amp;szlig; ich nicht lache. Versager seid ihr!&amp;laquo;&lt;/p&gt;&lt;/blockquote&gt;
&lt;p&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;img alt=&quot;&quot; src=&quot;/sites/default/files/u82/Moskauer%20Eis.jpg&quot; style=&quot;margin: 20px; float: left; width: 200px; height: 331px;&quot; /&gt;Klaus Kobe dagegen verschiebt seine das Land betreffenden Ambitionen auf den Sport, den er sein Leben lang intensiv verfolgt. Schlie&amp;szlig;lich aber erfolgt der berufliche Durchbruch, er erfindet das &amp;raquo;Moskauer Eis&amp;laquo;, eine Eissorte, die fortan sehr beliebt ist unter den B&amp;uuml;rgern der DDR. Sp&amp;auml;testens jetzt erf&amp;auml;hrt der Leser, das der Buchtitel weniger mit Moskau, dem gro&amp;szlig;en und m&amp;auml;chtigen Bruder der DDR und dem dicken Eis auf den winterlichen sibirischen Seen zu tun hat. Das Eis verfolgt Annja durch das ganze Leben: Als sie das elterliche Haus verl&amp;auml;sst und nach Berlin geht, f&amp;auml;ngt sie an, als Eisverk&amp;auml;uferin zu arbeiten und verkauft das Eis ihres Vaters. Sp&amp;auml;ter stellt sie es als Arbeiterin in einer Fabrik selbst her und muss nach der Wende erleben, wie es von den neuen Marken aus der westlichen Welt verdr&amp;auml;ngt wird. Hat Annja vor allem in ihrer Schulzeit nicht das beste Verh&amp;auml;ltnis zum DDR-Staat und ist sie auch sonst weniger nostalgisch, als blo&amp;szlig; entt&amp;auml;uscht von dem, was man sich vom Westen versprach, h&amp;auml;ngen f&amp;uuml;r sie doch viele verkl&amp;auml;rte Erinnerungen am &amp;raquo;Moskauer Eis&amp;laquo;.&lt;br /&gt;
	&amp;nbsp;&lt;/p&gt;
&lt;h5&gt;
	Nostalgie statt &amp;rsaquo;Ostalgie&amp;lsaquo;&lt;/h5&gt;
&lt;p&gt;Man erf&amp;auml;hrt sp&amp;auml;ter, dass sich Annja nach dem Tod der Gro&amp;szlig;mutter mithilfe des Erbes selbstst&amp;auml;ndig macht und in einem eigenen Betrieb das &amp;raquo;Moskauer Eis&amp;laquo; produziert. Damit geht also auch das Erbe des Klaus Kobe weiter.&lt;/p&gt;
&lt;blockquote&gt;&lt;p&gt;
	Mein klappriger Mercedes braucht eine Weile, ehe er anspringt.&lt;br /&gt;
	&amp;raquo;Komm endlich&amp;laquo;, sage ich, &amp;raquo;du bist doch kein Trabant.&amp;laquo;&lt;br /&gt;
	Fr&amp;uuml;her habe ich immer ein Rad geschlagen, wenn ein Mercedes durch die Stra&amp;szlig;en auf der Insel fuhr. Ich wollte zeigen, da&amp;szlig; auch bei uns gl&amp;uuml;ckliche Kinder leben.&lt;/p&gt;&lt;/blockquote&gt;
&lt;p&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Annjas Erz&amp;auml;hlungen bergen keine &amp;rsaquo;Ostalgie&amp;lsaquo;. Es ist vielmehr die Vergangenheit an sich, von der sie schw&amp;auml;rmt, die Tatsache, dass man eine eigene Geschichte hat, die man nach dem Mauerfall aber fast vergessen h&amp;auml;tte. Die Eis-Thematik passt gut in den Kontext, auch wenn am Ende der (im &amp;uuml;bertragenen Sinne) st&amp;auml;ndig im Bild stehende Eisverk&amp;auml;ufer doch ein wenig aufdringlich ist. Erfreulicherweise ist die Protagonistin trotz k&amp;uuml;hler Art jedoch nicht vor Eis erstarrt, sie bleibt dynamisch genug, um die Familiengeschichte lebhaft erz&amp;auml;hlen zu k&amp;ouml;nnen. Annett Gr&amp;ouml;schner gelingt dabei inmitten des K&amp;auml;lteinstituts der Balanceakt, die DDR nicht zu idealisieren, sie aber trotz einer kritischen Beleuchtung als Teil der eigenen Vergangenheit und der eigenen Identit&amp;auml;t zu akzeptieren.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;	&amp;nbsp;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&amp;nbsp;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;Annett Gr&amp;ouml;schner:&amp;nbsp; Moskauer Eis. Roman. Aufbau Taschenbuch, Berlin 2009. 288 Seiten. ISBN 978-3-7466-2580-5, 9,95 Euro.&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;
	&amp;nbsp;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&amp;nbsp;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&amp;nbsp;&lt;/p&gt;
</description>
 <comments>http://www.kritische-ausgabe.de/artikel/wenn-aus-eisbergen-pf%C3%BCtzen-werden#comments</comments>
 <category domain="http://www.kritische-ausgabe.de/tags/k%C3%A4mmerlings">Kämmerlings</category>
 <category domain="http://www.kritische-ausgabe.de/kategorie/literatur/literatur-kritik">Literatur - Kritik</category>
 <pubDate>Mon, 30 Jan 2012 10:05:25 +0000</pubDate>
 <dc:creator>Ute Friederich</dc:creator>
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</item>
<item>
 <title>Befindlichkeit und Verlust</title>
 <link>http://www.kritische-ausgabe.de/artikel/befindlichkeit-und-verlust</link>
 <description>&lt;p&gt;In der Einleitung von &lt;em&gt;Stadt Land Flu&amp;szlig;&lt;/em&gt; versichert ein Autor namens &amp;raquo;C.P.&amp;laquo;, der Ich-Erz&amp;auml;hler seines Romans weise keinerlei biografische Deckung mit ihm selbst auf. Sein Romanwerk, so m&amp;ouml;chte er den Leser damit glauben machen, sei frei von der schn&amp;ouml;den Pl&amp;uuml;nderung des Autobiografischen &amp;ndash; keine &amp;rsaquo;Befindlichkeitsliteratur&amp;lsaquo; also, als welche so viele Produktionen der jungen und j&amp;uuml;ngeren Literatur gebrandmarkt worden ist. Ganz so einfach ist die Lage der Dinge dann aber doch nicht. Ein kurzer Blick in die Autorenbeschreibung des Verlages deckt auf: Christoph Peters stammt sehr wohl selbst aus Kalkar und hat Kunst (wenn auch nicht Kunstgeschichte) studiert. Die erz&amp;auml;hlerische Instanz &amp;raquo;C.P.&amp;laquo; bleibt im Dunkeln, das Werk entpuppt sich als Autobiofiktion.&lt;/p&gt;
&lt;!--break--&gt;&lt;!--break--&gt;&lt;blockquote&gt;
&lt;p&gt;&amp;quot;Thomas Walkenbach war nicht mein Freund, der sich das Leben genommen und mir&amp;nbsp;&amp;nbsp;&amp;nbsp;&amp;nbsp; seinen Nachlass anvertraut hat. Ich hatte weder privat noch beruflich je mit ihm zu tun. Ich war weder sein Untersuchungsrichter noch sein psychologischer Gutachter. Ich habe seine Papiere auch nicht beim Kauf meines Hauses auf dem Dachboden gefunden &amp;ndash; ich habe gar kein Haus. (S. 8)&amp;quot;&lt;/p&gt;
&lt;/blockquote&gt;
&lt;h2&gt;
	Inventarisierung der Vergangenheit&lt;em&gt;&lt;em&gt;&lt;img alt=&quot;&quot; src=&quot;/sites/default/files/u152/qawqfq_1.png&quot; style=&quot;margin: 20px; float: right; width: 239px; height: 600px;&quot; /&gt;&lt;/em&gt;&lt;/em&gt;&lt;/h2&gt;
&lt;p&gt;Die Einleitung von Peters Werk l&amp;auml;sst sich damit lesen als ironischer Kommentar zum kreativen Dilemma einer ganzen Autorengeneration, ein passender Auftakt zur (wie es sich f&amp;uuml;r moderne &amp;rsaquo;Befindlichkeitsliteratur&amp;lsaquo; geh&amp;ouml;rt) nicht-chronologisch erz&amp;auml;hlten und mehr als doppelb&amp;ouml;digen Handlung, deren Kern sich schnell zusammenfassen l&amp;auml;sst: Thomas Walkenbach, ein verkrachter Kunsthistoriker mit Hang zur Trunksucht, umkreist unruhig seinen Esstisch, auf dem ein unge&amp;ouml;ffneter Brief mit einem medizinischen Befund liegt. Rekapitulierend legt er einen Bericht &amp;uuml;ber sein bisheriges Leben vor, beginnend mit seiner Kindheit und Jugend in der b&amp;auml;uerlichen Umgebung von Kalkar, die er als untergangenes bukolisches Idyll beschreibt, das er aus der Gegenwart heraus versucht zu inventarisieren. Der Verlust dieser Welt, den er recht nostalgisch beklagt, geht einher mit dem Verlust eines ganzheitlichen Lebens oder Erlebens, das dem erwachsenen Walkenbach vollkommen abgeht.&lt;br /&gt;
	Dazu passend, pr&amp;auml;sentiert sich der zweite Teil des Romans fragmentarisch und unchronologisch als Reminiszenz der Geschichte der Liebe zu und Ehe mit der Zahn&amp;auml;rztin Hanna. Peters stellt dar, wie der Protagonist, seit dem Studium am Mittelrhein lebend (die Stadt mag Wiesbaden oder Mainz sein) die f&amp;uuml;nf Jahre &amp;auml;ltere und etwas verklemmte &amp;Auml;rztin langsam umgarnt, und wie sich schlie&amp;szlig;lich ihr gemeinsames Leben in v&amp;ouml;lliger Allt&amp;auml;glichkeit vollzieht &amp;ndash; abgesehen davon, dass Walkenbach in vollst&amp;auml;ndiger finanzieller Abh&amp;auml;ngigkeit von Hanna lebt, da er selbst au&amp;szlig;er fruchtlosen Studien &amp;uuml;ber das Leben des niederrheinischen Holzschnitzers Henrick Douwermann in seiner beruflichen und akademischen Entwicklung keine Fortschritte macht.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;
	Der unge&amp;ouml;ffnete Befund auf dem Esstisch, das wird schnell klar, hat etwas mit Hanna zu tun, die am chronologischen Ende der erz&amp;auml;hlten Handlung nicht mehr bei Walkenbach ist. Was mit ihr geschehen ist, bleibt im Unklaren: Ist sie gestorben, wird sie sterben, ist/war Walkenbach gar f&amp;uuml;r ihren Tod verantwortlich? Ihr Tod wie auch die gesamte Beziehung erscheint jedoch nicht als kriminologisches R&amp;auml;tsel; vielmehr versteht der Leser nach der Lekt&amp;uuml;re (und wirklich erst dann), wie realistisch diese Erz&amp;auml;hlweise ist, mit der hier &amp;uuml;ber ein Leben berichtet wird: n&amp;auml;mlich mit Auslassungen und Ausblendungen, die im Strom des Bewusstseins und des Erinnerns zwangsl&amp;auml;ufig auftreten (Dieser Strom &amp;uuml;brigens wird hier durch den Rhein verk&amp;ouml;rpert, der schlie&amp;szlig;lich, in guter H&amp;ouml;lderlinscher Tradition, Mainz und Kalkar nicht nur geografisch verbindet).&lt;/p&gt;
&lt;h2&gt;
	&lt;img alt=&quot;&quot; src=&quot;/sites/default/files/u152/7291447_23.jpeg&quot; style=&quot;width: 213px; height: 325px; margin: 20px; float: left;&quot; /&gt;Befindlichkeitsliteratur im st&amp;auml;rksten Sinn&lt;/h2&gt;
&lt;p&gt;Der Ich-Erz&amp;auml;hler Walkenbach besch&amp;auml;ftigt sich immer von neuem mit dem Projekt einer&amp;nbsp; &amp;raquo;Philosophie der Zentralperspektive&amp;laquo; in der Malerei, scheitert jedoch auch immer wieder daran. Letztlich aber demonstriert der Text selbst in seiner Schreibweise die Wirkung einer individuellen Zentralperspektive: er zeigt, wie die Welt aussieht, wenn der &amp;uuml;bergeordnete, zweidimensionale, der &amp;rsaquo;g&amp;ouml;ttliche&amp;lsaquo; Blick fehlt (der vielleicht immer nur eine Illusion war). Die Selbstbeobachtung dieses Ehe- und Liebeslebens ist k&amp;uuml;hl-distanziert und (selbst-)ironisch geschrieben, so dass sich erst im &amp;rsaquo;Nachhall&amp;lsaquo; der Lekt&amp;uuml;re, dann aber umso schmerzlicher ein darunter verborgenes Gef&amp;uuml;hl von Verlust erschlie&amp;szlig;t. Die Bedeutung eines Augenblicks erweist sich zwangsl&amp;auml;ufig erst, wenn er vergangen ist &amp;ndash; f&amp;uuml;r den Ich-Erz&amp;auml;hler wie f&amp;uuml;r den Leser. &lt;em&gt;Stadt Land Flu&amp;szlig;&lt;/em&gt; ist somit Gegenwartsliteratur wie auch Befindlichkeitsliteratur im besten und st&amp;auml;rksten Sinne: Es ist ein Roman &amp;uuml;ber die Unf&amp;auml;higkeit, das von Richard K&amp;auml;mmerlings beschworene &amp;raquo;kurze Gl&amp;uuml;ck der Gegenwart&amp;laquo; zu verstehen &amp;ndash; oder auch nur zu erleben; und &amp;uuml;ber die Unf&amp;auml;higkeit, Befindlichkeit zu artikulieren: Letzten Endes kann sie sich immer nur in den Leerstellen der Beschreibung ausdr&amp;uuml;cken. Da, wo etwas fehlt, liegt Sinn und Bedeutung; gerade da, wo die Beziehung zu einem Menschen am unerkl&amp;auml;rlichsten scheint, ist die Trauer &amp;uuml;ber seinen Verlust am gr&amp;ouml;&amp;szlig;ten.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;
	Peters hat mit seinem Deb&amp;uuml;t-Roman, der 1999 den aspekte-Literaturpreis gewonnen und ein nachhaltig ber&amp;uuml;hrendes Werk geschaffen. Etwas weniger kunsthistorischer Ballast h&amp;auml;tte ihm m&amp;ouml;glicherweise gut getan; die f&amp;uuml;r den Laien oft unverst&amp;auml;ndlichen Referenzen versperren immer wieder den Blick auf die gro&amp;szlig;en Themen seiner Geschichte. Aber letztlich sind sie damit wiederum nur realistischer Ausdruck der Selbstbespiegelung der Hauptfigur, die verzweifelt Analogien aus der Kunst bem&amp;uuml;ht, um das eigene verlorene Gl&amp;uuml;ck zu fassen zu bekommen &amp;ndash; und damit scheitern muss.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;
	&lt;em&gt;Christoph Peters: Stadt Land Flu&amp;szlig;. Frankfurt am Main: Frankfurter Verlagsanstalt, 1999. 278 Seiten. ISBN 978-3627000660.&lt;/em&gt;&lt;/p&gt;
</description>
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 <category domain="http://www.kritische-ausgabe.de/tags/k%C3%A4mmerlings">Kämmerlings</category>
 <category domain="http://www.kritische-ausgabe.de/kategorie/literatur/literatur-kritik">Literatur - Kritik</category>
 <pubDate>Wed, 25 Jan 2012 16:52:49 +0000</pubDate>
 <dc:creator>Dirk Walbrühl</dc:creator>
 <guid isPermaLink="false">4786 at http://www.kritische-ausgabe.de</guid>
</item>
<item>
 <title>Im Schraubstock von Logik und Libido oder »Wir wollen alles sein«</title>
 <link>http://www.kritische-ausgabe.de/artikel/im-schraubstock-von-logik-und-libido-oder-%C2%BBwir-wollen-alles-sein%C2%AB</link>
 <description>&lt;p&gt;Es gibt sie, jene unwirklichen Momente der Lekt&amp;uuml;re, die f&amp;uuml;r ein Schwindelgef&amp;uuml;hl beim Leser sorgen, weil weltgeschichtliche Ereignisse der Romanhandlung buchst&amp;auml;blich den Boden unter den F&amp;uuml;&amp;szlig;en weggezogen haben. Einen solchen Moment h&amp;auml;lt Thomas Lehrs im Jahr 1999 erschienener Roman &lt;em&gt;Nabokovs Katze&lt;/em&gt; bereit, als Protagonist Georg gegen Ende mit &lt;span style=&quot;font-style: italic;&quot;&gt;s&lt;/span&gt;einer Geliebten Mary in die 107. Etage des World Trade Centers f&amp;auml;hrt, um von oben auf das H&amp;auml;usermeer New Yorks hinabzublicken:&lt;/p&gt;
&lt;!--break--&gt;&lt;!--break--&gt;
&lt;blockquote&gt;&lt;p class=&quot;rtejustify&quot;&gt;&lt;span style=&quot;color:#696969;&quot;&gt;&lt;em&gt;&amp;raquo;F&amp;uuml;r ein, zwei Sekunden glaubte er, die Glasscheibe zerschmelze vor seinen Augen, und er und Mary w&amp;uuml;rden mitsamt &lt;/em&gt;&lt;em&gt;der Bank zentimeterweise &amp;uuml;ber den Abgrund hinausgedr&amp;auml;ngt, auf dessen Boden man die Fu&amp;szlig;g&amp;auml;nger kaum mehr ausmachen konnte.&lt;/em&gt;&lt;/span&gt;&lt;/p&gt;
&lt;/blockquote&gt;
&lt;p&gt;Angesichts der nur zwei Jahre nach Ver&amp;ouml;ffentlichung des Romans geschehenen Ereignisse, angesichts dieser prophetisch anmutenden Vision, liest man diese Szene, in deren weiteren Verlauf Georg die Zwillingst&amp;uuml;rme des World Trade Centers wie die Kommandobr&amp;uuml;cke und Manhattan wie der Rumpf eines &amp;raquo;Weltdampfers&amp;laquo; vorkommen, mit einem ungl&amp;auml;ubigen Schaudern. &lt;em&gt;&lt;em&gt;&lt;img alt=&quot;&quot; src=&quot;/sites/default/files/u152/qawqfq_1.png&quot; style=&quot;margin: 20px; float: right; width: 239px; height: 600px;&quot; /&gt;&lt;/em&gt;&lt;/em&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p class=&quot;rtejustify&quot;&gt;Dass am wenigsten dem Autor selbst diese unheimlich anmutende &amp;Uuml;berblendung seines Werkes durch die Wirklichkeit entgangen ist,&amp;nbsp; l&amp;auml;sst sich an Lehrs j&amp;uuml;ngstem Roman&lt;em&gt; &lt;em&gt;September. Fata Morgana&lt;/em&gt;&lt;em&gt; &lt;/em&gt;(2010) &lt;/em&gt;deutlich ablesen. Allein wegen dieser kaum drei Seiten umfassenden, f&amp;uuml;r die Handlung eigentlich nebens&amp;auml;chlichen Sightseeing-Szene, in der Georg und Mary auf der bald einst&amp;uuml;rzenden Spitze der westlichen Zivilisation stehen, ist die Lekt&amp;uuml;re des f&amp;uuml;nfhundert Seiten starken Romans von Thomas Lehr unbedingt (noch einmal) zu empfehlen.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;Ein in halluzinogener Hinsicht h&amp;ouml;chst gelungener LSD-Trip&lt;/strong&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Nat&amp;uuml;rlich ist &lt;em&gt;&lt;em&gt;Nabokovs Katze&lt;/em&gt;&lt;em&gt; &lt;/em&gt;&lt;/em&gt;sehr viel mehr als eine blo&amp;szlig;e Hochhausbesteigung. Es ist die Geschichte von Georg, der nach einem misslungenen &amp;ndash; das hei&amp;szlig;t, in halluzinogener Hinsicht, h&amp;ouml;chst gelungenen &amp;ndash; LSD-Trip als F&amp;uuml;nfzehnj&amp;auml;hriger im Sommer 1972 beschlie&amp;szlig;t, keinen derartig verst&amp;ouml;renden Rausch mehr zuzulassen und stattdessen sein Leben der Klarheit und Vernunft zu widmen. So erscheint es nur konsequent, dass er sich nach dem der starken Wirkung der Droge geschuldeten Krankenhausaufenthalt in einer Buchhandlung Sartres &lt;em&gt;&lt;em&gt;Das Sein und das Nichts &lt;/em&gt;&lt;/em&gt;kauft, um &amp;raquo;den wahren Hintergrund der Dinge&amp;laquo; zu erfahren. Unmittelbar darauf jedoch trifft Georg unter dem Wehrturm des Provinzst&amp;auml;dtchens S., das der Leser ohne gro&amp;szlig;e Schwierigkeit mit Lehrs Geburtsstadt Speyer identifizieren wird, auf seine Bekannte Camille. Obwohl sie vorher nur &amp;uuml;ber ihre Clique lose miteinander befreundet waren, k&amp;uuml;ssen sie sich auf der Stelle.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Was folgt, ist der episodenhaft beschriebene, &amp;uuml;ber zwanzig Jahre lang andauernde Entwicklungs- beziehungsweise Verwicklungsprozess von Georgs weiterem Leben, wobei der Protagonist mit zunehmendem Alter seine Umwelt immer mehr wie durch das k&amp;uuml;hle Objektiv einer Filmkamera beobachtet. Auf faszinierende Weise l&amp;auml;sst sich hier der Versuch beobachten, Zooms, Closeups, Schwenks und andere Techniken aus dem Medium Film in die Literatur zu &amp;uuml;bertragen. Dies mutet stellenweise etwas gewollt und k&amp;uuml;nstlich an, l&amp;auml;sst sich aber kaum vermeiden und erzeugt jene &amp;raquo;gewisse Laboratoriums-K&amp;auml;lte&amp;laquo;, die vom Autor durchaus beabsichtigt zu sein scheint. Zugleich wird die Atmosph&amp;auml;re der beschriebenen Jahrzehnte von Lehr mit herrlicher (Selbst)Ironie wiedergegeben, etwa wenn Georgs Jugendjahre in den Siebzigern kaleidoskopartig den &lt;em&gt;&amp;raquo;&lt;em&gt;Sch&amp;uuml;lerinnenreport&lt;/em&gt;&lt;/em&gt;&amp;laquo; mit &amp;raquo;transzendentalen Meditationstechniken&amp;laquo; mit &amp;raquo;US-Army-Parkas&amp;laquo; mit &amp;raquo;Jungsozialisten&amp;laquo; mit &amp;raquo;Tchibo-Stehcaf&amp;eacute;s&amp;laquo; mit &amp;raquo;Partykellern&amp;laquo; mit &amp;raquo;Pink-Floyd&amp;laquo; mit &amp;raquo;Liedermacherfesten&amp;laquo; mit &amp;raquo;Cunnilingus&amp;laquo; vermengen und verquirlen.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;Die Kolonisation der Erinnerung&lt;/strong&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Obwohl Camille in diesem Sommer &amp;rsquo;72 nur einige Wochen mit ihm geht, kommt Georg nie wieder ganz von ihr los. Sein Leben, das er zun&amp;auml;chst der Mathematik und sp&amp;auml;ter, als Regisseur, dem Film widmet, ist ein nicht enden wollender Versuch der Ann&amp;auml;herung an und zugleich der Abkehr von Camille. &amp;nbsp;Eine Ehefrau und zahllose Geliebte pflastern dabei seinen Weg, wobei Lehr mit der Beschreibung expliziter Sexszenen nicht knausert und dabei eine geradezu barockhaft wirkende Bilderflut entfaltet. Da werden &amp;raquo;Kriegsbeile&amp;laquo; in &amp;raquo;Wigwams&amp;laquo; vergraben, da gibt es eine &amp;raquo;warm umwulstete Ca&amp;ntilde;on-Furche&amp;laquo;, einen &amp;raquo;Anus, so r&amp;uuml;hrend verletzlich wie ein vor Jahren ausgestochenes Auge&amp;laquo;, &amp;raquo;klitorale Kapellchen im Feenwald&amp;laquo; sowie &amp;raquo;Venusflaum und &amp;ndash;schaum und darunter schl&amp;auml;frige Nacktschnecken&amp;laquo;. Das hingebungsvolle, stellenweise leider arg bem&amp;uuml;ht wirkende Schwelgen in Metaphern, das sich keineswegs auf die Umschreibung menschlicher Geschlechtsteile und Beischlafpraktiken beschr&amp;auml;nkt, zieht sich wie ein roter Faden durch den Roman und demonstriert die grunds&amp;auml;tzliche (Ver)Formbarkeit und Relativit&amp;auml;t von Sprache und menschlichen Beziehungen, eines der zentralen Themen in Lehrs Werk.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Trotz aller Aff&amp;auml;ren und Liebschaften bleibt die &amp;raquo;camilloide Struktur des Universums&amp;laquo; f&amp;uuml;r Georg unver&amp;auml;ndert bestehen, wobei er sich keine Illusionen dar&amp;uuml;ber macht, dass er sich letztlich aus einigen &amp;uuml;ber die Jahre verstreuten Begegnungen eine Frau erfindet, die mit der Realit&amp;auml;t, mit der Camille, die schlie&amp;szlig;lich in Heidelberg verheiratet ist, zwei Kinder hat und ein gutb&amp;uuml;rgerliches Leben f&amp;uuml;hrt, nichts mehr gemeinsam hat. Er selbst nennt diesen Vorgang, den der Leser in &lt;em&gt;&lt;em&gt;Nabokovs Katze &lt;/em&gt;&lt;/em&gt;in zahlreichen Windungen und Schlaufen hautnah verfolgen kann, eine &amp;raquo;Kolonisation der Erinnerung&amp;laquo;.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;Auf Don Quijottes Spuren&lt;/strong&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;img alt=&quot;&quot; src=&quot;/sites/default/files/u82/Nabokovs%20Katze_neu.jpg&quot; style=&quot;float: left; margin: 20px; width: 200px; height: 340px;&quot; /&gt;Jene Berechenbarkeit, ja Ausrechenbarkeit des eigenen Daseins, die Georg bei Sartre, der Mathematik, beim Film und nicht zuletzt den Frauen zu finden erhofft, ist zum Scheitern verurteilt. Die Logik triumphiert nicht &amp;uuml;ber die Libido, aber die Libido triumphiert auch nicht &amp;uuml;ber die Logik. Georg ist vielmehr zwischen diesen beiden ihn ma&amp;szlig;geblich bestimmenden Polen bis ans Romanende eingeklemmt. Thomas Lehr versucht dabei anhand seines Protagonisten zu ergr&amp;uuml;nden, wie weit ein Mensch bereit sein kann, jegliche (m&amp;uuml;hsam) errungene Stabilit&amp;auml;t im eigenen Lebensplan zugunsten einer selbst geschaffenen Fiktion aufzugeben, alles hinter sich zu lassen und dem Wahnsinn in all seiner Negativit&amp;auml;t, aber eben auch Positivit&amp;auml;t, zu erliegen. Wenn Georg im sechsten Teil des Romans &amp;uuml;ber Nacht seine Frau verl&amp;auml;sst und einzig aus dem Grund nach Mexiko aufbricht, weil Camille seiner Meinung nach indianische Z&amp;uuml;ge tr&amp;auml;gt, die er dort wiederzufinden hofft, ist endlich jene Schwelle &amp;uuml;berschritten, &amp;uuml;ber die vor vierhundert Jahren bereits Cervantes&amp;rsquo; ber&amp;uuml;hmter &amp;rsaquo;Ritter von La Mancha&amp;lsaquo;&amp;nbsp;ging &amp;ndash; und nicht mehr zur&amp;uuml;ckkehrte.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Die tiefe Verunsicherung, die &lt;em&gt;Nabokovs Katze&lt;/em&gt; beim Leser hinterl&amp;auml;sst, liegt in der im Roman aufgezeigten M&amp;ouml;glichkeit begr&amp;uuml;ndet, dass jede zwischenmenschliche Beziehung auf einer (beiderseitigen) Erfindung, einer stark einsturzgef&amp;auml;hrdeten Konstruktion basieren k&amp;ouml;nnte. Jedes Aufeinanderzugehen, jede k&amp;ouml;rperlich-geistige Durchdringung w&amp;auml;re insofern einem ewigen Kampf mit Windm&amp;uuml;hlen gleichzusetzen. Abschlie&amp;szlig;end l&amp;auml;sst sich festhalten, dass &lt;em&gt;Nabokovs Katze&lt;/em&gt; dem Leser neben der eingangs erw&amp;auml;hnten Passage auf dem Dach des World Trade Centers rund um Georgs und Camilles Schicksal eine so vielschichtige, spannende, lehrreiche und nicht zuletzt traurig-fr&amp;ouml;hliche Geschichte pr&amp;auml;sentiert, dass die Lekt&amp;uuml;re sich auch (und gerade) heute, &amp;uuml;ber zehn Jahre nach der Erstver&amp;ouml;ffentlichung, uneingeschr&amp;auml;nkt empfiehlt.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&amp;nbsp;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;&lt;em&gt;Thomas Lehr: Nabokovs Katze. Berlin: Aufbau Taschenbuch Verlag, 2002 (2. Aufl.). 511 Seiten. ISBN3-7466-1741-3. 10,- Euro.&lt;/em&gt;&lt;/em&gt;&lt;/p&gt;
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 <comments>http://www.kritische-ausgabe.de/artikel/im-schraubstock-von-logik-und-libido-oder-%C2%BBwir-wollen-alles-sein%C2%AB#comments</comments>
 <category domain="http://www.kritische-ausgabe.de/tags/k%C3%A4mmerlings">Kämmerlings</category>
 <category domain="http://www.kritische-ausgabe.de/kategorie/literatur/literatur-kritik">Literatur - Kritik</category>
 <pubDate>Mon, 23 Jan 2012 12:06:42 +0000</pubDate>
 <dc:creator>Grischka Grauert</dc:creator>
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 <title>Im Berg</title>
 <link>http://www.kritische-ausgabe.de/artikel/im-berg</link>
 <description>&lt;p&gt;Ein Autor kriecht &amp;raquo;den Lichtern der Grubenlampen entgegen&amp;laquo; und hat eine Erleuchtung: Die Literatur ist wie ein Bergwerk. &amp;raquo;Sie war doch auch etwas wie Schichten und Stollen und Querschl&amp;auml;ge und Fahrten und verbrochene Strecken, und ein Feld darin hie&amp;szlig; &amp;rsaquo;Romantik&amp;lsaquo; und eine Strecke &amp;rsaquo;E. T. A. Hoffmann&amp;lsaquo;, und die n&amp;auml;chste Generation setzt da fort, wo die letzte aufgeh&amp;ouml;rt hatte ...&amp;laquo;&lt;/p&gt;
&lt;!--break--&gt;&lt;!--break--&gt;&lt;p&gt;Dann besucht er eine Tanzveranstaltung, &amp;raquo;darin sich in einem Rhythmus an- und abschwellenden L&amp;auml;rms aus erregten Rufen und Reden und Einbr&amp;uuml;chen scharrender Ger&amp;auml;usche etwas Ungutes vorzubereiten begann&amp;laquo; ... &amp;raquo;&amp;rsaquo;Dies ist der Seele wunderliches Bergwerk&amp;lsaquo;, h&amp;ouml;rte ich den Doktor einen Vers Rilkes wie als Kommentar zu Freud paraphrasieren&amp;laquo;. Eine f&amp;uuml;rchterliche Schl&amp;auml;gerei hebt an, und danach, &amp;raquo;derma&amp;szlig;en unbeteiligt erscheinend, dass man wu&amp;szlig;te, sie war Anlass des Kampfes gewesen, st&amp;uuml;rzte eine aufgedunsene rothaarige Frau schwer zu bestimmenden Alters ... ein Seidel Bier in sich hinein, die Beine beim Trinken weit gespreizt und den Scho&amp;szlig; zur Vorderkante des Stuhles geschoben ...&amp;laquo;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Der Autor geht heim. &amp;raquo;In der T&amp;uuml;r stie&amp;szlig; ich mit der Rothaarigen zusammen, sie trug nun eine Kunstlederjoppe, grellrot, mit dicken gr&amp;uuml;nen W&amp;uuml;lsten &amp;uuml;ber den Schultern und unter der H&amp;uuml;fte ... und wir sahen uns einen Augenblick an, eins im j&amp;auml;hen Erkennen des andern, dann trennten uns die Nachdr&amp;auml;ngenden. &amp;ndash; Vom Doktor erfuhr ich, ohne dass ich ihn fragte, ihren Namen: Regina Kuypers, sie wohne im &amp;auml;u&amp;szlig;ersten Winkel der Altstadt, schon vor der Mauer, zwischen Alt- und Neustadt, in einer recht verrufenen Gegend, die allgemein nur &amp;rsaquo;dort drunten&amp;lsaquo; hie&amp;szlig;.&amp;laquo;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;img alt=&quot;&quot; src=&quot;/sites/default/files/u84/poser_kairo.jpg&quot; style=&quot;width: 600px; height: 432px;&quot; /&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p class=&quot;rtecenter&quot;&gt;&lt;small&gt;B&amp;uuml;ste im &amp;Auml;gyptischen Museum Kairo (Foto: Manfred Poser, 1994)&lt;/small&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Ist das nicht wunderbar? Die Literatur als Graben im Unbewussten und die Lockung des grellen Weibs als Verk&amp;ouml;rperung alles Verdr&amp;auml;ngt-Triebhaften. Was an Georg B&amp;uuml;chner denken l&amp;auml;sst, wurde 1983 geschrieben, in der DDR. &lt;a href=&quot;http://de.wikipedia.org/wiki/Franz_F%C3%BChmann&quot;&gt;Franz F&amp;uuml;hmann&lt;/a&gt;, der am 15. Januar 90 Jahre alt geworden w&amp;auml;re, untertitelte sein Fragment &lt;em&gt;Im Berg&lt;/em&gt; mit &amp;raquo;Bericht eines Scheiterns&amp;laquo;. Im Juli des folgenden Jahres ist er gestorben und bleibt einer der weniger bekannten Autoren Ostdeutschlands. Er hat sich abgequ&amp;auml;lt mit dem Klassenbewusstsein des Schriftstellers und der Suche nach einem Ort f&amp;uuml;r ihn &amp;ndash; und unter der Erde, im Bergwerk, fand er eine Art Heimat. F&amp;uuml;hmann war ein Nachfahre der Romantiker.&lt;/p&gt;
&lt;h5&gt;
	Novalis&lt;/h5&gt;
&lt;p&gt;Nun gehen wir zu diesen zur&amp;uuml;ck, 200 Jahre zur&amp;uuml;ck. &lt;a href=&quot;http://www.kritische-ausgabe.de/artikel/mit-novalis-durchs-jahr&quot;&gt;Novalis&lt;/a&gt;, der Freiherr von Hardenberg (1772&amp;ndash;1801), studierte ab 1797 an der Bergakademie in Freiberg und arbeitete danach in der Salinendirektion Wei&amp;szlig;enfels an der Saale als Bergwerksingenieur. Dort wurde er zum Salinenassessor ernannt. Sein Roman &lt;em&gt;Heinrich von Ofterdingen&lt;/em&gt; blieb unvollendet. Im Kapitel f&amp;uuml;nf sagt ein alter Eremit dem Helden Heinrich: &amp;raquo;Wie ruhig arbeitet dagegen der arme gen&amp;uuml;gsame Bergmann in seinen tiefen Ein&amp;ouml;den, entfernt von dem unruhigen Tumult des Tages, und einzig von Wissbegier und Liebe zur Eintracht beseelt. Er gedenkt in seiner Einsamkeit mit inniger Herzlichkeit seiner Genossen und seiner Familie und f&amp;uuml;hlt immer erneuert die gegenseitige Unentbehrlichkeit und Blutsverwandtschaft der Menschen.&amp;laquo;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Der Alte rezitiert ein Gedicht, das er aus seiner Jugend kennt. Man kann sich nicht helfen, dahinter einen anderen Sinn zu sp&amp;uuml;ren und es etwa &amp;rsaquo;tongue in cheek&amp;lsaquo; zu lesen, wie der Engl&amp;auml;nder sagt: mit Humor. Vielleicht hat es Novalis Spa&amp;szlig; gemacht, &amp;uuml;ber den Bergmann zu sprechen und Sexualit&amp;auml;t zu meinen. So lesen wir es probeweise.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Der ist der Herr der Erde,&lt;br /&gt;
	Wer ihre Tiefen misst,&lt;br /&gt;
	Und jeglicher Beschwerde&lt;br /&gt;
	In ihrem Scho&amp;szlig; vergisst.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Wer ihrer Felsenglieder&lt;br /&gt;
	Geheimen Bau versteht,&lt;br /&gt;
	Und unverdrossen nieder&lt;br /&gt;
	Zu ihrer Werkstatt geht.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Er ist mit ihr verb&amp;uuml;ndet,&lt;br /&gt;
	Und inniglich vertraut,&lt;br /&gt;
	Und wird von ihr entz&amp;uuml;ndet,&lt;br /&gt;
	Als w&amp;auml;r&amp;rsquo; sie seine Braut.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;[...]&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Er trifft auf allen Wegen&lt;br /&gt;
	Ein wohlbekanntes Land,&lt;br /&gt;
	Und gern kommt sie entgegen&lt;br /&gt;
	Den Werken seiner Hand.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Ihm folgen die Gew&amp;auml;sser&lt;br /&gt;
	H&amp;uuml;lfreich den Berg hinauf;&lt;br /&gt;
	Und alle Felsenschl&amp;ouml;sser,&lt;br /&gt;
	Tun ihre Sch&amp;auml;tz&amp;rsquo; ihm auf.&lt;/p&gt;
&lt;h5&gt;
	Das Pumpwerk im Unbewussten&lt;/h5&gt;
&lt;p&gt;Die Sexualit&amp;auml;t ist die heilige Hochzeit, der &lt;em&gt;hieros gamos&lt;/em&gt; der Griechen. Geist und Seele kommen zusammen, Yang und Yin, doch sicher ist es &amp;ndash; wie in der Literatur &amp;ndash; die im Unten angesiedelte Seele, die dabei die Oberhand beh&amp;auml;lt. Es ist plakativ, aber es ist so: Die Frau als die Seelenhafte empf&amp;auml;ngt den Mann, der in die Tiefen ihres Geschlechts eindringen muss, was auch zur literarischen Bilderwelt der Grotten und Schl&amp;uuml;nde, H&amp;ouml;hlen und Kl&amp;uuml;fte gef&amp;uuml;hrt hat. Literatur ist die Suche nach unserem Kern, die Suche nach Gott in uns, und die Liebe ist Religion und die Suche nach Gott im anderen, und nur M&amp;auml;nner k&amp;ouml;nnen das metaphorisch als Reise in den Berg gestalten.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;img alt=&quot;&quot; src=&quot;/sites/default/files/u84/lbbm_sulzburg.jpg&quot; style=&quot;width: 600px; height: 403px;&quot; /&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p class=&quot;rtecenter&quot;&gt;&lt;small&gt;Erotik im Fl&amp;ouml;z. Abeiter im fr&amp;uuml;heren Kalibergwerk Buggingen (&lt;a href=&quot;http://www.sulzburg.de/tourismus_freizeit/sehen_erleben/landesbergbaumuseum&quot;&gt;Landesbergbaumuseum Sulzburg/Baden&lt;/a&gt;, mit freundlicher Genehmigung)&lt;/small&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;a href=&quot;http://de.wikipedia.org/wiki/Sigmund_Freud&quot;&gt;Sigmund Freud&lt;/a&gt; geh&amp;ouml;rt das Verdienst, hier Klarheit geschaffen zu haben. Er sch&amp;auml;tzte den 1887 erschienenen Roman &lt;em&gt;She: A History of Adventure&lt;/em&gt; (deutsch: &lt;em&gt;Sie&lt;/em&gt;) des englischen Autors &lt;a href=&quot;http://de.wikipedia.org/wiki/Henry_Rider_Haggard&quot;&gt;Henry Rider Haggard&lt;/a&gt; (1856&amp;ndash;1925) und reichte ihn an &lt;a href=&quot;http://de.wikipedia.org/wiki/Carl_Gustav_Jung&quot;&gt;Carl Gustav Jung&lt;/a&gt; weiter, der darin seine Gedanken best&amp;auml;tigt fand. Das Buch um die unsterbliche G&amp;ouml;ttin Ayesha hatte Jahrzehnte unerh&amp;ouml;rten und unerkl&amp;auml;rlichen Erfolg.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Die kanadische Schriftstellerin Margaret Atwood schrieb 2002 in einem Vorwort zu dem Buch: &amp;raquo;Er [Haggard] konnte eine Probebohrung direkt im Unbewussten des englischen Viktorianischen Zeitalters vornehmen, wo &amp;Auml;ngste und W&amp;uuml;nsche &amp;ndash; besonders m&amp;auml;nnliche &amp;Auml;ngste und W&amp;uuml;nsche &amp;ndash; in der Dunkelheit wie blinde Fische umherschw&amp;auml;rmen ...&amp;laquo;. Der britische Kritiker V. S. Pritchett (1900&amp;ndash;1997) hatte zuvor am&amp;uuml;siert &amp;uuml;ber H. Rider Haggards Ruhm bemerkt: &amp;raquo;E. M. Forster sagte einmal, der Romancier senke einen Eimer ins Unbewusste hinab. Haggard installierte da ein wahres Pumpwerk. Er zapfte das ganze Reservoir der geheimen W&amp;uuml;nsche seiner Leser an.&amp;laquo; Beim &amp;uuml;bern&amp;auml;chsten Mal m&amp;uuml;ssen wir die Sache mit &lt;em&gt;She&lt;/em&gt; weiter vertiefen.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&amp;nbsp;&lt;/p&gt;
</description>
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 <category domain="http://www.kritische-ausgabe.de/kategorie/kontroverse/ausrei%C3%9Fversuche">Ausreißversuche</category>
 <pubDate>Thu, 19 Jan 2012 23:01:00 +0000</pubDate>
 <dc:creator>Marcel Diel</dc:creator>
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 <title>Die ästhetischste Müllkippe der Welt</title>
 <link>http://www.kritische-ausgabe.de/artikel/die-%C3%A4sthetischste-m%C3%BCllkippe-der-welt</link>
 <description>&lt;p class=&quot;rtejustify&quot;&gt;Die Redaktion der Kritischen Ausgabe w&amp;uuml;hlt sich tiefer in Richard K&amp;auml;mmerlings pers&amp;ouml;nlichen Literaturkanon und f&amp;ouml;rdert Erstaunliches zu Tage: Rainals Goetz &lt;em&gt;Abfall f&amp;uuml;r alle&lt;/em&gt;, ein Text, der 14 Jahre zu fr&amp;uuml;h erschien und schon 1998 am Puls der heutigen Zeit war; ein Werk f&amp;uuml;r und aus dem Internet, &amp;uuml;ber Gedankenabfall und an den Grenzen des Sagbaren.&lt;/p&gt;
&lt;!--break--&gt;&lt;!--break--&gt;&lt;h2 class=&quot;rtejustify&quot;&gt;
	Abfall f&amp;uuml;r Alle&lt;em&gt;&lt;em&gt;&lt;img alt=&quot;&quot; src=&quot;/sites/default/files/u152/qawqfq_1.png&quot; style=&quot;margin: 20px; float: right; width: 239px; height: 600px;&quot; /&gt;&lt;/em&gt;&lt;/em&gt;&lt;/h2&gt;
&lt;p class=&quot;rtejustify&quot;&gt;Einer tanzt auf der &amp;raquo;M&amp;uuml;llkippe&amp;laquo; namens Deutschland und betrachtet die Reste popul&amp;auml;rer Kultur: Rainald Goetz, geboren 1954. Er studierte in M&amp;uuml;nchen und Paris Geschichte, Theaterwissenschaft und Medizin. Das Studium der Geschichte sowie der Medizin schlo&amp;szlig; Goetz jeweils mit einer Promotion ab. Seit 1983 ver&amp;ouml;ffentlicht Goetz Romane, Erz&amp;auml;hlungen, Theaterst&amp;uuml;cke, Berichte, etc. und wurde aufgrund seines literarischen Schaffens nach Frankfurt als Poetikdozent berufen. F&amp;uuml;r sein Gesamtwerk wurde Goetz mit dem Berliner Literaturpreis 2012 ausgezeichnet. Legend&amp;auml;r wurde Goetz bereits 1983 durch seinen Auftritt beim Ingeborg Bachmann Preis, den er nach Aufschneiden der eigenen Stirn, blut&amp;uuml;berstr&amp;ouml;mt beendete.&lt;/p&gt;
&lt;p class=&quot;rtejustify&quot;&gt;
	Dieser provozierende, wissbegierige Autor bietet in diesem Roman ein modernes Gedankenarchiv des allt&amp;auml;glichen Lebens, in dem Zeitungsartikel und Fernsehsendungen gleichwertig neben Theatervorf&amp;uuml;hrungen und Museumsausstellungen versammelt sind. In seinem &amp;OElig;uvre stellt &lt;em&gt;Abfall f&amp;uuml;r alle: Roman eines Jahres&lt;/em&gt; einen Versuch dar private Erlebnisse f&amp;uuml;r die &amp;Ouml;ffentlichkeit zug&amp;auml;nglich zu machen. Auf knapp 900 Seiten schreibt Goetz einen Rundgang durch die Erlebnisse eines Jahres und fragt sich dabei permanent selber nach der M&amp;ouml;glichkeit des Sagbaren.&lt;/p&gt;
&lt;h2 class=&quot;rtejustify&quot;&gt;
	Digital Nation 98&lt;/h2&gt;
&lt;p class=&quot;rtejustify&quot;&gt;Erstaunlich an &lt;em&gt;Abfall f&amp;uuml;r alle&lt;/em&gt; ist die Tatsache, dass Goetz damit bereits 1998 ein Format schuf, das irgendwo zwischen Poesiealbum, Tagebuch, Facebook und Twitter die Grenzen des Interessanten und des Nervigen f&amp;uuml;r sich selbst und das literarische Publikum auslotet. Denn &lt;em&gt;Abfall f&amp;uuml;r alle&lt;/em&gt; ist zun&amp;auml;chst ein Internet-Tagebuch. Als solches verfasst, erscheint es bereits optisch als vom Buch unterschieden. Digitale vierstellige Zahlen markieren die Uhrzeiten der Niederschrift. Wochentag, Datum, Ort des Geschehens, alles wird gespeichert, eingetippt, in einem flie&amp;szlig;enden Textdokument versammelt.&lt;/p&gt;
&lt;blockquote&gt;&lt;p class=&quot;rtejustify&quot;&gt;&lt;span style=&quot;color:#696969;&quot;&gt;&lt;em&gt;&amp;raquo;2324. K&amp;uuml;che aufger&amp;auml;umt. Harald Wieser mit Juhnke bei Jauch. Davor die Programmpl&amp;auml;tze des Fernhsehers neu geordnet. Davor ein Wigald Boning&lt;br /&gt;
		Protr&amp;auml;t in Spiegel Interview. Danach ein Film &amp;uuml;ber Spielmaschinen in den&lt;br /&gt;
		USA.&lt;/em&gt;&lt;/span&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;		&lt;span style=&quot;color:#696969;&quot;&gt;&lt;em&gt;warum lesen Sie&lt;br /&gt;
		nicht mal wieder n Buch?&lt;br /&gt;
		das Wetter&lt;/em&gt;&lt;/span&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;		&lt;span style=&quot;color:#696969;&quot;&gt;&lt;em&gt;meint Ulrich Wickert, zum Abschlu&amp;szlig; seiner Tagesthemen. Im Anschlu&amp;szlig; an&lt;br /&gt;
		den Bericht von der Leipziger Buchmesse.&amp;laquo; &lt;/em&gt;(S. 140/41)&lt;/span&gt;&lt;/p&gt;
&lt;/blockquote&gt;
&lt;p class=&quot;rtejustify&quot;&gt;Von Ein-Wort-Eintr&amp;auml;gen, &amp;uuml;ber Einkaufszettel und andere Nebens&amp;auml;chlichkeiten, schafft Goetz es immer wieder intellektuelle H&amp;ouml;hen zu erklimmen und spektakul&amp;auml;re Reflexionsschleifen eing&amp;auml;nglich darzustellen. Diese synchronistische Daten-Darstellung kommt zun&amp;auml;chst befremdlich daher, da der Leser in diesem &amp;rsaquo;Pool-of-Consciousness&amp;lsaquo; einen langen Atem braucht, um Land zu sehen. Doch die Leuchtt&amp;uuml;rme der Pop-Kultur retten vor dem Untergang, denn fr&amp;uuml;her oder sp&amp;auml;ter taucht eine Referenz&amp;nbsp; auf, die den Leser wieder auf Kurs setzt.&lt;/p&gt;
&lt;h2 class=&quot;rtejustify&quot;&gt;
	Texttrotz&lt;/h2&gt;
&lt;p class=&quot;rtejustify&quot;&gt;Eindrucksvoll decken sich bei der Lekt&amp;uuml;re von Abfall f&amp;uuml;r alle die Probleme des Lesers mit denen des Erz&amp;auml;hlers. Das Verh&amp;auml;ltnis von Fiktion und Realit&amp;auml;t, subjektiv und objektiv und eben Produktion und Rezeption werden umfassend behandelt und machen diesen Roman zu einer sehr intensiven Lekt&amp;uuml;re.&lt;/p&gt;
&lt;blockquote class=&quot;rtejustify&quot;&gt;&lt;p&gt;
	&lt;span style=&quot;color:#696969;&quot;&gt;&lt;em&gt;&amp;raquo;630. Pl&amp;ouml;tzlich kams mir: da&amp;szlig; das FIKTIVE nat&amp;uuml;rlich der Ort des PRIVATEN ist. Da ist es dann sozial gehalten und gefa&amp;szlig;t. Und da&amp;szlig; das Nichtfikitive, das sozusagen AUTHENTISCHE f&amp;uuml;rs ALLGEMEINE zust&amp;auml;ndig w&amp;auml;re. Also genau umgekehrt als man doch im ersten Moment so denken w&amp;uuml;rde, ganz automatisch auch denkt. Blo&amp;szlig; ein unklarer Instinkt einem sagt: irgendwas daran stimmt nicht so ganz. Daran hatte ich vor Morgengrauen rum gemacht, ergebnislos, an diesem Problem. Immer verzwirbelter. Unter der Dusche l&amp;ouml;ste sich das dann auf, im Wasser, ja. (&amp;hellip;) Gerade solche Allgemeinheiten sind ja zugleich das Allerprivateste. (&amp;hellip;) Blo&amp;szlig; ob sie f&amp;uuml;r andere genauso wichtig sind wie f&amp;uuml;r einen selber im Moment, ist sehr die Frage. &amp;laquo;&amp;nbsp;&lt;/em&gt;&lt;/span&gt; &lt;span style=&quot;color:#696969;&quot;&gt;(S. 125)&lt;/span&gt;&lt;/p&gt;&lt;/blockquote&gt;
&lt;p class=&quot;rtejustify&quot;&gt;Die titelgebende Frage nach dem Abfall ist die Frage nach dem Standort der Kunst innerhalb der zeitgen&amp;ouml;ssischen Welt. Gibt es eine Grenze zwischen High-Culture und Low-Culture? Ist eine Unterscheidung &amp;uuml;berhaupt zul&amp;auml;ssig? Und nat&amp;uuml;rlich: Liegt die Kunst im Objekt selbst oder im Verst&amp;auml;ndnis des Betrachters?&lt;/p&gt;
&lt;blockquote class=&quot;rtejustify&quot;&gt;&lt;p&gt;
	&lt;span style=&quot;color:#696969;&quot;&gt;&lt;em&gt;&amp;bdquo;Das Fernsehen ist DER &amp;ouml;ffentliche Raum &amp;uuml;berhaupt, &amp;uuml;ber allen, f&amp;uuml;r alle, das Firmament. Was jeder sehen kann, wie er will, nach vollkommen eigenem Ermessen, nach eigener Lust.&amp;rdquo;&lt;/em&gt; (S. 120)&lt;/span&gt;&lt;/p&gt;&lt;/blockquote&gt;
&lt;p class=&quot;rtejustify&quot;&gt;Abfall f&amp;uuml;r alle bietet eine programmatische Antwort auf diese Fragen, indem der Erz&amp;auml;hler mit sich selbst &amp;uuml;ber diese M&amp;ouml;glichkeiten und Standpunkte diskutiert, mit sich hadert, verwirft und neu ausprobiert. Die Kunst von Goetz&amp;nbsp; ist die Gabe der reflektierenden Beobachtung. In dem er darstellt ohne zu werten kann er Grenzen &amp;uuml;berwinden. Alles ist gleichwertig, alles hat die Berechtigung zum &amp;Auml;sthetischen. Doch wohin damit? Nat&amp;uuml;rlich auf den M&amp;uuml;ll, dann kann sich jeder rauspicken, was ihm am besten gef&amp;auml;llt.&lt;/p&gt;
&lt;h2 class=&quot;rtejustify&quot;&gt;
	ALLgemein&lt;/h2&gt;
&lt;blockquote class=&quot;rtejustify&quot;&gt;&lt;p&gt;
	&lt;span style=&quot;color:#696969;&quot;&gt;&lt;em&gt;&amp;raquo;1133. Andere machen Post, gehen mit dem Hund raus oder bringen ihre Kinder in die Schule. Ich mache Abfall. Und werde davon im guten Fall ruhiger, konzentrierter und geordneter f&amp;uuml;r die eigentliche Arbeit am Text.&amp;laquo;&lt;/em&gt;&amp;nbsp; (S. 129)&lt;/span&gt;&lt;/p&gt;&lt;/blockquote&gt;
&lt;p class=&quot;rtejustify&quot;&gt;&lt;img alt=&quot;&quot; src=&quot;/sites/default/files/u152/5047892_5047892_xl.jpg&quot; style=&quot;width: 200px; height: 310px; float: left; border-width: 0pt; border-style: solid; margin: 20px;&quot; /&gt;Die Pointe dieses &lt;em&gt;Roman(s) eines Jahres&lt;/em&gt; ist, dass sich Goetz ausgerechnet f&amp;uuml;r den Abfall entscheidet. &lt;em&gt;Abfall f&amp;uuml;r alle ist&lt;/em&gt; eine M&amp;uuml;llkippe f&amp;uuml;r Gesagtes, Gedachtes, Erlebtes, Verschwiegenes, das eben doch mitgeteilt werden will. F&amp;uuml;r das es keinen Ort gibt an dem es abgelegt werden k&amp;ouml;nnte, ausser in diesem Abfall-Format der Literatur. Das abweichende Format sowie die sprachliche und stilistische Rafinesse erzeugen den Eindruck von Anarchie im Text, als Text. &lt;em&gt;Abfall f&amp;uuml;r alle&lt;/em&gt; verwirft die geltenden Regeln der Kunst und probiert v&amp;ouml;llig Neues aus. Wild, chaotisch, zuweilen gehetzt teilt der Erz&amp;auml;hler seine Eindr&amp;uuml;cke mit. Pr&amp;auml;sentiert dem Leser schnelle Bilderfolgen, wie ein 90er-Jahre Technoclip. Immer mehr immer weiter immer schneller. Alles ist Kunst alles ist M&amp;uuml;ll: alles ist f&amp;uuml;r alle!&lt;/p&gt;
&lt;p class=&quot;rtejustify&quot;&gt;&lt;em&gt;Goetz, Rainald: Abfall f&amp;uuml;r Alle. Roman eines Jahres (Online-Tagebuch, 1998/99, 5.5.). Frankfurt am Main: Suhrkamp, 1999. 864 Seiten. ISBN 987-3-518-45542-5. Euro 19,50.&lt;/em&gt;&lt;/p&gt;
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 <category domain="http://www.kritische-ausgabe.de/tags/k%C3%A4mmerlings">Kämmerlings</category>
 <category domain="http://www.kritische-ausgabe.de/kategorie/literatur/literatur-kritik">Literatur - Kritik</category>
 <pubDate>Wed, 18 Jan 2012 20:16:04 +0000</pubDate>
 <dc:creator>Dirk Walbrühl</dc:creator>
 <guid isPermaLink="false">4783 at http://www.kritische-ausgabe.de</guid>
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 <title>»Man denkt noch rasch an Geld und solche Dinge«</title>
 <link>http://www.kritische-ausgabe.de/artikel/%C2%BBman-denkt-noch-rasch-geld-und-solche-dinge%C2%AB</link>
 <description>&lt;!--break--&gt;&lt;!--break--&gt;&lt;p&gt;Das 23. Heft der &amp;raquo;Kritischen Ausgabe&amp;laquo; (&amp;raquo;K.A.&amp;laquo;) wird sich dem Themenschwerpunkt &amp;raquo;Geld&amp;laquo; widmen. Damit wendet sich die &amp;raquo;K.A.&amp;laquo; einem Begriffsfeld zu, dessen anhaltende Aktualit&amp;auml;t gerade mit Blick auf die finanzpolitischen Entwicklungen in Europa au&amp;szlig;er Frage steht. Aber nicht nur politisch ist dieses Thema immer wieder aktuell und wird es wohl auch im Jahr 2012 bleiben. Auch in Literaturproduktion und -wissenschaft hat es in den letzten Jahren gleicherma&amp;szlig;en verst&amp;auml;rkte Beachtung gefunden.Prominente Beispiele sind Christof Magnussons Roman &lt;em&gt;Das war ich nicht&lt;/em&gt; oder der Essay &lt;em&gt;Das Gespenst des Kapitals&lt;/em&gt; des Berliner Literaturwissenschaftlers Joseph Vogl. &amp;raquo;Geld&amp;laquo; wurde jedoch nicht erst nach der Jahrtausendwende als literarisches Thema entdeckt. Bereits im 18. Jahrhundert entwickelte es sich zu einem der gro&amp;szlig;en Motive der Literatur.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;	Der 1919 gestorbene, &amp;ouml;sterreichische Schriftsteller Peter Altenberg schrieb: &amp;raquo;Geld ist eine vollkommen gleichwertige Kraft zur Erhaltung unseres Organismus wie unsere &amp;uuml;brige Nervenkraft. Es ist ganz ebenso ein Erzeuger, Erhalter, Steigerer unserer Gesamt-Lebens-Energien.&amp;laquo; Geld ist also nicht lediglich ein Thema, das von der Literatur in vielf&amp;auml;ltiger Weise aufgegriffen wird, die Beziehung zwischen beiden ist komplexer, sind doch beide Mittel, die demselben Zweck dienen: dem Austauschen von Inhalten und dem Transport von Werten vermittelt durch bestimmte Zeichen. Und noch etwas wird in den Worten Peter Altenbergs deutlich: die Schnittstelle zwischen Geld und Pers&amp;ouml;nlichkeit bzw. das spannungsreiche Verh&amp;auml;ltnis zwischen Individualit&amp;auml;t und Kapitalismus.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;	F&amp;uuml;r ihr n&amp;auml;chstes Themenheft sucht die &amp;raquo;Kritische Ausgabe&amp;laquo; wissenschaftliche Beitr&amp;auml;ge, die sich dem oben skizzierten Thema widmen und es nicht nur aus literaturwissenschaftlichem Blickwinkel beleuchten, sondern sich dem Thema &amp;raquo;Geld&amp;laquo; auch aus der Perspektive anderer wissenschaftlicher Disziplinen n&amp;auml;hern.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;	Wir m&amp;ouml;chten Sie zun&amp;auml;chst bitten, Ihr Thema in einem &lt;strong&gt;kurzen Expos&amp;eacute;&lt;/strong&gt; von etwa 3.500 Zeichen (inklusive Leerzeichen) zu skizzieren. Bitte schicken Sie dieses Expos&amp;eacute; bis einschlie&amp;szlig;lich &lt;strong&gt;Mittwoch, den 29.02.2012,&lt;/strong&gt; an: &lt;a href=&quot;mailto:heft@kritische-ausgabe.de&quot;&gt;heft@kritische-ausgabe.de&lt;/a&gt;.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;	Sie erhalten dann bis zum &lt;strong&gt;31.03.2012&lt;/strong&gt; eine &lt;strong&gt;R&amp;uuml;ckmeldung &lt;/strong&gt;zu ihrem Expos&amp;eacute;, in der wir Sie ggf. um einen ausf&amp;uuml;hrlich formulierten Beitrag bitten, den Sie bitte sp&amp;auml;testens am &lt;strong&gt;31.05.2012&lt;/strong&gt; einreichen. Der Text sollte einen Umfang von 18.000 Zeichen (inklusive Leerzeichen und Anmerkungsapparat) nicht &amp;uuml;berschreiten. Erscheinungstermin des Heftes: Oktober 2012.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;
	Wir freuen uns auf Ihre Beitr&amp;auml;ge!&lt;br /&gt;
	&amp;nbsp;&lt;/p&gt;
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 <category domain="http://www.kritische-ausgabe.de/kategorie/gesamt/redaktion">Redaktion</category>
 <pubDate>Tue, 17 Jan 2012 07:00:00 +0000</pubDate>
 <dc:creator>Ute Friederich</dc:creator>
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 <title>Einfältig? Nein, präzise, nüchtern &amp; sensibel! </title>
 <link>http://www.kritische-ausgabe.de/artikel/einf%C3%A4ltig-nein-pr%C3%A4zise-n%C3%BCchtern-sensibel</link>
 <description>&lt;p&gt;&amp;raquo;Die Erde dreht sich, und man kann nur warten, da&amp;szlig; sie sich weiterdreht und sich dadurch die Perspektive &amp;auml;ndert, so da&amp;szlig; man die Dinge eben auch mal wieder anders sieht.&amp;laquo; Insgesamt 29 kleinere und gr&amp;ouml;&amp;szlig;ere Perspektivwechsel, verpackt als Simple Storys, bilden beziehungsweise entschl&amp;uuml;sseln auf 320 Seiten den &lt;em&gt;Roman aus der ostdeutschen Provinz&lt;/em&gt;.&lt;/p&gt;
&lt;!--break--&gt;&lt;!--break--&gt;&lt;p&gt;Ingo Schulze, 1962 in Dresden geboren, lebte vier Jahre in Altenburg, dem Hauptschauplatz seines 1998 im Berlin Verlag erschienenen Romans. Im selben Jahr erhielt er daf&amp;uuml;r den Berliner Literaturpreis mit Johannes-Bobrowski-Medaille.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;
	Obschon sich viele Gr&amp;uuml;nde f&amp;uuml;r den Erfolg des Romans und dessen &lt;em&gt;&lt;em&gt;&lt;img alt=&quot;&quot; src=&quot;/sites/default/files/u152/qawqfq_1.png&quot; style=&quot;margin: 20px; float: right; width: 239px; height: 600px;&quot; /&gt;&lt;/em&gt;&lt;/em&gt;Auszeichnung finden lassen, wird schnell deutlich: Die &amp;auml;u&amp;szlig;ere Handlung ist keiner davon. Hat man diese und die Zusammenh&amp;auml;nge zwischen den etwa 20 Protagonisten erst einmal entwirrt und zusammengepuzzelt, wird man schmerzlich feststellen, dass man daran seine Zeit verschwendet hat &amp;ndash; sie sind einzig Instrument des Erz&amp;auml;hlers. Ingo Schulzes Intention, die Auswirkungen der Wende in Ostdeutschland, im von ihm gew&amp;auml;hlten Zeitraum von 1990 bis 1997, aufzuzeigen, erreicht den Leser auch ohne sie.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;
	Die Geschichte einer Entwicklung, besser gesagt eines Zusammenbruches, des ehemaligen SED-Mitglieds Ernst Meurer wird auff&amp;auml;llig deutlich und aufwendig in den Roman eingeflochten. Ihm wird aufgrund eines noch vor der Wende verfassten Leserbriefs die Zugeh&amp;ouml;rigkeit zur Stasi nachgesagt, worauf er seine Arbeit als Schuldirektor k&amp;uuml;ndigt und aus der Partei austritt. Nachdem er im Februar 1990 auf einer Italienreise mit dieser Vergangenheit konfrontiert wird, setzen bei ihm Misstrauens- und Verschw&amp;ouml;rungs&amp;auml;ngste ein. Diese erreichen ihren H&amp;ouml;hepunkt mit Meurers Warnschuss aus seiner Gaspistole im Treppenhaus, mit dem er sich endg&amp;uuml;ltig Ruhe verschaffen will, und enden mit der anschlie&amp;szlig;enden Einweisung in die Psychiatrie. So platt bekommt der Leser die Akte Meurer selbstverst&amp;auml;ndlich nicht vorgelegt. Sie bildet sich aus Reiseberichten oder Psychiatriebesuchen, berichtet aus immer wechselnden Perspektiven, langsam heraus.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;
	Oder nehmen wir eines der wenigen pers&amp;ouml;nlichen Aufeinandertreffen zwischen Ost- und Westdeutschland in der zweiten Story. Connie Schubert kellnert im &amp;raquo;Wenzel&amp;laquo; &amp;ndash; Harry Nelson war ein gern gesehener Gast aus Frankfurt, der in der Gegend nach Bauland suchte. Diese Episode endet damit, dass Connie Schubert von Harry Nelson vergewaltigt wird und beide die Stadt nach kurzer Zeit in unterschiedliche Richtungen verlassen. Beide Personen tauchen im weiteren Verlauf nur noch als Randfiguren auf. Dennoch brennt sich die Geschichte ein. Vielleicht durch die prominente Stellung auf Nummer zwei, vielleicht dadurch, dass man schnell lernt Verkn&amp;uuml;pfungen zu erstellen oder alte F&amp;auml;den aufzugreifen und hier entt&amp;auml;uscht wird. Vielleicht aber auch, weil Connie zu den wenigen geh&amp;ouml;rt, die es rechtzeitig in den Westen geschafft haben und denen es dadurch besser ergeht.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;
	&lt;img alt=&quot;&quot; src=&quot;/sites/default/files/u82/Simple%20Storys_neu.JPG&quot; style=&quot;float: left; margin: 20px; width: 200px; height: 315px;&quot; /&gt;Doch mehr als diese sparsamen Informationen, die vom Erz&amp;auml;hler &amp;auml;u&amp;szlig;erst pr&amp;auml;zise gesetzt werden, braucht es nicht, um ein Gef&amp;uuml;hl f&amp;uuml;r die Bitterkeit, den Zerfall und die Problematiken der Zeit nach der Wende zu erhalten. Dass, wie beispielsweise in Ernst Meurers Fall, aus immer wechselnden Perspektiven auf die Geschehnisse geblickt wird, verbindet die Erz&amp;auml;hlungen ebenso geschickt miteinander, wie deren klarer und punktgenauer Stil.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;
	Man trifft als Leser nur vereinzelt auf starke Gef&amp;uuml;hle oder gar innere Monologe, auch wenn in 16 der 29 Storys ein Ich-Erz&amp;auml;hler zu Wort kommt. Selbst die Wiedergabe unfassbarer Todesf&amp;auml;lle, wie dem des verkannten Schriftstellers Enrico Friedrich, der nach einem Selbstmord im Treppenhaus von seinen Nachbarn gefunden wird, ist n&amp;uuml;chtern und protokollarisch.&lt;/p&gt;
&lt;blockquote&gt;&lt;p&gt;
	Friedrich lag eine Treppe h&amp;ouml;her unterm Fenster, das Gesicht nach unten, das rechte Bein unnat&amp;uuml;rlich verdreht. Erst nach einer Weile bemerkte ich das Blut, das ihm aus Mund und Nase lief. Sein linkes Auge war ge&amp;ouml;ffnet, das rechte nicht zu sehen. Niemand wollte Friedrich ber&amp;uuml;hren. [&amp;hellip;] Zuerst dachte ich, Friedrich habe wohl selbst gemerkt, da&amp;szlig; niemand sein Zeug lesen wollte, und sich deshalb kopf&amp;uuml;ber die Treppe heruntergest&amp;uuml;rzt. Petra sagte jedoch, das sei noch lange kein Grund, sich umzubringen.&lt;/p&gt;&lt;/blockquote&gt;
&lt;p&gt;
	Eine weitere Besonderheit sind die Momente, in denen die Handlung durch das sensible Beobachten des Erz&amp;auml;hlers in den Hintergrund ger&amp;uuml;ckt wird. In &amp;raquo;Kapitel 16 &amp;ndash; B&amp;uuml;chsen&amp;laquo; trifft Schwesternsch&amp;uuml;lerin Jenny auf Marianne Schubert, mit deren Mann sie noch bis zu seinem Tod eine Aff&amp;auml;re hatte und sie unterhalten sich. Wor&amp;uuml;ber ist egal. Das Wesentliche ist die Aspirintablette im Wasserglas, die immer wieder das Gespr&amp;auml;ch unterbricht:&lt;/p&gt;
&lt;blockquote&gt;&lt;p&gt;
	Sie zog das Glas zu sich heran und lie&amp;szlig; eine Aspirintablette aus der Verpackung ins Wasser fallen. [&amp;hellip;] Beide Frauen beobachteten die Aspirintablette, die sich am Glasboden wie eine Flunder bewegte. [&amp;hellip;] &amp;raquo;Wie Brausepulver&amp;laquo;, sagte Jenny. [&amp;hellip;] Die Tablette schwamm an der Oberfl&amp;auml;che. Einzelne St&amp;uuml;cke l&amp;ouml;sten sich ab und trieben zum Rand. Aus dem Glas spr&amp;uuml;hte es auf den Briefumschlag. [&amp;hellip;] Die Frau hielt das Glas mit der aufgel&amp;ouml;sten Tablette in der Hand. [&amp;hellip;] In dem leeren Glas war von der Tablette ein schmaler wei&amp;szlig;er Ring zur&amp;uuml;ckgeblieben. [&amp;hellip;] &amp;raquo;Ist Ihnen besser &amp;ndash; mit der Aspirin?&amp;laquo;&lt;/p&gt;&lt;/blockquote&gt;
&lt;p&gt;
	Nimmt man sich also die Zeit, alle Handlungsstr&amp;auml;nge und Konstellationen aufzul&amp;ouml;sen und den Roman anschlie&amp;szlig;end ein zweites Mal zu lesen, gleicht dieser das Entwirren und Puzzeln mit all seinen Besonderheiten aus und Erfolg und Auszeichnungen erweisen sich als durchaus angemessen.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;	&lt;em&gt;Schulze, Ingo: Simple Storys. Ein Roman aus der ostdeutschen Provinz. M&amp;uuml;nchen: Deutscher Taschenbuch Verlag, 1999. 320 Seiten. ISBN 978-3-423-12702-8. Euro 9,90.&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;
	&amp;nbsp;&lt;/p&gt;
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 <category domain="http://www.kritische-ausgabe.de/tags/k%C3%A4mmerlings">Kämmerlings</category>
 <category domain="http://www.kritische-ausgabe.de/kategorie/literatur/literatur-kritik">Literatur - Kritik</category>
 <pubDate>Mon, 16 Jan 2012 07:00:00 +0000</pubDate>
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 <title>Gekommen um zu bleiben?</title>
 <link>http://www.kritische-ausgabe.de/artikel/gekommen-um-zu-bleiben-1</link>
 <description>&lt;p&gt;Es ist kein gro&amp;szlig;es Geheimnis, da&amp;szlig; sich Gegenwartsliteratur weder als Ganzes erfassen noch sinnvoll kategorisieren l&amp;auml;&amp;szlig;t. Zu gro&amp;szlig; ist die Zahl der j&amp;auml;hrlichen Ver&amp;ouml;ffentlichungen, zu un&amp;uuml;bersichtlich die verschiedenen Str&amp;ouml;mungen. Anders als bei zeitlich weiter zur&amp;uuml;ckliegenden Publikationen, haben hier noch wenige Kr&amp;auml;fte gesiebt. Umso bemerkenswerter ist es immer wieder, wenn ein Kritiker wie zuletzt der Feuilletonredakteur der Welt Richard K&amp;auml;mmerlings mit seinem Buch &lt;em&gt;Das kurze Gl&amp;uuml;ck der Gegenwart. Deutschsprachige Literatur seit `89&lt;/em&gt; eben diesen Versuch unternimmt, einen ersten &amp;Uuml;berblick zu bieten.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Da&amp;szlig; dabei ein vor allem pers&amp;ouml;nlicher Einblick in die deutschsprachige Literatur aus etwas &amp;uuml;ber 20 Jahren herauskommt, wundert kaum. So betont &amp;nbsp;K&amp;auml;mmerlings in dem schmalen B&amp;auml;ndchen wiederholt, da&amp;szlig; einzelne B&amp;uuml;cher ihn selbst besonders gepr&amp;auml;gt haben, und so wird klar, warum einige Texte st&amp;auml;rkere Beachtung finden als andere, an die man selber vielleicht gedacht h&amp;auml;tte. Dennoch versucht er zu verdeutlich, was f&amp;uuml;r ihn Kriterien eines guten Romans sind. Seine Hauptforderung an Gegenwartsliteratur ist, da&amp;szlig; sie die Gegenwart verhandeln soll. Interessanterweise beginnt er das erste Kapitel, &amp;raquo;Jeschichte wird gemacht: Berlin als Topos des Terrors&amp;laquo;, jedoch nicht mit B&amp;uuml;chern, die &amp;uuml;ber die Gegenwart im strengen Sinne berichten, denn mit Terror ist, wenig verwunderlich, der Naziterror des vergangenen Jahrhunderts gemeint.&lt;/p&gt;
&lt;blockquote&gt;&lt;p style=&quot;margin-left:35.4pt;&quot;&gt;Der Gegenwartsroman der fr&amp;uuml;hen neunziger Jahre ist daher zuallererst ein Vergangenheitsroman, denn die R&amp;uuml;ckkehr dieser Vergangenheit war gerade ein Teil dieser Gegenwart.&lt;em&gt;&lt;em&gt;&lt;img alt=&quot;&quot; src=&quot;/sites/default/files/u152/qawqfq_1.png&quot; style=&quot;margin: 20px; float: right; width: 239px; height: 600px;&quot; /&gt;&lt;/em&gt;&lt;/em&gt;&lt;/p&gt;
&lt;/blockquote&gt;
&lt;p&gt;Somit wird klar, da&amp;szlig; er mit Gegenwart auch eine gewisse Kollektiverfahrung seiner Generation meint, die f&amp;uuml;r uns heute eine solch pr&amp;auml;gende Bedeutung verloren haben d&amp;uuml;rfte: Es ist schwer, Marcel Beyers recht komplexen Roman &lt;em&gt;Flughunde&lt;/em&gt; die Relevanz beizumessen, die K&amp;auml;mmerlings ihm gibt. Indem er darstellt, da&amp;szlig; hier ein Buch vorliegt, das &amp;raquo;angesichts der realen, neu zug&amp;auml;nglichen Topographie [...] selbst Arbeit am neuen Berlin Mythos&amp;laquo; ist, verdeutlicht er, da&amp;szlig; die NS-Vergangenheit damals besonders in die Gegenwart ragte: &amp;raquo;Beyers Roman reagiert seismographisch auf das Geschichtsgef&amp;uuml;hl der neunziger Jahre.&amp;laquo; Daran, da&amp;szlig; &lt;em&gt;Flughunde&lt;/em&gt; eigentlich ein historischer Roman ist &amp;ndash; der intelligent ist, aber kaum ber&amp;uuml;hrt &amp;ndash; &amp;auml;ndert diese Einordnung in die damalige Gegenwart kaum etwas, seine Wichtigkeit f&amp;uuml;r die damalige Zeit k&amp;ouml;nnen wir K&amp;auml;mmerlings heute nur glauben oder nicht.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Seine Aufz&amp;auml;hlung, er wisse &amp;raquo;einfach nicht, was Julia Francks &lt;em&gt;Mittagsfrau&lt;/em&gt;, Daniel Kehlmanns &lt;em&gt;Vermessung der Welt&lt;/em&gt; oder Tellkamps &lt;em&gt;Turm&lt;/em&gt; mit der Gegenwart zu tun haben&amp;laquo;, k&amp;ouml;nnte man heute um Beyers &lt;em&gt;Flughunde &lt;/em&gt;guten Gewissens erweitern. Andererseits gilt f&amp;uuml;r &amp;Uuml;berbleibsel der DDR das gleiche wie f&amp;uuml;r das, was er f&amp;uuml;r Berlin der 90er Jahre feststellt: &amp;raquo;In Berlin ragen die Reste einer immer noch nicht bew&amp;auml;ltigten Vergangenheit in die Gegenwart.&amp;laquo; Warum, so dr&amp;auml;ngt sich beim Lesen auf, pa&amp;szlig;t also Tellkamps Roman dann nicht auf gleiche Weise in sein Gegenwartskonzept?&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Sieht man jedoch von seinem nicht immer nachvollziehbaren Beharren auf der Forderung nach Gegenw&amp;auml;rtigkeit der Literatur ab, erweist sich sein Einblick in die letzten Jahre deutschsprachiger Gegenwartsliteratur als sehr erhellend. Spannend sind nicht nur seine Erinnerungen an schon fast wieder Vergessenes, sondern nat&amp;uuml;rlich auch Hinweise auf Nichtwahrgenommenes. Aufgabe des Kritikers ist es, die neuen B&amp;uuml;cher zu sichten und zwischen Lob, Verri&amp;szlig; oder Nichtbeachtung zu entscheiden. Die Tendenz, Rezensionen im Daumen-hoch oder -runter Modus zu verfassen und B&amp;uuml;cher nicht weiter einzuordnen, hat in Zeiten von Amazonkundenrezensionen leider oft auch in Tageszeitungen Einzug gehalten und so fordern Rezensenten scheinbar immer seltener von sich, das gesamte Werk eines Autors gesichtet zu haben. Mitunter schaffen sie es sicher einfach auch aus Zeitmangel nicht, umfangreichere B&amp;uuml;cher in gleicher Genauigkeit wie schmalere zu betrachten, wie &lt;a href=&quot;http://jungle-world.com/artikel/2010/04/40262.html&quot;&gt;J&amp;ouml;rg Sundermeier in einem Artikel &lt;/a&gt;vergangenes Jahr andeutete. Konsequent ist K&amp;auml;mmerlings Versuch also vor allem auch in der Hinsicht, sich f&amp;uuml;r einen &amp;Uuml;berblick mehr Zeit und Raum zu geben, als dieser in den Tageszeitungen gegeben w&amp;auml;re, und somit auch alte F&amp;auml;den aus seinen Rezensionen wieder aufzunehmen.&lt;/p&gt;
&lt;h2&gt;
	K&amp;auml;mmerlings und die Literatur&lt;/h2&gt;
&lt;p&gt;K&amp;auml;mmerlings betrachtet die Literatur vor allem anhand von Themen des Zeitgeschehens seit 1989. Auf das Kapitel &amp;uuml;ber &amp;raquo;Berlin als Topos des Terrors&amp;laquo; folgen acht weitere Kapitel, die sich u. a. mit der Frage, warum Krieg in der deutschen Literatur trotz z.B. des Jugoslawienkonflikts kein Thema sei, der Wiedervereinigung oder zeitlosen Themen wie dem Tod besch&amp;auml;ftigen. Mit jedem der Abschnitte fokussiert K&amp;auml;mmerlings die Darstellung von vier bis f&amp;uuml;nf Werken, oft lobend, mitunter auch kritisierend, wenn sie zum Beispiel seiner Meinung nach das Thema knapp verfehlten, das er als das eigentliche Hauptthema erwarten w&amp;uuml;rde.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Seine Reise durch die Literatur der letzten Jahre schreibt K&amp;auml;mmerling in lockerem, mitunter s&amp;uuml;ffigem Ton und man merkt ihm seine Lust an der Literatur an. Da&amp;szlig; er hierbei auch gezielt den Wiederspruch sucht, zeigt, wie er seine Forderungen an die Literatur, die er im Vorwort ausf&amp;uuml;hrt, formuliert:&lt;/p&gt;
&lt;blockquote&gt;&lt;p style=&quot;margin-left:35.4pt;&quot;&gt;&lt;span style=&quot;color:#696969;&quot;&gt;&lt;em&gt;Das Historische im Roman darf kein Selbstzweck sein, schon gar nicht nur bunte Kulisse, sondern muss immer auch &amp;raquo;Vorgeschichte&amp;laquo; des Heute sein, wie eine Krankheit oder ein Verbrechen eine Vorgeschichte hat.&lt;/em&gt;&lt;/span&gt;&lt;/p&gt;
&lt;/blockquote&gt;
&lt;p&gt;Das schreibt er, nicht ohne zuvor &amp;auml;u&amp;szlig;erst pr&amp;auml;gnant &lt;em&gt;In seiner fr&amp;uuml;hen Kindheit ein Garten &lt;/em&gt;von Christoph Hein oder &lt;em&gt;Die Mittagsfrau&lt;/em&gt; von Julia Franck niedergeb&amp;uuml;gelt zu haben. Franck schildere in ihrem Roman &amp;raquo;eine Weimarer Republik [...], die wie von einem Kost&amp;uuml;mfilm &amp;uuml;ber die Goldenen Zwanziger abgepinselt wirkt.&amp;laquo; Das macht Freude und verspricht eine unterhaltsame Lekt&amp;uuml;re seines Buches.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Mitunter sind die in den einzelnen Kapiteln fokussierten B&amp;uuml;cher zu ausf&amp;uuml;hrlich beschrieben und man h&amp;auml;tte sich einen breiteren Einblick in die Literaturproduktion der verhandelten Jahre gew&amp;uuml;nscht. So stellt er selbst fest, da&amp;szlig; &amp;raquo;moderne Klassiker&amp;laquo; wie Christa Wolf, Martin Walser oder Peter Handke &amp;raquo;zu kurz gekommen&amp;laquo; sind. Doch geh&amp;ouml;ren sie nicht zu dem, was er &amp;raquo;im weitesten Sinne als Zeitgenossenschaft&amp;laquo; empfindet. Dabei w&amp;auml;re gerade der Blick auf einen modernen Klassiker, den er in seiner Erkl&amp;auml;rung interessanterweise ausl&amp;auml;&amp;szlig;t, nicht minder wichtig, wenn man die gegenw&amp;auml;rtige Auseinandersetzung mit der Geschichte des Naziterrors als gegenw&amp;auml;rtig akzeptiert: In &lt;em&gt;Beim H&amp;auml;uten der Zwiebel&lt;/em&gt; beschreibt G&amp;uuml;nter Grass deutlich intensiver die Nazizeit als Marcel Beyer. Grass&amp;lsquo; Buch ist zugleich eine Auseinandersetzung mit dieser und das Eingestehen der eigenen Schuld, was ihn offensichtlich Jahrzehnte sp&amp;auml;ter noch besch&amp;auml;ftigt. Damit ist dieser Text gegenw&amp;auml;rtiger als Marcel Beyers &lt;em&gt;Flughunde&lt;/em&gt;, denn man sollte nicht vergessen, da&amp;szlig; gerade Grass durch seine in &lt;em&gt;Beim H&amp;auml;uten der Zwiebel &lt;/em&gt;umkreiste Mitgliedschaft in der Waffen-SS und die darauf folgenden Diskussionen Gegenwart erzeugte, wie es Literatur nur selten gelingt. Hier war weniger die Gegenwart Ausl&amp;ouml;ser f&amp;uuml;r den Roman als dieser Ausl&amp;ouml;ser einer breiten Debatte, die auch vor Leuten nicht verborgen blieb, die sich sonst kaum mit Literatur besch&amp;auml;ftigen.&lt;/p&gt;
&lt;h2&gt;
	Die besten zehn B&amp;uuml;cher der letzten 20 Jahre&lt;/h2&gt;
&lt;p&gt;Daneben bietet auch der von ihm aufgelistete Kanon von zehn B&amp;uuml;chern (der Klappentext k&amp;uuml;ndigt diese als die &amp;raquo;besten zehn B&amp;uuml;cher der letzten 20 Jahre&amp;laquo; an), die er wiederum explizit als rein pers&amp;ouml;nlichen betrachtet, Gelegenheit zu einem wunderbar produktiven Streiten. Thomas Hettches &lt;em&gt;Die Liebe der V&amp;auml;ter&lt;/em&gt; zum Beispiel, das er ausgiebig thematisiert und den er auch als einen herausragenden Autor immer wieder &amp;ndash; oft sehr kritisch &amp;ndash; behandelt, ist in seiner Liste eine Leerstelle, &amp;uuml;ber die zu sprechen w&amp;auml;re. Aber das Sch&amp;ouml;ne an seinem Buch ist eben, da&amp;szlig; man dar&amp;uuml;ber diskutieren kann, welche Publikationen nun als die wichtigsten Titel der Gegenwartsliteratur der letzten Jahre zu gelten haben.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Anla&amp;szlig;, sich die zehn B&amp;uuml;cher genauer anzusehen, ist sein Text allemal. Dies greifen die Redakteure der Kritischen Ausgabe in unterschiedlichen Herangehensweisen auf, indem sie die B&amp;uuml;cher wieder- oder neulesen. Unsere Meinungen zu lesen und gegebenenfalls auch zu diskutieren, m&amp;ouml;chten wir Sie in unserem Onlineschwerpunkt einladen.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;Richard K&amp;auml;mmerlings: Das kurze Gl&amp;uuml;ck der Gegenwart. Deutschsprachige Literatur seit `89. Stuttgart: Klett-Cotta 2011. 208 Seiten. ISBN: 978-3-608-94607-9. 16,95 Euro.&lt;/em&gt;&lt;/p&gt;
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 <category domain="http://www.kritische-ausgabe.de/tags/k%C3%A4mmerlings">Kämmerlings</category>
 <category domain="http://www.kritische-ausgabe.de/kategorie/literatur/literatur-kritik">Literatur - Kritik</category>
 <pubDate>Wed, 11 Jan 2012 17:39:49 +0000</pubDate>
 <dc:creator>Benedikt Viertelhaus</dc:creator>
 <guid isPermaLink="false">4777 at http://www.kritische-ausgabe.de</guid>
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 <title>Faust und das Ewig-Weibliche</title>
 <link>http://www.kritische-ausgabe.de/artikel/faust-und-das-ewig-weibliche</link>
 <description>&lt;p&gt;&lt;a href=&quot;http://www.kritische-ausgabe.de/artikel/k%C3%B6rper-geist-und-seele&quot;&gt;K&amp;ouml;rper, Geist und Seele&lt;/a&gt;: Daran kn&amp;uuml;pfe ich an. Eine wichtige Gestalt der deutschen Literatur &amp;uuml;berschreibt seine Seele dem Teufel. Der Film &lt;a href=&quot;http://youtu.be/iqkoLV81E3c&quot;&gt;&lt;em&gt;Faust&lt;/em&gt;&lt;/a&gt; des Russen Alexander Sokurow bekam am 11. September 2011 den Goldenen L&amp;ouml;wen der Filmfestspiele von Venedig. Michael Fassbender spielt den Faust in dem auf Deutsch gedrehten Film. Weitere Darsteller: Florian Br&amp;uuml;ckner und Hanna Schygulla. Es geht um einen Sexs&amp;uuml;chtigen, und wenn man las, der Regisseur habe den Stoff &amp;raquo;ziemlich frei behandelt&amp;laquo;, sollte das wohl bedeuten, dass von Goethes nach Wissen gierendem Geist, der seine Seele dem Mephisto verkauft, nicht viel &amp;uuml;brig geblieben ist.&lt;/p&gt;
&lt;!--break--&gt;&lt;!--break--&gt;&lt;p&gt;Vorbild f&amp;uuml;r den Doktor Faustus k&amp;ouml;nnte der gnostische Prophet, Wundert&amp;auml;ter und Zauberer &lt;a href=&quot;http://de.wikipedia.org/wiki/Simon_Magus&quot;&gt;Simon Magus&lt;/a&gt; gewesen sein, von dem in der Apostelgeschichte ein Wortgefecht mit Petrus &amp;uuml;berliefert ist. &lt;a href=&quot;http://de.wikipedia.org/wiki/Hans_Jonas&quot;&gt;Hans Jonas&lt;/a&gt; (1903&amp;ndash;1993) schreibt in seinem Buch &lt;em&gt;Gnosis&lt;/em&gt;, &amp;raquo;dass Simon in der lateinischen Umwelt den Beinamen &lt;em&gt;Faustus&lt;/em&gt; (&amp;rsaquo;der Beg&amp;uuml;nstigte&amp;lsaquo;) benutzte: dies zeigt, gemeinsam mit seinem st&amp;auml;ndigen Beinamen &amp;rsaquo;der Magier&amp;lsaquo; und der Tatsache, dass er von einer Helena begleitet wurde, die, wie er behauptete, die wiedergeborene Helena von Troja war, dass wir hier eine der Quellen der Faustlegende der fr&amp;uuml;hen Renaissance vor uns haben.&amp;laquo;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Bei Goethe trifft Faust Helena im dritten Akt des zweiten Teils. Ihr Sohn Euphorion (gezeugt mit Achilleus) wurde von Zeus, dessen Liebe er nicht erwiderte, durch einen Blitz get&amp;ouml;tet und bittet seine Mutter: &amp;raquo;Lass mich im Jenseits nicht allein.&amp;laquo; Sie klagt noch: &amp;raquo;Zerrissen ist des Lebens wie der Liebe Band. / Bejammernd beide, sag&amp;rsquo; ich schmerzlich Lebewohl. / [...] Persephoneia, nimm den Knaben auf und mich.&amp;laquo; Sie umarmt Faust und l&amp;auml;sst ihm seine Gew&amp;auml;nder zur&amp;uuml;ck.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Die Gnosis war fr&amp;uuml;her als das Christentum, wollte aber dennoch christlich sein. Simon Magus war ein Rivale der Apostel, und er machte keine halben Sachen: Er gab sich als die h&amp;ouml;chste Gotteskraft aus, noch &amp;uuml;ber den Weltsch&amp;ouml;pfer erhaben, und seine Helena war &amp;raquo;die aus den oberen Himmeln herabgef&amp;uuml;hrte Weisheit, die Mutter des Alls&amp;laquo;. Hans Jonas &amp;auml;u&amp;szlig;ert sich bewundernd &amp;uuml;ber Simons &amp;rsaquo;Unverfrorenheit&amp;lsaquo;.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Helena oder Luna geh&amp;ouml;rte zu einem Kreis von 30 Sch&amp;uuml;lern des Dositheos (30 f&amp;uuml;r jeden Tag des Monats), den Simon entmachtete, wobei auch Helena ihm zufiel. Also lie&amp;szlig; er sich danach als Zeus, Helena als Athene verehren. Dass Simon sie aus einem Bordell in Tyros geholt habe, brachte der christliche Autor &lt;a href=&quot;http://de.wikipedia.org/wiki/Iren%C3%A4us_von_Lyon&quot;&gt;Iren&amp;auml;us&lt;/a&gt; in Umlauf. Die Christen taten, was sie konnten, um Simon in Verruf zu bringen.&lt;/p&gt;
&lt;h5&gt;
	Die &lt;em&gt;Anima&lt;/em&gt; kann auch eine Hure sein&lt;/h5&gt;
&lt;p&gt;Der Schweizer Psychologe &lt;a href=&quot;http://de.wikipedia.org/wiki/Carl_Gustav_Jung&quot;&gt;Carl Gustav Jung&lt;/a&gt; (1875&amp;ndash;1961) erw&amp;auml;hnt die Iren&amp;auml;us-Version in seinem Aufsatz &lt;em&gt;Seele und Erde&lt;/em&gt; (1927). Darin spekuliert er &amp;uuml;ber die Seele und stellt den Begriff vor, mit dem er bekannt wurde: den &lt;em&gt;Archetypus&lt;/em&gt;. Archetypen sind der erdgebundene Anteil der Seele, vererben sich mit der Hirnstruktur und sind der Anteil, mit dem die Seele &amp;ndash; &amp;raquo;ein ausgedehntes Gebiet sogenannter psychischer Ph&amp;auml;nomene&amp;laquo; &amp;ndash; mit der Natur verhaftet ist.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Wir leben sozusagen seelisch im oberen Stockwerk eines Hauses, das nach unten hin immer &amp;auml;lter wird und dessen Fundamente wom&amp;ouml;glich aus der R&amp;ouml;merzeit stammen. Jung spricht von der &lt;em&gt;Anima&lt;/em&gt;, die, weiblich gestimmt, die Emotionen des Mannes beherrscht, und vom &lt;em&gt;Animus&lt;/em&gt;, der die Frau unterirdisch leitet, wie es in China die himmlische Schen- und die irdische Gui-Seele gibt.&lt;/p&gt;
&lt;p class=&quot;rtecenter&quot;&gt;&lt;img alt=&quot;Steinfigur im Etruskerort Tarquinia (Foto: Manfred Poser)&quot; src=&quot;/sites/default/files/u84/poser_tarquinia.jpg&quot; style=&quot;width: 600px; height: 401px;&quot; /&gt;&lt;small&gt;Steinfigur im Etruskerort Tarquinia nordwestlich von Rom. (Foto: Manfred Poser)&lt;/small&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Die Anima sei ein &amp;raquo;&amp;uuml;berindividuelles Bild, das bei vielen, individuell sehr verschiedenen M&amp;auml;nnern genau &amp;uuml;bereinstimmende Z&amp;uuml;ge aufweist, so dass man beinahe einen bestimmten Typus Frau daraus rekonstruieren k&amp;ouml;nnte. Auffallend ist, dass diesem Typus das M&amp;uuml;tterliche im gew&amp;ouml;hnlichen Sinne des Wortes durchaus fehlt. Sie ist Gef&amp;auml;hrtin und Freundin im g&amp;uuml;nstigsten Falle, im ung&amp;uuml;nstigsten ist sie eine Hure.&amp;laquo; Das alte Zerrbild Heilige/Hure, das Ewig-Weibliche!&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Der Philosoph &lt;a href=&quot;http://de.wikipedia.org/wiki/Hans_Leisegang&quot;&gt;Hans Leisegang&lt;/a&gt; (1890&amp;ndash;1951) widmet in seinem Buch &lt;em&gt;Die Gnosis&lt;/em&gt; dem Simon Magus 50 Seiten. Die Gnosis wurde nach Christi Kreuzigung in vielen Abwandlungen bis zum Jahr 300, vor allem durch den Perser &lt;a href=&quot;http://de.wikipedia.org/wiki/Mani_%28Religionsstifter%29&quot;&gt;Mani&lt;/a&gt;, zu einer Weltreligion. Das Christentum sah sich in Bedr&amp;auml;ngnis. Was mich nun an der Gnosis und f&amp;uuml;r diesen Beitrag interessiert, ist die weibliche Komponente der Lehre.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Leisegang erw&amp;auml;hnt Simons drei Prinzipien: den m&amp;auml;nnlichen Geist, den weiblichen Gedanken (die &amp;rsaquo;Ennoia&amp;lsaquo; oder &amp;rsaquo;Sophia&amp;lsaquo;) und dazwischen, im Luftraum, den mannweiblichen Weltsch&amp;ouml;pfer. Bei Xenokrates und den Pythagoreern entl&amp;auml;sst der Weltgeist oder Sch&amp;ouml;pfer (als die 1) &amp;raquo;die Zweiheit aus sich heraus [...] Diese Zweiheit ist die Weltseele; sie ist die G&amp;ouml;ttermutter [...] Der Weltgeist als das m&amp;auml;nnliche Prinzip und die Weltseele als das den Geist in sich aufnehmende weibliche bringen als ihren Sohn den Kosmos hervor.&amp;laquo; Hier hat die Frau ihre Rolle bei der Entstehung der Welt.&lt;/p&gt;
&lt;h5&gt;
	Die verschwundene Prophetin&lt;/h5&gt;
&lt;p&gt;In dem Buch Leisegangs wird auch erw&amp;auml;hnt, dass es in Griechenland den Typus der Prophetin gab. &amp;raquo;In allen Mysterien kam der Frau eine f&amp;uuml;hrende Rolle zu.&amp;laquo; Der Dionysoskult, eine mystische Bewegung, wurde von Frauen getragen, und die Weissagung oder Interpretation von Zeichen (Mantik) wurde ausge&amp;uuml;bt &amp;raquo;von Pythien, Kassandren und Sibyllen, die vom g&amp;ouml;ttlichen Pneuma befruchtet mit &amp;rsaquo;rasendem Munde&amp;lsaquo;, ohne ihrer eigenen Sinne m&amp;auml;chtig zu sein, ihre Prophezeiungen ausstie&amp;szlig;en&amp;laquo;.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Wo es sich um Ekstase oder Mystik handelte, war die Frau pr&amp;auml;sent. Und im gnostischen Weisheitsbuch &lt;em&gt;Pistis Sophia&lt;/em&gt; (zwischen dem 2. und 5. Jahrhundert geschrieben), in dem Jesus seine Rettung der Sophia beschreibt, d&amp;uuml;rfen Maria, Martha und Salome ungeniert sich am Gespr&amp;auml;ch beteiligen wie auch Johannes, Philipp und Petrus, und letzterer beklagt sich sogar &amp;uuml;ber Maria, die &amp;raquo;dauernd redet und keinen zu Wort kommen l&amp;auml;sst&amp;laquo;.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Noch einmal Hans Leisegang: &amp;raquo;So ist die Rolle, die Helena in der Simonlegende spielt, von hier aus wohl zu verstehen, w&amp;auml;hrend sie dem Juden durchaus anst&amp;ouml;&amp;szlig;ig erscheinen musste; denn hier hatte die Frau in der Religion und der Religionsaus&amp;uuml;bung so gut wie nichts zu sagen; sie war zeitweise unrein, und Priesterin konnte sie niemals werden.&amp;laquo; Auch bei den Christen nahmen M&amp;auml;nner die Sache in die Hand, und Ekstase, Mystik und Schw&amp;auml;rmerei hatten keinen Platz mehr.&lt;/p&gt;
&lt;p class=&quot;rtecenter&quot;&gt;&lt;img alt=&quot;Eine Frau auf dem Berg (Foto: Manfred Poser)&quot; src=&quot;/sites/default/files/u84/poser_saentis.jpg&quot; style=&quot;width: 600px; height: 338px;&quot; /&gt;&lt;small&gt;Eine Frau auf dem Berg (S&amp;auml;ntis-Massiv, Herbst 2005. Foto: Manfred Poser)&lt;/small&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Frauen durften zuh&amp;ouml;ren, konnten vielleicht noch einen Orden gr&amp;uuml;nden, Heilige werden oder ein paar Stigmata vorzeigen, die von M&amp;auml;nnern peinlich genau unter die Lupe genommen wurden. Dabei liegt auf dem Grund der Religion eigentlich das Mysterium. Davon wissen M&amp;auml;nner wenig. Die Seele und die Frau oder das Dunkle und die Frau, vom Manne aus betrachtet, wird uns hier noch eine Weile besch&amp;auml;ftigen.&lt;/p&gt;
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 <comments>http://www.kritische-ausgabe.de/artikel/faust-und-das-ewig-weibliche#comments</comments>
 <category domain="http://www.kritische-ausgabe.de/kategorie/kontroverse/ausrei%C3%9Fversuche">Ausreißversuche</category>
 <pubDate>Thu, 05 Jan 2012 23:01:00 +0000</pubDate>
 <dc:creator>Marcel Diel</dc:creator>
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 <title>»Das Mittelalter ist eine fremde Zeit, die fasziniert.« </title>
 <link>http://www.kritische-ausgabe.de/artikel/%C2%BBdas-mittelalter-ist-eine-fremde-zeit-die-fasziniert%C2%AB</link>
 <description>&lt;p&gt;Rebecca Gabl&amp;eacute; ist seit Jahren ein Name auf deutschen Bestsellerlisten. Ihre historischen Romane entf&amp;uuml;hren den Leser ins englische Mittelalter und die fr&amp;uuml;he Renaissance. Nicht zuletzt durch ihre sorgf&amp;auml;ltige Recherche wird die Zeit der Ritter und Burgen in ihren Texten wieder lebendig. Mit der Kritischen-Ausgabe sprach Gabl&amp;eacute; anl&amp;auml;sslich des Erscheinens des Heftes &amp;raquo;Zeit&amp;laquo; (NR. 21) &amp;uuml;ber die Fremdheit einer Vergangenen Epoche und die M&amp;ouml;glichkeiten eines Autors, diese Lesern zug&amp;auml;nglich zu machen.&lt;/p&gt;
&lt;!--break--&gt;&lt;!--break--&gt;&lt;p&gt;&amp;nbsp;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;Kritische Ausgabe&lt;/strong&gt;: Warum glauben Sie, dass historische Romane bei den Lesern in der heutigen Zeit so erfolgreich sind?&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;Rebecca Gabl&amp;eacute;&lt;/strong&gt;: Das hat nat&amp;uuml;rlich auch etwas mit Eskapismus zu tun. Alles was schrecklich ist in historischen Romanen &amp;ndash; Pest, Krieg mit Schwertern Mann gegen Mann, Obrigkeitswillk&amp;uuml;r oder Hungerwinter &amp;ndash; bedroht uns in Westeuropa heutzutage nicht. Andersherum gab es im Mittelalter nicht, was uns heute bedroht. Es ist eine fremde Welt, in die man sich reinfallen lassen und dabei wirklich seinen eigenen Alltag v&amp;ouml;llig vergessen kann. Aber ich glaube, es gibt noch einen zweiten Grund. Leser wollen in Historischen Romanen auch etwas &amp;uuml;ber die Vergangenheit lernen.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;K.A.&lt;/strong&gt;: Ist es dabei das spezifisch Historische der jeweiligen Zeit, was den Leser anspricht? Oder sind es am Ende doch &amp;uuml;berzeitliche Themen, durch die der Leser eine Verbindung zur heutigen Zeit herstellen kann?&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;Gabl&amp;eacute;&lt;/strong&gt;: Ich glaube, es ist durchaus beides. Das Mittelalter ist eine fremde Zeit, die fasziniert. Die Neugierde auf die Vergangenheit geht dabei immer mit den Fragen einher: &amp;raquo;Wie sind wir geworden, was wir sind?&amp;laquo;, &amp;raquo;Wo sind die Wurzeln all dessen?&amp;laquo;. Zum anderen ist es immer wieder spannend zu entdecken, dass es universelle Themen gibt, die im Mittelalter schon genauso aktuell waren, wie sie es heute sind.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;K.A.:&lt;/strong&gt; Sie haben einmal in einem Interview gesagt, Sie w&amp;uuml;rden lieber heute leben als im Mittelalter. Ihr aktueller Roman, &lt;em&gt;Der dunkle Thron&lt;/em&gt;, spielt ein bisschen sp&amp;auml;ter, in der Renaissance. Wie ist es denn mit dieser Zeit?&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;Gabl&amp;eacute;&lt;/strong&gt;: (lacht) Finde ich noch viel schlimmer als das Mittelalter. Die Renaissance war viel brutaler. Es wurden mehr Menschen verbrannt und es kommen schauderhafte neue Hinrichtungsmethoden auf. Das ist das Absto&amp;szlig;ende neben all den Fortschritten, dem Prunk und der Pracht &amp;ndash; eine Art merkw&amp;uuml;rdige Dekadenz im pr&amp;auml;chtigen Gewand. Da ist mir das Mittelalter viel lieber, das ist direkter, es ist ehrlicher.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;img alt=&quot;&quot; src=&quot;/sites/default/files/u152/Gable2_0.png&quot; style=&quot;width: 200px; height: 348px; margin: 20px; float: right;&quot; /&gt;&lt;strong&gt;K.A.&lt;/strong&gt;: Sie haben sich als Autorin mit beiden Epochen ausf&amp;uuml;hrlich besch&amp;auml;ftigt und sogar mit &lt;em&gt;Von Ratlosen und L&amp;ouml;wenherzen&lt;/em&gt; ein historisches Sachbuch &amp;uuml;ber das Mittelalter geschrieben. War es f&amp;uuml;r Sie dabei schwierig, sich in eine fremde Zeit einzuf&amp;uuml;hlen?&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;Gabl&amp;eacute;&lt;/strong&gt;: Man entwickelt dabei nat&amp;uuml;rlich eine gewisse Routine als Autor. Aber so richtig schwer gefallen ist es mir mit dem Mittelalter eigentlich von Anfang an nicht. Meinen ersten historischen Roman, &lt;em&gt;Das L&amp;auml;cheln der Fortuna&lt;/em&gt;, habe ich ja zum Spa&amp;szlig; geschrieben, als ich noch Studentin war. Da habe ich mich mit Wonne ins 14. Jahrhundert gew&amp;uuml;hlt und versucht mir vorzustellen, wie das war, wie sich das angef&amp;uuml;hlt hat, wie das gerochen hat, wie sich das angeh&amp;ouml;rt hat &amp;ndash; das hat mich immer eher befl&amp;uuml;gelt. Bei der Recherche zu &lt;em&gt;Der dunkle Thron&lt;/em&gt; gab es da schon Unterschiede; allein die Masse an Quellen nach der Erfindung des Buchdrucks. Jeder, der irgendwie meinte, er h&amp;auml;tte was mitzuteilen, hat es drucken lassen. Es war eine Art von Geschw&amp;auml;tzigkeit, die mich sehr ans Internet erinnert. Das hat mich ein bisschen erschlagen zu Anfang.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;K.A.&lt;/strong&gt;: Wie &amp;uuml;berbr&amp;uuml;cken Sie in Ihren Texten die Distanz zwischen Gegenwart und Vergangenheit f&amp;uuml;r den Leser?&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;Gabl&amp;eacute;&lt;/strong&gt;: Ich versuche Distanz gar nicht erst aufkommen zu lassen. Gerade bei einem so umfangreichen Buch ist die Identifikation mit den Figuren wichtig. Es ist mir ein Anliegen zu zeigen, dass die Menschen nicht so grundlegend anders waren, als wir es heute sind. Auch verwende ich keine altert&amp;uuml;mliche Sprache, sondern streue nur ab und&amp;nbsp; mittelalterliche Worte ein. Das baut Atmosph&amp;auml;re auf, ohne den Leser zu befremden. Immerhin verbinden wir, Leser und Verfasser, mit dem Mittelalter vor allem vertraute romantische Vorstellungen, mit denen wir in unserer Kindheit aufgewachsen sind. &amp;raquo;Der Prinz und die Prinzessin auf der Burg&amp;laquo;, das ist kultureller Bodensatz. Auch tats&amp;auml;chliche Romantik ist wichtig. Die Frage &amp;raquo;Kriegen sie sich oder kriegen sie sich nicht?&amp;laquo; baut Spannung auf und ist eine Einladung an die Leser, sich mit den Figuren zu identifizieren.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;K.A.&lt;/strong&gt;: Vor Identifikation ist nat&amp;uuml;rlich auch ein Autor nicht gefeit. Mussten Sie sich beim Schreibprozess auch ab und an zur&amp;uuml;cknehmen, um auf eine historisch kritischere Ebene zur&amp;uuml;ckzukehren?&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;Gabl&amp;eacute;&lt;/strong&gt;: Graham Greene hat gesagt, Identifikation f&amp;uuml;r den Autor sei schlecht. Aber ich sehe das anders, also ich tu das (lacht). Eine Gefahr steckt nat&amp;uuml;rlich durchaus darin. Als Autorin entwickelt man von Buch zu Buch bestimmte Techniken, mit denen man Objektivit&amp;auml;t wahrt. Ich fertige von meinen Hauptfiguren vor dem Schreibprozess sehr exakte Psychogramme an. Dadurch lerne ich sie genau kennen und laufe nicht Gefahr, dass sie mir davonlaufen. Solange ich die Figuren unter Kontrolle hab, hab ich auch die Welt, in der sie leben unter Kontrolle. Identifikation mit den Figuren, ja, aber der Gott in dem Universum ist die Autorin.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;K.A.&lt;/strong&gt;: Zieht es Sie nach Ihrem &amp;rsaquo;Ausflug&amp;lsaquo; in die Renaissance nun wieder zur&amp;uuml;ck in das Mittelalter oder vielleicht sogar in eine ganz andere, modernere Epoche?&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;Gabl&amp;eacute;&lt;/strong&gt;: Es sind auf jeden Fall die Geschichten des Mittelalters, die mich faszinieren. Es ist meine Lieblingsepoche. Den Schritt in die Renaissance habe ich als gro&amp;szlig;es Wagnis empfunden, wie das &amp;Uuml;berqueren einer Hemmschwelle. Als Autorin k&amp;ouml;nnte ich jetzt durchaus weiter in der Zeit gehen. Warum nicht einmal ins 17. Jahrhundert, wobei ich dabei im Moment noch das Problem hab, dass das die Epoche war, in der die M&amp;auml;nner angefangen haben, Per&amp;uuml;cken zu tragen. Ich kann mir wirklich keinen Helden vorstellen, der so aussieht. Ein historisches Werk wie &lt;em&gt;Von Ratlosen und L&amp;ouml;wenherzen&lt;/em&gt; werde ich aber so schnell nicht nochmal tun. Es hat mir riesengro&amp;szlig;en Spa&amp;szlig; gemacht, aber es war wahnsinnig viel Arbeit.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;K.A.&lt;/strong&gt;: Angenommen, Sie w&amp;auml;ren im Besitz einer Zeitmaschine, die Sie ein einziges Mal benutzen k&amp;ouml;nnten. In welches Jahr und wohin soll die Reise gehen?&lt;br /&gt;
	&lt;strong&gt;Gabl&amp;eacute;&lt;/strong&gt;: Sommer 1330 nach London. Es war ein sch&amp;ouml;ner Sommer&amp;nbsp; und eine Aufbruchszeit, Edward III &amp;uuml;bernahm gerade die Macht, ein neuer, junger K&amp;ouml;nig, auf den alle ihre Hoffnungen setzten und ich glaube, das w&amp;auml;re eine gute Zeit gewesen, um sich einmal im Mittelalter umzuschauen.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;K.A.&lt;/strong&gt;: Frau Gabl&amp;eacute;, wir bedanken uns ganz herzlich f&amp;uuml;r das Interview.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&amp;nbsp;&lt;/p&gt;
&lt;h4&gt;
	&lt;img alt=&quot;&quot; src=&quot;/sites/default/files/u152/Unbenannt.png&quot; style=&quot;width: 156px; height: 199px; margin: 20px; float: left;&quot; /&gt;&lt;/h4&gt;
&lt;h4&gt;
	&amp;Uuml;ber Rebecca Gabl&amp;eacute;&lt;/h4&gt;
&lt;p&gt;Rebecca Gabl&amp;eacute;, geboren 1964 in Wickrath/M&amp;ouml;nchengladbach, studierte nach einer Ausbildung zur Bankkauffrau an der Heinrich-Heine-Universit&amp;auml;t D&amp;uuml;sseldorf Germanistik und Anglistik. 1995 erschien ihr erster kriminalroman &lt;em&gt;Jagdfieber&lt;/em&gt;. Ihren Durchbruch feierte Gabl&amp;eacute; 1997 mit dem historischen Roman &lt;em&gt;Das L&amp;auml;cheln der Fortuna. &lt;/em&gt;Neben einer Lehrt&amp;auml;tigkeit an der Heinrich-Heine Universit&amp;auml;t ver&amp;ouml;ffentlichte sie seither zahlreiche historische Romane, von denen die meisten zu Bestsellern wurden. Gabl&amp;eacute; ist Mitglied des Autorenkreis Quo Vadis und lebt in Wickrath.&lt;/p&gt;
</description>
 <comments>http://www.kritische-ausgabe.de/artikel/%C2%BBdas-mittelalter-ist-eine-fremde-zeit-die-fasziniert%C2%AB#comments</comments>
 <category domain="http://www.kritische-ausgabe.de/kategorie/literatur/literatur-portr%C3%A4t-interview">Literatur - Porträt &amp; Interview</category>
 <pubDate>Tue, 27 Dec 2011 20:45:34 +0000</pubDate>
 <dc:creator>Dirk Walbrühl</dc:creator>
 <guid isPermaLink="false">4774 at http://www.kritische-ausgabe.de</guid>
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<item>
 <title>Total</title>
 <link>http://www.kritische-ausgabe.de/artikel/total</link>
 <description>&lt;p&gt;Anscheinend hat Jan Brandt alles richtig gemacht: Sein schwergewichtiger Ostfriesland-Roman &lt;em&gt;Gegen die Welt&lt;/em&gt; ist fast durchg&amp;auml;ngig positiv, ja begeistert rezensiert worden. Dabei verbl&amp;uuml;ffen die literarischen Referenzen, die hergestellt werden. Weit f&amp;uuml;hrend in diesem Feld ist Edo Reents, der nicht nur einen (wie auch mir scheint naheliegenden) Bezug zu Frank Schulz herstellt, sondern mit Uwe Johnson, Thomas Mann (&amp;raquo;Die Rekapitulation dieser einseitigen Liebe geh&amp;ouml;rt zu den vielen Glanzst&amp;uuml;cken des Romans und ist der Homosexuellen-Schilderung von Hans Castorps Hippe-Erlebnis im &lt;em&gt;Zauberberg&lt;/em&gt; an Einf&amp;uuml;hlsamkeit und K&amp;uuml;hnheit &amp;uuml;berlegen&amp;laquo;) und gar Dostojewski (&amp;raquo;Die verschiedenen Spielarten des Gottsuchertums h&amp;auml;tten den Br&amp;uuml;dern Karamasow alle Ehre gemacht&amp;laquo;) winkt. Naja. Hier soll vor Allem hochgejazzt werden.&lt;/p&gt;
&lt;!--break--&gt;&lt;!--break--&gt;&lt;p&gt;	&lt;strong&gt;Erz&amp;auml;hlrahmen&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;
	Was wird erz&amp;auml;hlt? Daniel Kuper w&amp;auml;chst in der unaufregenden ostfriesischen Kleinstadt Jechiro auf. Zweimal bricht er auf r&amp;auml;tselhafte Weise zusammen:&lt;br /&gt;
	Zum ersten Mal 1986, im Alter von 12 Jahren. Er findet nach der Schule, in der er wieder seinem Peiniger Michael Rosing, genannt &amp;raquo;Eisen&amp;laquo; ausgeliefert war, sein Fahrrad angeschlossen mit fremdem Schloss und Schild mit einem Pfeil, der in ein Maisfeld weist. Sp&amp;auml;ter irrt er halbnackt im Schnee &amp;uuml;ber die Dorfstra&amp;szlig;e:&lt;/p&gt;
&lt;p style=&quot;margin-left:35.45pt;&quot;&gt;Er konnte sich an nichts erinnern. Nur das Schloss, das Schild an seinem Fahrrad, und dass er ins Maisfeld hineingegangen und dort auf eine Lichtung gesto&amp;szlig;en war. Dann hatte ihn das K&amp;auml;lteschockelement schockgefroren und zu einem Kind der Minuswelt werden lassen - der K&amp;ouml;rper von Raureif &amp;uuml;berzogen, die Augen hart wie Diamanten, die Gegenwart erstarrt.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;In der folgenden Zeit deliriert er v.a. von Au&amp;szlig;erirdischen, die ihn im Mais heimgesucht haben:&lt;/p&gt;
&lt;p style=&quot;margin-left:35.45pt;&quot;&gt;Eisen, Schloss, Schild, Fahrrad, Feld, Lichtung, Mais, Mais, Mais, Mais, Mais, Mais, Mais, Mais, Mais, Mais, Mais, Mais, Mais, Mais [... es folgt 341 mal das Wort Mais] Mais, Mais, Mais, Lichtung, Feld, Fahrrad, Schild, Schloss, Eisen.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Danach ist die Seite voll. Es ist die Seite 132 eine von 927 gez&amp;auml;hlten Seiten (am Anfang sind 6 nummerierte Seiten nur leer, am Ende des Buches noch einmal 6).&amp;nbsp; Was genau geschah, bleibt ungekl&amp;auml;rt.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Gegen Ende der Erz&amp;auml;hlung, mit 16, bricht Daniel bei einer Hausdurchsuchung in seinem Elternhaus, dem Haus des Drogeristen Bernhard &amp;raquo;Hard&amp;laquo; Kuper und seiner Frau Birgit erneut zusammen. Daniel, ist dabei erwischt worden, wie er versuchte, die zunehmend im Dorf auftauchenden rechtsradikalen Graffitis zu &amp;uuml;bermalen. Nun aber wird er mit einer neuen Art von Graffitis in Verbindung gebracht, die nachts leuchten und die Bausubstanz langsam aufl&amp;ouml;sen. Die Verd&amp;auml;chtigungen schaden nicht nur seinem Ansehen, sondern auch Hards Drogerie, die allerdings v.a. von der sich rapide ausbreitenden Schlecker-Kette in Bedr&amp;auml;ngnis kommt.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Als Daniel (auf inzwischen S. 774) wieder erwacht, ist die Schriftfarbe des Romans in ein sich zunehmend zurechtdunkelndes Hellgrau verblichen. Damit (und das setzt sich auf den n&amp;auml;chsten Seiten bis zur Seite 852 gelegentlich so fort) soll vermutlich graphisch unterstrichen werden, dass er gelegentlich nicht ganz klar ist, nicht ganz klar kommt.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Beide Zusammenbr&amp;uuml;che lassen sich mit dem in Jechiro sehr einflussreichen Bauunternehmer Rosing in Verbindung bringen, der mit rechtsradikalem Gedankengut den B&amp;uuml;rgermeisterposten in Jechiro anstrebt. Rosing, dessen Frau bei einem Autounfall ums Leben kam, zieht alleine seine 13-j&amp;auml;hrige, geistig zur&amp;uuml;ckgebliebene Tochter Wiebke und seinen Sohn Michael gro&amp;szlig;. Michael ist es&amp;nbsp; am Ende, der anscheinend Daniel Kupers Verderben herbeif&amp;uuml;hrt, indem er daf&amp;uuml;r sorgt, dass Daniel verd&amp;auml;chtigt wird, in ein Zelt mit Jugendlichen getreten und gestochen zu haben. Daniel taucht daraufhin unter, wird schlie&amp;szlig;lich verhaftet und scheint am Ende der Polizei nun alles erz&amp;auml;hlen zu wollen, was vorher passiert ist.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Umrahmt werden die beiden Schl&amp;uuml;sselelemente von der Bekanntschaft Daniels mit Volker Mengs. Familie Mengs ist am Anfang des Romans nach Jechiro gezogen und der gesch&amp;auml;ftst&amp;uuml;chtige Drogerist Kuper l&amp;auml;dt den Lehrer mit seiner Familie zum Essen ein. Beim Versteckspielen entdecken Daniel und Volker Mengs das ultimative Versteck in Kupers Bungalow. Von dem aus er&amp;ouml;ffnet sich ein Blick auf das Dorf, der sich so liest:&lt;/p&gt;
&lt;p style=&quot;margin-left:35.45pt;&quot;&gt;Im Norden k&amp;ouml;nnte man das Komponistenviertel, die Ausschachtungen, die M&amp;uuml;lldeponie und die Kreisstadt sehen, im Westen die Bahngleise, das Stellwerk, die Molkerei und Schlachterei und den Hammrich dahinter, das Strandhotel, die Puddingfabrik dr&amp;uuml;ben am Deich, Im S&amp;uuml;den Petersens Poolhalle, den G&amp;uuml;terschuppen, Rosings Werkst&amp;auml;tten, den Raiffeisen-Markt&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;usw., eine Dreiviertel-Seite lang.&amp;nbsp; Wer dabei an die Listen-Wut von Rolf-Dieter Brinkmann oder die Listen-Verliebtheit von Alfred D&amp;ouml;blin denken will, der mag das gerne tun, es ist aber wohl doch nur eine Liste. Nun k&amp;ouml;nnte man sagen, dass man im Laufe der Erz&amp;auml;hlung die meisten dieser Orte irgendwie kennengelernt haben wird, dass dies langweilige Panorama also einen Ausblick auf den langweiligen Handlungsort biete und das w&amp;auml;re ja auch richtig; aber langweilig ist es doch.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Am Ende wechselt die Erz&amp;auml;hlperspektive zu Volker Mengs , abrupt sind wir in der Gegenwart angekommen, Mengs ist inzwischen Pastor Mengs in Verden und gesteht nun, dass er vom ersten Tag in der Schule an in Daniel verliebt war, nur ist es nie soweit gekommen, dass sich diese Zuneigung h&amp;auml;tte &amp;auml;u&amp;szlig;ern k&amp;ouml;nnen. Auf den gut 800 Seiten zwischen diesen beiden Rahmenerz&amp;auml;hlungen tritt Mengs nur gelegentlich in Erscheinung, in Erinnerung bleibt er v.a. als Banknachbar Daniels in der Realschule.&lt;br /&gt;
	So wirkt der Erz&amp;auml;hlrahmen merkw&amp;uuml;rdig zusammengehauen, zusammengezwungen, zusammenkonstruiert, man wei&amp;szlig; nicht recht, was das soll. Auf den ungef&amp;auml;hr 600 Seiten dazwischen wird zwangloser erz&amp;auml;hlt. Beschrieben werden einige Stationen von Daniel Kupers Aufwachsen, die Tode seiner drei besten Freunde, mit denen zusammen er einst Peter Peters mobbte, bis dieser sich auf die Gleise legte. Erz&amp;auml;hlt wird die&amp;nbsp; Geschichte des Lokf&amp;uuml;hrers, der diesen dann &amp;uuml;berfuhr und auch die unersch&amp;ouml;pfliche Fremdgeherei von Daniels Vater Hard. Nach und nach lebt man sich in die Kleinstadt ein und kennt einige zig Personen so ein wenig, ohne dass vor Ort ansonsten viel &amp;raquo;Weltbewegendes&amp;laquo; passierte. Das gibt es nur au&amp;szlig;erhalb, denn das Romangeschehen&amp;nbsp; ist um den Mauerfall herum gruppiert.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;Gutes Buch ...&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;
	Dass man den Roman trotzdem gerne und z&amp;uuml;gig lesen kann, liegt v.a. an zweierlei:&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Zum einen ist das Buch gut geschrieben, die Diktion sachlich und pr&amp;auml;zise, die Dialoge (das Buch ist &amp;uuml;ber weite Strecken szenisch erz&amp;auml;hlt) sind waschecht. Immer wieder finden sich h&amp;uuml;bsche Zuspitzungen; um nur irgendein, beliebig herausgegriffenes Beispiel zu nehmen: Wenn Hard Jahre sp&amp;auml;ter Theda, eine fl&amp;uuml;chtige Liebe von fr&amp;uuml;her, im Dorf begegnet,&lt;/p&gt;
&lt;p style=&quot;margin-left:35.45pt;&quot;&gt;unterhielten sie sich auf der Stra&amp;szlig;e, beim Spaziergang im Hammrich wie zwei alte Freunde, die eine Vergangenheit, aber keine Gegenwart und Zukunft haben, h&amp;ouml;flich und aufmerksam, aber ohne echtes Interesse.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;So etwas sitzt, und es klingt auch gut, Chapeau.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Zum zweiten ist die oben angedeutete Schw&amp;auml;che, das h&amp;auml;ufig etwas Listenhafte des Buches eben doch auch eine St&amp;auml;rke. Firmennamen, Albentitel, Baumaterialien, Stra&amp;szlig;ennamen, KFZ-Typen, Fu&amp;szlig;ballspieler, man k&amp;ouml;nnte nun lange so weiter machen, die konkrete Benennung hat in einer solchen Intensit&amp;auml;t wie in einem so dicken Buch eine eigene poetische Qualit&amp;auml;t, Musikalit&amp;auml;t und Anschaulichkeit. Und nat&amp;uuml;rlich zuckt man immer wieder zusammen: so staubig, so museal ist &amp;nbsp; dieser ganze Plastikschrott unserer westdeutschen Vergangenheit also 20 Jahre sp&amp;auml;ter schon.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;... aber&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;
	Zusammengefasst bleibt ein zwiesp&amp;auml;ltiger Eindruck. Nat&amp;uuml;rlich sind die Versuche, diesen Roman mit Uwe Johnson oder gar Dostojewski in Verbindung bringen zu wollen, unsinnig. N&amp;auml;herliegend ist wohl, eine gewisse N&amp;auml;he zu Autoren wie Frank Schulz, Eckardt Henscheid oder Heinz Strunk auszumachen, die realienges&amp;auml;ttigte Provinzerfahrung aus komisch eingeschr&amp;auml;nkter Perspektive erz&amp;auml;hlen. Allerdings spielt der Liebes- und Erotikwahn erstaunlicherweise kaum eine Rolle in Daniels Heranwachsen. Und der Humor in Brandts Buch ist sehr dezent, ja &amp;uuml;ber weite Strecken bis zur Unsp&amp;uuml;rbarkeit dezent, das ist ein &amp;nbsp;sehr zur&amp;uuml;ckhaltender Humor, eher so eine Art fl&amp;auml;chiger Dauer-Ironie und das befreiende Lachen, ohne das man die drei genannten Autoren wohl nicht so lieben w&amp;uuml;rde, &amp;uuml;berkommt einen hier nur sehr angelegentlich. Vielleicht liegt das daran, dass sich, wenn man denn alles richtig macht, Humor wohl kaum wie von selbst einstellt. Vielleicht aber war diese Art von Befreiung auch gar nicht Jan Brandts Ziel. Dann aber fragt sich schlie&amp;szlig;lich doch: was denn dann? Heimatkunde? Coming of Age? Alltagsarchivik? Irgendwie will das Buch wohl all das und auch noch viel mehr, man ist dann schnell beim Totalen als Ziel der Kunst. Auch der Klappentext spielt hiermit, indem er &amp;uuml;ber 300 Realia aus dem Roman anf&amp;uuml;hrt, W&amp;ouml;rter wie &amp;raquo;Lavalampen&amp;laquo; und &amp;raquo;Mettbr&amp;ouml;tchen&amp;laquo;. Jedes Kaff ist ein ganzer Kosmos, soll all das also hei&amp;szlig;en. Wenn es im Roman eine solche Totalit&amp;auml;t &amp;uuml;ber die Aufz&amp;auml;hlung hinaus wirklich gibt, so hat sie sich mir nicht erschlossen. Wenn es sie nicht gibt, sondern stattdessen nur einen Haufen von disparaten Elementen und Zielstellungen, dann bleibt die Vermutung, da sollte mit einem 900-Seiter eine Aufmerksamkeit erregt werden, die einem 250-Seiter nie und nimmer zuteil geworden w&amp;auml;re. Von hier aus h&amp;auml;tte dann der Einleitungssatz &amp;uuml;ber einen Autor, der anscheinend alles richtig gemacht hat, einen irgendwie schalen Beigeschmack.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;Jan Brandt: Gegen die Welt . K&amp;ouml;ln: DuMont Buchverlag, 2011. 928 Seiten. &lt;/em&gt;&lt;em&gt;ISBN: 978-3-8321-9628-8. &lt;/em&gt;&lt;em&gt;22,99 Euro.&lt;/em&gt;&lt;/p&gt;
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 <category domain="http://www.kritische-ausgabe.de/kategorie/literatur/literatur-kritik">Literatur - Kritik</category>
 <pubDate>Mon, 19 Dec 2011 06:00:00 +0000</pubDate>
 <dc:creator>Benedikt Viertelhaus</dc:creator>
 <guid isPermaLink="false">4766 at http://www.kritische-ausgabe.de</guid>
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 <title>Die Zeit verwandelt uns nicht, sie entfaltet uns nur.</title>
 <link>http://www.kritische-ausgabe.de/artikel/die-zeit-verwandelt-uns-nicht-sie-entfaltet-uns-nur</link>
 <description>&lt;p&gt;&lt;span style=&quot;font-family:arial,helvetica,sans-serif;&quot;&gt;Dargestellte Zeit ist kein Ph&amp;auml;nomen, das auf Text und Literatur beschr&amp;auml;nkt ist. Auch in Karten und Landkarten hinterl&amp;auml;sst sie ihre Spuren und pr&amp;auml;gt unsere Wahrnehmung des Abgebildeten. Isabella Ferron geht diesem Aspekt der Zeit nach und zeigt auf, wie die Grenzen von Darstellung, Realit&amp;auml;tsanspruch und narrativer Kontruktion verwischen. Niemand geringeres als Naturforscher Alexander von Humboldt ist dazu das prominente Beispiel. Lesen Sie hier den zweiten Teil unseres Schwerpunktes zur aktuellen Kritischen-Ausgabe &lt;em&gt;Zeit&lt;/em&gt;.&lt;/span&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;span style=&quot;font-family:arial,helvetica,sans-serif;&quot;&gt;&lt;/span&gt;&lt;/p&gt;
&lt;!--break--&gt;&lt;!--break--&gt;&lt;p&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;img alt=&quot;&quot; src=&quot;/sites/default/files/u152/Zeit2.png&quot; style=&quot;width: 278px; height: 74px; margin: 20px; float: right;&quot; /&gt;&lt;/p&gt;
&lt;h6&gt;
	&lt;span style=&quot;font-family:arial,helvetica,sans-serif;&quot;&gt;&lt;strong&gt;Die Zeit in Karten&lt;/strong&gt;&lt;/span&gt;&lt;/h6&gt;
&lt;p&gt;&lt;span style=&quot;font-family:arial,helvetica,sans-serif;&quot;&gt;Im Laufe der Jahrhunderte hat sich das Erscheinungsbild der Karten grundlegend gewandelt. Ihre wesentlichen Merkmale aber bleiben Anschaulichkeit, die Markierung von Begrenzungen, die Totalit&amp;auml;t der Darstellung, sowie das Wechselspiel zwischen sukzedierender und simultanisierender Sicht. Karten stellen einen tastenden Versuch, eine konkrete Ann&amp;auml;hrung an die Welt dar. &lt;/span&gt;&lt;a class=&quot;see-footnote&quot; id=&quot;footnoteref1_nprs09u&quot; title=&quot; Z&amp;ouml;gner, Lothar (Hg.): Von Ptolemaus bis Humboldt. Kartensch&amp;auml;tze der Staatsbibliothek Preu&amp;szlig;ischer Kulturbesitz. Ausstellung zum 125j&amp;auml;hrigen Jubil&amp;auml;um der Kartenabteilung. Staatsbibliothek Preu&amp;szlig;ischer Kulturbesitz, Ausstellungskataloge, Neue Folge 33, Berlin 1999.&quot; href=&quot;#footnote1_nprs09u&quot;&gt;1&lt;/a&gt;&lt;span style=&quot;font-family:arial,helvetica,sans-serif;&quot;&gt; Das Ph&amp;auml;nomen der Zeit erscheint in Karten dabei vielf&amp;auml;ltig: Karten sind Augenzeugen, die nicht nur neue geographische Entdeckungen und Ver&amp;auml;nderung von politischen Realit&amp;auml;ten beweisen, sondern sie zeigen auch die Ausdehnung von Kulturen und Zivilisationen als Raum-Zeitliche Informationen. Gleichzeitigkeit und Zeit&amp;uuml;berlegenheit sind Karten beide zu eigen. Die Karte kann in scheinbarer Ruhe Bewegung und Aktion darstellen. Zeit ist dabei Kontinuum und Ordnungskonzept zugleich. Als Abstrakter Begriff wird sie durch das besondere Medium der Karte erst greifbar. Die kartographische Metapher &amp;raquo;Kartenzeiten&amp;laquo; fasst dieses Verh&amp;auml;ltnis. Sie meint die Verbindung von Geschichtszeit und kartographisch fassbarer und gefasster Zeit im Niederschlag in fassbaren Karten, deren Abbildungen als Repr&amp;auml;sentation nicht immer &amp;raquo;logisch&amp;laquo; oder &amp;raquo;folgerichtig&amp;laquo; sind. Karten bilden nicht die Gegenwart ab, sondern schaffen durch Kompromisse, Verz&amp;ouml;gerungen der Herstellungszeit und Bewertungen politischer Verh&amp;auml;ltnisse eine eigene abgebildete Kartenzeit, die sich der Wirklichkeit und ihrer aktuellen Zeit gr&amp;ouml;&amp;szlig;tm&amp;ouml;glich ann&amp;auml;hert. Dar&amp;uuml;ber hinaus existieren Karten in Generationen; sie werden nicht nur aktualisiert, sondern bilden sich neu mit ihrer Lebenszeit und verl&amp;ouml;schen auch mit ihr. Das bezieht auch eine immer neue und modifizierbare Konzeption der Zeit mit ein.&lt;/span&gt;&lt;/p&gt;
&lt;h6&gt;
	&lt;span style=&quot;font-family:arial,helvetica,sans-serif;&quot;&gt;&lt;strong&gt;Humboldts Landschaft der Anden&lt;/strong&gt;&lt;/span&gt;&lt;/h6&gt;
&lt;p&gt;&lt;span style=&quot;font-family: arial,helvetica,sans-serif;&quot;&gt;Als ber&amp;uuml;hmtes Beispiel f&amp;uuml;r diese &amp;Uuml;berlegungen kann eine ungew&amp;ouml;hnliche Karte von Alexander von Humboldt dienen &amp;ndash; &amp;raquo;Die Landschaft der Anden&amp;laquo; aus Humboldt &lt;em&gt;Buch &lt;/em&gt;&lt;em&gt;Ideen zu einer Geographie der Pflanzen nebst einem Naturgem&amp;auml;lde der Tropenl&amp;auml;nder&lt;/em&gt; (1807). &lt;img alt=&quot;&quot; src=&quot;/sites/default/files/u152/tropen.png&quot; style=&quot;width: 420px; height: 310px; float: right; margin: 20px;&quot; /&gt;Diese Karte, welche &lt;/span&gt;&lt;span style=&quot;font-family:arial,helvetica,sans-serif;&quot;&gt;Humboldt &lt;/span&gt;&lt;span style=&quot;font-family: arial,helvetica,sans-serif;&quot;&gt;selbst als Naturgem&amp;auml;lde bezeichnete, verbindet Raum und Zeit auf eine eigent&amp;uuml;mliche Weise. In seinem Versuch, die verschiedenen Pflanzenarten kennenzulernen und zu kodieren, skizzierte Humboldt die Landschaft der Anden anhand zweier Berge der Anden. Zur Karte wird das Bild durch die eingetragenen Informationen des Forschers &amp;uuml;ber jede&amp;nbsp; aufgefundene und gesammelte Pflanze seiner Expedition in diese Region. Der Name der Pflanzen steht auf der H&amp;ouml;he des Fundorts, erg&amp;auml;nzt durch Temperatur, Luftdruck und dem magnetischen Feld der Umgebung. Die Karte zeigt dadurch nicht nur, wie das Klima das Leben auf verschiedenen H&amp;ouml;hen beeinflusst, sondern zeichnet auch und vor allem ein pr&amp;auml;zises Bild der Region in einem besonderen historischen Moment. Durch solche empirischen Daten, konnte &lt;/span&gt;&lt;span style=&quot;font-family:arial,helvetica,sans-serif;&quot;&gt;Humboldt &lt;/span&gt;&lt;span style=&quot;font-family:arial,helvetica,sans-serif;&quot;&gt;zeigen, wie die Erde entstanden ist, wie sie in einem besonderen Moment aussieht und wie sie in Bezug auf den Klimawechsel und den menschlichen Fortschritt voraussichtlich sein wird. In Verbindung damit begriff Humboldt Zeit und Raum in der Karte nicht mehr als abstrakte und Apriori gegebene Kategorien, sondern als konkret wahrnehmbare, messbare und klassifizierbare Einheiten. Humboldt ging es dabei um eine Verzeitlichung und Historisierung der Natur wie auch ihrer Dynamisierung (Allgegenw&amp;auml;rtigkeit der Lebensf&amp;uuml;lle). &lt;/span&gt;&lt;a class=&quot;see-footnote&quot; id=&quot;footnoteref2_b3gtzep&quot; title=&quot;Humboldt, Alexander von: Kosmos. Entwurf einer physischen Weltbeschreibung. Hg. und mit einem Nachw. versehen von Ottmar Ette und Oliver Lubrich. Erscheint im Schuber mit: Physikalischer Atlas, Heinrich Berghaus. Frankfurt a.M.: Eichborn Verlag AG, 2004. &quot; href=&quot;#footnote2_b3gtzep&quot;&gt;2&lt;/a&gt;&lt;span style=&quot;font-family:arial,helvetica,sans-serif;&quot;&gt; Die Verzeitlichung der Natur war in seinen Augen notwendig, da eine allgemeine, zeitlos gedachte Natur zugleich auch den Menschen enthistorisiert. So vermitteln Humboldts Karten eine dynamische Sicht der Welt. Dar&amp;uuml;ber hinaus fungieren sie als Zeugnisse und Tagebuch seiner Forschungsreisen.&lt;/span&gt;&lt;/p&gt;
&lt;h6&gt;
	&lt;span style=&quot;font-family:arial,helvetica,sans-serif;&quot;&gt;&lt;strong&gt;Die Entstehung der Zeit in der Kartographie&lt;/strong&gt;&lt;/span&gt;&lt;/h6&gt;
&lt;p&gt;&lt;span style=&quot;font-family:arial,helvetica,sans-serif;&quot;&gt;Der Begriff Zeit wird in der Kartografie gew&amp;ouml;hnlicher weise in eine Nebenrolle gedr&amp;auml;ngt und in einer restriktiven Bedeutung verwendet. Im Zuge der Moderne hat sich der Begriff &amp;raquo;Zeit&amp;laquo; aber grundlegend gewandelt, ohne dass es deswegen zu einem definitiven Begriff gekommen w&amp;auml;re. Eher das Gegenteil ist der Fall: Die Versuche &amp;uuml;ber den Begriff zu reflektieren, neu zu fundieren, auf noch unbekannte Bereiche der Realit&amp;auml;t hin zu &amp;ouml;ffnen und bei aller Unterschiedenheit doch einen gemeinsamen Punkt finden zu wollen, hilft dabei, sich mit dem Thema in einer umgreifenden Weise zu befassen und neue oder bis jetzt kaum beobachtete Aspekte in Frage zu stellen. &lt;/span&gt;&lt;a class=&quot;see-footnote&quot; id=&quot;footnoteref3_02qtdrn&quot; title=&quot;Diesbez&amp;uuml;glich scheint interessant, hier die Definition der Zeit aus dem Zedlers Lexikon zu erw&amp;auml;hnen: Die Zeit wird als &amp;raquo;gewisse und determinierte Verweilung der Gestirne in ihrem Lauffe, wornach das Seyn und Dauern anderer Dinge gemessen; oder die Zeit ist das Maas der W&amp;auml;hrung der Dinge: oder, wie die Alten beschrieben, die Zeit ist eine Zahl oder Abmessung der vergangenen und zuk&amp;uuml;nftigen Bewegung&amp;laquo;. In: J.H. Zedler: Grosses vollst&amp;auml;ndiges Universal Lexikon aller Wissenschaften und K&amp;uuml;nste. Bd. 61, Zat-Zeit, Leipzig, Halle, S. 725&amp;minus;779, hier 725.&quot; href=&quot;#footnote3_02qtdrn&quot;&gt;3&lt;/a&gt;&lt;span style=&quot;font-family:arial,helvetica,sans-serif;&quot;&gt; Dabei sind beide Kategorien weiterhin grundlegende Begriffe der Wahrnehmung. Vergangene Begriffe von Raum und Zeit verschwinden aber nicht, sondern bleiben Zeuge in dieser Entwicklung des Zeitbegriffs. Der retrospektive Blick (etwa auf die Volkskulturen der Antike aber auch auf Bereiche der Naturwissenschaft wie bei Humboldt) verdeutlicht das. Karten sind ein Beispiel der bildgeschichtliche Mitbestimmung und besetzen eine Schnittstelle im Spannungsverh&amp;auml;ltnis zwischen Geschichts- und Kulturwissenschaft. Tats&amp;auml;chlich stellt sich das Terrain der Kartographie seit Beginn des 19. Jahrhunderts als ein Laboratorium dar, in dem die Voraussetzungen f&amp;uuml;r eine neue Definition der Zeit, ihrer Elemente und Darstellungsregeln geschaffen wurden. &lt;/span&gt;&lt;a class=&quot;see-footnote&quot; id=&quot;footnoteref4_pbpi7o0&quot; title=&quot;Vgl. dazu: Harvey, D.: Between Space and Time. In: Annals of the Association of AmericaGeographers, 80 (1990), S. 418-434.&quot; href=&quot;#footnote4_pbpi7o0&quot;&gt;4&lt;/a&gt;&lt;span style=&quot;font-family:arial,helvetica,sans-serif;&quot;&gt; Die Abkehr vom Anspruch einer allgemeing&amp;uuml;ltigen Menschen- und Weltkenntnis im 19. Jahrhundert beg&amp;uuml;nstigte neue Ideen der Zeit, auch in der zu dieser Zeit entstehenden Wissenschaft der Kartographie, blieb aber gerade in dieser als Hintergrund des Diskurses erhalten. &lt;/span&gt;&lt;a class=&quot;see-footnote&quot; id=&quot;footnoteref5_h72uljd&quot; title=&quot;Siegel, S.; Weigel, P. (Hg.)zit.; Hake, G.; Gr&amp;uuml;nreich, D.; Meng, L.: Kartographie, 2002.&quot; href=&quot;#footnote5_h72uljd&quot;&gt;5&lt;/a&gt;&lt;span style=&quot;font-family:arial,helvetica,sans-serif;&quot;&gt; Der Bewusstseinswandel f&amp;uuml;hrte in der Kartographie zu Entw&amp;uuml;rfen neuer Zeit- und Raumkonzepte: Das Zeitliche und &amp;Ouml;rtliche wurden zu Organisationsprinzipen des Darstellens. &lt;/span&gt;&lt;a class=&quot;see-footnote&quot; id=&quot;footnoteref6_lhyma68&quot; title=&quot;Harvey, David: Between Space and Time: Reflections on the Geographical Imagination. In: Annals of the Association of America Geographers, 80 (1990), S. 418-434.&quot; href=&quot;#footnote6_lhyma68&quot;&gt;6&lt;/a&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;span style=&quot;font-family: arial,helvetica,sans-serif;&quot;&gt;Gerade in Ankn&amp;uuml;pfung mit dem Nachdenken &amp;uuml;ber die Identit&amp;auml;t jeder europ&amp;auml;ischen Nation, mit dem Anspruch dieser Nationen auf die Eroberung der entdeckten Welt, wurden Karten im 19. Jahrhundert zum Ausdruck der Geschichtlichkeit (Gegenwart und Vergangenheit) und erhoben sich &amp;uuml;ber die Zuschreibung als passives Abbild, Abdru&lt;/span&gt;&lt;span style=&quot;font-family:arial,helvetica,sans-serif;&quot;&gt;ck und Ausdruck dargestellter Zeiten. Zu dieser Zeit begannen sich in ihnen politische Projektionen in die Zukunft abzubilden, welche in der abgebildeten Zeitebene noch nicht im abgebildeten Ma&amp;szlig; realisiert waren. Damit wurden Karten zu Konstruktionen, welche etwas &amp;uuml;ber Macht, Expansion und Aggression bestimmter politischer Elemente aussagten und uns heute noch vermitteln k&amp;ouml;nnen. Diese subjektiven Zug&amp;auml;nge zum dargestellten Zeit-Raum sind dabei oft erst lesbar, wenn die politischen Verh&amp;auml;ltnisse sich deutlich verschoben haben. Mit der subjektiven Perspektive verbunden sind die Reiseberichte des 19. Jahrhunderts, denen Karten der Zeit oft beilagen. Durch die literarische bzw. kartographische Darstellung des au&amp;szlig;ereurop&amp;auml;ischen Raumes stellte sich zu dieser Zeit die implizite Frage, ob die auf Karten dargestellte Zeit, eine ver&amp;auml;nderbare, bewegende oder kristallisierte sei, die mit der r&amp;auml;umlichen Darstellbarkeit eng verbunden ist.&lt;/span&gt;&lt;/p&gt;
&lt;h6&gt;
	&lt;span style=&quot;font-family:arial,helvetica,sans-serif;&quot;&gt;&lt;img alt=&quot;&quot; src=&quot;/sites/default/files/u152/Zeit.png&quot; style=&quot;width: 350px; height: 504px; margin: 20px; float: left;&quot; /&gt;&lt;/span&gt;&lt;span style=&quot;font-family:arial,helvetica,sans-serif;&quot;&gt;&lt;strong&gt;Die neue Zeit in Karten des 19. Jahrhunderts&lt;/strong&gt;&lt;/span&gt;&lt;/h6&gt;
&lt;p&gt;&lt;span style=&quot;font-family: arial,helvetica,sans-serif;&quot;&gt;Karten sind Repr&amp;auml;sentationen der Welt zu bestimmten Zeitpunkten und subjektiven Einfl&amp;uuml;ssen. Sie sind gebunden an Zeit und Ort als ein historisches Produkt, das &amp;uuml;ber die M&amp;ouml;glichkeitsbedingungen ihrer T&amp;auml;tigkeit, ihre Reichweite und Wirkungen Rechenschaft abzulegen hat. Deswegen k&amp;ouml;nnen Karten nicht zeitlos, &amp;uuml;berhistorisch sein, sondern sind historisch determinierbar. Jede Karte hat ihre Zeit, ihren Ort und ihren subjektiven Blickwinkel, ihre Perspektive und Konstitutionsgeschichte. Insbesondere Humboldts Werk, welches sich der Karten f&amp;uuml;r seine Reisen und Entdeckungen grundlegend bediente, gew&amp;auml;hrt Zugang zum wandelnden Raum-Zeit Begriff in Karten des 19.&lt;/span&gt;&lt;span style=&quot;font-family:arial,helvetica,sans-serif;&quot;&gt; Jahrhunderts. Die sich entwickelnde Idee von Zeit, gebunden an Messungen und Daten, entspricht nicht mehr der Idee eines Apriori, sondern steht in Einklang mit empirisch fundierter Weltkenntnis. Die sich bildende Zeit ist die &amp;raquo;empirische Zeit&amp;laquo; und findet als bewegliches Zeitkonzept den konkretesten Niederschlag in Karten. Die in den Karten des 19. Jahrhunderts &amp;uuml;berlieferte empirische Ann&amp;auml;herung an die tats&amp;auml;chliche Welt erlaubte die methodische Neubegr&amp;uuml;ndung und materielle Entfaltung des &amp;uuml;berlieferten Paradigmas. Die empirische Methode war dabei grundlegend f&amp;uuml;r die moderne Pluralisierung des Zeitdiskurses. Der Bewusstseinswandel markiert das Ende eines geschlossenen Weltbildes zugunsten eines offenen, moderneren. Zeit wird nicht nur als Ma&amp;szlig; f&amp;uuml;r historischen Wandel begriffen, sondern auch als eine ontologische Bestimmung des menschlichen Wesens und Temporalisierung im Sinne einer historischen, eigent&amp;uuml;mlichen temporalen Diversit&amp;auml;t. &lt;/span&gt;&lt;a class=&quot;see-footnote&quot; id=&quot;footnoteref7_1amz34j&quot; title=&quot;Vgl. dazu auch J.G. Herder: Auch eine Philosophie der Geschichte zur Bildung der Menschheit. Hg. von Dietrich Irmischer. Stuttgart: Reclam, 1997.&quot; href=&quot;#footnote7_1amz34j&quot;&gt;7&lt;/a&gt;&lt;span style=&quot;font-family:arial,helvetica,sans-serif;&quot;&gt; In den Karten des 19. Jahrhunderts ist also ein neuer Zeitbegriff fassbar, der eng mit der Darstellung des erfundenen Raums verbunden ist und mit der Entwicklung und Selbstbehauptung der Kartographie als eigenst&amp;auml;ndige Disziplin einhergeht und auf das moderne Zeitverst&amp;auml;ndnis vorausweist: dass Zeit und Raum nicht ohne einander denkbar sind (egal ob parallel, komplement&amp;auml;r oder gegenl&amp;auml;ufig) und ihre Ver&amp;auml;nderung von der Bewegung und der Geschwindigkeit abh&amp;auml;ngt, mit denen sich die Ereignisse auf der Welt entwickeln.&lt;/span&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&amp;nbsp;&lt;/p&gt;
&lt;div&gt;
	&lt;strong&gt;Isabella Ferron&lt;/strong&gt;, geb.1977. Grund-und Hauptstudium Germanistik und Anglistik an der Ca&amp;#39; Foscari&amp;nbsp;Universit&amp;auml;t zu Venedig und ander&amp;nbsp;&lt;span style=&quot;font-family:arial,sans-serif;font-size:10pt;color:rgb(34,34,34);line-height:16px&quot;&gt;Eberhard Karls&amp;nbsp;&lt;em style=&quot;font-style:normal;color:rgb(0,0,0)&quot;&gt;Universit&amp;auml;t T&amp;uuml;bingen. Promotion an der Ludwig-Maximilianas-&lt;/em&gt;&lt;/span&gt;Universit&amp;auml;&lt;wbr /&gt;t M&amp;uuml;nchen in Philosophie und Germanistik. Lehrbeauftragte (deutsche Sprache) und wiss. Mitarbeiterin an der&amp;nbsp;Ca&amp;#39; Foscari&amp;nbsp;Universit&amp;auml;t zu Venedig und ab M&lt;span style=&quot;font-family:arial,sans-serif;color:rgb(34,34,34);line-height:16px&quot;&gt;&lt;em style=&quot;text-indent:0px!important;font-style:normal;color:rgb(0,0,0)&quot;&gt;&amp;auml;rz 2012 Lehrbeautragte an der&amp;nbsp;&lt;/em&gt;&lt;/span&gt;Universit&amp;auml;t Padua. Forschungsstipendien: Nov. 2011-Feb. 2012: DAAD-Stipendium&amp;nbsp;Universit&amp;auml;t Berlin.&lt;/wbr&gt;&lt;/div&gt;
&lt;ul class=&quot;footnotes&quot;&gt;
&lt;li class=&quot;footnote&quot; id=&quot;footnote1_nprs09u&quot;&gt;&lt;a class=&quot;footnote-label&quot; href=&quot;#footnoteref1_nprs09u&quot;&gt;1.&lt;/a&gt; &lt;span style=&quot;font-family:arial,helvetica,sans-serif;&quot;&gt; Z&amp;ouml;gner, Lothar (Hg.): Von Ptolemaus bis Humboldt. Kartensch&amp;auml;tze der Staatsbibliothek Preu&amp;szlig;ischer Kulturbesitz. Ausstellung zum 125j&amp;auml;hrigen Jubil&amp;auml;um der Kartenabteilung. Staatsbibliothek Preu&amp;szlig;ischer Kulturbesitz, Ausstellungskataloge, Neue Folge 33, Berlin 1999.&lt;/span&gt;&lt;/li&gt;
&lt;li class=&quot;footnote&quot; id=&quot;footnote2_b3gtzep&quot;&gt;&lt;a class=&quot;footnote-label&quot; href=&quot;#footnoteref2_b3gtzep&quot;&gt;2.&lt;/a&gt; &lt;span style=&quot;font-family:arial,helvetica,sans-serif;&quot;&gt;Humboldt, Alexander von: Kosmos. Entwurf einer physischen Weltbeschreibung. Hg. und mit einem Nachw. versehen von Ottmar Ette und Oliver Lubrich. Erscheint im Schuber mit: Physikalischer Atlas, Heinrich Berghaus. Frankfurt a.M.: Eichborn Verlag AG, 2004. &lt;/span&gt;&lt;/li&gt;
&lt;li class=&quot;footnote&quot; id=&quot;footnote3_02qtdrn&quot;&gt;&lt;a class=&quot;footnote-label&quot; href=&quot;#footnoteref3_02qtdrn&quot;&gt;3.&lt;/a&gt; &lt;span style=&quot;font-family:arial,helvetica,sans-serif;&quot;&gt;Diesbez&amp;uuml;glich scheint interessant, hier die Definition der Zeit aus dem Zedlers Lexikon zu erw&amp;auml;hnen: Die Zeit wird als &amp;raquo;gewisse und determinierte Verweilung der Gestirne in ihrem Lauffe, wornach das Seyn und Dauern anderer Dinge gemessen; oder die Zeit ist das Maas der W&amp;auml;hrung der Dinge: oder, wie die Alten beschrieben, die Zeit ist eine Zahl oder Abmessung der vergangenen und zuk&amp;uuml;nftigen Bewegung&amp;laquo;. In: J.H. Zedler: Grosses vollst&amp;auml;ndiges Universal Lexikon aller Wissenschaften und K&amp;uuml;nste. Bd. 61, Zat-Zeit, Leipzig, Halle, S. 725&amp;minus;779, hier 725.&lt;/span&gt;&lt;/li&gt;
&lt;li class=&quot;footnote&quot; id=&quot;footnote4_pbpi7o0&quot;&gt;&lt;a class=&quot;footnote-label&quot; href=&quot;#footnoteref4_pbpi7o0&quot;&gt;4.&lt;/a&gt; &lt;span style=&quot;font-family:arial,helvetica,sans-serif;&quot;&gt;Vgl. dazu: Harvey, D.: Between Space and Time. In: Annals of the Association of AmericaGeographers, 80 (1990), S. 418-434.&lt;/span&gt;&lt;/li&gt;
&lt;li class=&quot;footnote&quot; id=&quot;footnote5_h72uljd&quot;&gt;&lt;a class=&quot;footnote-label&quot; href=&quot;#footnoteref5_h72uljd&quot;&gt;5.&lt;/a&gt; &lt;span style=&quot;font-family:arial,helvetica,sans-serif;&quot;&gt;Siegel, S.; Weigel, P. (Hg.)zit.; Hake, G.; Gr&amp;uuml;nreich, D.; Meng, L.: Kartographie, 2002.&lt;/span&gt;&lt;/li&gt;
&lt;li class=&quot;footnote&quot; id=&quot;footnote6_lhyma68&quot;&gt;&lt;a class=&quot;footnote-label&quot; href=&quot;#footnoteref6_lhyma68&quot;&gt;6.&lt;/a&gt; &lt;span style=&quot;font-family: arial,helvetica,sans-serif;&quot;&gt;Harvey, David: Between Space and Time: Reflections on the Geographical Imagination. In: Annals of the Association of America Geographers, 80 (1990), S. 418-434.&lt;/span&gt;&lt;/li&gt;
&lt;li class=&quot;footnote&quot; id=&quot;footnote7_1amz34j&quot;&gt;&lt;a class=&quot;footnote-label&quot; href=&quot;#footnoteref7_1amz34j&quot;&gt;7.&lt;/a&gt; &lt;span style=&quot;font-family: arial,helvetica,sans-serif;&quot;&gt;Vgl. dazu auch J.G. Herder: Auch eine Philosophie der Geschichte zur Bildung der Menschheit. Hg. von Dietrich Irmischer. Stuttgart: Reclam, 1997.&lt;/span&gt;&lt;/li&gt;
&lt;/ul&gt;
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 <category domain="http://www.kritische-ausgabe.de/kategorie/literatur">Literatur</category>
 <pubDate>Fri, 16 Dec 2011 04:01:41 +0000</pubDate>
 <dc:creator>Dirk Walbrühl</dc:creator>
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 <title>Der dunkelste Monat in Schweden</title>
 <link>http://www.kritische-ausgabe.de/artikel/der-dunkelste-monat-schweden</link>
 <description>&lt;!--break--&gt;&lt;!--break--&gt;&lt;p&gt;&lt;strong&gt;Ein November ohne Kerzen&lt;/strong&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;16 Uhr V&amp;auml;xj&amp;ouml;, es wird dunkel. Bereits zehn Minuten sp&amp;auml;ter hat sich vollkommene Dunkelheit &amp;uuml;ber den Campus gelegt. Alles ist ruhig. Es f&amp;auml;llt mir sehr schwer noch nicht den Abend einzul&amp;auml;uten. Wenn ich gegen 18 oder 19 Uhr joggen gehe, f&amp;uuml;hlt es sich an, als w&amp;uuml;rde ich zur Mitternachtsstunde eine Runde um die Seen drehen. Doch der sanfte gelbliche Schein der Laternen weist mir den Weg am Rande des Campus durch ein kleines St&amp;uuml;ckchen Wald. Nur ein kleiner Wind weht. Die B&amp;auml;ume, der See, alles ist in nat&amp;uuml;rliche Stille eingetaucht. Der Blick entlang des Ufers ist gefesselt an das Lichtspiel ausgehend von den umliegenden H&amp;auml;usern, dem Mond und der silbrig gl&amp;auml;nzenden Oberfl&amp;auml;che des Sees. Es herrscht eine wunderbar friedliche Stimmung.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;img alt=&quot;&quot; src=&quot;/sites/default/files/u82/Bericht%20aus%20Schweden%203.jpg&quot; style=&quot;width: 600px; height: 450px;&quot; /&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p class=&quot;rtecenter&quot;&gt;Foto: Manuela Pittl&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Wenn es schon so fr&amp;uuml;h dunkel wird, muss man die Stunden der Helligkeit ausnutzen &amp;ndash; oder sich der Stimmung hingeben und es sich nach schwedischer Tradition drinnen gem&amp;uuml;tlich machen, gesellig beieinandersitzen, zusammen kochen, backen und viele Kerzen anz&amp;uuml;nden. Denn der November ist der dunkelste Monat in Schweden, lernte ich in meinem Schwedisch-Kurs. Verwundert dar&amp;uuml;ber, erkl&amp;auml;rte man mir, dass der im November einfallenden Dunkelheit erst im Dezember mit tausenden Kerzen entgegengewirkt wird. Ich m&amp;ouml;chte und kann so lang nicht warten, aber freue mich schon in allen H&amp;auml;usern und &amp;uuml;berall in der Stadt, in allen L&amp;auml;den den Kerzenschein flackern zu sehen. Richtig bitter kalt ist es allerdings noch nicht. Letztes Jahr zu dieser Zeit lag bereits meterhoch Schnee. Auf den ersten Schnee dieses Jahres muss ich wohl noch etwas warten, wenn ich ihn &amp;uuml;berhaupt miterlebe, da ich mich jetzt nach Ende der meisten Kurse auf die Reise mache.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;Das Semesterende&lt;/strong&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Die Organisation der Kurse, das System in Schweden, unterscheidet sich stark von der Art und Weise an deutschen Unis. Das Semester begann ja bereits Ende August und ist erst am 15. Januar zu Ende. Direkt im Anschluss, also am n&amp;auml;chsten Tag, beginnt das &amp;raquo;spring&amp;laquo;-Semester, d.h. dazwischen gibt es keine vorlesungsfreie Zeit. Erst mit dem Ende des Fr&amp;uuml;hlingssemsters Anfang Juni hat ein schwedischer Student keine Vorlesungen mehr (bis zum folgenden &amp;bdquo;autumn&amp;ldquo;-Semester Ende August). Jedoch verl&amp;auml;uft das Semester an sich ebenfalls anders. Die Kurse (mit 7,5 Credit Points) dauern nur vier bis f&amp;uuml;nf Wochen und die Pr&amp;uuml;fung folgt direkt nach Ende des Kurses. Entweder starten diese Kurse zu Semesterbeginn oder erst im Oktober oder November. Nur intensivere Kurse (mit 15/30 CP) erstrecken sich &amp;uuml;ber das ganze Semester. Demnach hat ein schwedischer Student mehr oder weniger die M&amp;ouml;glichkeit selbst zu planen, wie er sich das Lernen und die Ferien einteilt. Da meine Kurse alle direkt zu Semesterbeginn einsetzten, sind sie nun beinahe alle abgeschlossen &amp;ndash; nur mein Schwedisch-Kurs findet bis Mitte Dezember statt, ein Kurs f&amp;uuml;r den es 15 CP gibt. Die Klausuren und Hausarbeiten werden normalerweise mit VG (v&amp;auml;l godk&amp;auml;nt = gut) oder G (entspricht ungef&amp;auml;hr befriedigend) beurteilt, solange man bestanden hat. So liegen weniger Noten vor, sondern es z&amp;auml;hlt vielmehr, ob man bestanden hat oder nicht. F&amp;uuml;r uns Austauschstudenten wird jedoch anders verfahren, damit unsere Heimatuniversit&amp;auml;ten unsere Leistungen anerkennen k&amp;ouml;nnen. Da wir Noten von A bis F bekommen, f&amp;uuml;hle ich mich &amp;ndash; da ich dies nur aus Hollywoodstreifen kenne &amp;ndash; wie in einem amerikanischen College. Und die Ergebnisse k&amp;ouml;nnen sich sehen lassen, mit meinen Noten kann ich ohne Probleme Schwedens ber&amp;uuml;hmteste Pop-Gruppe ABBA buchstabieren. Jetzt ist die letzte Pr&amp;uuml;fung geschrieben und ich bin gespannt auf das Resultat. Zum Abschluss der Kurse veranstalteten die Dozenten eine &amp;raquo;Fika&amp;laquo; f&amp;uuml;r uns, aus meiner Sicht eine der besten Eigenheiten der schwedischen Kultur. &amp;raquo;Fika&amp;laquo; &amp;ndash; als Verb und Substantiv zu gebrauchen &amp;ndash; bezeichnet einen Kaffee, Tee oder &amp;raquo;sockervatten&amp;laquo; (=Zuckerwasser) mit verschiedensten Geschmacksrichtungen zu trinken und dazu vielerlei schwedische S&amp;uuml;&amp;szlig;igkeiten, Kekse und Kuchen zu naschen. Eine der vielen schwedischen Traditionen, die mir sehr zusagt.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;Pr&amp;uuml;fungen, fertig, los&lt;/strong&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Mit &amp;nbsp;der Beendigung meiner letzten Pr&amp;uuml;fung ist die Reisezeit gekommen &amp;ndash; es stehen Besuche von nordischen Hauptst&amp;auml;dten an. Zuerst galt es Tallinn zu erkunden. Das Universit&amp;auml;tswerk f&amp;uuml;r internationale Studenten organisierte einen Trip f&amp;uuml;r drei Tage: vom Hafen Stockholms nach Tallinn und zur&amp;uuml;ck &amp;ndash; zwei N&amp;auml;chte auf einer F&amp;auml;hre quer &amp;uuml;ber die Ostsee und den finnischen Meerbusen. Neben zwei feuchtfr&amp;ouml;hlichen Abenden auf der &amp;raquo;Baltic Queen&amp;laquo; der Tallink Silja Line, auch bekannt als Party-Boot, war ich vor allem gespannt wie es so weit &amp;ouml;stlich in der estnischen Hauptstadt zugeht. Meine freudigen Erwartungen wurden &amp;uuml;bertroffen. Mit all den alten H&amp;auml;usern, der russisch-orthodoxen Kirche und dem rosafarbenen Parlament wirkt Tallinn wie eine aus dem M&amp;auml;rchen entsprungene Stadt. Der mittelalterliche Charme entsteht speziell aus der Atmosph&amp;auml;re des gro&amp;szlig;en Marktplatzes, auf dem ein Paar in traditionellen Kleidern aus einem mittelalterlichen Wagen K&amp;ouml;stlichkeiten verkauft. Davon abgehend schl&amp;auml;ngeln sich viele enge G&amp;auml;sschen zwischen den gro&amp;szlig;en imposanten Steinh&amp;auml;usern mit hohen Eing&amp;auml;ngen und schweren Holzt&amp;uuml;ren. Morgens legten wir in diesem urigen St&amp;auml;dtchen an, das von ca. 600.000 Esten (von nicht ganz der H&amp;auml;lfte der insgesamt 1,4 Millionen Einwohnern) bewohnt wird, wie uns eine aufgeweckte Frau, unser Tourguide f&amp;uuml;r jenen mittelalterlichen Stadtkern, informierte. Da wir leider am Nachmittag wieder ablegten, blieb keine Zeit das estnische Literaturmuseum unter die Lupe zu nehmen oder einen Blick in die Nationalopern zu werfen. Dennoch hatten wir vom Dachcaf&amp;eacute; eines namenhaften Hotels eine gro&amp;szlig;artige Aussicht &amp;uuml;ber Tallinns sch&amp;ouml;ne D&amp;auml;cher bei Sonnenuntergang.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;M&amp;uuml;de, gl&amp;uuml;cklich und zufrieden traf ich nach diesem m&amp;auml;rchenhaften Ausflug wieder in V&amp;auml;xj&amp;ouml; ein. Kurz darauf nahm ich die Planung f&amp;uuml;r die n&amp;auml;chste Reise auf, deren Ziel unweit von der estnischen Hauptstadt liegt. N&amp;auml;chster Stopp: Helsinki.&lt;/p&gt;
</description>
 <comments>http://www.kritische-ausgabe.de/artikel/der-dunkelste-monat-schweden#comments</comments>
 <category domain="http://www.kritische-ausgabe.de/tags/bericht-aus-schweden">Bericht aus Schweden</category>
 <category domain="http://www.kritische-ausgabe.de/kategorie/kontroverse/schwerpunkte">Schwerpunkte</category>
 <pubDate>Wed, 14 Dec 2011 07:00:27 +0000</pubDate>
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 <title>»Die Perspektive eines Außenseiters«</title>
 <link>http://www.kritische-ausgabe.de/artikel/%C2%BBdie-perspektive-eines-au%C3%9Fenseiters%C2%AB</link>
 <description>&lt;p&gt;Marcel Beyer setzt sich als deutscher Autor in seinen Werken historisch und psychologisch mit der Geschichte der DDR und des Dritten Reiches auseinander. Seine Texte reflektieren deutsche Geschichte durch die psychologische Auseinandersetzung mit individuellen Schicksalen. Mit der Kritischen Ausgabe sprach Beyer &amp;uuml;ber die Faszination des deutschen Ostens und die Inspirationen f&amp;uuml;r seinen neusten Roman &lt;em&gt;Kaltenburg&lt;/em&gt;.&lt;/p&gt;
&lt;!--break--&gt;&lt;!--break--&gt;&lt;p&gt;&lt;strong&gt;Kritische Ausgabe (K.A.):&lt;/strong&gt; Viele Autoren ziehen heute nach Berlin, warum sind Sie 1996 nach Dresden gezogen?&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;Marcel Beyer:&lt;/strong&gt; (schmunzelt) Ich habe 1995 meine Lebensgef&amp;auml;hrtin kennengelernt, eine Schweizerin, die in Dresden lebte. Gemeinsam haben wir tats&amp;auml;chlich &amp;uuml;berlegt ob wir zusammen nach Berlin ziehen sollten. Aber es war auch die Zeit als alle sagten &amp;raquo;es muss nach Berlin gehen&amp;laquo;. Das war schon ein Grund, es nicht zu tun. Berlin war ja nicht mehr die DDR, sondern ein ganz eigener Organismus, auch w&amp;auml;hrend der deutschen Teilung. Im Gegensatz zum Osten kannte ich Berlin schon und hatte gro&amp;szlig;e Lust tief in den Osten zu ziehen. Dresden war da der tiefste Osten, den ich mir vorstellen konnte. Und ich bef&amp;uuml;rchtete, dass ich den Osten sonst nicht mehr kennenlernen w&amp;uuml;rde, der sich gerade dem Westen anpasste.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;K.A.:&lt;/strong&gt; Und haben Sie in Dresden den Osten kennengelernt?&lt;img alt=&quot;&quot; src=&quot;/sites/default/files/u152/Kaltenburg_0.png&quot; style=&quot;width: 230px; height: 430px; float: right; margin: 15px;&quot; /&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;Beyer&lt;/strong&gt;&lt;strong&gt;: &lt;/strong&gt;Es war schon eine sehr andere Lebenswelt. Nun bin ich f&amp;uuml;nfzehn Jahre dort und kann mir kaum mehr vorstellen in den Westen zur&amp;uuml;ckzuziehen. Man hat ganz andere Erfahrungen gemacht, die sich kaum in Worte fassen lassen; Kleinigkeiten und &amp;Auml;u&amp;szlig;erlichkeiten. Der Osten und der Westen werden sich immer voneinander unterscheiden. Im Umgang ist man in Dresden viel zur&amp;uuml;ckhaltender als man es aus dem Rheinland kennt. Man ist nicht aufdringlich, wartet erst mal und sch&amp;auml;tzt ab. Das erkl&amp;auml;re ich mir immer damit, dass die DDR sehr klein war und es keinen regen internationalen Austausch an Menschen gab &amp;ndash; man hatte alle Zeit der Welt sich kennenzulernen und Freundschaften aufzubauen.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;K.A.: &lt;/strong&gt;Was war es, das sie damals am Osten interessiert hat?&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;Beyer&lt;/strong&gt;&lt;strong&gt;: &lt;/strong&gt;F&amp;uuml;r mich war es das Fremde und Neue. Es war ja einfach verr&amp;uuml;ckt mit Gleichaltrigen zusammenzutreffen und, oft auch &amp;uuml;ber Missverst&amp;auml;ndnisse, herauszufinden inwiefern man sich unterscheidet, weil man in unterschiedlichen L&amp;auml;ndern und Systemen aufgewachsen ist.&lt;/p&gt;
&lt;h2&gt;
	Spurenschau in Dresden&lt;/h2&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;Beyer&lt;/strong&gt;&lt;strong&gt;:&lt;/strong&gt; Inwiefern waren f&amp;uuml;r Sie die Geschichte des Dritten Reiches oder der DDR noch in Dresden pr&amp;auml;sent?&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;In Dresden gibt es nat&amp;uuml;rlich Spuren des Nationalsozialismus, die wurden in der DDR jedoch ein bisschen unter den Teppich gekehrt. Es gibt auf der neust&amp;auml;dtischen Elbseite den Rosengarten. Dort wurde zwar umgebaut, aber wenn man genau hinsieht, dann bemerkt man dass er ein Prestigeprojekt aus den 30er Jahren ist. Dort gibt es einen Fu&amp;szlig;g&amp;auml;ngerdurchgang zum Elbufer, worin an der Decke ein gro&amp;szlig;es Hakenkreuz ist, welches zwar &amp;ouml;fter in der DDR &amp;uuml;bermalt wurde, aber immer wieder durchscheint. Dort wird gerade grundsaniert, damit es endlich verschwindet (lacht).&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;In der Architektur ist das Ineinandergreifen der Zeiten im Osten einfach pr&amp;auml;senter als im Westen. Gerade in Dresden sieht man die Spuren aller Zeiten. Dadurch f&amp;uuml;hle ich mich angeregt mich mit der architektonischen Geschichte einzelner Geb&amp;auml;ude zu besch&amp;auml;ftigen. Wenn ich durch Dresden fahre, komme ich immer wieder an Geb&amp;auml;uden vorbei und denke: &lt;strong&gt;&amp;rsaquo;&lt;/strong&gt;&amp;Uuml;ber dieses Haus willst du eigentlich mehr wissen.&lt;strong&gt;&amp;lsaquo;&lt;/strong&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;K.A.: &lt;/strong&gt;Ihr neuer Roman &lt;em&gt;Kaltenburg&lt;/em&gt; spielt sich ja auch zum gro&amp;szlig;en Teil in Dresden ab. Ist der Mikrokosmos der Personen des Romans auch eine Darstellung der Verh&amp;auml;ltnisse zur Zeit der DDR?&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;Beyer&lt;/strong&gt;&lt;strong&gt;: &lt;/strong&gt;Der Ich-Erz&amp;auml;hler aus Kaltenburg, Hermann Funk, hat eine spezielle Perspektive. Er ist selbst kein Dresdner, kein Einheimischer. Als Dazugekommener wirft er einen Blick von der Seite auf die Gesellschaft. Au&amp;szlig;erdem hat er auch den Blick Vogelkundlers auf alles. Nat&amp;uuml;rlich ist er ein parteiischer Erz&amp;auml;hler, dessen Partei nie Mehrheitsverh&amp;auml;ltnisse wird herstellen k&amp;ouml;nnen. Dabei geht es nicht um monolithische Objektivit&amp;auml;t &amp;ndash; wenn es &lt;strong&gt;&amp;rsaquo;&lt;/strong&gt;das eine Buch&lt;strong&gt;&amp;lsaquo;&lt;/strong&gt;&amp;nbsp; zu einem Thema geben soll, bin ich immer skeptisch. Ich geh&amp;ouml;re eben nicht zu den Autoren, die die Absicht haben, die Welt zu erfassen und objektiv darzustellen. Es ist eigentlich immer die Perspektive eines Au&amp;szlig;enseiters die mich interessiert.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;K.A.: &lt;/strong&gt;Ist die Au&amp;szlig;enseiterperspektive von Hermann Funk dabei auch ein bisschen Ihre eigene?&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;Beyer&lt;/strong&gt;&lt;strong&gt;: &lt;/strong&gt;Ja. Wobei ich bestimmte Parameter umgedreht habe. Urspr&amp;uuml;nglich war meine Vorstellung: Jemand J&amp;uuml;ngeres aus dem Westen kommt in den Osten und trifft auf jemanden, der ihm aus seinem Leben in der DDR erz&amp;auml;hlt. &amp;nbsp;W&amp;auml;hrend des Nachdenkens &amp;uuml;ber den Roman ist das aber nicht in Gang gekommen, besonders wie ich es gestalten kann, dass der Junge aus dem Westen nicht nur ein Mikrophon wird. Dann kam die Blitzentscheidung, dass der &amp;auml;ltere Mensch, der die ganze Zeit in der DDR verbracht hat, eigentlich der Ich-Erz&amp;auml;hler sein muss. Und dann war&amp;lsquo;s wirklich so als w&amp;uuml;rde der Erz&amp;auml;hler, Hermann Funk, anfangen zu mir zu sprechen.&lt;/p&gt;
&lt;h2&gt;
	Schr&amp;auml;ge V&amp;ouml;gel und historische Begebenheiten&lt;/h2&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;K.A.: &lt;/strong&gt;Bei Ludwig Kaltenburg kann man klare Parallelen zum 1989 verstorbenen Ornithologen und Nobelpreistr&amp;auml;ger Konrad Lorenz erkennen.&amp;nbsp; Haben Sie Lorenz jemals selbst getroffen?&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;Beyer&lt;/strong&gt;&lt;strong&gt;: &lt;/strong&gt;Es w&amp;auml;re theoretisch m&amp;ouml;glich gewesen, dass ich Konrad Lorenz noch begegnet w&amp;auml;re. Stattdessen habe ich Menschen kennengelernt, die mit ihm befreundet waren. Aber das eigentlich zum Gl&amp;uuml;ck erst, als der Roman schon erschienen war. Ich k&amp;ouml;nnte mir auch nicht vorstellen &amp;uuml;ber eine Person zu schreiben, die ich tats&amp;auml;chlich kenne, geschweige denn eine Person, die auch noch lebt und von der ich umgeben bin. Dann denke ich immer, ich w&amp;uuml;rde demjenigen die M&amp;ouml;glichkeit nehmen selber zu sprechen. Es ging eher darum, meinen ostdeutschen Altersgenossen zu erz&amp;auml;hlen, was mich und mein Aufwachsen ausmacht. Dabei stie&amp;szlig; ich auf Arbeiten vom Tierfilmer Heinz Sielmann und seine Freundschaft mit dem K&amp;uuml;nstler Joseph Beuys. Die Arbeiten der beiden waren in meiner Kindheit sehr pr&amp;auml;sent und wurden f&amp;uuml;r mich zu einer Art Hintergrund. Sielmann nahm Beuys mit auf Schloss Buldern, wo Lorenz sein Institut hatte. Man wei&amp;szlig; von dieser Begegnung, aber man wei&amp;szlig; nicht, wie sie verlaufen ist. Das hat mich sehr gereizt. Dabei wollte ich kein historisches Buch schreiben, sondern die Biographien dieser Figuren auf eine andere Weise produktiv machen und in einen Roman-Kosmos einf&amp;uuml;gen, wo sie sich von dem realen Hintergrund abl&amp;ouml;sen. In Dresden habe ich festgestellt, dass bestimmte Szenen vor dem Hintergrund dieser Stadt noch einmal eine ganz andere Reibung ergaben. Auf einmal gewannen kleine dahingesagte Bemerkungen von Ludwig Kaltenburg eine politische Ebene und einen ganz anderen Echoraum. Das war der Moment, wo die Figuren sich von den historischen Personen gel&amp;ouml;st hatten.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;K.A.: &lt;/strong&gt;Die Frauenfiguren aus &lt;em&gt;Kaltenburg&lt;/em&gt; bleiben eher im Hintergrund und sind doch &amp;uuml;ber das Buch weg pr&amp;auml;sent.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;Beyer&lt;/strong&gt;&lt;strong&gt;: &lt;/strong&gt;Die Ornithologie ist schon eher eine M&amp;auml;nnerwelt. Das war jetzt erst mal eine Tatsache mit der ich leben musste. Alle drei M&amp;auml;nnerfiguren: Sieverding, Spengler und Kaltenburg haben auch einen milit&amp;auml;rischen, m&amp;auml;nnerb&amp;uuml;ndischen Hintergrund. So konnte ich die Frauenfiguren wie einen Magnet benutzen, welche Hermann zwar nicht komplett aus deren Bann ziehen, aber ihn doch immer wieder&amp;nbsp; auf Distanz zu ihnen bringen. Gerade das Kinderm&amp;auml;dchen Maria macht dabei noch einmal als Bezugsperson eine andere Perspektive auf. Sie f&amp;auml;llt aus der Welt heraus und wird zu einer unaufgel&amp;ouml;sten Erinnerung. Auch sp&amp;auml;ter geistert sie im Untergrund des Romans als etwas Unabgeschlossenes herum. Das gleiche geschieht mit Klara, die die Sicht des Erz&amp;auml;hlers auf die Welt ver&amp;auml;ndert und ihn von seiner Ersatzfamilie (Kaltenburg) entfernt.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;K.A.:&lt;/strong&gt; Dabei ist das Ende ja eher offen.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;Beyer&lt;/strong&gt;&lt;strong&gt;: &lt;/strong&gt;&lt;em&gt;Kaltenburg&lt;/em&gt; ist ein Roman, der beim Schreiben ein Eigenleben entwickelte. Ich glaube, die Leser w&amp;auml;ren darauf abgefahren, wenn das Kinderm&amp;auml;dchen am Ende wieder aufgetaucht w&amp;auml;re und alle offenen Fragen beantwortet h&amp;auml;tte. F&amp;uuml;r mich war damit aber klar, dass genau das nicht passieren darf. Dieses vermeintliche Verheilen der Wunden &amp;hellip; nein, es gibt einfach bestimmte Dinge, da verheilt nichts.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;K.A.: &lt;/strong&gt;Das Thema Ornithologie zieht sich ja durch den ganzen Roman. Sind Tiere der gemeinsame Nenner Ihrer Texte?&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;Beyer&lt;/strong&gt;&lt;strong&gt;: &lt;/strong&gt;Mir sind in Dresden die Vogel- und die Tierwelt im st&amp;auml;dtischen Raum einfach viel st&amp;auml;rker aufgefallen als im Rheinland. In K&amp;ouml;ln gab es nur die Taube. Dresden ist da sehr viel gr&amp;uuml;ner. Da wurde mir beim Betrachten der V&amp;ouml;gel klar, dass diese auch uns die ganze Zeit beobachten. Wir leben in einer Welt, in der es wieder andere Welten gibt, die uns wahrnehmen. Das fand ich faszinierend. Meine Freunde im Osten kennen sich auch ungeheuer gut mit dieser Vogelwelt aus. Dazu kam die Wiederentdeckung von Konrad Lorenz, der mit seinen Graug&amp;auml;nsen ber&amp;uuml;hmt geworden ist. Als junger Wissenschaftler hat er aber eine Dohle gehabt und w&amp;auml;re ohne diese wom&amp;ouml;glich nicht zum Verhaltensforscher geworden. So wurde die Dohle zum &amp;rsaquo;Leitvogel&amp;lsaquo; des Romans. Dabei wird die Vogelwelt zum dritten Bereich in der Fremdheitserfahrung zwischen Ost und West. In den letzten Jahren fallen mir dabei &amp;ouml;fter Sachen mit Tieren ein. Ich arbeite seit einiger Zeit immer wieder an einem Essay &amp;uuml;ber Tiere, der der Abschluss der Tiere in meinen Texten sein soll. Ich darf ja nicht der &amp;rsaquo;Tieronkel&amp;lsaquo; werden.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;K.A.: &lt;/strong&gt;Mit der Arbeit am Filmkommentar zu &lt;em&gt;Revolution im Ton&lt;/em&gt; (Arbeitstitel) von Martin Reinhart und Thomas Tode wenden Sie sich jetzt ja einem neuen Thema und Medium zu. K&amp;ouml;nnen Sie sich vorstellen dass &lt;em&gt;Kaltenburg&lt;/em&gt; einmal verfilmt wird?&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;Beyer&lt;/strong&gt;&lt;strong&gt;: &lt;/strong&gt;Nein! Ich w&amp;auml;re sehr gespannt wenn jemand sagen w&amp;uuml;rde ich habe eine Idee wie man das machen k&amp;ouml;nnte. Das innere vor sich hin Murmeln und Entstehenlassen von Bildern ist f&amp;uuml;r den Text sehr wichtig. Wahrscheinlich w&amp;uuml;rde es ein sehr langer Film ohne gro&amp;szlig;e &amp;auml;u&amp;szlig;ere Handlung werden. Die meiste Zeit schwirrt halt eine Dohle herum und die Figuren sitzen am Tisch und reden. Oder? (lacht)&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&amp;nbsp;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&amp;nbsp;&lt;/p&gt;
&lt;h2&gt;
	&lt;img alt=&quot;&quot; src=&quot;/sites/default/files/u152/Kaltenburg.png&quot; style=&quot;width: 201px; height: 224px; float: left; border-width: 2px; border-style: solid; margin: 5px 20px;&quot; /&gt;&amp;Uuml;ber Marcel Beyer&lt;/h2&gt;
&lt;p&gt;Marcel Beyer, geboren 1965 in Tailfingen, studierte an der Universit&amp;auml;t Siegen Germanistik, Anglistik und Allgemeine Literaturwissenschaft. Bevor er 1996 nach Dresden zog, lebte Marcel Beyer in K&amp;ouml;ln. Sein erster Roman &lt;em&gt;Das Menschenfleisch&lt;/em&gt; erschien 1991. Seitdem ver&amp;ouml;ffentlicht er neben Romanen auch Lyrik und Essays. Unter anderem wurde er 2001 mit dem Heinrich-B&amp;ouml;ll-Preis und 2008 mit dem Erich-Fried-Preis ausgezeichnet. Das Interview wurde im Rahmen einer Lesung seines aktuellen Romans &lt;em&gt;Kaltenburg&lt;/em&gt; am 4. Juli 2011 gef&amp;uuml;hrt.&lt;/p&gt;
</description>
 <comments>http://www.kritische-ausgabe.de/artikel/%C2%BBdie-perspektive-eines-au%C3%9Fenseiters%C2%AB#comments</comments>
 <category domain="http://www.kritische-ausgabe.de/kategorie/literatur/literatur-portr%C3%A4t-interview">Literatur - Porträt &amp; Interview</category>
 <pubDate>Mon, 12 Dec 2011 23:32:07 +0000</pubDate>
 <dc:creator>Dirk Walbrühl</dc:creator>
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</item>
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 <title>Körper, Geist und Seele</title>
 <link>http://www.kritische-ausgabe.de/artikel/k%C3%B6rper-geist-und-seele</link>
 <description>&lt;p&gt;Bin ich nun ein Roman? Bin ich &lt;a href=&quot;http://www.kritische-ausgabe.de/artikel/bin-ich-viele&quot;&gt;viele&lt;/a&gt; oder &lt;a href=&quot;http://www.kritische-ausgabe.de/artikel/einer-keiner-hunderttausend&quot;&gt;niemand&lt;/a&gt;? Aus welchen Teilen bestehe ich, wer bin ich? Ich wollte schon l&amp;auml;nger herausfinden, was es mit Geist und Seele auf sich hat, da heute schon an Volkshochschulen gern deren Einklang beschworen wird.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Aber das h&amp;auml;tte bedeutet, sehr viele Werke &amp;uuml;ber Religion zu konsultieren. Oder &amp;ndash; man wartet ab und l&amp;auml;sst den &lt;a href=&quot;http://www.kritische-ausgabe.de/artikel/der-bibliotheken-engel&quot;&gt;Bibliothekenengel&lt;/a&gt; machen. Im September fand ich ein Buch, das mir Antworten auf meine Fragen nach Geist und Seele gab. Die Antworten stehen ja alle in einem Buch, indessen h&amp;auml;tten hier weder &lt;em&gt;google&lt;/em&gt; noch &lt;em&gt;bing&lt;/em&gt; oder &lt;em&gt;yahoo&lt;/em&gt; helfen k&amp;ouml;nnen. Die Universit&amp;auml;tsbibliothek Freiburg zeigt etwa beim Stichwort &lt;em&gt;Seele&lt;/em&gt; 2884 Treffer (= B&amp;uuml;cher) an, bei &lt;em&gt;Geist&lt;/em&gt; 4056, bei &lt;em&gt;Consciousness&lt;/em&gt; 1194. Selbst wenn man schnell ist und jeden Tag eines der B&amp;uuml;cher l&amp;auml;se, w&amp;auml;re man dennoch Jahre besch&amp;auml;ftigt.&lt;/p&gt;
&lt;!--break--&gt;&lt;!--break--&gt;&lt;h5&gt;
	&lt;strong&gt;Unsere bin&amp;auml;re Struktur &lt;/strong&gt;&lt;/h5&gt;
&lt;p&gt;Das Buch. Es hei&amp;szlig;t &lt;em&gt;The Division of Consciousness &lt;/em&gt;von &lt;a href=&quot;http://redwheelweiser.com/author.html?au=1288&quot;&gt;Peter Novak&lt;/a&gt; und wurde 1997 geschrieben. Ich hatte es zun&amp;auml;chst ungelesen zur&amp;uuml;ckgeben wollen, doch dann fing das Vorwort so an: &amp;raquo;Im Sommer 1985 nahm sich meine junge h&amp;uuml;bsche Frau, die an einer unheilbaren psychischen St&amp;ouml;rung litt, das Leben, Monate nachdem sie unserer Tochter Ayriel Gold das Leben geschenkt hatte.&amp;laquo; Dann tr&amp;auml;umte der Autor drei Mal von seiner Frau und kam zu dem Schluss, dass es ihr gut gehe. Er st&amp;uuml;rzte sich neun Jahre in die Forschung und kam mit dem Buch heraus, das ich vorstellen will.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Auch in esoterischen Kreisen redet man von K&amp;ouml;rper, Geist und Seele, wobei die lichteren Bestandteile gern als austauschbar behandelt werden. Unm&amp;ouml;glich! Im englischen Sprachraum hei&amp;szlig;t es &lt;em&gt;body&lt;/em&gt;, &lt;em&gt;mind&lt;/em&gt; und &lt;em&gt;spirit&lt;/em&gt;, wobei &lt;em&gt;mind&lt;/em&gt; das Problem ist und schwer zu &amp;uuml;bersetzen: etwas wie Bewusstsein, Gef&amp;uuml;hlswelt, Ich-Identit&amp;auml;t. Unser &lt;em&gt;Geist&lt;/em&gt; steht zwischen &lt;em&gt;mind&lt;/em&gt; und &lt;em&gt;spirit&lt;/em&gt;. (&lt;em&gt;Spirits&lt;/em&gt; hei&amp;szlig;en &amp;uuml;brigens die Gespr&amp;auml;chspartner in der spiritistischen Literatur, w&amp;auml;hrend die erdgebundenen Geister &lt;em&gt;ghosts&lt;/em&gt; sind.)&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;In vielen alten Religionen ist unser geistiges Sein bin&amp;auml;r strukturiert. Da gibt es im Judentum &lt;em&gt;ruach&lt;/em&gt; und &lt;em&gt;nefesch&lt;/em&gt;, bei Navajo-Indianern einen Wind (Geist) und einen Schatten (Seele), im Zoroastrismus &lt;em&gt;urvan&lt;/em&gt; und &lt;em&gt;daena&lt;/em&gt;. &amp;raquo;Was jenseits aller Form ist, wird Dao genannt, und alles, was Form besitzt, wird Gef&amp;auml;&amp;szlig; (vessel) oder Instrument (qi) genannt&amp;laquo;, schrieb Konfuzius. Im geistigen Reich w&amp;auml;re die Seele das Gef&amp;auml;&amp;szlig;, ein weibliches, und qi, die flutende Energie, der Geist. In der Antike sah man das Blut als Sitz der Seele. Der Atem war stets der Geist, &lt;em&gt;pneuma&lt;/em&gt; in der Gnosis. &amp;raquo;Auf der Schwester verhauchte / Jene den Geist&amp;laquo;, steht bei Ovid.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Das fr&amp;uuml;he Christentum kannte auch Geist und Seele, doch im Konzil von Konstantinopel im 9. Jahrhundert dekretierte man: nur noch &lt;em&gt;Leib&lt;/em&gt; und &lt;em&gt;Seele&lt;/em&gt;. Wir sagen deshalb, dass Essen und Trinken sie zusammenhalten.&lt;/p&gt;
&lt;p class=&quot;rtecenter&quot;&gt;&lt;img alt=&quot;Hafeneinfahrt Lindau am Bodensee (Foto: Manfred Poser)&quot; src=&quot;/sites/default/files/u84/poser_lindau.jpg&quot; style=&quot;width: 600px; height: 463px;&quot; /&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p class=&quot;rtecenter&quot;&gt;&lt;small&gt;Die animalische Seele und das Leuchtfeuer des Geistes. &amp;ndash; Hafeneinfahrt Lindau am Bodensee (Foto: Manfred Poser) &lt;/small&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Novak zeigt anhand von Zitaten aus der Bibel und anderen Religionen, dass der &lt;em&gt;Geist&lt;/em&gt; das G&amp;ouml;ttliche in uns ist: k&amp;ouml;niglich, unzerst&amp;ouml;rbar, ewig. Die &lt;em&gt;Seele&lt;/em&gt; dagegen ist prek&amp;auml;r: Sie bekommen wir mit der Geburt. Der Geist entspricht dem Bewusstsein, die Seele dem Unbewussten (und das, was nicht ganz bewusst und nicht ganz unbewusst ist, hei&amp;szlig;t &lt;em&gt;Unterbewusstsein&lt;/em&gt;). Seit etwa 50 Jahren erst wei&amp;szlig; man, dass im Gehirn zwei Bewusstseinszentren liegen, die in der rechten und linken Gehirnh&amp;auml;lfte beheimatet sind. Die linke H&amp;auml;lfte ist rational, logisch, klar, verwaltet die rechte K&amp;ouml;rperseite und kann sich ausdr&amp;uuml;cken; die rechte Hirnh&amp;auml;lfte ist f&amp;uuml;r Bilder und Emotionen zust&amp;auml;ndig, speichert alles, spricht nicht und hat M&amp;uuml;he, sich durchzusetzen.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Novak sagt, dass es zwischen Bewusstsein und Unterbewusstsein eine Mauer gibt, die auch zwischen Geist und Seele steht. Vieles wird verdr&amp;auml;ngt, wir h&amp;ouml;ren nicht richtig auf unsere Gef&amp;uuml;hle, und so ist die Kommunikation blockiert. Wir sind nur noch drau&amp;szlig;en und verlieren den Kontakt zu unserer inneren Stimme. Seit wir in Mann und Frau und Geist und Seele gespalten sind, sehen wir alles nur in Oppositionen, die wir dann benennen und dadurch zementieren. M&amp;uuml;sste nicht sein.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Es gibt zahlreiche metaphorische Ausdr&amp;uuml;cke um Geist und Seele. Der &amp;raquo;Geist&amp;laquo; eines Vertrags (im Gegensatz zu seinen &amp;raquo;Buchstaben&amp;laquo;) ist sein wahrer Sinn; der &amp;raquo;gute Geist&amp;laquo; des Hauses arbeitet, unsichtbar bleibend; von allen guten Geistern verlassen, im Geiste des Patrons weiterarbeiten, den Geist von Camp David beschw&amp;ouml;ren. Seele hat immer mit Gem&amp;uuml;t zu tun, ist etwas dumpf und gef&amp;uuml;hlvoll. Die Seele des Unternehmens, eine gute Seele, rettet unsere Seelen (S.O.S. &amp;ndash; save our souls), der Seelsorger und der Seelenverk&amp;auml;ufer.&lt;/p&gt;
&lt;h5&gt;
	&lt;strong&gt;Reinkarnation und das Paradies&lt;/strong&gt;&lt;/h5&gt;
&lt;p&gt;Peter Novak erl&amp;auml;utert, dass eine H&amp;auml;lfte der Welt (der Westen) nach dem Tod des Individuums das System Himmel/H&amp;ouml;lle proklamiert, die andere H&amp;auml;lfte jedoch (der Osten) die Reinkarnation. Im Osten ist der Mensch Geist, also bewusst und klar, w&amp;auml;hrend das H&amp;ouml;chste Wesen unbewusst und vage dargestellt wird. Im Westen ist Gott definiert und der allm&amp;auml;chtige Geist, w&amp;auml;hrend der Mensch der Seele gleicht, ein Gef&amp;uuml;hlswesen ist. (Im westlichen Theater sitzen die Zuschauer im Dunkeln als unbewusster Zirkel und starren auf das erleuchtete Rund, in dem das Bewusstsein auftritt; japanisches Theater findet unter Beleuchtung statt und legt alles offen.)&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Nach dem Tod, meint Novak, k&amp;ouml;nnte sich eine Trennung zwischen Geist und Seele vollziehen, die ohnehin stets durch eine Mauer getrennt waren. Das ist seine &lt;em&gt;Division of Consciousness&lt;/em&gt;. Der &lt;em&gt;Geist&lt;/em&gt; &amp;ndash; bewusst, im Hier und Jetzt &amp;ndash; h&amp;auml;tte jedoch keinen Zugang zu Ich-Identit&amp;auml;t, Gef&amp;uuml;hlen und Erinnerungen, die in der &lt;em&gt;Seele&lt;/em&gt; wohnen. Der Geist schweift also einsam und im ewigen Augenblick umher und ist gezwungen, sich einen neuen K&amp;ouml;rper zu suchen: er inkarniert von neuem &amp;ndash; das &amp;ouml;stliche Modell.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Die &lt;em&gt;Seele&lt;/em&gt; dagegen br&amp;uuml;tet vor sich hin, und da sie ohne Initiative ist, schl&amp;auml;gt sie sich mit ihren ewiggleichen Erinnerungen herum und richtet sich: schickt sich in Himmel oder H&amp;ouml;lle. Da sitzt sie dann und ist vergn&amp;uuml;gt oder ungl&amp;uuml;cklich, kann sich aber nicht weiterentwickeln. Das w&amp;auml;re das westliche Modell. Zwischen beiden gibt es kaum Verst&amp;auml;ndigung. Die Reinkarnation l&amp;auml;sst sich nur schwer in unser Konzept einbauen.&lt;/p&gt;
&lt;h5&gt;
	&lt;strong&gt;&lt;em&gt;The Wall&lt;/em&gt;&lt;/strong&gt;&lt;strong&gt; knacken!&lt;/strong&gt;&lt;/h5&gt;
&lt;p&gt;Wir kennen uns und schlagen uns mit unseren Gef&amp;uuml;hlen herum. Aber t&amp;auml;uschen wir uns nicht: Es wird eine Menge Menschen geben, vor allem aus der &amp;auml;lteren Generation, die v&amp;ouml;llig abgetrennt von ihrem Inneren leben und hin&amp;uuml;bergehen, ohne sich je richtig kennengelernt zu haben. Ein halbherziges Leben in einem lauwarmen Paradies danach, das klingt nach Erstarrung. Wenn jemand zu Lebzeiten die Mauer zwischen Geist und Seele durchl&amp;auml;ssig hielt, bekommt die Seele nach dem Tod noch Reize und kann sich entwickeln, was einen Aufstieg m&amp;ouml;glich macht.&lt;/p&gt;
&lt;p class=&quot;rtecenter&quot;&gt;&lt;img alt=&quot;Roger Waters bei einem Konzert in Rom 2006 (Foto: Gianni Gallina)&quot; src=&quot;/sites/default/files/u84/gallina_waters.jpg&quot; style=&quot;width: 600px; height: 372px;&quot; /&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p class=&quot;rtecenter&quot;&gt;&lt;small&gt;Roger Waters bei einem Konzert in Rom 2006 mit den Werken &lt;em&gt;Dark Side of the Moon&lt;/em&gt; und &lt;em&gt;The Wall&lt;/em&gt;. (Foto: Gianni Gallina)&lt;/small&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Wir m&amp;uuml;ssen also Zugang zu unserem Inneren finden. Wir m&amp;uuml;ssen &lt;em&gt;The Wall&lt;/em&gt; knacken! In manchen B&amp;uuml;chern gelingt das &amp;ndash; da hat jemand pl&amp;ouml;tzlich seinen inneren Schatz aufgeschlossen, wir lesen, und wir &lt;em&gt;sehen&lt;/em&gt;! Das sollte nicht nur in B&amp;uuml;chern m&amp;ouml;glich sein. Es ist unsere Aufgabe, &lt;em&gt;heil&lt;/em&gt; zu werden und &lt;em&gt;ganz&lt;/em&gt;, unser Ego klein zu halten, integer zu sein und treu zu dem, was wir sp&amp;uuml;ren. Innen und Au&amp;szlig;en m&amp;uuml;ssen zur Deckung gebracht werden. Das gelingt nur durch peinliche Selbstbefragung und radikale Ehrlichkeit. Dann sp&amp;uuml;ren wir, dass es gut ist, und schon in diesem Leben.&lt;/p&gt;
</description>
 <comments>http://www.kritische-ausgabe.de/artikel/k%C3%B6rper-geist-und-seele#comments</comments>
 <category domain="http://www.kritische-ausgabe.de/kategorie/kontroverse/ausrei%C3%9Fversuche">Ausreißversuche</category>
 <pubDate>Thu, 08 Dec 2011 23:01:00 +0000</pubDate>
 <dc:creator>Marcel Diel</dc:creator>
 <guid isPermaLink="false">4763 at http://www.kritische-ausgabe.de</guid>
</item>
<item>
 <title>»Kein Rezept für die Zukunft dieser Republik.«</title>
 <link>http://www.kritische-ausgabe.de/artikel/%C2%BBkein-rezept-f%C3%BCr-die-zukunft-dieser-republik%C2%AB</link>
 <description>&lt;p&gt;Samy Deluxe (*1977 in Hamburg als Samy Sorge) ist einer der erfolgreichsten Musiker Deutschlands. Das selbsternannte &amp;raquo;Rapgenie&amp;laquo;, auch unter den Namen Wickeda MC und Sam Semilia bekannt geworden, hat im Juli 2011 sein viertes Soloalbum &lt;em&gt;SchwarzWeiss &lt;/em&gt;herausgebracht, das auf Platz 1 der deutschen Album-Charts eingestiegen ist. Mit der Kritischen Ausgabe sprach Samy Deluxe unter anderem &amp;uuml;ber seinen Lieblingsautor, Weimar und sein soziales Engagement.&lt;/p&gt;
&lt;!--break--&gt;&lt;!--break--&gt;&lt;p&gt;&lt;strong&gt;Kritische Ausgabe (K.A.): &lt;/strong&gt;Samy, auf dem Track &lt;em&gt;Poesiealbum &lt;/em&gt;Deines aktuellen Albums kommen jede Menge deutscher Dichter von Schiller &amp;uuml;ber Morgenstern bis Brecht vor. Gibt es einen Autor aus der Vergangenheit, dessen Werk Du besonders sch&amp;auml;tzt?&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;Samy Deluxe:&lt;/strong&gt; Ich bin ehrlich gesagt kein gro&amp;szlig;er Leser der Klassiker. Von den Inhalten her liegt mir Brecht am ehesten.&amp;nbsp; Kann sein, dass ich &amp;ndash; wenn ich &amp;auml;lter bin &amp;ndash; noch mal auf den Geschmack komme.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;K.A.: &lt;/strong&gt;Auf Deiner &amp;raquo;dis wo ich herkomm&amp;laquo;-Tour warst Du 2009 neben vielen anderen St&amp;auml;dten auch in der Stadt Deines, wenn man so sagen darf, &amp;sbquo;Amtsvorg&amp;auml;ngers&amp;rsquo;. Welchen pers&amp;ouml;nlichen Eindruck hattest Du von Weimar?&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;Samy Deluxe:&lt;/strong&gt; H&amp;uuml;bsche kleine ruhige Stadt.&amp;nbsp;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;K.A.: &lt;/strong&gt;Hast Du schon einmal mitbekommen, dass Literaturwissenschaftler sich f&amp;uuml;r Deine Texte interessieren?&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;Samy Deluxe:&lt;/strong&gt; Ja, einige Studierende haben Interviews mit mir gemacht zu verschiedenen Ans&amp;auml;tzen. Es gab welche, die sprachlich untersucht haben, andere zu den Themen&amp;nbsp; Rassismus und Identit&amp;auml;t.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;K.A.: &lt;/strong&gt;Gef&amp;auml;llt es Dir, dass man wissenschaftlich an Deine Texte herangeht?&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;Samy Deluxe:&lt;/strong&gt; Nat&amp;uuml;rlich finde ich das interessant und oft sind die Gespr&amp;auml;che auch gut gewesen.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;img alt=&quot;&quot; src=&quot;/sites/default/files/u156/Samy_Deluxe_Schwarz_Weiss1.jpg&quot; style=&quot;width: 400px; height: 396px;&quot; /&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;K.A.: &lt;/strong&gt;Neben Deiner Arbeit als Musiker engagierst Du Dich bei beim Projekt &lt;em&gt;iChance &lt;/em&gt;vom Bundesverband f&amp;uuml;r Alphabetisierung und Grundbildung. Vor &amp;uuml;ber zehn Jahren hast Du gerappt, Du f&amp;uuml;hltest Dich selbst wie ein &amp;raquo;Analphabet, den keiner versteht&amp;laquo;. F&amp;uuml;hlst Du Dich heute verstandener? Und wer versteht Dich nach wie vor nicht?&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;Samy Deluxe:&lt;/strong&gt; Vor allem engagiere ich mich in meinem Verein Crossover e.V. (&lt;a href=&quot;http://www.crossover-ev.de/&quot;&gt;www.crossover-ev.de&lt;/a&gt;) f&amp;uuml;r die Integration von Kindern und Jugendlichen unterschiedlicher sozialer und kultureller Hintergr&amp;uuml;nde. Ich selbst habe keine gute Schulzeit gehabt und m&amp;ouml;chte deshalb etwas dazu beitragen, dass die Kids in der Schule auch mal Menschen sehen, die sonst in der &amp;Ouml;ffentlichkeit stehen,&amp;nbsp; und erfahren, dass man sich f&amp;uuml;r sie interessiert. Wir machen da Workshops mit unterschiedlichsten&amp;nbsp; Mitteln und zu verschiedensten Themen. Und wer mich nicht versteht? Zum Beispiel Herr Sarrazin und seine Anh&amp;auml;nger, denke ich mal.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;K.A.: &lt;/strong&gt;Kannst Du die Emp&amp;ouml;rung rund um die Verleihung des Integrationspreises an Bushido auf der diesj&amp;auml;hrigen Bambi-Verleihung nachvollziehen?&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;Samy Deluxe:&lt;/strong&gt; Ich hab da wenig von mitbekommen. Wenn er gute Sachen gemacht hat &amp;ndash; okay.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;K.A.: &lt;/strong&gt;Mal angenommen, gleich klingelt Dein Telefon. Angela Merkel ist dran und sagt Dir: &amp;raquo;Samy, ich kann nicht mehr, Du musst jetzt den Laden schmei&amp;szlig;en!&amp;laquo; Was w&amp;auml;re Deine erste Amtshandlung?&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;Samy Deluxe:&lt;/strong&gt; Die Frage kommt mir so vor, wie man sie fr&amp;uuml;her Kindern gestellt hat: Was w&amp;uuml;rdest du machen, wenn du K&amp;ouml;nig w&amp;auml;rst? Es gibt ja immer Sachen, die einen pers&amp;ouml;nlich mehr bewegen als andere. Bei mir sind das die berechtigten Interessen von Kindern und Jugendlichen. Gute Schulen, engagierte Lehrer, Freizeitm&amp;ouml;glichkeiten, die den Kids gefallen und sie weiterbringen. Ich glaube, dass vieles besser gemacht werden sollte &amp;ndash; aber ich bin Musiker, will es bleiben und habe kein Rezept f&amp;uuml;r die Zukunft dieser Republik.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;K.A.: &lt;/strong&gt;Samy, vielen Dank f&amp;uuml;r das Gespr&amp;auml;ch.&lt;/p&gt;
</description>
 <comments>http://www.kritische-ausgabe.de/artikel/%C2%BBkein-rezept-f%C3%BCr-die-zukunft-dieser-republik%C2%AB#comments</comments>
 <category domain="http://www.kritische-ausgabe.de/kategorie/musik/musik-portr%C3%A4t-interview">Musik - Porträt &amp; Interview</category>
 <pubDate>Wed, 07 Dec 2011 22:18:49 +0000</pubDate>
 <dc:creator>Grischka Grauert</dc:creator>
 <guid isPermaLink="false">4762 at http://www.kritische-ausgabe.de</guid>
</item>
<item>
 <title>Die Manipulation der Zeit</title>
 <link>http://www.kritische-ausgabe.de/artikel/die-manipulation-der-zeit</link>
 <description>&lt;p&gt;Nach Paul Ric&amp;oelig;r ist die von jedem narrativen Werk entfaltete Welt immer eine zeitliche.&lt;a class=&quot;see-footnote&quot; id=&quot;footnoteref1_6kxlmdt&quot; title=&quot;Ric&amp;oelig;r, Paul: Zeit und Erz&amp;auml;hlung. Zeit und historische Erz&amp;auml;hlung. M&amp;uuml;nchen 1988. S. 13.&quot; href=&quot;#footnote1_6kxlmdt&quot;&gt;1&lt;/a&gt; Jedoch ist keine Textsorte so eindeutig der Zeit untergeordnet wie Kalender, deren Struktur und Inhalte g&amp;auml;nzlich durch die Zeit bestimmt werden. Gemeint sind in diesem Fall Kalenderhefte, die mit ihren &amp;raquo;urspr&amp;uuml;nglich zw&amp;ouml;lf, im sp&amp;auml;ten 19. Jahrhundert bis zu 90 Seiten als weitere literarische Kleinform die Hauptmasse der billigen popul&amp;auml;ren Lesestoffe&amp;laquo;&lt;a class=&quot;see-footnote&quot; id=&quot;footnoteref2_isspokb&quot; title=&quot;Brunold-Bigler, Ursula: Kalender, Kalendergeschichte. In: Enzyklop&amp;auml;die des M&amp;auml;rchens. Hrsg. v. Rolf Wilhelm Brednich. Bd. 7. Berlin u.a. 1993. S. 861-878; hier: S. 863.&quot; href=&quot;#footnote2_isspokb&quot;&gt;2&lt;/a&gt; bildeten.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Gebraucht als Nachschlagewerk und Literaturquelle erfreuten sich Kalender nicht nur unter lesenden Bauern und Arbeitern gro&amp;szlig;er Beliebtheit, sondern auch unter armen wie reichen B&amp;uuml;rgern. Wie Rudolf Schenda expliziert, stellten sie &amp;raquo;zwischen 1770 und 1810, neben Bibel und Gesangbuch den einzigen Lesestoff des &amp;rsaquo;Volkes&amp;lsaquo; &amp;ndash; der 80-90% l&amp;auml;ndlicher Bev&amp;ouml;lkerung&amp;laquo; dar.&lt;a class=&quot;see-footnote&quot; id=&quot;footnoteref3_2tec34o&quot; title=&quot;Schenda, Rudolf: Volk ohne Buch. Studien zur Sozialgeschichte der popul&amp;auml;ren Lesestoffe 1770-1910. M&amp;uuml;nchen 1977. S. 281.&quot; href=&quot;#footnote3_2tec34o&quot;&gt;3&lt;/a&gt; Mit einem Bindfaden an einen Wandnagel geh&amp;auml;ngt und dergestalt f&amp;uuml;r alle Hausbewohner stets griffbereit und verf&amp;uuml;gbar, bildeten Kalender oft den ersten Lesestoff f&amp;uuml;r Kinder, die nicht selten die Rolle der Vorleser zu &amp;uuml;bernehmen hatten. Angesichts des Schulbuchmangels war es dar&amp;uuml;ber hinaus im 18. und 19. Jahrhundert weithin &amp;uuml;blich, Kalender als Schullekt&amp;uuml;re zu verwenden.&lt;a class=&quot;see-footnote&quot; id=&quot;footnoteref4_3ylrzyh&quot; title=&quot;Vgl. Messerli, Alfred: Volkskalender als Lesestoff von Kindern und Jugendlichen: Eine Schweizer Fallstudie aus der Zeit zwischen Aufkl&amp;auml;rung und fr&amp;uuml;her Moderne. In: Der Kalender als Fibel des Alltagswissens. Hrsg. v. Mix York-Gothart. T&amp;uuml;bingen 2005. S. 189-212.&quot; href=&quot;#footnote4_3ylrzyh&quot;&gt;4&lt;/a&gt;&lt;img alt=&quot;&quot; src=&quot;/sites/default/files/u152/Zeit.png&quot; style=&quot;margin: 20px; float: right;&quot; /&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;Kalender als kulturelle Institutionen und zeitliche Landkarten&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;
	In diesem Artikel soll &amp;uuml;ber die triviale Analyse von Kalendern hinausgeschaut und so eine neue Perspektive auf derartige Publikationen erschlossen werden, die im 19. und um die Wende zum 20. Jahrhundert in Posen, der Hauptstadt des damaligen preu&amp;szlig;ischen Teilungsgebietes von Polen, der Provinz Posen,&lt;a class=&quot;see-footnote&quot; id=&quot;footnoteref5_qrql3ey&quot; title=&quot;Andere f&amp;uuml;r das gro&amp;szlig;polnische Gebiet benutzte Begriffe: Gro&amp;szlig;herzogtum Posen, Land Posen, Ostmark. Vgl. Wojtczak, Maria: Literatur der Ostmark. Posener Heimatliteratur (1890-1918). Poznań 1998. S. 10.&quot; href=&quot;#footnote5_qrql3ey&quot;&gt;5&lt;/a&gt; herausgegeben wurden und bisher unerforscht geblieben sind. In erster Linie handelt es sich in diesem Kontext um ausgew&amp;auml;hlte deutschsprachige Kalender und die in ihnen verzeichneten zeitgebundenen Texte. Angesichts der Tatsache, dass Kalender als kulturelle Institutionen &amp;raquo;Funktionen &amp;uuml;bernehmen konnten, welche die sogenannte hohe Kultur nicht besetzen konnte&amp;laquo;,&lt;a class=&quot;see-footnote&quot; id=&quot;footnoteref6_fihn315&quot; title=&quot;Gell&amp;eacute;ri-L&amp;aacute;z&amp;aacute;r, M&amp;aacute;rta: Das &amp;laquo;Historische&amp;raquo; in den ungarischen Kalendern der zweiten H&amp;auml;lfte des 19. Jahrhunderts. In: Colportage et lecture populaire. Imprim&amp;eacute;s de large circulation en Europe XVIe-XIXe si&amp;egrave;cles. Hrsg. v. Roger Chartier / Hans-J&amp;uuml;rgen L&amp;uuml;sebrink. S. 253-268; hier: S. 257.&quot; href=&quot;#footnote6_fihn315&quot;&gt;6&lt;/a&gt; wird der Versuch unternommen, folgende Fragen zu beantworten: Wie wird die Zeit in den einzelnen Kalenderteilen dargestellt? Wie wurde das Potenzial deutschsprachiger Kalender in Anspruch genommen, um den f&amp;uuml;r die preu&amp;szlig;ische Kultur spezifischen Zeitrhythmus unter polnischen Bewohnern der Provinz Posen zu konstruieren und einzu&amp;uuml;ben? Welche Ereignisse galten in dem zu untersuchenden Zeitraum als Korrelationspunkte f&amp;uuml;r die &amp;raquo;zeitlichen Landkarten&amp;laquo;,&lt;a class=&quot;see-footnote&quot; id=&quot;footnoteref7_gb68uaa&quot; title=&quot;Rinderspacher, J&amp;uuml;rgen P.: Wochenruhetage im interkulturellen Vergleich. In: Universitas 10 /1995. S. 960-973; hier: S. 961.&quot; href=&quot;#footnote7_gb68uaa&quot;&gt;7&lt;/a&gt; die mit derartigen Druckerzeugnissen entworfen werden sollten?&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&amp;raquo;&amp;Uuml;ber die Zeit anderer Menschen verf&amp;uuml;gen zu k&amp;ouml;nnen, geh&amp;ouml;rt zu den urspr&amp;uuml;nglichen Herrschaftsmitteln&amp;laquo;,&lt;a class=&quot;see-footnote&quot; id=&quot;footnoteref8_n4ofr2y&quot; title=&quot;Sch&amp;auml;fers, Bernhard: Zeit in soziologischer Perspektive. In: Zeitkonzeptionen, Zeiterfahrung, Zeitmessung. Stationen ihres Wandels vom Mittelalter bis zur Moderne. Hrsg. v. Trude Ehlert. Paderborn u.a. 1997. S. 141-154; hier: S. 148f.&quot; href=&quot;#footnote8_n4ofr2y&quot;&gt;8&lt;/a&gt; wie es Bernhard Sch&amp;auml;fer formuliert. Diese These aufgreifend soll abschlie&amp;szlig;end die Frage gestellt werden, inwieweit Kalender als Ressource f&amp;uuml;r die Herausbildung und Etablierung von Herrschaftsbeziehungen in der Provinz Posen betrachtet werden k&amp;ouml;nnen, auf jenem Territorium also, das von allen preu&amp;szlig;ischen Ostprovinzen am l&amp;auml;ngsten zur polnischen Adelsrepublik geh&amp;ouml;rte.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;
	&lt;strong&gt;Gruppenbindung durch internalisierte Zeitrhythmen&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;
	&amp;raquo;Wer Calender machen will, mu&amp;szlig; vor allen Dingen wissen, was die Zeyt sey&amp;laquo;,&lt;a class=&quot;see-footnote&quot; id=&quot;footnoteref9_gp7x9n0&quot; title=&quot;Zit. nach: Rohner, Ludwig: Kalendergeschichte und Kalender. Wiesbaden 1978. S. 69.&quot; href=&quot;#footnote9_gp7x9n0&quot;&gt;9&lt;/a&gt; schrieb Hans Jacob Christoffel Grimmelshausen im Jahr 1670 in seinem Ewig-w&amp;auml;hrendem Calender. Die Frage danach, ob es nur eine g&amp;uuml;ltige Auffassung von Zeit gibt, ist und bleibt aktuell. So spricht der Soziologe Norbert Elias (1897&amp;ndash;1990) von kollektiven Zeiten und versteht darunter die f&amp;uuml;r bestimmte Menschengruppen spezifischen Zeitkonstruktionen, Gruppenzeiten, die durch das in Kalendern vermittelte Wissen konstruiert werden.&lt;a class=&quot;see-footnote&quot; id=&quot;footnoteref10_1rx726j&quot; title=&quot;Vgl. Elias, Norbert: &amp;Uuml;ber die Zeit. Frankfurt am Main 1988. S. 43.&quot; href=&quot;#footnote10_1rx726j&quot;&gt;10&lt;/a&gt;&lt;br /&gt;
	Auf diese Zeitkonzeption beruft sich Thomas Schmidt, der auf die Bedeutung von Kalendern als Zeit-Weiser aufmerksam macht. Seiner Meinung nach weisen sie nicht eine, sondern verschiedene Zeiten auf. Mit Hilfe verschiedener Kalender, die ein Identit&amp;auml;tswissen vermitteln, werden jeweils verschiedene kollektive Zeitkonstruktionen gebildet. Ausschlaggebend sind in diesem Fall, die in den Kalendern verzeichneten Korrelationspunkte (wie beispielsweise Feste, Gedenktage, Jahrestage), die die Zeitmessung erm&amp;ouml;glichen und gleichzeitig die Zeiterfahrung bestimmen.&lt;a class=&quot;see-footnote&quot; id=&quot;footnoteref11_swe1x0y&quot; title=&quot;Vgl. Schmidt, Thomas: Kalender und Ged&amp;auml;chtnis. Erinnern im Rhythmus der Zeit. G&amp;ouml;ttingen 2000. S. 59ff.&quot; href=&quot;#footnote11_swe1x0y&quot;&gt;11&lt;/a&gt; Somit bleibt man durch die Benutzung eines im Laufe des Lebens internalisierten Zeitrhythmus an eine bestimmte Gruppe gebunden. Alles, was die Stabilit&amp;auml;t kollektiver Zeiten gef&amp;auml;hrdet, kann im Endeffekt zur Zerst&amp;ouml;rung von Kulturen f&amp;uuml;hren, denn &amp;ndash; nach Schmidt &amp;ndash; &amp;raquo;wenn Daten verschoben, Initialereignisse ausgetauscht, Semantisierungscodes ge&amp;auml;ndert oder Begehungen verboten werden, dann zielt das auf die Zerst&amp;ouml;rung oder Vereinheitlichung von Gruppenkulturen&amp;laquo;.&lt;a class=&quot;see-footnote&quot; id=&quot;footnoteref12_i0yw4d3&quot; title=&quot;Ebd., S. 63.&quot; href=&quot;#footnote12_i0yw4d3&quot;&gt;12&lt;/a&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;Kalender als Wissensverwalter&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;
	F&amp;uuml;r die kalenderfeste Gesellschaft des 21. Jahrhunderts k&amp;ouml;nnte es &amp;uuml;berraschend wirken, dass man in Europa bis zur Mitte des 18. Jahrhunderts ein &amp;raquo;Kaleidoskop von Kalendern&amp;laquo; beobachten konnte.&lt;a class=&quot;see-footnote&quot; id=&quot;footnoteref13_l6qrkmf&quot; title=&quot;Vgl. Fraser, Julius T.: Die Zeit: vertraut und fremd. Basel/Boston/Berlin 1988. S. 110.&quot; href=&quot;#footnote13_l6qrkmf&quot;&gt;13&lt;/a&gt; W&amp;auml;hrend Kalender aus gegenw&amp;auml;rtiger Perspektive als etwas Absolutes und Universelles angesehen werden,&lt;a class=&quot;see-footnote&quot; id=&quot;footnoteref14_j1fai37&quot; title=&quot;Auf die Fragw&amp;uuml;rdigkeit unserer scheinbar klaren Zeitvorstellungen macht der folgende Artikel aufmerksam: Weis, Kurt: Zeitbild und Menschenbild. Der Mensch als Sch&amp;ouml;pfer und Opfer seiner Vorstellungen von Zeit. In: Was ist Zeit? Zeit und Verantwortung in Wissenschaft, Technik und Religion. Hrsg. v. Ders. M&amp;uuml;nchen 1995. S. 23-52.&quot; href=&quot;#footnote14_j1fai37&quot;&gt;14&lt;/a&gt; gibt es viele Beispiele, die diese Behauptung widerlegen. Selbst die &amp;uuml;bliche Unterteilung des Jahres in Monate, Wochen und Tage ist eine reine Konvention, die den jeweiligen gesellschaftlichen Gegebenheiten unterliegt. Auch die Festlegung der Daten f&amp;uuml;r &amp;ouml;ffentlich begangene Feste, Feier- und Gedenktage ist willk&amp;uuml;rlich. Irref&amp;uuml;hrend ist auch die &amp;Uuml;berzeugung, dass sich die Zeitmessung grunds&amp;auml;tzlich an astronomischen Beobachtungen orientiert, denn die Erstellung eines Kalenders kann rein religi&amp;ouml;se oder politische Gr&amp;uuml;nde haben.&lt;a class=&quot;see-footnote&quot; id=&quot;footnoteref15_0yfsjki&quot; title=&quot;Das beste Beispiel der politischen Intervention in die Zeitrechnung stellt der in Frankreich kurzfristig eingef&amp;uuml;hrte Republikanische Kalender dar, der symbolisch am Tag der Verk&amp;uuml;ndigung der Republik (22. September 1792) beginnen sollte.&quot; href=&quot;#footnote15_0yfsjki&quot;&gt;15&lt;/a&gt;&lt;br /&gt;
	Die oben erw&amp;auml;hnten Beispiele weisen auf die oft bagatellisierte Macht von Kalendern hin, &amp;raquo;Unterscheidungen zwischen Gemeinschaften zu schaffen und aufrechtzuerhalten&amp;laquo;.&lt;a class=&quot;see-footnote&quot; id=&quot;footnoteref16_7j7fjt2&quot; title=&quot;Vgl. Fraser, 1988, S. 106.&quot; href=&quot;#footnote16_7j7fjt2&quot;&gt;16&lt;/a&gt; Zu erkl&amp;auml;ren sind sie mit der Tatsache, dass der Kalender das Wissen verwaltet. So obliegt ihm die Entscheidungshoheit, welches Wissen den Lesern einerseits vermittelt wird und zu welchen Wissensbereichen ihnen andererseits der Zugang verwehrt wird.&lt;br /&gt;
	Diese nicht zu untersch&amp;auml;tzende wissenvermittelnde Eigenschaft des Kalenders l&amp;auml;sst sich bereits anhand der Etymologie des Wortes erkennen.&lt;a class=&quot;see-footnote&quot; id=&quot;footnoteref17_dytosa8&quot; title=&quot;Kalenden (lat. calendae) bezeichneten den ersten Tag des altr&amp;ouml;mischen Monats, an dem sich das Volk auf dem Kapitol versammelte, um zu erfahren, auf welche Tage des angebrochenen Monats die Nonen oder die Iden fallen. Immer am Monatsersten rief (lat. calare &amp;ndash; auf- und ausrufen) dieses der Pontifex minor feierlich aus. Vgl. DUDEN. Das gro&amp;szlig;e W&amp;ouml;rterbuch der deutschen Sprache. Band 5. Mannheim u.a. 1999. S .2031f. &quot; href=&quot;#footnote17_dytosa8&quot;&gt;17&lt;/a&gt; Von Anfang an dienten Kalender als wichtige Mittel der Popularisierung von Ideen und Vorstellungen.&lt;a class=&quot;see-footnote&quot; id=&quot;footnoteref18_5mcddid&quot; title=&quot;Schon der &amp;auml;lteste erhaltene, mit beweglichen Lettern gedruckte buchf&amp;ouml;rmige T&amp;uuml;rkenkalender auf das Jahr 1455 wurde als ein Propagandainstrument verwendet. Es handelt sich hier um einen gereimten Kampfaufruf, dessen Text auf zw&amp;ouml;lf Monate verteilt wurde. In jedem Abschnitt wurde zum Kampf gegen die T&amp;uuml;rken aufgerufen, die 1453 Konstantinopel erobert hatten und nach Europa vordrangen.&quot; href=&quot;#footnote18_5mcddid&quot;&gt;18&lt;/a&gt; Eine gro&amp;szlig;e Rolle spielten dabei die erz&amp;auml;hlenden Textformen, die schon seit dem 16. Jahrhundert in Kalendern vorhanden waren und mit der Zeit an Umfang und Bedeutung gewannen. Die f&amp;uuml;r Kalender spezifische Mischung von unterschiedlichsten Textsorten und die Verbindung von Text und Illustration, die immer pr&amp;auml;gender wurde, sorgten f&amp;uuml;r die massenhafte Verbreitung von Kalendern im 19. Jahrhundert.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;	&lt;strong&gt;Preu&amp;szlig;en und die Provinz Posen&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;
	1793 fiel einer der wichtigsten historischen Teile Polens an Preu&amp;szlig;en, dessen Bedeutung bereits durch seinen Namen &amp;ndash; Gro&amp;szlig;polen &amp;ndash; zum Ausdruck kommt. Obwohl Friedrich Wilhelm III. nach dem Wiener Kongress 1815 dem polnischen Volk die Achtung ihrer Religion sowie die Gleichstellung der polnischen und deutschen Sprache in der Verwaltung zusicherte, wurde das Gro&amp;szlig;herzogtum Posen de facto als eine preu&amp;szlig;ische Provinz betrachtet. Diese Situation bestand &amp;uuml;ber die n&amp;auml;chsten hundert Jahre bis 1918.&lt;br /&gt;
	Da die preu&amp;szlig;ische Gro&amp;szlig;machtstellung im hohen Ma&amp;szlig;e auf die Eroberungen im Osten zur&amp;uuml;ckzuf&amp;uuml;hren war, waren die Bem&amp;uuml;hungen, diese Gebiete m&amp;ouml;glichst schnell in das K&amp;ouml;nigreich der Hohenzollern zu integrieren und den eigenen Zust&amp;auml;nden anzupassen, besonders deutlich.&lt;a class=&quot;see-footnote&quot; id=&quot;footnoteref19_ma0myf6&quot; title=&quot;Vgl. Broszat, Martin: Zweihundert Jahre deutschen Polenpolitik. Frankfurt am Main 1972. S. 68. &quot; href=&quot;#footnote19_ma0myf6&quot;&gt;19&lt;/a&gt; Zu diesem Zweck wurden im Laufe des 19. Jahrhunderts die notwendigen Ma&amp;szlig;nahmen getroffen: Eine der wichtigsten und erfolgreichsten war eine konsequente Besiedlung der Provinz Posen mit Deutschen.&lt;br /&gt;
	Die nationalen Verh&amp;auml;ltnisse spiegeln sich auch in der Kalenderproduktion der Provinz Posen wider. Publiziert und auf den Markt gebracht gab es zu dieser Zeit sowohl polnische als auch deutschsprachige Kalender, katholische und evangelische, f&amp;uuml;r Landwirte und f&amp;uuml;r Lehrer. Unter den deutschsprachigen Kalendern gab es im gro&amp;szlig;polnischen Raum Kalender, die 1. entweder haupts&amp;auml;chlich f&amp;uuml;r die Bewohner der Provinzhauptstadt bestimmt waren, wie der Posener Haus-Kalender f&amp;uuml;r Stadt und Land und Posener Jugendkalender oder 2. einen &amp;uuml;berregionalen Charakter hatten, wie Der Bote f&amp;uuml;r die Provinz Posen. Ein Volkskalender f&amp;uuml;r alle St&amp;auml;nde und Preussischer Haus- und Volkskalender f&amp;uuml;r das Gesetzgebungthum Posen&amp;nbsp; und die angrenzenden Provinzen . Besonderer Aufmerksamkeit bedarf der Evangelische Volkskalender, der rund 80 Jahre lang (1861&amp;ndash;1941) in der Provinzhauptstadt Posen erschienen ist. Zu den &amp;uuml;berregionalen Kalendern, die sich wegen der universellen Inhalte gro&amp;szlig;er Popularit&amp;auml;t erfreuten, z&amp;auml;hlten unter anderem der Ostland-Kalender, der K&amp;ouml;nigsberger Kalender f&amp;uuml;r Ost-, Westpreussen, Posen und Pommern&amp;nbsp; und schlie&amp;szlig;lich der Neue Universal-Kalender f&amp;uuml;r Familie und Haus f&amp;uuml;r die Provinzen Pommern, Ost- u. Westpreu&amp;szlig;en, Brandenburg, Posen, Schlesien.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;Die wei&amp;szlig;en Flecken sollen verschwinden&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;
	Allen diesen Kalendern war die Aufteilung in das Kalendarium und den literarischen Anhang gemeinsam. Der erste Teil stellte dem Leser ein Verzeichnis von Daten zur Verf&amp;uuml;gung, das durch land- und hauswirtschaftliche Ratschl&amp;auml;ge, Informationen &amp;uuml;ber die Jahreszeiten und Sonnen- und Mondfinsternisse erg&amp;auml;nzt wurde. Seine Funktion war es, den Leser in dem Lauf der Zeit zu verankern, denn wie es Rohner treffend formuliert: &amp;raquo;Dem Menschen graut vor dem Leeren. Er will die Gewissheit, dass die Zeit nach der Ordnung ablaufe, wiederkehre. Die Gesetze stehen in den Sternen. Der Kalendersteller besorgte f&amp;uuml;r die verflie&amp;szlig;ende Zeit was der Landkartenzeichner f&amp;uuml;r das Weltbild: die wei&amp;szlig;en Flecken sollen verschwinden.&amp;laquo;&lt;a class=&quot;see-footnote&quot; id=&quot;footnoteref20_8pd51a0&quot; title=&quot;Rohner, 1978, S. 72.&quot; href=&quot;#footnote20_8pd51a0&quot;&gt;20&lt;/a&gt;&lt;br /&gt;
	Das Vorhaben, dem Leser ein Sicherheitsgef&amp;uuml;hl gegen&amp;uuml;ber der Zeit zu verleihen, wird in den deutschsprachigen Posener Kalendern auf unterschiedliche Weise realisiert. Schon auf der ersten Seite des Kalendariums finden sich die so genannten Jahresz&amp;auml;hlungen, die au&amp;szlig;er dem Inkarnationsjahr mehrere bedeutsam erscheinende historische, biblische und kulturgeschichtliche Daten auff&amp;uuml;hren und die Zahl der Jahre zeigen, die seitdem bis zum Erscheinen des Kalenders vergangen sind. In dem Evangelischen Volkskalender auf das Jahr 1900 hei&amp;szlig;t es beispielsweise:&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;	&amp;raquo;Das Jahr 1900 ist seit&lt;/p&gt;
&lt;table border=&quot;0&quot; bordercolor=&quot;FFCC00&quot; cellpadding=&quot;3&quot; cellspacing=&quot;3&quot;&gt;
&lt;tbody&gt;
&lt;tr&gt;
&lt;td style=&quot;width: 193px;&quot;&gt;
				&lt;span style=&quot;font-size: 12px;&quot;&gt;Christi Geburt nach Dionysius&lt;/span&gt;&lt;/td&gt;
&lt;td style=&quot;width: 77px;&quot;&gt;
				&lt;span style=&quot;font-size: 12px;&quot;&gt;das 1899ste&lt;/span&gt;&lt;/td&gt;
&lt;td style=&quot;width: 198px;&quot;&gt;
				&lt;span style=&quot;font-size: 12px;&quot;&gt;Luthers Reformation&lt;/span&gt;&lt;/td&gt;
&lt;td style=&quot;width: 196px;&quot;&gt;
				&lt;span style=&quot;font-size: 12px;&quot;&gt;das 383ste&lt;/span&gt;&lt;/td&gt;
&lt;/tr&gt;
&lt;tr&gt;
&lt;td style=&quot;width: 193px;&quot;&gt;
				&lt;span style=&quot;font-size: 12px;&quot;&gt;Christi Tode&lt;/span&gt;&lt;/td&gt;
&lt;td style=&quot;width: 77px;&quot;&gt;
				&lt;span style=&quot;font-size: 12px;&quot;&gt;das 1867ste&lt;/span&gt;&lt;/td&gt;
&lt;td style=&quot;width: 198px;&quot;&gt;
				&lt;span style=&quot;font-size: 12px;&quot;&gt;Erfindung d. Dampfmaschinen&lt;/span&gt;&lt;/td&gt;
&lt;td style=&quot;width: 196px;&quot;&gt;
				&lt;span style=&quot;font-size: 12px;&quot;&gt;das 202ste&lt;/span&gt;&lt;/td&gt;
&lt;/tr&gt;
&lt;tr&gt;
&lt;td style=&quot;width: 193px;&quot;&gt;
				&lt;span style=&quot;font-size: 12px;&quot;&gt;Zerst&amp;ouml;rung Jerusalems&lt;/span&gt;&lt;/td&gt;
&lt;td style=&quot;width: 77px;&quot;&gt;
				&lt;span style=&quot;font-size: 12px;&quot;&gt;das 1830ste&lt;/span&gt;&lt;/td&gt;
&lt;td style=&quot;width: 198px;&quot;&gt;
				&lt;span style=&quot;font-size: 12px;&quot;&gt;Erhebung des K&amp;ouml;nigreichs&amp;nbsp; Preu&amp;szlig;en&amp;nbsp;&lt;/span&gt;&lt;/td&gt;
&lt;td style=&quot;width: 196px;&quot;&gt;
&lt;p&gt;&lt;span style=&quot;font-size: 12px;&quot;&gt;das 199ste&lt;/span&gt;&lt;/p&gt;
&lt;/td&gt;
&lt;/tr&gt;
&lt;tr&gt;
&lt;td style=&quot;width: 193px;&quot;&gt;
				&lt;span style=&quot;font-size: 12px;&quot;&gt;Einf&amp;uuml;hrung des Julianischen Kalenders&lt;/span&gt;&lt;/td&gt;
&lt;td style=&quot;width: 77px;&quot;&gt;
				&lt;span style=&quot;font-size: 12px;&quot;&gt;&amp;nbsp;das 1945ste&lt;/span&gt;&lt;/td&gt;
&lt;td style=&quot;width: 198px;&quot;&gt;
				&lt;span style=&quot;font-size: 12px;&quot;&gt;der franz&amp;ouml;sischen Revolution&lt;/span&gt;&lt;/td&gt;
&lt;td style=&quot;width: 196px;&quot;&gt;
				&lt;span style=&quot;font-size: 12px;&quot;&gt;das 111ste&lt;/span&gt;&lt;/td&gt;
&lt;/tr&gt;
&lt;tr&gt;
&lt;td style=&quot;width: 193px;&quot;&gt;
				&lt;span style=&quot;font-size: 12px;&quot;&gt;Einf&amp;uuml;hrung des Gregorianischen&amp;nbsp;&amp;nbsp; Kalenders&lt;/span&gt;&lt;/td&gt;
&lt;td style=&quot;width: 77px;&quot;&gt;
				&lt;span style=&quot;font-size: 12px;&quot;&gt;&amp;nbsp; das 318ste&lt;/span&gt;&lt;/td&gt;
&lt;td style=&quot;width: 198px;&quot;&gt;
				&lt;span style=&quot;font-size: 12px;&quot;&gt;Wilhelms II., K&amp;ouml;nigs von&amp;nbsp; Preu&amp;szlig;en, Geburt&lt;/span&gt;&lt;/td&gt;
&lt;td style=&quot;width: 196px;&quot;&gt;
&lt;p&gt;&lt;span style=&quot;font-size: 12px;&quot;&gt;das 41ste&lt;/span&gt;&lt;/p&gt;
&lt;/td&gt;
&lt;/tr&gt;
&lt;tr&gt;
&lt;td style=&quot;width: 193px;&quot;&gt;
				&lt;span style=&quot;font-size: 12px;&quot;&gt;Einf&amp;uuml;hrung des verbesserten Kalenders&lt;/span&gt;&lt;/td&gt;
&lt;td style=&quot;width: 77px;&quot;&gt;
				&lt;span style=&quot;font-size: 12px;&quot;&gt;das 200ste&lt;/span&gt;&lt;/td&gt;
&lt;td style=&quot;width: 198px;&quot;&gt;
				&lt;span style=&quot;font-size: 12px;&quot;&gt;Antritt seiner Regierung&lt;/span&gt;&lt;/td&gt;
&lt;td style=&quot;width: 196px;&quot;&gt;
&lt;p&gt;&lt;span style=&quot;font-size: 12px;&quot;&gt;das 12te&lt;/span&gt;&lt;/p&gt;
&lt;/td&gt;
&lt;/tr&gt;
&lt;tr&gt;
&lt;td style=&quot;width: 193px;&quot;&gt;
				&lt;span style=&quot;font-size: 12px;&quot;&gt;Erfindung der Buchdruckerkunst&lt;/span&gt;&lt;/td&gt;
&lt;td style=&quot;width: 77px;&quot;&gt;
&lt;p align=&quot;JUSTIFY&quot; style=&quot;margin-bottom: 0cm;&quot;&gt;&lt;span style=&quot;font-size: 12px;&quot;&gt;das 460ste &lt;/span&gt;&lt;/p&gt;
&lt;/td&gt;
&lt;td style=&quot;width: 198px;&quot;&gt;
				&lt;span style=&quot;font-size: 12px;&quot;&gt;Neuerrichtung des Deutschen&amp;nbsp; Reiches &lt;/span&gt;&lt;/td&gt;
&lt;td style=&quot;width: 196px;&quot;&gt;
&lt;p&gt;&lt;span style=&quot;font-size: 12px;&quot;&gt;das 29ste.&amp;laquo;&lt;/span&gt;&lt;a class=&quot;see-footnote&quot; id=&quot;footnoteref21_at2dhks&quot; title=&quot;Evangelischer Volkskalender 1900, S. 3. (weiter im Text als EVK zitiert)&quot; href=&quot;#footnote21_at2dhks&quot;&gt;21&lt;/a&gt;&lt;/p&gt;
&lt;/td&gt;
&lt;/tr&gt;
&lt;/tbody&gt;
&lt;/table&gt;
&lt;p&gt;Eine zentrale Rolle f&amp;uuml;r die zeitliche Orientierung spielte auch die in&lt;span style=&quot;font-size: 12px;&quot;&gt; jedem&lt;/span&gt; der deutschsprachigen Posener Kalender des 19. Jahrhunderts vorhandene Genealogie der europ&amp;auml;ischen F&amp;uuml;rstenh&amp;auml;user. Man fand hier die Aufz&amp;auml;hlung von Mitgliedern der k&amp;ouml;niglichen Familien, eingeteilt in Deutsches Reich, Preu&amp;szlig;en, das f&amp;uuml;rstliche Haus Hohenzollern und die &amp;uuml;brigen regierenden H&amp;auml;user. Das dynastische Interpretieren von Zeit veranschaulicht ein Zitat aus dem Evangelischen Volkskalender, in dem Superintendent M&amp;uuml;nnich mit Hilfe von Abbildungen dreier preu&amp;szlig;ische K&amp;ouml;nige dem Leser die zeitlichen Orientierungspunkte deutlich zu machen versucht. In dem den Bildern beigef&amp;uuml;gten Kommentar schreibt er: &amp;raquo;Auf dem ersten Bilde der Mann der Vergangenheit [d.i. Friedrich I.; M.S.], dessen du dankbar gedenken sollst; auf dem zweiten der Mann der Gegenwart [d.i. Wilhelm II.; M.S.], dem du mit Lust und Liebe dienst; auf dem dritten der Mann der Zukunft [d.i. Friedrich Wilhelm; M.S.], auf den deine Hoffnungen sich richten, wenn du das Jubelfest begehst am 18. Januar 1901!&amp;laquo; (EVK 1901, S.34) Der Anlass f&amp;uuml;r die Publikation des Artikels war das zweihundertj&amp;auml;hrige Jubil&amp;auml;um des K&amp;ouml;nigreichs Preu&amp;szlig;en (18. Januar 1701&amp;ndash;1901).&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;	&lt;strong&gt;Monatsverse und Geschichtsunterricht&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;
	Eher praktischer Natur, aber f&amp;uuml;r die zeitliche Orientierung und die Strukturierung des Jahres genauso ma&amp;szlig;gebend, waren die Angaben zu Messen und Jahrm&amp;auml;rkten f&amp;uuml;r das gegebene Jahr in einzelnen Regierungsbezirken Preu&amp;szlig;ens. Wichtige Informationen f&amp;uuml;r die Landwirtschaft und den Haushalt vermittelten auch die Monatsverse (Spr&amp;uuml;che, Lebensweisheiten und Stimmungsbilder zum jeweiligen Monat) und Lostage (mit den Heiligentagen verkoppelte Wetterregeln), wie zum Beispiel: &amp;raquo;Wenn&amp;rsquo;s an Lichtme&amp;szlig; (2. Februar) st&amp;uuml;rmt und schneit, ist der Sommer nicht mehr weit.&amp;laquo;, &amp;raquo;St. Vit (15. Juni) bringt die Fliegen mit.&amp;laquo; oder &amp;raquo;Auf St. Gall (16. Oktober) treib&amp;rsquo; die Kuh in&amp;rsquo;n Stall!&amp;laquo; (EVK 1899, S.9ff)&lt;br /&gt;
	Einen festen Platz in dem literarischen Anhang des Evangelischen Volkskalenders nahmen Texte ein, die Beweise f&amp;uuml;r die lange Tradition der evangelischen Kirche auf dem gro&amp;szlig;polnischen Gebiet liefern sollten. Dazu geh&amp;ouml;ren unter anderem Kirchenchroniken und Berichte aus den evangelischen Gemeinden in der Provinz Posen. Genauso wichtig erscheinen auch die ausf&amp;uuml;hrlichen Beschreibungen, sowohl der in der letzten Zeit begangenen Kirchenweihfeste, oft mit Bildern illustriert, als auch der neu gegr&amp;uuml;ndeten evangelischen Stiftungen. Sehr oft wurden Lebensbilder von Pers&amp;ouml;nlichkeiten thematisiert, die sich um die evangelische Kirche und den preu&amp;szlig;ischen Staat verdient gemacht hatten.&lt;br /&gt;
	Auch der Geschichte Preu&amp;szlig;ens wurde in den Posener Kalendern viel Platz einger&amp;auml;umt. Mit gro&amp;szlig;er Vorliebe hat man bei dieser Gelegenheit auf die Jahrestage, Jubil&amp;auml;en und Gedenktage zur&amp;uuml;ckgegriffen, die als Anlass f&amp;uuml;r Kalenderartikel gedient haben. Dabei kommt unter anderem die lange und gut gepflegte Tradition der Reformationsgedenktage zum Ausdruck.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;	&lt;strong&gt;&amp;raquo;Es war Kaiserwetter, Kaiser-Wilhelm-Wetter.&amp;laquo;&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;
	Aus Anlass des besonders festlich begangenen vierhundertj&amp;auml;hrigen Geburtstags Martin Luthers wurde in dem Evangelischen Volkskalender aus dem Jahr 1883 der Artikel Zum 10. November 1883 abgedruckt, der &amp;raquo;in manchem Deutschen das Bild Luthers wachrufen&amp;laquo; (EVK 1883, S.26) sollte. Es geh&amp;ouml;rte zur Tradition der Geburtstagsfeiern von Luther, dass bei dieser Gelegenheit die Pers&amp;ouml;nlichkeit des Reformators gepriesen wurde.&lt;a class=&quot;see-footnote&quot; id=&quot;footnoteref22_2kquyty&quot; title=&quot;Burkhardt, Johannes: Reformations- und Lutherfeiern. Die Verb&amp;uuml;rgerlichung der reformatorischen Jubil&amp;auml;umskultur. In: &amp;Ouml;ffentliche Festkultur. Politische Feste in Deutschland von der Aufkl&amp;auml;rung bis zum Ersten Weltkrieg. Hrsg. v. Dieter D&amp;uuml;ding / Peter Friedemann / Paul M&amp;uuml;nch. Hamburg 1988. S. 212-236; hier: S. 227. &quot; href=&quot;#footnote22_2kquyty&quot;&gt;22&lt;/a&gt; Dieser Text macht dabei keine Ausnahme und konzentriert sich auf drei Aspekte aus Luthers Leben: seine Kindheit und Erziehung, seine Ausbildung und das Familienleben. In den im Text geschilderten Alltagssituationen wird Luther als Vorbild dargestellt, dem man nacheifern sollte. Sogar auf dem beigef&amp;uuml;gten Bild wird er als Hausvater dargestellt.&lt;br /&gt;
	In einem anderen Artikel wird der Schlacht von Fehrbellin gedacht, &amp;raquo;welche die Zukunft des preu&amp;szlig;ischen Staates begr&amp;uuml;ndete&amp;laquo; (EVK 1875, S.33). Der Autor des aus dem Anlass des zweihundertj&amp;auml;hrigen Gedenktages im Evangelischen Volkskalender publizierten Artikels spricht zuerst den Leser an: &amp;raquo;Versetzen wir uns, um dies in seiner vollen Bedeutung zu f&amp;uuml;hlen, in jene Zeiten.&amp;laquo; (EVK 1875, S.33) Danach beschreibt er bildlich und suggestiv die geschichtlichen Ereignisse: &amp;raquo;Am Rhein streckte Ludwig der Vierzehnte habgierig seine H&amp;auml;nde nach sch&amp;ouml;nen Deutschen Landen aus &amp;hellip;&amp;laquo; (EVK 1875, S.33)&lt;br /&gt;
	Einer der wichtigsten Feiertage des 19. Jahrhunderts stellte der am 2. September begangene Sedantag dar. Im Jahre 1873 wurde er besonders pomp&amp;ouml;s gefeiert, als in Berlin die Siegess&amp;auml;ule enth&amp;uuml;llt wurde. In dem Artikel Das Siegesdenkmal zu Berlin k&amp;ouml;nnen wir im Jahre 1875 nachlesen: &amp;raquo;Ueber das deutsche, speziell das preu&amp;szlig;ische Volk sind in den letzten Jahren gewaltige Kriege hereingebrochen. Zuerst 1864 der Krieg mit D&amp;auml;nemark, dann 1866 der mit Oesterreich, zuletzt 1870 und 71 das schwere und harte Ringen mit den Franzosen. In allen K&amp;auml;mpfen hat unser Volk gesiegt. Als Andenken dieser drei Siege ist die Siegess&amp;auml;ule erbaut.&amp;laquo; (EVK 1875, S.52) Neben der Beschreibung der Platzierung und des Denkmals selbst stellt der Autor fest: &amp;raquo;So war es auch eine tiefbewegende Feier [&amp;hellip;] Der gro&amp;szlig;e freie Platz war festlich geschm&amp;uuml;ckt, ganz Berlin prangte im Fahnenschmuck, und es war Kaiserwetter, Kaiser-Wilhelm-Wetter.&amp;laquo; (EVK 1875, S.59). Nicht zu &amp;uuml;bersehen sind auch die Erinnerungen an die Hohenzollern-Jahrestage, wie zum Beispiel der Geburtstag der K&amp;ouml;nigin Luise (EVK 1877: Zum hundertj&amp;auml;hrigen Geburtstage der K&amp;ouml;nigin Luise (Eine wahre Geschichte)) oder die goldene Hochzeit des Kaiserpaars (EVK 1880: An das deutsche Volk. Zur Erinnerung an den 11. Juni 1879).&lt;br /&gt;
	Wenn es um kirchliche Feste in den deutschsprachigen Posener Kalendern geht, ist die f&amp;uuml;hrende Rolle des Weihnachtsfestes eindeutig, ihm widmete man viel Aufmerksamkeit in Form von u.a. Weihnachtsliedern (auch mit Noten), Gedichten, Erz&amp;auml;hlungen, Plaudereien, Weihnachtsbildern und Weihnachtsgeschichten. &amp;raquo;Welche Missbr&amp;auml;uche sich in Posen an die Christnachtsfeier angeschlossen hatten&amp;laquo; (EVK 1907, S.42) und im Endeffekt zu ihrem Verbot gef&amp;uuml;hrt haben, erfahren wir aus dem Artikel Die Christnachtsfeier in den evangelischen Gemeinden der Provinz Posen. In dem in Posen 1831 von dem Superintendenten von Birnbaum abgefassten Bericht wird die Feier als &amp;raquo;ein unw&amp;uuml;rdiger Gottesdienst&amp;laquo;, &amp;raquo;ein Kinderfest&amp;laquo; und eine &amp;raquo;Spielerei&amp;laquo; bezeichnet, die zwar f&amp;uuml;r eine gro&amp;szlig;e Menge in die Kirche ziehender Menschen sorgt, jedoch nichts mit dem eigentlichen Ziel der religi&amp;ouml;sen Erbauung und der Vorbereitung auf das Fest zu tun hat (EVK 1907, S.42).&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;	&lt;strong&gt;Manipulative Durchdringung mit preu&amp;szlig;ischem Geist&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;
	Das Ein&amp;uuml;bungspotenzial von Kalendern, mit denen bestimmte Zeitstrukturen erlernt werden sollten, kommt in jedem der Kalenderteile auf spezifische Art und Weise zum Ausdruck. Mit den im Kalendarium verzeichneten Angaben wie Daten, Jahresz&amp;auml;hlungen, Monatsverse, Verzeichnis der Jahrm&amp;auml;rkte etc. wurden dem Leser bestimmte Koordinaten zur Verf&amp;uuml;gung gestellt, die ihn in der Zeit selbst verankern und eine temporale Orientierung erm&amp;ouml;glichen sollten.&lt;br /&gt;
	Mit den zeitgebundenen Texten im literarischen Anhang wird der Leser an eine bestimmte Menschengruppe gebunden, was unter anderem anhand der hier besprochenen Jahrestage sichtbar wird. Auf ihre besondere Rolle weist Thomas Schmidt hin: &amp;raquo;Die Jahrestage fungieren dabei &amp;ndash; je nach Bedeutung &amp;ndash; als unterschiedlich starke Schreibinstrumente, die St&amp;uuml;ck um St&amp;uuml;ck oder eben Jahr um Jahr an der gleichen Stelle ihre Spur hinterlassen, diese nachschreiben, vertiefen und sch&amp;auml;rfer konturieren, bis die entstehende Zeitkarte stabil und nicht mehr zu l&amp;ouml;schen oder nur schwer zu &amp;uuml;berschreiben ist.&amp;laquo;&lt;a class=&quot;see-footnote&quot; id=&quot;footnoteref23_232d32p&quot; title=&quot;Schmidt, 2000, S. 60.&quot; href=&quot;#footnote23_232d32p&quot;&gt;23&lt;/a&gt;&lt;br /&gt;
	In den Gebieten, in denen die preu&amp;szlig;ischen Beh&amp;ouml;rden ihre Integrationsbem&amp;uuml;hungen durchzuf&amp;uuml;hren versuchten, fiel den deutschsprachigen Kalendern eine entscheidende Rolle zu. Es ging unter anderem um die manipulative Durchdringung der Bewohner des Gro&amp;szlig;herzogtums mit preu&amp;szlig;ischem Geist und preu&amp;szlig;isch-deutscher Bildung. Diese Bem&amp;uuml;hungen traten besonders deutlich in den literarischen Anh&amp;auml;ngen der Kalender hervor, in denen sowohl mit Hilfe von Sachtexten und historischen Abhandlungen als auch kleinen Formen wie Anekdoten oder Skizzen das intendierte Zeitverst&amp;auml;ndnis vermittelt werden sollte, das dem Individuum die Integration in soziale Systeme erm&amp;ouml;glichte.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;	&lt;strong&gt;Magdalena Skalska&lt;/strong&gt;, geb. 1982. Magisterstudium Germanistik an der Adam-Mickiewicz-Universit&amp;auml;t Poznań und Magisterstudium Tourismus und Rekreation an der Eugeniusz-Piasecki-Sporthochschule Poznań. Seit 2008 Doktorandin am Institut f&amp;uuml;r germanische Philologie an der Universit&amp;auml;t Poznań. Forschungsstipendien: Okt.-Nov. 2009 Universit&amp;auml;t Bielefeld; Okt. 2010 - Jul. 2011 Humboldt-Universit&amp;auml;t Berlin.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;
	&amp;nbsp;&lt;/p&gt;
&lt;ul class=&quot;footnotes&quot;&gt;
&lt;li class=&quot;footnote&quot; id=&quot;footnote1_6kxlmdt&quot;&gt;&lt;a class=&quot;footnote-label&quot; href=&quot;#footnoteref1_6kxlmdt&quot;&gt;1.&lt;/a&gt; Ric&amp;oelig;r, Paul: Zeit und Erz&amp;auml;hlung. Zeit und historische Erz&amp;auml;hlung. M&amp;uuml;nchen 1988. S. 13.&lt;/li&gt;
&lt;li class=&quot;footnote&quot; id=&quot;footnote2_isspokb&quot;&gt;&lt;a class=&quot;footnote-label&quot; href=&quot;#footnoteref2_isspokb&quot;&gt;2.&lt;/a&gt; Brunold-Bigler, Ursula: Kalender, Kalendergeschichte. In: Enzyklop&amp;auml;die des M&amp;auml;rchens. Hrsg. v. Rolf Wilhelm Brednich. Bd. 7. Berlin u.a. 1993. S. 861-878; hier: S. 863.&lt;/li&gt;
&lt;li class=&quot;footnote&quot; id=&quot;footnote3_2tec34o&quot;&gt;&lt;a class=&quot;footnote-label&quot; href=&quot;#footnoteref3_2tec34o&quot;&gt;3.&lt;/a&gt; Schenda, Rudolf: Volk ohne Buch. Studien zur Sozialgeschichte der popul&amp;auml;ren Lesestoffe 1770-1910. M&amp;uuml;nchen 1977. S. 281.&lt;/li&gt;
&lt;li class=&quot;footnote&quot; id=&quot;footnote4_3ylrzyh&quot;&gt;&lt;a class=&quot;footnote-label&quot; href=&quot;#footnoteref4_3ylrzyh&quot;&gt;4.&lt;/a&gt; Vgl. Messerli, Alfred: Volkskalender als Lesestoff von Kindern und Jugendlichen: Eine Schweizer Fallstudie aus der Zeit zwischen Aufkl&amp;auml;rung und fr&amp;uuml;her Moderne. In: Der Kalender als Fibel des Alltagswissens. Hrsg. v. Mix York-Gothart. T&amp;uuml;bingen 2005. S. 189-212.&lt;/li&gt;
&lt;li class=&quot;footnote&quot; id=&quot;footnote5_qrql3ey&quot;&gt;&lt;a class=&quot;footnote-label&quot; href=&quot;#footnoteref5_qrql3ey&quot;&gt;5.&lt;/a&gt; Andere f&amp;uuml;r das gro&amp;szlig;polnische Gebiet benutzte Begriffe: Gro&amp;szlig;herzogtum Posen, Land Posen, Ostmark. Vgl. Wojtczak, Maria: Literatur der Ostmark. Posener Heimatliteratur (1890-1918). Poznań 1998. S. 10.&lt;/li&gt;
&lt;li class=&quot;footnote&quot; id=&quot;footnote6_fihn315&quot;&gt;&lt;a class=&quot;footnote-label&quot; href=&quot;#footnoteref6_fihn315&quot;&gt;6.&lt;/a&gt; Gell&amp;eacute;ri-L&amp;aacute;z&amp;aacute;r, M&amp;aacute;rta: Das &amp;laquo;Historische&amp;raquo; in den ungarischen Kalendern der zweiten H&amp;auml;lfte des 19. Jahrhunderts. In: Colportage et lecture populaire. Imprim&amp;eacute;s de large circulation en Europe XVIe-XIXe si&amp;egrave;cles. Hrsg. v. Roger Chartier / Hans-J&amp;uuml;rgen L&amp;uuml;sebrink. S. 253-268; hier: S. 257.&lt;/li&gt;
&lt;li class=&quot;footnote&quot; id=&quot;footnote7_gb68uaa&quot;&gt;&lt;a class=&quot;footnote-label&quot; href=&quot;#footnoteref7_gb68uaa&quot;&gt;7.&lt;/a&gt; Rinderspacher, J&amp;uuml;rgen P.: Wochenruhetage im interkulturellen Vergleich. In: Universitas 10 /1995. S. 960-973; hier: S. 961.&lt;/li&gt;
&lt;li class=&quot;footnote&quot; id=&quot;footnote8_n4ofr2y&quot;&gt;&lt;a class=&quot;footnote-label&quot; href=&quot;#footnoteref8_n4ofr2y&quot;&gt;8.&lt;/a&gt; Sch&amp;auml;fers, Bernhard: Zeit in soziologischer Perspektive. In: Zeitkonzeptionen, Zeiterfahrung, Zeitmessung. Stationen ihres Wandels vom Mittelalter bis zur Moderne. Hrsg. v. Trude Ehlert. Paderborn u.a. 1997. S. 141-154; hier: S. 148f.&lt;/li&gt;
&lt;li class=&quot;footnote&quot; id=&quot;footnote9_gp7x9n0&quot;&gt;&lt;a class=&quot;footnote-label&quot; href=&quot;#footnoteref9_gp7x9n0&quot;&gt;9.&lt;/a&gt; Zit. nach: Rohner, Ludwig: Kalendergeschichte und Kalender. Wiesbaden 1978. S. 69.&lt;/li&gt;
&lt;li class=&quot;footnote&quot; id=&quot;footnote10_1rx726j&quot;&gt;&lt;a class=&quot;footnote-label&quot; href=&quot;#footnoteref10_1rx726j&quot;&gt;10.&lt;/a&gt; Vgl. Elias, Norbert: &amp;Uuml;ber die Zeit. Frankfurt am Main 1988. S. 43.&lt;/li&gt;
&lt;li class=&quot;footnote&quot; id=&quot;footnote11_swe1x0y&quot;&gt;&lt;a class=&quot;footnote-label&quot; href=&quot;#footnoteref11_swe1x0y&quot;&gt;11.&lt;/a&gt; Vgl. Schmidt, Thomas: Kalender und Ged&amp;auml;chtnis. Erinnern im Rhythmus der Zeit. G&amp;ouml;ttingen 2000. S. 59ff.&lt;/li&gt;
&lt;li class=&quot;footnote&quot; id=&quot;footnote12_i0yw4d3&quot;&gt;&lt;a class=&quot;footnote-label&quot; href=&quot;#footnoteref12_i0yw4d3&quot;&gt;12.&lt;/a&gt; Ebd., S. 63.&lt;/li&gt;
&lt;li class=&quot;footnote&quot; id=&quot;footnote13_l6qrkmf&quot;&gt;&lt;a class=&quot;footnote-label&quot; href=&quot;#footnoteref13_l6qrkmf&quot;&gt;13.&lt;/a&gt; Vgl. Fraser, Julius T.: Die Zeit: vertraut und fremd. Basel/Boston/Berlin 1988. S. 110.&lt;/li&gt;
&lt;li class=&quot;footnote&quot; id=&quot;footnote14_j1fai37&quot;&gt;&lt;a class=&quot;footnote-label&quot; href=&quot;#footnoteref14_j1fai37&quot;&gt;14.&lt;/a&gt; Auf die Fragw&amp;uuml;rdigkeit unserer scheinbar klaren Zeitvorstellungen macht der folgende Artikel aufmerksam: Weis, Kurt: Zeitbild und Menschenbild. Der Mensch als Sch&amp;ouml;pfer und Opfer seiner Vorstellungen von Zeit. In: Was ist Zeit? Zeit und Verantwortung in Wissenschaft, Technik und Religion. Hrsg. v. Ders. M&amp;uuml;nchen 1995. S. 23-52.&lt;/li&gt;
&lt;li class=&quot;footnote&quot; id=&quot;footnote15_0yfsjki&quot;&gt;&lt;a class=&quot;footnote-label&quot; href=&quot;#footnoteref15_0yfsjki&quot;&gt;15.&lt;/a&gt; Das beste Beispiel der politischen Intervention in die Zeitrechnung stellt der in Frankreich kurzfristig eingef&amp;uuml;hrte Republikanische Kalender dar, der symbolisch am Tag der Verk&amp;uuml;ndigung der Republik (22. September 1792) beginnen sollte.&lt;/li&gt;
&lt;li class=&quot;footnote&quot; id=&quot;footnote16_7j7fjt2&quot;&gt;&lt;a class=&quot;footnote-label&quot; href=&quot;#footnoteref16_7j7fjt2&quot;&gt;16.&lt;/a&gt; Vgl. Fraser, 1988, S. 106.&lt;/li&gt;
&lt;li class=&quot;footnote&quot; id=&quot;footnote17_dytosa8&quot;&gt;&lt;a class=&quot;footnote-label&quot; href=&quot;#footnoteref17_dytosa8&quot;&gt;17.&lt;/a&gt; Kalenden (lat. calendae) bezeichneten den ersten Tag des altr&amp;ouml;mischen Monats, an dem sich das Volk auf dem Kapitol versammelte, um zu erfahren, auf welche Tage des angebrochenen Monats die Nonen oder die Iden fallen. Immer am Monatsersten rief (lat. calare &amp;ndash; auf- und ausrufen) dieses der Pontifex minor feierlich aus. Vgl. DUDEN. Das gro&amp;szlig;e W&amp;ouml;rterbuch der deutschen Sprache. Band 5. Mannheim u.a. 1999. S .2031f. &lt;/li&gt;
&lt;li class=&quot;footnote&quot; id=&quot;footnote18_5mcddid&quot;&gt;&lt;a class=&quot;footnote-label&quot; href=&quot;#footnoteref18_5mcddid&quot;&gt;18.&lt;/a&gt; Schon der &amp;auml;lteste erhaltene, mit beweglichen Lettern gedruckte buchf&amp;ouml;rmige T&amp;uuml;rkenkalender auf das Jahr 1455 wurde als ein Propagandainstrument verwendet. Es handelt sich hier um einen gereimten Kampfaufruf, dessen Text auf zw&amp;ouml;lf Monate verteilt wurde. In jedem Abschnitt wurde zum Kampf gegen die T&amp;uuml;rken aufgerufen, die 1453 Konstantinopel erobert hatten und nach Europa vordrangen.&lt;/li&gt;
&lt;li class=&quot;footnote&quot; id=&quot;footnote19_ma0myf6&quot;&gt;&lt;a class=&quot;footnote-label&quot; href=&quot;#footnoteref19_ma0myf6&quot;&gt;19.&lt;/a&gt; Vgl. Broszat, Martin: Zweihundert Jahre deutschen Polenpolitik. Frankfurt am Main 1972. S. 68. &lt;/li&gt;
&lt;li class=&quot;footnote&quot; id=&quot;footnote20_8pd51a0&quot;&gt;&lt;a class=&quot;footnote-label&quot; href=&quot;#footnoteref20_8pd51a0&quot;&gt;20.&lt;/a&gt; Rohner, 1978, S. 72.&lt;/li&gt;
&lt;li class=&quot;footnote&quot; id=&quot;footnote21_at2dhks&quot;&gt;&lt;a class=&quot;footnote-label&quot; href=&quot;#footnoteref21_at2dhks&quot;&gt;21.&lt;/a&gt; Evangelischer Volkskalender 1900, S. 3. (weiter im Text als EVK zitiert)&lt;/li&gt;
&lt;li class=&quot;footnote&quot; id=&quot;footnote22_2kquyty&quot;&gt;&lt;a class=&quot;footnote-label&quot; href=&quot;#footnoteref22_2kquyty&quot;&gt;22.&lt;/a&gt; Burkhardt, Johannes: Reformations- und Lutherfeiern. Die Verb&amp;uuml;rgerlichung der reformatorischen Jubil&amp;auml;umskultur. In: &amp;Ouml;ffentliche Festkultur. Politische Feste in Deutschland von der Aufkl&amp;auml;rung bis zum Ersten Weltkrieg. Hrsg. v. Dieter D&amp;uuml;ding / Peter Friedemann / Paul M&amp;uuml;nch. Hamburg 1988. S. 212-236; hier: S. 227. &lt;/li&gt;
&lt;li class=&quot;footnote&quot; id=&quot;footnote23_232d32p&quot;&gt;&lt;a class=&quot;footnote-label&quot; href=&quot;#footnoteref23_232d32p&quot;&gt;23.&lt;/a&gt; Schmidt, 2000, S. 60.&lt;/li&gt;
&lt;/ul&gt;
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 <pubDate>Wed, 07 Dec 2011 11:00:00 +0000</pubDate>
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 <title>Die K.A. hat eine neue Homepage</title>
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 <description>&lt;!--break--&gt;&lt;!--break--&gt;&lt;p&gt;Liebe Leser und Leserinnen,&amp;nbsp;&lt;/p&gt;
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	ich freue mich, Sie heute im Namen der Redaktion der Kritischen Ausgabe auf unserer neuen Internetpr&amp;auml;senz begr&amp;uuml;&amp;szlig;en zu d&amp;uuml;rfen. Bereits ein fl&amp;uuml;chtiger Blick auf die neue Seite d&amp;uuml;rfte deutlich machen, dass wir grundlegende Neuerungen eingef&amp;uuml;hrt haben.&lt;/div&gt;
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	Was hat sich ver&amp;auml;ndert?&lt;/div&gt;
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</description>
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 <category domain="http://www.kritische-ausgabe.de/kategorie/gesamt/redaktion">Redaktion</category>
 <pubDate>Sun, 04 Dec 2011 15:53:02 +0000</pubDate>
 <dc:creator>Christoph Hartmann</dc:creator>
 <guid isPermaLink="false">4757 at http://www.kritische-ausgabe.de</guid>
</item>
<item>
 <title>Das Bekannte, allzu Bekannte</title>
 <link>http://www.kritische-ausgabe.de/artikel/das-bekannte-allzu-bekannte</link>
 <description>&lt;!--break--&gt;&lt;!--break--&gt;&lt;p class=&quot;rtejustify&quot;&gt;Vorab f&amp;uuml;r all diejenigen eine Warnung, die folgendes Buch mit dem Titel &lt;em&gt;Der Sommer ohne M&amp;auml;nner&lt;/em&gt; aufgrund des Schlagwortes &amp;rsaquo;Sommer&amp;lsaquo; oder der Charakterisierung &amp;rsaquo;ohne M&amp;auml;nner&amp;lsaquo; zur Hand nehmen m&amp;ouml;chten: Ich muss sie entt&amp;auml;uschen. Dieses Buch macht den verregneten, deutschen Sommer nicht vergessen, die Handlung h&amp;auml;tte genausogut im Winter stattfinden k&amp;ouml;nnen, der Sommer ist also kein omnipr&amp;auml;sentes Thema. Auch wer glaubt, dass dieses Buch aufzeigt, wie man eine Zeitspanne, zu welcher Jahreszeit auch immer, ohne M&amp;auml;nner auskommen k&amp;ouml;nnte oder gar m&amp;uuml;sste, muss gewarnt werden: Die M&amp;auml;nner sind in der Handlung des neuen Romans von Siri Hustvedt trotz ihrer physischen Abwesenheit gegenw&amp;auml;rtiger als in manch anderem Roman.&lt;/p&gt;
&lt;h5 class=&quot;rtejustify&quot;&gt;
	Kein Sommer ohne M&amp;auml;nner&lt;/h5&gt;
&lt;p class=&quot;rtejustify&quot;&gt;&lt;em&gt;Der Sommer ohne M&amp;auml;nner&lt;/em&gt; klingt fast nach einer Science-Fiction-Thematik, nach einer tempor&amp;auml;ren, haptischen Mann-Frau Barriere, als g&amp;auml;be es f&amp;uuml;r einen Sommer nur Frauen und die M&amp;auml;nner w&amp;auml;ren, warum auch immer, verschwunden &amp;ndash; vielleicht, weil sie freiwillig auf einen anderen Planeten &amp;uuml;bergesiedelt sind. Nat&amp;uuml;rlich ist dieses Szenario nur auf eine kurze Zeitspanne beschr&amp;auml;nkt, denn der Sommer dauert bekannterma&amp;szlig;en mehr oder weniger drei Monate. Diese zeitliche Begrenzung h&amp;auml;tte einem vielleicht schon bevor man das Buch &amp;uuml;berhaupt nur zum ersten Mal aufschlug zu denken geben m&amp;uuml;ssen: Wo eine Eingrenzung welcher Art auch immer besteht, kann keine absolute Freiheit bestehen und so handelt dieses Buch mit diesem vielleicht so lockenden Titel f&amp;uuml;r alle von M&amp;auml;nnern entt&amp;auml;uschten Frauen auch &amp;uuml;berwiegend nicht von Freiheit, sondern von Abh&amp;auml;ngigkeit, Selbstzweifeln und dem Verlorensein zwischen diesen Zust&amp;auml;nden.&lt;/p&gt;
&lt;p class=&quot;rtejustify&quot;&gt;Mia, die Ich-Erz&amp;auml;hlerin, erlebt ihre eigene, ganz pers&amp;ouml;nliche Apokalypse, die sich in wenigen Worten erz&amp;auml;hlen l&amp;auml;sst: Die 55-j&amp;auml;hrige New Yorkerin wird von Boris, ihrem 60-j&amp;auml;hrigen Ehemann, mit einer J&amp;uuml;ngeren betrogen &amp;ndash; von der Erz&amp;auml;hlerin immer nur &amp;raquo;die Pause&amp;laquo; genannt, die nicht nur j&amp;uuml;nger ist, sondern zudem auch noch Franz&amp;ouml;sin ist. Nachdem Mia dies erfahren hat, erleidet sie einen Zusammenbruch und wird in eine Nervenklinik eingeliefert. Diagnose: Durchgangssyndrom &amp;ndash; schon nach anderthalb Wochen darf sie die Klinik wieder verlassen. Verunsichert von den Ereignissen, die wie im Zeitraffmodus &amp;uuml;ber sie gekommen zu sein scheinen, fl&amp;uuml;chtet sie in ihre Heimat, dem Provinzort Bonden, zu ihrer schon sehr betagten Mutter und lernt in dieser Zeit mehr &amp;uuml;ber sich selbst und ihre famili&amp;auml;ren Reminiszenzen als in den letzten Jahren in der Beziehung mit Boris.&lt;/p&gt;
&lt;p class=&quot;rtejustify&quot;&gt;In Bonden treffen verschiedene Generationen aufeinander &amp;ndash; allesamt durch weibliche&amp;nbsp; Personen vertreten &amp;ndash; mittendrin die Erz&amp;auml;hlerin, die die Schnittstelle zwischen diesen Altersstufen bildet. Mia taucht in diesen Kreis aus weiblichen Teilnehmern ein und unter. Dieser Kreis erweitert sich im Laufe des Romans: So gibt es die &amp;raquo;wei&amp;szlig;en Schw&amp;auml;ne&amp;laquo;, eine Gruppe von befreundeten Rentnerinnen, zu denen auch die Mutter der Erz&amp;auml;hlerin geh&amp;ouml;rt, die Nachbarin Mias, die neben ihren Pflichten als Mutter von zwei Kindern Schmuck entwirft, die sieben M&amp;auml;dchen aus dem Lyrikkurs, die die Erz&amp;auml;hlerin zur Ablenkung unterrichtet, au&amp;szlig;erdem kommen die Schwester und die Tochter Mias nach Bonden. Jede Frau hat ihre eigene kleine Geschichte zu erz&amp;auml;hlen, die &amp;Auml;lteren reflektieren &amp;uuml;ber ihre Vergangenheit, die J&amp;uuml;ngeren sind ganz mit ihren Problemen im Jetzt verhaftet und jede von ihnen hat eine Erinnerung, oder im Fall der jungen M&amp;auml;dchen, eine Ahnung von Begegnungen mit dem anderen Geschlecht. Das ist er dann: der Sommer ohne M&amp;auml;nner, der im eigentlichen Sinne kein Sommer ohne M&amp;auml;nner ist, da diese zwar nicht physisch anwesend, daf&amp;uuml;r aber umso mehr in der Psyche der erw&amp;auml;hnten Frauen pr&amp;auml;sent sind.&lt;/p&gt;
&lt;h5 class=&quot;rtejustify&quot;&gt;
	Die lauten Momente&lt;/h5&gt;
&lt;p class=&quot;rtejustify&quot;&gt;Betrug, Trennung, der darauf folgende Trennungsschmerz, der langsame Weg zur Verarbeitung, weg von der Fremd- hin zur Selbstbestimmung, sind bekannte, allzu bekannte Prozesse des menschlichen Lebens und darum in allen k&amp;uuml;nstlerischen Formen des menschlichen Schaffens schon viele Male verarbeitet worden. Gerade weil diese Assoziationskette niemandem wirklich fremd sein wird und sich jeder darin wiederfindet, ist sie ewig, und es ist quasi eine logische Konsequenz, dass sich &amp;uuml;ber Ewiges immer wieder ge&amp;auml;u&amp;szlig;ert wird. Das Neue muss im Detail liegen, auch die Ewigkeit ist Wandlungen unterzogen und die Aufgabe eines Schriftstellers ist es nun durch Sprache, Erz&amp;auml;hltechniken eben dieses Neue im Alten zu evozieren.&lt;/p&gt;
&lt;p class=&quot;rtejustify&quot;&gt;Der 56-J&amp;auml;hrigen Siri Hustvedt, die in New York lebt und mit &lt;em&gt;Der&lt;/em&gt; &lt;em&gt;Sommer ohne M&amp;auml;nner&lt;/em&gt; ihren sechsten Roman ver&amp;ouml;ffentlicht hat, ist dies aber nur zu Teilen gelungen &amp;ndash; streckenweise l&amp;auml;sst sie einen in einer Ansammlung von Plattit&amp;uuml;den und hollywoodesken Szenarien kopfsch&amp;uuml;ttelnd zur&amp;uuml;ck, die ihre Steigerung nur noch durch die scheinbar wahllos begleitenden Zeichnungen, die, wenn sie den Inhalt der Aussage verst&amp;auml;rken sollen, nicht gerade f&amp;uuml;r diesen sprechen w&amp;uuml;rden, erhalten.&lt;/p&gt;
&lt;blockquote&gt;&lt;p class=&quot;rtejustify&quot;&gt;Die Gespr&amp;auml;chsfetzen, die ich mitbekam, waren &amp;auml;u&amp;szlig;erst stereotyp, ein primitives Gepl&amp;auml;nkel durchsetzt mit den Worten &lt;em&gt;voll &lt;/em&gt;und &lt;em&gt;krass&lt;/em&gt;, die haupts&amp;auml;chlich als K&amp;uuml;rzel f&amp;uuml;r Billigung oder Missbilligung benutzt wurden.&lt;/p&gt;
&lt;/blockquote&gt;
&lt;p class=&quot;rtejustify&quot;&gt;Um dieses Zitat in seinem vollen Ausma&amp;szlig;e verstehen zu k&amp;ouml;nnen, muss man wissen, dass die Ich-Erz&amp;auml;hlerin des Romans eine Dozenten-Stelle an der Columbia innehat, wo sie Doktoranden im Schreiben unterrichtet. Zudem ist sie selber Lyrikerin. In ihrer Flucht vor dem Bruch mit ihrem Ehemann gibt sie in ihrem Geburtsort einen Lyrikkurs f&amp;uuml;r sieben M&amp;auml;dchen im Teenageralter. Hier offenbart sich quasi eine Selbsttherapie in der Therapie anderer, denn die M&amp;auml;dchen sind allesamt in eine Verschw&amp;ouml;rung verwickelt, von der sp&amp;auml;ter noch die Rede sein soll. Die Erz&amp;auml;hlerin kommt also mit der Jugend in Kontakt und &amp;nbsp;gerade diese Jugendlichkeit kann Hustvedt nicht &amp;uuml;berzeugend darstellen, ebenso wenig den Bildungsstand der deutlich &amp;auml;lteren Mia. Es ist nicht befriedigend, dass Jugendsprache auf diese stereotype, karikierenden Worte wie &amp;raquo;voll&amp;laquo; und &amp;raquo;krass&amp;laquo; reduziert wird, auch nicht, wenn die Erz&amp;auml;hlerin sich selbst als stereotyp entlarvt &amp;nbsp;&amp;ndash; das ist zu einfach, zu plakativ, ebenso wie die unbeholfene Erkl&amp;auml;rung, dass diese Worte&amp;nbsp; &amp;raquo;als K&amp;uuml;rzel f&amp;uuml;r Billigung oder Missbilligung benutzt werden&amp;laquo;. Diese lebensfremde Herangehensweise ist ebenfalls eine plakative Darstellung einer Vorstellung wie ein Wissenschaftler das Leben sieht. Dadurch entsteht in der Sprache eine Aufgesetztheit, die auf Dauer &amp;uuml;bel aufst&amp;ouml;&amp;szlig;t. Grotesk wird es, wenn sich die beiden Sprachebenen verschieben und die Ich-Erz&amp;auml;hlerin sich quasi selbst jugendlichen Jargons bedient:&lt;/p&gt;
&lt;blockquote&gt;&lt;p class=&quot;rtejustify&quot;&gt;Ich sah nacheinander ihre sieben verschlossenen Gesichter an, und ein Spruch, den ich seit meiner Kindheit nicht verwendet hatte, fiel mir ein: &lt;em&gt;Was&amp;rsquo;n das&amp;rsquo;n?&lt;/em&gt;&lt;/p&gt;
&lt;/blockquote&gt;
&lt;p class=&quot;rtejustify&quot;&gt;Solche S&amp;auml;tze, die von der Autorin wohl als Komik-Moment gedacht sind, wirken wie F&amp;uuml;lls&amp;auml;tze und hinterlassen bei dem Leser in Wirklichkeit weniger ein Schmunzeln als das Gef&amp;uuml;hl, mit Bedeutungslosigkeit konfrontiert zu werden. Dabei ist es gerade Bedeutungslosigkeit, gegen die die Erz&amp;auml;hlerin nach dem Bruch mit ihrem Ehemann verzweifelt anzuk&amp;auml;mpfen versucht:&lt;/p&gt;
&lt;blockquote&gt;&lt;p class=&quot;rtejustify&quot;&gt;Nachdem ich in kleinste Teilchen zerbr&amp;ouml;selt bin, hatte ich dieses forsche Vertrauen in das Funktionieren meines Verstandes verloren, jene Erkenntnis, die mir irgendwann mit Ende vierzig gekommen war: dass man mich zwar ignorieren k&amp;ouml;nnte, dass ich es aber beim Denken mit fast jedem aufnehmen konnte, denn dieser enorme Wust an Gelesenem hatte mein Gehirn in eine k&amp;uuml;nstliche Maschine verwandelt, die in einem Atemzug Philosophie, Naturwissenschaften und Literatur herbeizitieren konnte.&lt;/p&gt;
&lt;/blockquote&gt;
&lt;p class=&quot;rtejustify&quot;&gt;Die Charakterisierung als Hirnmaschine zieht sich durch den ganzen Roman: Bildung stellt Mias Statussymbol dar. Literatur, Naturwissenschaften, Philosophie sind Wissensquellen, aus denen sie ihr Selbstvertrauen sch&amp;ouml;pft. Hustvedt &amp;uuml;berzeichnet diesen Bildungsgrad und genau dies bildet den n&amp;auml;chsten st&amp;ouml;renden Faktor in dem Roman: Der lehrhafte Duktus, den die Autorin durch Mia sprechen l&amp;auml;sst, f&amp;uuml;hrt streckenweise zur Erm&amp;uuml;dung, wenn nicht sogar zur L&amp;auml;hmung des Geistes. St&amp;auml;ndig werden Lyriker, Romanciers, Wissenschaftler zitiert, erkl&amp;auml;rt, erw&amp;auml;hnt oder teilweise sogar nur aufgez&amp;auml;hlt. Diese Sequenzen werden zus&amp;auml;tzlich mit eigenen Gedichten oder Verszeilen der Erz&amp;auml;hlerin aufgestockt. Der Charakter Mias braucht sicherlich einen solchen Kunstgriff, um aufzuzeigen, wie ihr Denken funktioniert, aber es ist die Masse dieser Ansammlung, die diese Wirkung verdirbt. Ebenso, wenn sie Abs&amp;auml;tze lang gewisse Sachverhalte zu erkl&amp;auml;ren versucht, als sei sie nicht sicher, ob der Leser ihr sonst folgen k&amp;ouml;nnte. So z. B. der Abschnitt &amp;uuml;ber den Ostrakismos, der mit dessen Urspr&amp;uuml;ngen in Griechenland beginnt und mit einer philosophischen Betrachtung &amp;uuml;ber Abgrenzung im Allgemeinen endet. Hustvedt h&amp;auml;tte um ihrer eigenen Wirkung willen dem Leser mehr vertrauen m&amp;uuml;ssen, dass er diese Metapher auch in ihrer Andeutung versteht, denn letztendlich ist vollkommen verst&amp;auml;ndlich, wieso Mia &amp;uuml;ber Ostrakismos spricht, schlie&amp;szlig;lich f&amp;uuml;hlt sie sich selbst als eine von ihrem Ehemann verbannte und ins Exil gefl&amp;uuml;chtete Ehefrau ohne momentane Aussicht auf eine Wiederkehr.&lt;/p&gt;
&lt;p class=&quot;rtejustify&quot;&gt;Hustvedt scheitert in solchen Momenten an der Transparenz ihres Erz&amp;auml;hlstils und als w&amp;auml;re sie sich dessen selbst bewusst, f&amp;uuml;gt sie mystische, surreale, morbide Handlungsebenen ein, die sie mit Verfremdungseffekten in der Erz&amp;auml;hlweise paart und die allesamt als Verschleierungsmoment des allzu Allt&amp;auml;glichen ihrer Geschichte gedeutet werden k&amp;ouml;nnen. Da ist z. B. der schon angedeutete Hexenzirkel, den sechs der sieben M&amp;auml;dchen aus dem Lyrikkurs der Erz&amp;auml;hlerin gegr&amp;uuml;ndet haben und in dem Arme geritzt werden, um mit Blut das ewige Band der Treue auf einem Dokument festhalten zu k&amp;ouml;nnen. Eben dieser Zirkel des B&amp;ouml;sen ist es dann auch, der sich gegen das siebte M&amp;auml;dchen aus dem Lyrikkurs verschw&amp;ouml;rt. Letztendlich schaukelt sich die Stimmung hoch und die M&amp;auml;dchen beichten alles ihren M&amp;uuml;ttern und Mia. Alice, das M&amp;auml;dchen, das den Mobbingattacken der anderen ausgesetzt ist, wird selbstverst&amp;auml;ndlich als diejenige charakterisiert, die sich immer ein wenig von den anderen unterschieden hat, gerne liest, in ihrer eigenen Welt lebt und damit nicht nur, wenn auch auf recht oberfl&amp;auml;chliche Weise, Assoziationen zu Alice im Wunderland hervorruft, sondern auch noch Parallelen zu der Erz&amp;auml;hlerin, die sich in diesem M&amp;auml;dchen wiederzuerkennen scheint. Diese Teeniegroteske, die auch direkt&amp;nbsp; aus dem Drehbuch einer Daily-Soap Einzug in den Roman gefunden haben k&amp;ouml;nnte, wird durch ein weiteres pseudomystisches Sujet erg&amp;auml;nzt: Mr. Niemand. Dieser selbsternannte Mr. Niemand steigt als unbestimmbare Bedrohung aus den Weiten der virtuellen Welt empor und kontaktiert die Erz&amp;auml;hlerin per E-Mail. Erst beschimpft er diese w&amp;uuml;st &amp;ndash; nennt sie &amp;raquo;geisteskrank&amp;laquo;, &amp;raquo;verr&amp;uuml;ckt&amp;laquo;, &amp;raquo;&amp;uuml;bergeschnappt&amp;laquo; &amp;ndash; avanciert dann aber nach und nach von der aggressiven Stimme aus dem Nirgendwo zu einem gesch&amp;auml;tzten Philosophiepartner, der sogar sorgenvoll angeschrieben wird, wenn er sich l&amp;auml;ngere Zeit nicht mehr meldet. Als Begr&amp;uuml;ndung f&amp;uuml;r seine l&amp;auml;ngere virtuelle Abwesenheit nennt er daraufhin furchtbarerweise nur dieses eine Wort: &amp;raquo;Nierensteine&amp;laquo; &amp;ndash; so entmystifiziert sich Hustvedt selbst. Die letzte E-Mail, die Mr. Niemand, dessen Identit&amp;auml;t &amp;uuml;brigens nie wirklich aufgekl&amp;auml;rt wird, an Mia verfasst, kann man allerdings als ein Beispiel f&amp;uuml;r die durchaus auch funktionierenden Momente in Hustvedts Romans heranziehen:&lt;/p&gt;
&lt;blockquote&gt;&lt;p class=&quot;rtejustify&quot;&gt;Manchen von uns ist es bestimmt, in einer Schachtel zu leben, aus der es nur eine zeitweilige Freilassung gibt. Wir mit den besch&amp;auml;digten Lebensgeistern, den vereitelten Gef&amp;uuml;hlen, dem blockierten Herzen und den aufgestauten Gedanken, wir, die uns danach sehnen, auszubrechen, in einer Flut von Wut oder gar Wahnsinn &amp;uuml;berzustr&amp;ouml;men, doch gibt es f&amp;uuml;r uns kein Wohin, nirgendwo auf der Welt, weil niemand uns so haben will, wie wir sind, und wir k&amp;ouml;nnen nichts tun als die heimlichen Freuden unserer Sublimierung zu eigen zu machen.&lt;/p&gt;
&lt;/blockquote&gt;
&lt;p class=&quot;rtejustify&quot;&gt;Das ist poetisch, ganz ohne Poesie zu zitieren, gro&amp;szlig;e Namen nennen zu m&amp;uuml;ssen, und so treffen Mias Gedanken, die sie sich &amp;uuml;ber die Zeilen des Mr. Niemand macht, auch auf die Gedanken des Leser zu: &amp;raquo;Trotz all seiner Trostlosigkeit erreichte er, dass ich mich besser f&amp;uuml;hlte&amp;laquo;.&lt;/p&gt;
&lt;h5 class=&quot;rtejustify&quot;&gt;
	Die leisen Momente&lt;/h5&gt;
&lt;p class=&quot;rtejustify&quot;&gt;Was in den geschilderten F&amp;auml;llen durch Hustvedt&lt;img alt=&quot;&quot; src=&quot;http://media.buch.de/img-adb/26019600-00-00/der_sommer_ohne_maenner.jpg&quot; style=&quot;float: right; width: 191px; height: 314px; margin: 6px;&quot; /&gt;gr&amp;ouml;&amp;szlig;tenteils zu offensichtlich gestaltet wird und dadurch seinen Reiz verliert, funktioniert an anderen Stellen, so z. B. in der Gesamtkonzeption des Romans, um einiges besser. Es sind gerade die leisen, quasi fast unsichtbaren Momente, die den Roman retten. Der Roman hat keine sichtbare Kapiteleinteilung, doch mit der Zeit wird deutlich, dass die Aufteilung dennoch auf einem Prinzip basiert, weniger offensichtlich als durch klassische Unterteilungsstrukturen, aber dennoch genauso effizient. Durch die Technik, Abs&amp;auml;tze zu setzen, entsteht die Gliederung so selbstverst&amp;auml;ndlich, dass sie fast organisch wirkt.&lt;/p&gt;
&lt;p class=&quot;rtejustify&quot;&gt;Im Grunde gibt es in dem Roman f&amp;uuml;nf Hauptthemen. Diese setzen sich zusammen aus R&amp;uuml;ckblenden &amp;uuml;ber die Zeit mit Boris und den &amp;rsaquo;Jetzt-Momenten&amp;lsaquo; mit dem Lyrikkurs, der Nachbarin Mias und deren Kindern, den Gespr&amp;auml;chen mit ihrer Mutter und deren Freundinnen und dem Kommunizieren mit der mystischen Stimme Mr. Niemands aus den Weiten des Internets. Diese Hauptthemen tauchen &amp;uuml;ber den ganzen Roman verteilt immer wieder auf und bilden die Stringenz desselben, ohne statisch zu wirken. Die szenischen Wechsel bzw. das Springen zwischen den einzelnen Themen, manchmal schon nach drei S&amp;auml;tzen, bildet Mias Biographie in einer Collage ab, so dass kein gegl&amp;auml;ttetes Abbild derselben entstehen kann, sondern tats&amp;auml;chlich eine Schau auf das komplexe Innere eines Menschen erreicht wird. Zwischendurch setzt Hustvedt immer wieder Br&amp;uuml;che durch komplett zitierten E-Mail-Verkehr, Telefongespr&amp;auml;che mit der Psychologin Dr. S., stream of consciousness, die, wenn sie nicht gerade wie ein Lexikonartikel verfasst sind, eine gewisse Sensibilit&amp;auml;t in der Sprache erahnen lassen, von der man gerne mehr gelesen h&amp;auml;tte.&lt;/p&gt;
&lt;blockquote&gt;&lt;p class=&quot;rtejustify&quot;&gt;Das ist nicht die vors&amp;auml;tzliche Blindheit einer neuen Anziehung; es ist die Blindheit einer durch Jahre parallelen Lebens geschmiedeten Intimit&amp;auml;t, von dessen Verletzungen und Linderungen gleicherma&amp;szlig;en.&lt;/p&gt;
&lt;/blockquote&gt;
&lt;h5 class=&quot;rtejustify&quot;&gt;
	Die Selbstbestimmung des Lesers ist unantastbar&lt;/h5&gt;
&lt;p class=&quot;rtejustify&quot;&gt;Das st&amp;auml;ndige Ansprechen des Lesers als weiterer Verfremdungseffekt schadet allerdings auf Dauer mehr als es das Innovative des Romans unterstreicht &amp;ndash; auch kommt hierbei wieder der Verdacht auf, dass Hustvedt dem Leser nicht allzu viel zutraut:&lt;/p&gt;
&lt;blockquote&gt;&lt;p class=&quot;rtejustify&quot;&gt;Bald, sagen Sie, werden wir an einen Pass oder eine Weggabelung kommen. Dort ist dann Action. [...] wenn Sie jetzt hier bei mir auf dieser Seite sind, ich meine, wenn Sie nicht aufgegeben haben und mich, Mia, &amp;nbsp;nicht im hohen Bogen durchs Zimmer geworfen haben [...] dann m&amp;ouml;chte ich die H&amp;auml;nde nach Ihnen ausstrecken und Ihr Gesicht in beide H&amp;auml;nde nehmen und es mit K&amp;uuml;ssen bedecken.&lt;/p&gt;
&lt;/blockquote&gt;
&lt;p class=&quot;rtejustify&quot;&gt;Solche Unterstellungen nerven, zumal es nicht unbedingt an Action, sondern an Innovation mangelt &amp;ndash; man m&amp;ouml;chte als Leser selbst entscheiden, was man an den einzelnen Stellen des Romans gerade f&amp;uuml;r Erwartungen hegt, Vermutungen &amp;auml;u&amp;szlig;ert, Urteile bildet. Die lauten Momente bleiben die schw&amp;auml;chsten Momente des Romans.&lt;/p&gt;
&lt;p class=&quot;rtejustify&quot;&gt;Zum Schluss noch einmal die M&amp;auml;nner: Boris, der etwas gef&amp;uuml;hlskalte Wissenschaftler, der mit seiner Kollegin sein Ego aufzupuschen versucht und nachher gesenkten Hauptes zur&amp;uuml;ckkehrt, Stefan, sein sensibler Bruder, der sich umgebracht hat und alle traumatisiert zur&amp;uuml;ckl&amp;auml;sst, der Vater Mias, ein Tyrann, der Mann der Nachbarin, ein Choleriker, der seine Launen allzu lauthals an seiner Frau ausl&amp;auml;sst, im Grunde kommen sie nicht gut weg in diesem Roman, die M&amp;auml;nner. Dennoch, trotz allen Mokierens &amp;uuml;ber das andere Geschlecht, folgt letztendlich das Zur&amp;uuml;ckrudern, ohne M&amp;auml;nner m&amp;ouml;chte keine Frau sein in diesem Roman, aber ihnen st&amp;auml;rker gegen&amp;uuml;bertreten. So bietet Hustvedt keine L&amp;ouml;sung, wie die Barriere der Geschlechter zu &amp;uuml;berwinden sei, vielmehr wird der Eindruck vermittelt, dass diese Barriere zu akzeptieren ist, ohne sich dabei als schw&amp;auml;cheres Glied zu f&amp;uuml;hlen.&lt;/p&gt;
&lt;p class=&quot;rtejustify&quot;&gt;&lt;em&gt;Siri Hustvedt:&lt;/em&gt;&lt;a href=&quot;http://www.rowohlt.de/buch/Siri_Hustvedt_Der_Sommer_ohne_Maenner.2838759.html&quot;&gt; &lt;/a&gt;&lt;em&gt;&lt;a href=&quot;http://www.rowohlt.de/buch/Siri_Hustvedt_Der_Sommer_ohne_Maenner.2838759.html&quot;&gt;Der Sommer ohne M&amp;auml;nner. Roman.&lt;/a&gt; Reinbeck bei Hamburg: Rowohlt Verlag, 2011. 251 Seiten. ISBN &lt;/em&gt;&lt;em&gt;978-3-498-0301-0, 19,95 Euro&lt;/em&gt;.&lt;/p&gt;
</description>
 <comments>http://www.kritische-ausgabe.de/artikel/das-bekannte-allzu-bekannte#comments</comments>
 <category domain="http://www.kritische-ausgabe.de/kategorie/literatur/literatur-kritik">Literatur - Kritik</category>
 <pubDate>Mon, 28 Nov 2011 23:39:05 +0000</pubDate>
 <dc:creator>Ines Böckelmann</dc:creator>
 <guid isPermaLink="false">4750 at http://www.kritische-ausgabe.de</guid>
</item>
<item>
 <title>Einer, keiner, hunderttausend</title>
 <link>http://www.kritische-ausgabe.de/artikel/einer-keiner-hunderttausend</link>
 <description>&lt;p&gt;Der obige Titel geh&amp;ouml;rt zu einem Roman von &lt;a href=&quot;http://de.wikipedia.org/wiki/Luigi_Pirandello&quot;&gt;Luigi Pirandello&lt;/a&gt;, der 1909 begonnen, aber erst 1926 ver&amp;ouml;ffentlicht wurde. Auf Italienisch lautet er &lt;em&gt;Uno, nessuno, centomila&lt;/em&gt;. Bei der Gelegenheit ist anzumerken, dass der sp&amp;auml;tere Literatur-Nobelpreistr&amp;auml;ger mit 22 Jahren, also 1889, in Bonn zu studieren begann und dort 1891 promovierte. Pirandello schlug sich immer mit dem schwierigen Menschsein herum, und der Held des Buches, Vitangelo Moscarda, f&amp;auml;ngt ein neues Leben an, landet in der Psychiatrie und findet, dass einen Namen zu haben einem Todesurteil gleichkomme; frei sei man, wenn man jeden Augenblick neu werde. Bin ich einer oder keiner, und was sage ich zu den hunderttausend, deren Weg ich kreuze? Ist der Autor oder der Mensch &lt;a href=&quot;http://www.kritische-ausgabe.de/index.php/archiv/5634/&quot;&gt;viele&lt;/a&gt; oder ist er gar alle? Wenn er alle w&amp;auml;re, dann w&amp;auml;re er gleichzeitig ein Niemand. In dem Buch &lt;em&gt;Der dritte Polizist&lt;/em&gt; von &lt;a href=&quot;http://de.wikipedia.org/wiki/Flann_O%E2%80%99Brien&quot;&gt;Flann O&amp;rsquo;Brien&lt;/a&gt; (1911&amp;ndash;1966), das ich gerade &lt;a href=&quot;http://www.cycling4fans.de/index.php?id=5624&quot;&gt;begeistert gelesen habe&lt;/a&gt;, f&amp;auml;llt dem Erz&amp;auml;hler sein Name nicht mehr ein. Die Polizisten wollen ihn hinrichten, da hat er die Erleuchtung und meint, wer niemand sei, den k&amp;ouml;nne man auch nicht hinrichten. Genial. Das leuchtet dem Polizisten fast ein. Aber nur fast. Nat&amp;uuml;rlich erinnert das an Homers &lt;em&gt;Odyssee&lt;/em&gt;, wo der Titelheld dem Zyklopen Polyphem, gefragt nach seinem Namen, &lt;em&gt;Niemand&lt;/em&gt; sagt (&amp;omicron;ύ&amp;delta;&amp;epsilon;&amp;iota;&amp;sigmaf;), was dann lustig wird, wenn Polyphem von anderen gefragt wird, wer ihn verletzt habe: Niemand, sagt er.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&amp;nbsp;&lt;/p&gt;
&lt;p class=&quot;zentriert&quot;&gt;&lt;img alt=&quot;Grab eines Unbekannten (Foto: Manfred Poser)&quot; class=&quot;frei&quot; src=&quot;/sites/default/files/images/poser_inconnu.jpg&quot; style=&quot;max-width:100%&quot; /&gt;&lt;br /&gt;
	&lt;font size=&quot;-1&quot;&gt;Grab eines Unbekannten (&lt;em&gt;Inconnu&lt;/em&gt;), verstorben (&lt;em&gt;d&amp;eacute;c&amp;eacute;d&amp;eacute;&lt;/em&gt;) am 19. Juni 2005. Gesehen auf dem Friedhof von Les-Saintes-Maries-de-la-Mer, Oktober 2011. (Foto: Manfred Poser)&lt;/font&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&amp;nbsp;&lt;/p&gt;
&lt;h5&gt;
	Hast &lt;em&gt;du&lt;/em&gt; aufgeh&amp;ouml;rt oder &lt;em&gt;es&lt;/em&gt;?&lt;/h5&gt;
&lt;p&gt;Die Selbstnegation geh&amp;ouml;rt zur Literatur. &lt;a href=&quot;http://de.wikipedia.org/wiki/Roland_Barthes&quot;&gt;Roland Barthes&lt;/a&gt; (1915&amp;ndash;1980) hat so sch&amp;ouml;n geschrieben, der Schriftsteller sei der &amp;raquo;Joker&amp;laquo;, der wie im Kartenspiel keinen Wert habe, aber im richtigen Kontext das Spiel entscheiden k&amp;ouml;nne. Der echte Autor macht sich der Geschichte untertan. Er ist ein Kanal f&amp;uuml;r das, was in ihn hineinflie&amp;szlig;t, und je weniger Pers&amp;ouml;nlichkeit er dazutut, umso besser. In &lt;a href=&quot;http://de.wikipedia.org/wiki/Rudyard_Kipling&quot;&gt;Rudyard Kipling&lt;/a&gt;s Autobiographie &lt;em&gt;Something about me&lt;/em&gt; gibt es diese h&amp;uuml;bsche Stelle, wo der Autor seinem Vater verk&amp;uuml;ndet, er habe die Geschichte nun beendet. Der Vater fragt: &amp;raquo;Did &lt;em&gt;it&lt;/em&gt; stop or &lt;em&gt;you&lt;/em&gt;?&amp;laquo; Kipling entgegnet, es sei &lt;em&gt;it&lt;/em&gt; gewesen. &amp;raquo;Dann sollte es nicht zu schlecht sein&amp;laquo;, kommentiert der Vater. Vorher konnte man lesen: &amp;raquo;Nachdem ich die grunds&amp;auml;tzliche Idee in meinem Kopf weggeschlossen hatte, &amp;uuml;bernahm der Federhalter das Kommando, und ich sah zu, wie er Geschichten schrieb &amp;uuml;ber Mowgli und Tiere, die sich sp&amp;auml;ter zum &lt;em&gt;Dschungelbuch&lt;/em&gt; auswuchsen.&amp;laquo; Vermutlich genie&amp;szlig;t diese spirituelle Theorie des Autors als &lt;em&gt;channel&lt;/em&gt; heute nicht mehr viel Ansehen. Aber kann man ruhigen Gewissens behaupten: Das habe &lt;em&gt;ich &lt;/em&gt;geschrieben? Wir alle kommen von irgendwo her und werden aus einem ungewissen Fundus gespeist, den man das &lt;em&gt;kollektive Unbewusste&lt;/em&gt; (nach &lt;a href=&quot;http://de.wikipedia.org/wiki/Carl_Gustav_Jung&quot;&gt;Carl Gustav Jung&lt;/a&gt;) oder den &lt;em&gt;universellen Geist&lt;/em&gt; nennen k&amp;ouml;nnte. Daher kommt auch die Anmerkung von &lt;a href=&quot;http://de.wikipedia.org/wiki/Jorge_Luis_Borges&quot;&gt;Jorge Luis Borges&lt;/a&gt;, alle B&amp;uuml;cher dieser Welt k&amp;ouml;nnten aus der Feder eines einzigen Autors stammen, geh&amp;ouml;ren wir doch alle gewisserma&amp;szlig;en zu einer spirituellen Gemeinschaft. Jedenfalls ist es ein Genuss, etwa &lt;a href=&quot;http://de.wikipedia.org/wiki/Jane_Austen&quot;&gt;Jane Austen&lt;/a&gt;s mit ruhiger Meisterschaft geschriebene Romane zu lesen: Da sind keine Schlacken drin und alles passiert scheinbar, wie es passieren muss. Auf der anderen Seite k&amp;ouml;nnen auch dezidiert individuelle Werke wie &lt;em&gt;Der dritte Polizist&lt;/em&gt; den Eindruck vermitteln, sie m&amp;uuml;ssten genauso sein und nicht anders. Aristoteles meinte, bei gro&amp;szlig;en Werken k&amp;ouml;nne man nichts fortnehmen. Dies gilt, wenn der Autor (oder die Autorin) den Text vorher zurechtgeschnitten hat. &lt;a href=&quot;http://www.kritische-ausgabe.de/index.php/archiv/5199/&quot;&gt;Ernest Hemingway&lt;/a&gt; schwor auf die Wirkung &amp;auml;u&amp;szlig;erst karger Prosa und meinte, bei einem Eisberg sei nur ein Achtel des Eises sichtbar, sieben Achtel hingegen bewegten sich unter Wasser fort, und diese unsichtbare Masse gebe dem Werk Dynamik und Bedeutung &amp;ndash; ziemlich esoterisch. Der unsichtbare Text ist wohl das, was die gedruckten Worte mit sich tragen, und nat&amp;uuml;rlich muss ich da wieder an die j&amp;uuml;dische Torah denken, die ohne die m&amp;uuml;ndliche &amp;Uuml;berlieferung nicht zu denken ist. Das Gedruckte ist nur etwas, das viele Interpretationen zul&amp;auml;sst.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&amp;nbsp;&lt;/p&gt;
&lt;p class=&quot;zentriert&quot;&gt;&lt;img alt=&quot;Bücherwand (Foto: Frieda Poser)&quot; class=&quot;frei&quot; src=&quot;/sites/default/files/images/poser_schuette.jpg&quot; style=&quot;max-width:100%&quot; /&gt;&lt;br /&gt;
	&lt;font size=&quot;-1&quot;&gt;Alle B&amp;uuml;cher der Welt von einem Autor? Die B&amp;uuml;cherwand von &lt;a href=&quot;http://www.fritzschuette.de/&quot;&gt;Fritz Sch&amp;uuml;tte&lt;/a&gt; in Berlin-Treptow. (Foto: Frieda Poser)&lt;/font&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&amp;nbsp;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Kipling &amp;uuml;brigens war nicht Hemingways Meinung und wandte sich gegen das radikale K&amp;uuml;rzen: Er schrieb, man w&amp;uuml;rde es instinktiv sp&amp;uuml;ren, wenn etwas fehle, was der Autor zu Beginn in seinen Text hineingedacht habe. Ich habe k&amp;uuml;rzlich einen meiner Romane um zehn Prozent gek&amp;uuml;rzt und fand, dass viele Stellen ohne Probleme wegfallen konnten; daf&amp;uuml;r gab es andere Passagen, die f&amp;uuml;r mich untrennbar zu der Geschichte geh&amp;ouml;rten und einfach nicht fehlen durften. Man ist immer in der Gefahr, seine S&amp;auml;tze f&amp;uuml;r heilig zu halten. Dann hackt man einen Absatz mutig weg, und es ist, als w&amp;auml;re er nie dagewesen.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&amp;nbsp;&lt;/p&gt;
&lt;h5&gt;
	Unsichtbar bleiben&lt;/h5&gt;
&lt;p&gt;Dann suchte ich ein Zitat, schlug meine Kladde auf, und sofort war es da: &amp;raquo;Daf&amp;uuml;r hat Hegel in S&amp;auml;tzen wie &amp;rsaquo;Je schlechter der K&amp;uuml;nstler ist, desto mehr sieht man ihn selbst, seine Partikularit&amp;auml;t und Willk&amp;uuml;r&amp;lsaquo; prophetisch plagiiert&amp;laquo; (Theodor W. Adorno in seinen &lt;em&gt;Noten zur Literatur&lt;/em&gt;). Der Autor will unsichtbar bleiben. Ich hatte das Wort vom Unsichtbarsein in mir, schlug zuf&amp;auml;llig &lt;em&gt;Ein Lesebuch&lt;/em&gt; von &lt;a href=&quot;http://de.wikipedia.org/wiki/G%C3%BCnter_Eich&quot;&gt;G&amp;uuml;nter Eich&lt;/a&gt; auf und hatte das Gedicht &lt;em&gt;Huhu&lt;/em&gt; vor mir.&lt;/p&gt;
&lt;blockquote&gt;&lt;p&gt;
	Wo die Beleuchtung beginnt, bleibe ich unsichtbar. Aus Briefen kannst du mich nicht lesen Und in Gedichten verstecke ich mich. Den letzten Schlag Gab ich euch allen. Mich triffst du nicht mehr, solang ich auch rufe.&lt;/p&gt;&lt;/blockquote&gt;
&lt;p&gt;Ich hatte aus Interesse Stellen &amp;uuml;bers Unsichtbarsein gesammelt wie jene aus Friedrich Doucets Buch &lt;em&gt;Die Toten leben unter uns&lt;/em&gt;:&lt;/p&gt;
&lt;blockquote&gt;&lt;p&gt;
	&amp;raquo;Auch ein Sich-Unsichtbarmachen, ein Auftreten wie unter der aus der Siegfriedsage bekannten Tarnkappe, ist f&amp;uuml;r Lamas lediglich ein psychoenergetisches Problem. N&amp;ouml;tig ist dazu, wie sie erkl&amp;auml;ren, durch Konzentration jegliche, also auch wirklich die allergeringste geistige Regung zu unterdr&amp;uuml;cken. Gelingt dies, so weckt man auch keine Empfindungen bei seiner Umgebung. [...] Folglich wird, wer keinerlei Gedankenempfindungen ausstrahlt, nicht gesehen; er bleibt unsichtbar.&amp;laquo;&lt;/p&gt;&lt;/blockquote&gt;
&lt;p&gt;Der Autor ist darum wie ein Toter &amp;ndash; in der Geschichte der Mystik, ob in der j&amp;uuml;dischen, ostasiatischen oder orientalischen, hei&amp;szlig;t es immer wieder, man m&amp;uuml;sse schon zu Lebzeiten sterben, nichts solle einen in dieser Welt interessieren, dann werde man recht handeln. Man schreibt gut, wenn man nur die Geschichte schreiben will und nicht an Verkaufszahlen, den eigenen Ruf oder daran denkt, was die Leser goutieren k&amp;ouml;nnten. O Musen, beschwor man in der Antike zu Beginn eines Werks, steht mir bei! Nur eine der neun ist zust&amp;auml;ndig, bei uns am ehesten Kalliope (&amp;kappa;&amp;alpha;&amp;lambda;&amp;lambda;&amp;iota;&amp;omicron;&amp;pi;&amp;eta; &amp;ndash; f&amp;uuml;r epische Dichtung, Philosophie und Wissenschaft). Wenn sie uns k&amp;uuml;sst, m&amp;uuml;ssen wir uns ihr widmen, denn eifers&amp;uuml;chtig ist sie, diese Muse, und, da sie sich schnell &amp;auml;rgert, fl&amp;uuml;chtig.&lt;/p&gt;
</description>
 <comments>http://www.kritische-ausgabe.de/artikel/einer-keiner-hunderttausend#comments</comments>
 <category domain="http://www.kritische-ausgabe.de/kategorie/kontroverse/ausrei%C3%9Fversuche">Ausreißversuche</category>
 <pubDate>Thu, 24 Nov 2011 23:01:00 +0000</pubDate>
 <dc:creator>Marcel Diel</dc:creator>
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 <title>Der Ausländer des Daseins</title>
 <link>http://www.kritische-ausgabe.de/artikel/der-ausl%C3%A4nder-des-daseins</link>
 <description>&lt;p&gt;Es gibt nicht so furchtbar viele Schriftsteller und zugleich überzeugte Nazis, die heute noch lesbare Texte produziert haben. Pound, Celine, Hamsun. Sonst noch wer? Warum gab es so wenige davon? Wie waren diese Ausnahmen überhaupt möglich?&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Mit der letzten Frage befasst sich die ungefähr auf die Hälfte zusammengestrichene deutsche Ausgabe der Hamsun-Biographie des norwegischen Journalisten Inger Sletten Kolloen, die im April 2011 im Landt-Verlag erschienen ist. Dass er zu keiner klaren Antwort kommt, ist sicher eine der Stärken dieser Biographie. Diese verkaufte sich laut Pressemitteilung seines deutschen Verlegers in Norwegen über 70.000 Mal. Man braucht kein Prophet zu sein, um vorherzusagen, dass die Auflage der deutschen Ausgabe nur einen Bruchteil dieser Verkaufszahlen erreichen wird. Zu Lebzeiten allerdings waren ja viele von Hamsuns Romanen in Deutschland noch Mega-Erfolge gewesen. So rührte die Biographie in Norwegen anscheinend an ein starkes Bedürfnis, seinen Frieden mit einem der berühmtesten Norweger machen zu wollen. An welches Bedürfnis aber könnte sie in Deutschland rühren sollen?&lt;/p&gt;
&lt;h5&gt;Andreas Krause Landt und sein Verlag&lt;/h5&gt;
&lt;p&gt;Andreas Krause Landt ist ein ehemaliger Journalist der Berliner Zeitung, der nach eigenem Bekunden wegen unüberwindlichen Schwierigkeiten in der Redaktion der Zeitung diese verließ und einen eigenen Verlag gründete, nachdem er 2007 den von der Jungen Freiheit verliehenen Gerhard-Löwenthal-Preis für Journalisten angenommen hatte. Das Programm des &lt;a href=&quot;http://landt-verlag.de/&quot;&gt;Landt-Verlags&lt;/a&gt; ist mit rechtskonservativen Themen und Autoren verknüpft, so sind etwa der Briefwechsel zwischen Ernst Jünger und Margaret Bovary, Jörg Schönbohms Erinnerungen, ein Buch des Historikerstreit-Historikers Nolte zum Islamismus erschienen. Über Landts eigene programmatische Ausrichtung geben ein Merkur-Artikel (2005) und das in der von &lt;a href=&quot;http://de.wikipedia.org/wiki/G%C3%B6tz_Kubitschek&quot;&gt;Götz Kubitschek&lt;/a&gt; geleiteten Edition Antaios erschienene Bändchen &lt;em&gt;Mein jüdisches Viertel, meine deutsche Angst&lt;/em&gt; Auskunft.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Landt geht es in beiden Texten darum, einen eigenen Weg aus der seiner Ansicht nach angstdiktierten und unproduktiv rückwärtsgewandten spezifisch deutschen Form von Vergangenheitspolitik zu weisen, die eine positive deutsche Identität nachhaltig verhinderten. Dabei bestreitet er das, was er die »Einzigartigkeitsthese« des Holocaust nennt (ohne einen Hinweis auf die seit Jahrzehnten intensive &lt;a href=&quot;http://de.wikipedia.org/wiki/Holocaustforschung#Singularit.C3.A4tsdebatte&quot;&gt;Historiker-Debatte&lt;/a&gt; zu geben, fordert (etwas unklar bleibt von wem eigentlich) mit »Verzeihen, Vergeben und Vergessen« nun endlich anzufangen und kämpft gegen »unsere […] Wächter und Ankläger, die, teils großzügig mit Steuergeldern ausgestattet, unsere öffentliche Meinung kontrollieren.«&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Die Herausgabe der Hamsun-Biographie muss man sich so also wohl als ein Stück Gegenöffentlichkeit vorstellen. Auslöser des neueren autobiographisch gefärbten Textes von Landt, der insgesamt die älteren Positionen noch einmal zusammenfasst, dürfte die Entdeckung gewesen sein, nicht nur von einem auf dem Balkan anscheinend in Gräuel verwickelten Großvater mütterlicherseits, sondern auch von einer Budapester jüdischen Großmutter väterlicherseits abzustammen. Der Hauptgestus beider Texte ist der eines ›man sollte endlich einmal die wichtigen Fragen stellen dürfen‹: Fragen nach der Berechtigung von Schuldgefühlen der Nachgeborenen etwa, die Frage, ob nicht »die Erhebung des Holocaust zum Hauptthema der Vergangenheitsbewältigung« »Geist in der Breite« (was immer das heißen mag) gekostet habe usw. Landt schlägt abschließend vor, Hitler endlich zu begraben, indem man in Deutschland die deutsche Angst endlich »loslasse«, »wie ich mit ernstem Blick nach hinten und ruhigem Blick nach vorn«. Die Herausgabe der Hamsun-Biographie soll also wohl zu diesem (nicht brandneuen, schon in den 50er Jahren des letzten Jahrhunderts in der Bundesrepublik weit verbreiteten, vielleicht aber ja nun neu aktuellen) Anliegen etwas beitragen können. Aber was eigentlich? Dazu, v.a. aber zu Kolloens Biographie, im Folgenden einige Anmerkungen anstelle einer Rezension. Eine allgemeine Orientierung über Hamsuns Biographie, die doch nur wieder auf ein Wiederkäuen der immer gleichen Koordinaten hinausliefe, ist wohl verzichtbar, verwiesen sei stattdessen auf die Beiträge von Eckart Löhr auf &lt;a href=&quot;http://www.literaturkritik.de/public/rezension.php?rez_id=13067&quot;&gt;&lt;em&gt;literaturkritik.de&lt;/em&gt;&lt;/a&gt;, den in der &lt;em&gt;Kritischen Ausgabe&lt;/em&gt; Nr. 13 (2005) erschienenen &lt;a href=&quot;http://www.kritische-ausgabe.de/index.php/archiv/5578/www.kritische-ausgabe.de/hefte/rausch/milovanovic3.pdf&quot;&gt;Beitrag&lt;/a&gt; von Marko Milovanovic sowie auf die &lt;a href=&quot;http://blogs.dickinson.edu/glossen/most-recent-issue-322011/gabriele-haefs-glossen32/&quot;&gt;Anmerkungen&lt;/a&gt; der Übersetzerin Gabriele Haefs.&lt;/p&gt;
&lt;h5&gt;Kolloens Hamsun-Biographie&lt;/h5&gt;
&lt;p&gt;(1) Hamsun, der in Deutschland in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts enorme Auflagen erzielte, wird hier heute, so zumindest mein Eindruck, kaum noch gelesen. Es gibt so besehen keinen »Fall Hamsun«, der einer breiten Öffentlichkeit noch auf den Nägeln brennen würde. Das ist bedauerlich, denn Hamsuns Romane sind großartiger, mit hellen, überraschenden, präzisen Formulierungen vollgepackter, vielschichtig komplizierter und so gar nicht nur »tümelnder« Lesestoff. Dann zumindest, wenn man bereit ist, über gelegentliche ideologische Einsprengsel hinwegzugehen, antibritische Ausfälle etwa und anderes eher krudes Zeug, das der Erzähler seinem Personal gelegentlich in den Mund legt. Selbst das ganz untypische &lt;em&gt;Segen der Erde&lt;/em&gt; stellt dem Einödbauern Isaak in seiner biblischen Unverrückbarkeit mit dem Amtmann Geißler eine jener typischen Hamsunschen Gestalten eines ungreifbaren, artistischen, modernen Projektemachers gegenüber. Der wie stets bei Hamsun nicht zu greifende, polyphone Erzähler urteilt diesen nicht ab, alles bleibt in der Schwebe. Dieses In-der-Schwebe-Bleiben ist in den anderen Romanen des späteren Hamsun noch weitaus ausgeprägter, stets sind es die wirren großartig phantasierenden Projektemacher wie August (&lt;em&gt;Landstreicher-Triologie&lt;/em&gt;), Holmengra (&lt;em&gt;Segelfoss-Romane&lt;/em&gt;) oder Oliver (&lt;em&gt;Die Weiber am Brunnen&lt;/em&gt;), die eher bodenständige, schlichtere Gegenfiguren blass aussehen lassen. Zur verengten Rezeption im damaligen Deutschland finden sich in Kolloens Biographie nur wenige Hinweise, viel erhellender sind hier die frühen Texte der Emigranten Leo Löwenthal (1937) und Peter de Mendelssohn (1953). Die Biographie Kolloens ist eben für ein norwegisches Publikum verfasst. Ihre Stoßrichtung ist vor allem auf das ausgerichtet, was er gleich zu anfang so beschreibt: den »Weg des Genies, das die Weltliteratur verändert hat, und des Politikers, der wegen Landesverrats verurteilt wurde« verstehbar zu machen. Dieser »Landesverrat« also ist es, den die Biographie, scheint mir, durch Ausleuchtung der Person Hamsun verständlich und so ›kommensurabel‹ machen möchte. Den ›globaleren Verrat‹ Hamsuns an seinen begeisterten Lesern auch außerhalb Norwegens (Gorki, Thomas Mann, Tucholsky und viele, viele andere) versucht de Mendelssohn in seinem Text zu fassen über die Frage »Ist die Kunst wichtiger als die Gesinnung, oder die Gesinnung wichtiger als die Kunst?« Was heißt es also, heute Hamsun zu lesen, wenn man weiß, dass dieser die KZ-Inhaftierung Ossietzkys so kommentierte:&lt;/p&gt;
&lt;blockquote&gt;&lt;p&gt;Es ist vielleicht nicht ganz verkehrt, daran zu erinnern, dass Herr Ossietzky Deutschland sowohl vor als auch nach der Machtergreifung des Nationalsozialismus hätte verlassen können. Aber er wollte nicht. Er rechnete damit, dass die Leute aufschreien würden, wenn er inhaftiert würde. Und seine Rechnung ging auf.&lt;/p&gt;
&lt;/blockquote&gt;
&lt;p&gt;Inwiefern erhellt also die Biographie auch über den innernorwegischen Kontext hinaus?&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&amp;nbsp;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;(2) Vermutlich verdankt sich die Kürzung des Textes für den außernorwegischen Markt auf ungefähr die Hälfte den skizzierten unterschiedlichen Interessenlagen in und außerhalb Norwegens. Kolloens Biographie greift auf eine erheblich breitere Materiallage zurück als die Biographien vorher. So sind erstmals die erst vor einigen Jahren aufgetauchten 5.000 Dokumente aus Hamsuns Archiv eingearbeitet. Berücksichtigt sind auch erstmals die Aufzeichnungen aus seiner Psychoanalyse. Die Ausgabe verzichtet auf jegliche Belege für in Anführungsstriche gesetzte (und z.T. durch Auslassungszeichen als Kürzungen gekennzeichnete) Zitate. Dieses für einen Text, der vielleicht eine neue grundsätzliche Behandlung initiieren soll, eher untypische Verfahren irritiert auch einen ›nur so‹ interessierten Hobby-Hamsunisten wie mich, man wüsste gerne, wer gerade spricht usw. Ganz abgesehen davon, dass bei den umfangreichen Kürzungen v.a. im ersten Teil manche Fäden liegen geblieben und Verbindungen unschlüssig sind, so erscheint die deutsche Ausgabe des Großunternehmens, bei dem Kolloen führende Hamsun-Spezialisten einbezog, gewissermaßen verkümmert (vgl. dazu auch die Rezension von Aldo Keel &lt;a href=&quot;http://www.nzz.ch/nachrichten/kultur/literatur/der_halbe_hamsun_1.11794542.html&quot;&gt;in der NZZ&lt;/a&gt;. Das gilt auch grosso modo für die Behandlung der Texte Hamsuns selbst, vieles bleibt zumindest in der deutschen Ausgabe hier nur skizziert, angedeutet, ungenau, thetisch. (Man vergleiche etwa die Darstellung von Hamsuns letztem ›großen‹ Roman &lt;em&gt;Der Ring schließt sich&lt;/em&gt; bei Kolloen mit der in Walter Baumgartners kleiner RoRoRo-Monographie: Zwar kommen beide übereinstimmend zu dem Ergebnis, dieser Text hätte den Nationalsozialisten eigentlich als »entartet«, als haarsträubend gelten müssen, eine zusammenhängende Erklärung aber über den Charakter der Hauptfigur hinaus gibt zumindest die gekürzte Fassung von Kolloens Darstellung im Gegensatz zu Baumgartner nicht.)&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;(3) Ein großer Pluspunkt der Biographie ist ihr narrativer Gestus: Kolloen erzählt packend, bringt viele anschauliche Details, schlägt Bögen. Deutlich geht es ihm darum, den Autor Hamsun verstehen zu wollen. Und tatsächlich formt sich aus den vielen Geschichten das Bild eines Autors, der von Kindheit an antibritisch geprägt wird, Amerika Auswanderung als Verlust von Wurzeln erlebt, von Beginn an seine Schriftsteller-Karriere auf Skandal und Randale hin bürstet, unersättlich Frauen und sonstige Intensitäten jagt, breite kulturkritische Einstellungen vertritt gegen ziemlich alles, was jeweils modern ist, von Kapitalismus und Demokratie über die Frauenemanzipation bis zum Zeitungswesen und zum Höllenleben in den Städten. Mehr noch als über Juden und Amerikaner zieht er über die Engländer her. Beim Gelage im Anschluss an die Nobelpreisverleihung wird er einem Akademiemitglied kumpelhaft auf die Schulter klopfen und ihm mitteilen, er sei doch eigentlich ein richtig netter Jude. Früh entdeckt der autodidaktische Underdog Hamsun, dass er ein bürgerliches Publikum nicht über bildungsbürgerliche Themen erreichen wird. In früher Furcht, für nicht originell gehalten zu werden, entwickelt er seine seltsame Mischung aus hypertrophem Interesse an seelischen Nervositäten, an Nervenleiden, am Unbewussten und Nicht-Rationalen einerseits, aus Propaganda einer irgendwie heilen, ursprünglichen, naturnahen Gegenwelt andererseits, orientiert sich an Nietzsche, Schopenhauer und Dostojewski. Dabei gönnt er seinen Figuren das nicht, was er doch außerhalb seiner Romane stets propagiert: In den Romanen gibt es »von der modernen Waren- und Dienstleistungsgesellschaft keinen Weg zurück zur bäuerlichen Gemeinschaft«, wie Kolloen schreibt. Das Buch liest sich packend, allerdings geht dieses Packende gelegentlich einher mit unklarer Erzählerperspektive durch zu viel erlebte Rede ohne Belege: »Endlich war Ibsen tot«.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;(4) Unklar bleibt bei all dem allerdings der genaue Mehrwert zumindest der gekürzten Fassung gegenüber den Vorarbeiten anderer auf Deutsch zugänglicher Lebensdarstellungen. Immerhin hat ja der Engländer Robert Ferguson 1987 eine dickleibige Hamsun-Biographie vorgelegt, die nicht weniger emphatisch an ihrem Objekt entlang eine Geschichte erzählt. Stichprobenhafte Vergleiche, so beispielsweise die Darstellung des Treffens mit Hitler (auf die sehr detaillierte Darstellung Fergusons verweist Baumgartner fair und knapp in einer Fußnote), lassen fragen, was Kolloen hier darüber hinaus eigentlich Neues bringt, außer der Deutung, das Treffen sei die größte Niederlage in Hamsuns Leben gewesen. So mein Eindruck anhand der deutschen Kurzfassung, den detaillierte philologische Analyse dann bestätigen oder verwerfen mag. Aber auch die breite Dargestellung der psychoanalytischen Behandlung Hamsuns ergibt über die knappen Hinweise Baumgartners hinaus eigentlich keine neuen Aspekte, wenn auch beispielsweise ein zitierter Traum wie der erste, den er seinem Analytiker erzählt, von großer Anschaulichkeit ist:&lt;/p&gt;
&lt;blockquote&gt;&lt;p&gt;Da trug jemand ein Kind, aber nicht richtig, wie ich fand. Das Kind war ungeheuer fest gewickelt, es konnte sich nicht bewegen. Ich sagte: »Wickelt das Kind los, damit es sich bewegen kann«. Kinder müssen sich doch bewegen können, das Allerbeste wäre es, sie gar nicht zu wickeln, aber dieses Kind war wie ein Paket verschnürt, so wurde es unter dem Arm getragen. Man hat niemals Ruhe vor der Masse. Ich bin meiner Ansicht nach zu fest gewickelt. Zu steif.&lt;/p&gt;
&lt;/blockquote&gt;
&lt;p&gt;In Zusammenhang mit der Darstellung von Hamsuns Analyse kommt Kolloen zum Zentrum seiner Argumentation. Danach kann der Analytiker Hamsun zeigen, dass das »Beste an seinem Werk […] aus dem gewaltigen Spannungsfeld zwischen den Gegensätzen in seiner Persönlichkeit« entstand. So wollten sich, schreibt Kolloen, seine Figuren oft anders verhalten, als er es geplant hatte:&lt;/p&gt;
&lt;blockquote&gt;&lt;p&gt;Sein Schöpfer wusste, das musste so sein. Er besaß mehrere Erzählerstimmen, deshalb konnte er es sich erlauben, die Kontrolle zu verlieren. […] Oft sprach er mit [seinen Figuren] und legte ihnen Worte in den Mund. So führte er ständig einen Dialog mit sich selbst. Er musste sich öffnen, auf eine Weise, wie er es im Leben nie vermocht hätte.&lt;/p&gt;
&lt;/blockquote&gt;
&lt;p&gt;So ist ein Vorteil der letztlich journalistischen Herangehensweise von Kolloen, dass manche Zusammenhänge im Detail schlagartig erhellt werden, so etwa, wenn detailliert beschrieben wird, wie sich Hamsun die Frau seines Lebens von Beginn der Beziehung an gewissermaßen zurechtdressiert, oder auch die Darstellung der Reaktion von Ossietzky, der in seiner Pankower Wohnung 1938 im Sterben liegt und von einem norwegischen Ehepaar Besuch bekommt. Die beiden bedauern das peinliche Verhalten Hamsuns, Ossietzky aber winkt ab: »Ich kenne ihn nicht als Menschen, sondern nur als phantastischen Dichter.« Anschließend lässt er sie, für den Fall, dass sie Hamsun je begegnen sollten, Grüße ausrichten. Oder auch Hamsuns ambivalente Haltung zu Juden: Trotz allem expliziten Antisemitismus, der sich vor allem darin äußert, sich gegen ›ungesunde Blutmischung‹ zwischen Aborigines und Juden auszusprechen, verhilft er dem jüdischen Lektor des Bruno-Cassirer-Verlags Max Tau zu einer Aufenthaltsgenehmigung für Norwegen. Sprechend auch eine kleine Reaktion aus dem selben Jahr während eines Besuchs in Deutschland, die Kolloen festhält: Vor einem Haus stehen zwei Bänke mit großer gelber Aufschrift, nur für Juden. Als Hamsun sich setzen will, weist ihn sein Sohn Tore darauf hin. »Was für ein verdammter Unsinn«, soll Hamsun gerufen haben.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&amp;nbsp;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;(5) Was bleibt also nach der Lektüre von knapp 500 Seiten fesselnder Widersprüchlichkeit? Die Widersprüche müssen kaum auszuhalten gewesen sein: »Ein Bekannter fand ihn in seinem Hotelbett, zusammengekrümmt wie ein Embryo mit einem ›in riesige Fetzen gerissenen Weinen‹, wie er noch nie ein Kind oder einen Erwachsenen habe weinen hören.« Dieser Bekannte, in der deutschen Stummelversion nicht genannt, der ihn 1905 findet und in eine Klinik bringt, ist wohl der Publizist Christian Gierløff, der später während Hamsuns Prozess eine Zeitlang der nächste Vertraute des Dichters sein wird, nachdem der 90-Jährige erneut völlig zusammenbricht: »Hamsun lag auf dem Bett, halb angekleidet, die Arme ausgebreitet. Er war sehr bleich, sein Mund halb offen, das Gesicht tränenüberströmt.« So entsteht während der Lektüre neben Kopfschütteln Mitgefühl.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Der breit dargestellte Prozess gegen den Vaterlandsverräter läuft schließlich auf die Essenz eines einzigen Satzes hinaus: »Ich finde es erbärmlich, zu bereuen.« Diese Haltung teilt mit Hamsun in den 50er Jahren für eine Zeitlang das Dreigespann Carl Schmitt, Ernst Jünger und Gottfried Benn, wie Helmut Lethen in seinem Benn-Buch dargestellt hat. Gegen deren ›Verhaltenslehre der Ehre aus Kälte‹ aber steht Hamsuns Haltung zwar einerseits nicht weniger kalt, was die Opfer von Krieg und Nationalsozialismus angeht, nur bei Hamsun aber scheint ein erheblicher Graben zwischen dieser Kälte im Biographischen und der Welt der fiktionalen Texten zu klaffen: Hamsuns Erzähler sind aufgeladen nicht nur mit Moderne und Ironie, sondern auch mit Emotionalität und gelegentlicher Empathie. Der elitäre Gestus, mit welchem Schmitts, Jüngers, und (mit Abstrichen) Benns Texte ihr Publikum traktieren, ist Hamsuns Texten fremd. Warum also hat Hamsun es für »erbärmlich« gehalten zu bereuen? Anscheinend hat er, das legt zumindest sein letztes Buch &lt;em&gt;Auf überwachsenen Pfaden&lt;/em&gt; nahe, alles, was er während der nationalsozialistischen Okkupation Norwegens geschrieben hat, auch im Nachhinein für richtig gehalten und sich für die Opfer nicht zuständig gefühlt. Auch Kolloens Biographie verhilft hier zu keinem freundlicheren Bild.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;(6) Wie sollte sich also eine unkonventionelle rechtskonservative Haltung wie die eines aufgeschlossenen Lesers von Publikationen des Landt-Verlags diesen Autor aneignen können? Wie die Sezession-Autorin Kositza über den trennunscharfen &lt;a href=&quot;http://www.sezession.de/6283/leben-naemlich-knut-hamsun-zum-150.html&quot;&gt;Begriff von »Leben«&lt;/a&gt;? Bei all dieser deutlich auch unglücklichen Widersprüchlichkeit? Nagel in Hamsuns frühem Roman Mysterien endet als »Ausländer des Daseins«. Freud wiederum hat das Unbewusste als »unser inneres Ausland« bezeichnet. Vielleicht ist Hamsun mit seinen Texten, mit seiner Biographie und v.a. mit all seinen Widersprüchen eine Art innerer Ausländer der neuen Rechten, kein Musterbeispiel also für Genialität von rechts, sondern eher eine Beunruhigung.&lt;/p&gt;
&lt;h5&gt;P.S.&lt;/h5&gt;
&lt;p&gt;&lt;img alt=&quot;Inger Sletten Kolloen: »Knut Hamsun. Schwärmer und Eroberer« (Cover)&quot; class=&quot;right&quot; height=&quot;250&quot; src=&quot;http://www.kritische-ausgabe.de/wp-content/uploads/2011/11/Kolloen_Hamsun.jpg&quot; title=&quot;Inger Sletten Kolloen: »Knut Hamsun. Schwärmer und Eroberer« (Cover)&quot; width=&quot;149&quot; /&gt;Was aber meint Andreas Krause Landt, wenn er seinen auf Mallorca verfassten Rapport über die eigenen Versuche, sich einen Weg durch das Dickicht deutscher Identitätsfindungsbemühungen zu schlagen, abschließt mit dem Satz »Die Sonne scheint. Wir gehen an den Strand«? Während Hamsun den Tourismus in der in seinem, Landts, Verlag erschienenen Biographie doch abschießt? Norwegen, so kolportiert Kolloen Hamsuns Position, stehe im Zeichen des Tourismus, die Fremden füllten Straßen, Hänge, Flussufer, Höfe, Berghütten … Vater und Sohn öffneten ihnen demütig die Zauntür und stünden mit der Mütze in der Hand da, um den Kupferschilling aufzufangen. Im Haus bedienten Mütter und Töchter die ausländischen Herrschaften …:&lt;/p&gt;
&lt;blockquote&gt;&lt;p&gt;Jetzt können wir Kaffee kaufen und ihn bezahlen, wir können Vorhänge vor die Fenster in unserer Hütte hängen, wir können mit Chauffeuren Englisch spieken. Aber wir haben unsere Genügsamkeit aufs Spiel gesetzt, unsere gute Ruhe, unsere kleinen und stillen Gewohnheiten, wir haben unseren Fleiß verloren, unser Inneres preisgegeben …&lt;/p&gt;
&lt;/blockquote&gt;
&lt;p&gt;Landts Merkur-Essay trägt den Titel: &lt;em&gt;Holocaust und deutsche Frage. Ein Volk will verschwinden&lt;/em&gt;. Am 11.09.2010 wiederum veröffentlichte Patrick Schirmer Sastre in der Berliner Zeitung einen spöttischen Kommentar zu Theo Sarrazins Bestseller über das Volk, das sich abschaffen will, vermutlich ganz in Hamsuns Sinne: &lt;a href=&quot;http://www.berlinonline.de/berliner-zeitung/archiv/.bin/dump.fcgi/2010/0911/feuilleton/0021/index.html&quot;&gt;Mallorca schafft sich ab&lt;/a&gt;. Um also mit dem Titel von Hamsuns letztem großen Roman nun selbst endlich auch zu schließen: »Der Ring schließt sich«.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&amp;nbsp;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;Inger Sletten Kolloen: &lt;a href=&quot;http://ssl.einsnull.com/paymate/search.php?vid=13&amp;amp;aid=2319&quot;&gt;Knut Hamsun. Schwärmer und Eroberer.&lt;/a&gt; Übersetzt von Gabriele Haefs. Berlin: Landt-Verlag, 2011. 496 S. ISBN 978-3-938844-15-1. 29,90 Euro.&lt;/em&gt;&lt;/p&gt;
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 <comments>http://www.kritische-ausgabe.de/artikel/der-ausl%C3%A4nder-des-daseins#comments</comments>
 <category domain="http://www.kritische-ausgabe.de/kategorie/literatur/literatur-kritik">Literatur - Kritik</category>
 <pubDate>Mon, 14 Nov 2011 22:00:00 +0000</pubDate>
 <dc:creator>Stephan Rauer</dc:creator>
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 <title>Bin ich viele?</title>
 <link>http://www.kritische-ausgabe.de/artikel/bin-ich-viele</link>
 <description>&lt;p&gt;Im Sommer traf ich nach vielen Jahren bei einem Fest in Z&amp;uuml;rich Peter Brugger wieder, den Neuropsychiater. Wir sprachen &amp;uuml;ber einen gemeinsamen Bekannten, der uns nicht kennt und &amp;uuml;berhaupt bereits im August 1933 in Rom gestorben ist. Ludwig Staudenmaier hei&amp;szlig;t er, geboren 1865, Professor f&amp;uuml;r Chemie, und ber&amp;uuml;hmt wurde sein Buch &lt;em&gt;Die Magie als experimentelle Naturwissenschaft&lt;/em&gt; (&lt;a href=&quot;http://www.rodiehr.de/g14/g_14_staudenmaier_magie_exp_wissensch.pdf&quot;&gt;hier als PDF&lt;/a&gt;). Es ist der Bericht eines schrecklichen Experiments: Staudenmaier f&amp;uuml;hrte eine Pers&amp;ouml;nlichkeitsspaltung bei sich herbei und weitere, bis er in f&amp;uuml;nf bis sieben Einzelpers&amp;ouml;nlichkeiten zerfallen war, die sich bek&amp;auml;mpften. Das zerm&amp;uuml;rbte den Experimentator. Er floh und zerbrach.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&amp;nbsp;&lt;/p&gt;
&lt;h5&gt;
	Stadt aus Glas&lt;/h5&gt;
&lt;p&gt;Gleich nach dem Fest schlug ich wieder ein Buch auf, &lt;em&gt;Stadt aus Glas&lt;/em&gt; von &lt;a href=&quot;http://de.wikipedia.org/wiki/Paul_Auster&quot;&gt;Paul Auster&lt;/a&gt; (1987). Da meldete sich das Thema sofort wieder. Erz&amp;auml;hlt wird von dem Autor Daniel Quinn, der unter dem Namen William Wilson Detektivromane mit dem Helden Max Work schreibt. Einmal bekommt er einen Anruf von einem, der &lt;em&gt;Paul Auster&lt;/em&gt; sprechen will. Quinn gibt sich als Auster aus und lernt im Verlauf des Buches auch den echten (?) Autor Auster kennen, und sp&amp;auml;ter, als die Geschichte einem seltsamen Ende zutreibt, erf&amp;auml;hrt der Leser, dass der Erz&amp;auml;hler der Geschichte ein Bekannter Austers und Quinns ist ... Ein verwirrendes Spiel mit Identit&amp;auml;ten und Stimmen.&lt;/p&gt;
&lt;dl style=&quot;width:250px; float:left; padding:2px 6px 6px 0; margin:2px 6px 6px 0&quot;&gt;
&lt;dt style=&quot;text-align:center; margin:0px; padding:0px;&quot;&gt;
		&lt;img alt=&quot;Wer bin ich? (Foto: Gabriele Juvan)&quot; src=&quot;/sites/default/files/images/poser_offenbach.jpg&quot; width=&quot;250&quot; /&gt;&lt;/dt&gt;
&lt;dd style=&quot;text-align:center; font-size:75%; margin:3px; padding:3px;&quot;&gt;
		Wer bin ich? Der Autor, ratlos, in einer Ausstellung in Offenbach, 2009. (Foto: Gabriele Juvan)&lt;/dd&gt;
&lt;/dl&gt;
&lt;p&gt;Das kann uns heute nicht mehr verbl&amp;uuml;ffen. In der Literatur ist alles Denkbare bereits durchgespielt worden, und vielleicht m&amp;uuml;sste man tats&amp;auml;chlich bei &lt;em&gt;Don Quijote&lt;/em&gt; von &lt;a href=&quot;http://de.wikipedia.org/wiki/Miguel_de_Cervantes&quot;&gt;Miguel de Cervantes Saavedra&lt;/a&gt; beginnen, Anfang des 17. Jahrhunderts verfasst, in dem der Autor sich vorkommen l&amp;auml;sst &amp;ndash; wie Auster in der &lt;em&gt;Stadt aus Glas&lt;/em&gt; &amp;ndash;, jedoch die Autorschaft mehreren dunklen Quellen zuschreibt. Ein Urheber eines Romans verteilt ja sich selbst auf mehrere Personen, die gewisserma&amp;szlig;en als Interpreten seiner psychischen Landschaft fungieren. Die postmodernen Spiele mit Selbstreflexivit&amp;auml;t und vielf&amp;auml;ltigen Bez&amp;uuml;gen grassierten in den 1980er Jahren; ich denke da an &lt;a href=&quot;http://de.wikipedia.org/wiki/Antonio_Tabucchi&quot;&gt;Antonio Tabucchi&lt;/a&gt;, dessen Werke mich damals gefesselt haben.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Man k&amp;ouml;nnte spekulieren, dass die Austerschen Verknotungen und die Tabucchischen R&amp;uuml;ckverweise Ausdruck einer zunehmend klaustrophobisch wirkenden westlichen Welt waren, Zeichen einer Krise, die durch den Fall des Kommunismus erst offenbar wurde. Alles &amp;ouml;ffnete sich, und nun sind die Grenzen der Banalit&amp;auml;t die Grenzen der uns bekannten Welt. Doch es gibt eine weitere Parallele aus den 1980er Jahren, die an Staudenmaier und die Zersplitterung des Autors denken l&amp;auml;sst.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&amp;nbsp;&lt;/p&gt;
&lt;h5&gt;
	Multiple Personality Disorder&lt;/h5&gt;
&lt;p&gt;&lt;a href=&quot;http://de.wikipedia.org/wiki/Jean-Martin_Charcot&quot;&gt;Jean-Martin Charcot&lt;/a&gt; hatte 1882 gefunden, dass in F&amp;auml;llen von Hysterie der Bewusstseinsstrom sich aufspalten k&amp;ouml;nne. &lt;a href=&quot;http://de.wikipedia.org/wiki/Alfred_Binet&quot;&gt;Alfred Binet&lt;/a&gt; und &lt;a href=&quot;http://de.wikipedia.org/wiki/Max_Dessoir&quot;&gt;Max Dessoir&lt;/a&gt; sprachen 1890 vom doppelten Bewusstsein beziehungsweise dem Doppel-Ich, und &lt;a href=&quot;http://de.wikipedia.org/wiki/Pierre_Janet&quot;&gt;Pierre Janet&lt;/a&gt; f&amp;uuml;hrte den Begriff der Dissoziation ein, auf deutsch: Abspaltung. Das ist eine F&amp;auml;higkeit des Menschen. T&amp;auml;glich tun wir viele Dinge automatisch. Wir verlieren uns in Tagtr&amp;auml;ume. Typische Erscheinungen von Dissoziation sind Amnesien, Fugues (unerkl&amp;auml;rbares Verschwinden), Somnambulismus und Multiple Personality Disorder. Ein M&amp;auml;dchen wird vom Vater missbraucht, das ist entsetzlich; es leugnet die Tat und tut so, als ob sie einer anderen geschehen w&amp;auml;re. So kann es weiterleben, denn den Vater braucht man als intakte Gestalt. Es entsteht ein abgespaltener Komplex, eine rudiment&amp;auml;re Person gar. Wenn die Bedingungen des Missbrauchs wieder aufleben, ist alles wieder da. Leider erstickte &lt;a href=&quot;http://de.wikipedia.org/wiki/Sigmund_Freud&quot;&gt;Sigmund Freud&lt;/a&gt;s Verdr&amp;auml;ngung die Dissoziation; &lt;em&gt;ich&lt;/em&gt; bleibe &lt;em&gt;ich&lt;/em&gt;, habe etwas nur verdr&amp;auml;ngt und versteckt. Zudem glaubte Freud an sexuelle Triebkr&amp;auml;fte in Kindern, und Missbrauchserinnerungen konnten als Projektionen fehlgedeutet werden. 1906 ver&amp;ouml;ffentlichte &lt;a href=&quot;http://en.wikipedia.org/wiki/Morton_Prince&quot;&gt;Morton Prince&lt;/a&gt; ein Buch &amp;uuml;ber &amp;raquo;Miss Beauchamp&amp;laquo; (Clara Norton Fowler), und ein Namensvetter, &lt;a href=&quot;http://www.answers.com/topic/walter-franklin-prince&quot;&gt;Walter Franklin Prince&lt;/a&gt;, stellte 1915 den Fall Doris Fischer dar. Es waren Frauen, die verborgene Pers&amp;ouml;nlichkeiten besa&amp;szlig;en, &lt;a href=&quot;http://www.joannecrabtree.com/psychotherapyarts/innerMind/multiplePersonalityBeforeEve.html&quot;&gt;und nicht nur eine&lt;/a&gt;. Die Krankheit hie&amp;szlig; &lt;em&gt;Multiple Personality Disorder&lt;/em&gt;, jedoch wurde sie von 1910 bis 1970 kaum mehr diagnostiziert, Schizophrenie &amp;ndash; zwei Personen in einer &amp;ndash; daf&amp;uuml;r umso h&amp;auml;ufiger. In den 1980er Jahren kam es pl&amp;ouml;tzlich zu einer Welle von MPDs. Kindesmissbrauch r&amp;uuml;ckte in den Fokus, bedingt durch die Frauen-Emanzipation und eine Psychologisierung der Gesellschaft. Was vorher nicht gesehen werden wollte, wurde nun &amp;uuml;bertrieben. Menschen wurden auch zu Unrecht angeklagt, weil gut meinende Therapeuten Traumata zu Erinnerungen an Missbrauch umdeklarierten. Doch es gab auch gen&amp;uuml;gend echte F&amp;auml;lle. Sexueller Kindesmissbrauch ist Realit&amp;auml;t. 97 Prozent der &amp;raquo;Multiplen&amp;laquo; &amp;ndash; meist Frauen &amp;ndash; waren oft missbraucht worden. In den 1980er Jahren wurden viele B&amp;uuml;cher &amp;uuml;ber MPD ver&amp;ouml;ffentlicht. Ich habe sechs bis acht gelesen. Die meisten Patientinnen hatten sechs bis sechzehn Pers&amp;ouml;nlichkeiten, die &lt;em&gt;alters&lt;/em&gt; (von lateinisch &lt;em&gt;alter&lt;/em&gt;, anders; das &lt;em&gt;alter ego&lt;/em&gt;), und diese &lt;em&gt;alters&lt;/em&gt; &amp;raquo;switchten&amp;laquo; hin und her; manchmal war eine Person nur wenige Sekunden da, dann wieder ein paar Minuten. Und jede neue Person wei&amp;szlig; nichts von der anderen; eine Lounge oder ein schwarzes Brett wird ben&amp;ouml;tigt, um sich &amp;uuml;ber Alltagsfragen zu einigen.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&amp;nbsp;&lt;/p&gt;
&lt;p class=&quot;zentriert&quot;&gt;&lt;img alt=&quot;Bin ich viele? (Foto: Jürgen Löffler)&quot; class=&quot;frei&quot; src=&quot;/sites/default/files/images/poser_rom.jpg&quot; style=&quot;max-width:100%&quot; /&gt;&lt;br /&gt;
	&lt;font size=&quot;-1&quot;&gt;Bin ich viele? Der Autor (in Gelb) mit anderen Radlern in Rom bei einer Fahrrad-Demonstration. (Foto: J&amp;uuml;rgen L&amp;ouml;ffler)&lt;/font&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&amp;nbsp;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;F&amp;uuml;r den Therapeuten bedeutete das Stress in Reinkultur. Manch einer wurde in einer Nacht von zehn verschiedenen &lt;em&gt;alters&lt;/em&gt; angerufen. Andere frohlockten. Der Ehemann einer MPD-Patientin soll gesagt haben, mit ihr verheiratet zu sein, sei wie einen Harem zu besitzen, bei dem man nur eine verk&amp;ouml;stigen m&amp;uuml;sse.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&amp;nbsp;&lt;/p&gt;
&lt;h5&gt;
	Therapie und Ausblick&lt;/h5&gt;
&lt;p&gt;Bei der Therapie geht es darum, eine &amp;raquo;Fusion&amp;laquo; zu erreichen. Zerst&amp;ouml;rerische Teilpers&amp;ouml;nlichkeiten sollen verschwinden, denn immer wieder gibt es &lt;em&gt;homicidal&lt;/em&gt; und &lt;em&gt;suicidal&lt;/em&gt; alters, was nicht verwundern kann. Der &amp;raquo;Inner Self Helper&amp;laquo; musste unterst&amp;uuml;tzt werden, und im besten Falle war eine Patientin nach f&amp;uuml;nf Jahren wieder eins: sie selbst. Es ist, als w&amp;auml;re ein Autor in seinen Roman eingetreten, h&amp;auml;tte sich darin verloren und befreite sich nach Abschluss wieder davon. Aber auch im Buch deuten sich Verschmelzungen an, beliebt bei Auster, wo immer wieder Beobachter und Beobachteter miteinander verschmelzen, Autoren mit ihren Figuren, und ohnehin ist das ein wichtiges Motiv bei &lt;a href=&quot;http://de.wikipedia.org/wiki/Jorge_Luis_Borges&quot;&gt;Jorge Luis Borges&lt;/a&gt;, an den Auster gern erinnert. Aus dem Einen entsteht das Viele, das wieder in die Einheit eingeht: eigentlich ein nat&amp;uuml;rlicher Vorgang, wenn wir an die gnostisch-kabbalistische Vorstellung des fernen Gottes denken, &lt;em&gt;En Soph&lt;/em&gt;, der die Welt erschafft, um sich anbeten zu lassen. Am Ende der Zeiten wird wom&amp;ouml;glich die ganze komplexe Sch&amp;ouml;pfung wieder in Gott zur&amp;uuml;ckgenommen &amp;ndash; um von neuem zu entstehen. Wie bei vielen Psychopathologien am Rande des Verst&amp;auml;ndlichen fehlten bei MPD nicht die Versuche, das Krankheitsbild wegzuerkl&amp;auml;ren. Die Psychiater sollten schuld sein, die Teilpers&amp;ouml;nlichkeiten seien iatrogen entstanden: von ihnen erzeugt. Doch so einfach ist es nicht. Man sollte noch darauf hinweisen, dass Besessenheit auch m&amp;ouml;glich w&amp;auml;re. &lt;a href=&quot;http://de.wikipedia.org/wiki/Martin_Luther&quot;&gt;Martin Luther&lt;/a&gt; noch hielt alle Geisteskrankheiten f&amp;uuml;r F&amp;auml;lle von Besessenheit, und hinter F&amp;auml;llen von Stimmenh&amp;ouml;ren und bizarren Pers&amp;ouml;nlichkeitsver&amp;auml;nderungen k&amp;ouml;nnte man durchaus den Einfluss von D&amp;auml;monen vermuten. Woher kommt nun unsere Pers&amp;ouml;nlichkeit? Und der Autor, der diese spaltet und wieder vereint, was ist er? Alle vielleicht &amp;ndash; oder niemand? Davon demn&amp;auml;chst mehr.&lt;/p&gt;
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 <comments>http://www.kritische-ausgabe.de/artikel/bin-ich-viele#comments</comments>
 <category domain="http://www.kritische-ausgabe.de/kategorie/kontroverse/ausrei%C3%9Fversuche">Ausreißversuche</category>
 <pubDate>Thu, 10 Nov 2011 23:01:00 +0000</pubDate>
 <dc:creator>Marcel Diel</dc:creator>
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</item>
<item>
 <title>Die stufenweise Ankunft in der schwedischen Kultur </title>
 <link>http://www.kritische-ausgabe.de/artikel/die-stufenweise-ankunft-der-schwedischen-kultur</link>
 <description>&lt;!--break--&gt;&lt;!--break--&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;Eine &amp;rsaquo;deutsche&amp;lsaquo; Buchmesse&lt;/strong&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Ein wunderbarer Moment tauchte unverhofft auf, als ich meine Reisepl&amp;auml;ne organisierte: Skandinaviens gr&amp;ouml;&amp;szlig;te Buchmesse in meiner N&amp;auml;he! In G&amp;ouml;teborg, weniger als drei Zug-Stunden von V&amp;auml;xj&amp;ouml; aus, hie&amp;szlig; es vom 22. bis 25. September &amp;raquo;V&amp;auml;lkommen till Bok &amp;amp; Bibliotek Bokm&amp;auml;ssan&amp;laquo;. Schmunzelnd sch&amp;uuml;ttelte ich den Kopf, als ich den diesj&amp;auml;hrigen Schwerpunkt entdeckte: &amp;raquo;Drei L&amp;auml;nder Eine Sprache &amp;ndash; Deutschland, &amp;Ouml;sterreich, Schweiz&amp;laquo;. Obwohl ich doch endlich mein Schwedisch vertiefen und so viel Schwedisch wie m&amp;ouml;glich sprechen, lesen und h&amp;ouml;ren wollte, blieb meine Freude &amp;uuml;ber die Messe ungetr&amp;uuml;bt. Am Samstag Morgen ging es also auf in Schwedens zweitgr&amp;ouml;&amp;szlig;te Stadt. W&amp;auml;hrend der Fahrt bietet die Sicht aus dem Zugfenster die typisch schwedischen Motive: Spiegelglatte Seen von der Sonne beschienen und Nadelw&amp;auml;lder breiten sich aus soweit das Auge blicken kann. Und pl&amp;ouml;tzlich, ganz unerwartet, erreicht man eine Stadt, betritt eine gro&amp;szlig;e Bahnhofshalle und steht inmitten schnell umherlaufender Menschen. Ich war in G&amp;ouml;teborg angekommen. Ich stolperte beim Verlassen des Bahnhofsgeb&amp;auml;udes auf volle Einkaufsstra&amp;szlig;en, gar riesige Shoppingmalls und viele Menschen. Doch wenn man sich nur ein paar Stra&amp;szlig;en durch die Massen schl&amp;auml;ngelt, kommt man auf einen Platz von dem man in kleinere, gem&amp;uuml;tlichere Gassen einbiegen und so den Einkaufenden und den lauten Gesch&amp;auml;ften entkommen kann. Durch die Str&amp;auml;&amp;szlig;chen schlendernd genoss&amp;nbsp; ich die behagliche Atmosph&amp;auml;re der Stadt. Obwohl G&amp;ouml;teborg eine der drei gr&amp;ouml;&amp;szlig;ten St&amp;auml;dte Schwedens ist, &amp;auml;hnelt sie in Teilen einer ruhigen und friedlichen Kleinstadt. Schon auf dem Weg zum Hostel kam ich am Svenska M&amp;auml;ssa-Gel&amp;auml;nde vor&amp;uuml;ber und die Vorfreude auf den n&amp;auml;chsten Tag stieg.&lt;/p&gt;
&lt;p class=&quot;rtecenter&quot;&gt;&lt;img alt=&quot;&quot; src=&quot;/sites/default/files/u82/Bericht%20aus%20Schweden2_Bild.JPG&quot; style=&quot;width: 600px; height: 450px;&quot; /&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p class=&quot;rtecenter&quot;&gt;Foto: Lina Rieth&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Sonntag, um Punkt 9 Uhr eroberte ich das Reich der schwedischen Buchmesse! Begr&amp;uuml;&amp;szlig;t von der deutschen Flagge, den Schweizer Buchverlagen und dem &amp;ouml;sterreichischen B&amp;uuml;cherreich f&amp;uuml;hlte ich mich so heimisch, als w&amp;auml;re ich auf der Leipziger Buchmesse eingetroffen. Deutsche Diskussionen umringten mich und die Autoren auf den Plakaten der St&amp;auml;nde waren mir weitgehend bekannt. Hier und da entdeckte ich sogar vertraute Gesichter: die Schweizer Autorin Melinda Nadj Abonji, die im vergangenen Semester einen Vortrag in der Bonner Uni hielt und Felicitas Hoppe, die noch k&amp;uuml;rzlich die Kritische Ausgabe mit einer Lesung erfreute. Die &amp;Auml;hnlichkeit der ganzen Geschehnisse zum Treiben in Leipzig war nicht zu leugnen, also f&amp;uuml;hlte ich mich pudelwohl!&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Je weiter ich mich in das Gewusel begab, desto schwedischer wurde es allerdings. Ich stie&amp;szlig; auf die gro&amp;szlig;en bekannten schwedischen Verlage und auf Gesellschaften mit dem Fokus auf die klassischen hohen schwedischen Literaten. Erstaunlicherweise fand ich auch so einige ungew&amp;ouml;hnliche St&amp;auml;nde, denn hier war wirklich jeder vertreten. Vom &amp;raquo;Nordiska r&amp;aring;dets litteraturpris&amp;laquo;, dem gr&amp;ouml;&amp;szlig;ten skandinavischen Literaturpreis, &amp;uuml;ber die schwedische Post, das Europaparlament bis hin zu Museen und Umwelt- und Menschenrechtsorganisationen pr&amp;auml;sentierten sich in den vielen Hallen, die unauff&amp;auml;llig ineinander &amp;uuml;bergingen, die unterschiedlichsten Institutionen. Verlaufen musste man sich jedoch nicht, da man beim Eintreten eine &amp;Uuml;bersichtskarte bekam und &amp;uuml;berall Tafeln zur Orientierung angebracht waren. Wie auf deutschen Buchmessen fanden &amp;uuml;berall Lesungen, Vortr&amp;auml;ge und Diskussionen statt. Kleine Caf&amp;eacute;s waren in einigen Ecken platziert, in denen kleine B&amp;uuml;hnen eingerichtet waren und Musik dargeboten wurde.&amp;nbsp; Da ich bald genug deutschsprachiges Buchgut gesehen hatte, begab ich mich lieber wieder in die Ecke der schwedischen Klassiker. Genau hier stie&amp;szlig; ich auf mein Projekt f&amp;uuml;r die langen und dunklen N&amp;auml;chte, die mich bestimmt auch im Sm&amp;aring;land erwarten. Bei dem Stand der Wilhelm Moberg-Gesellschaft erwarb ich die ersten zwei Romane der Tetralogie Wilhelm Mobergs &amp;uuml;ber die schwedischen Auswanderer und Einwanderer in die USA in der zweiten H&amp;auml;lfte des 19. Jahrhunderts. Mit den B&amp;uuml;chern, einigen Kugelschreibern, Infoheften und Bonbons fuhr ich zufrieden zur&amp;uuml;ck ins Sm&amp;aring;land. Begeistert von diesem ereignisreichen und erquickenden Wochenende war ich bereit f&amp;uuml;r weitere schwedische Eigenheiten und erhielt neuen Schwung um mich der schwedischen Kultur anzun&amp;auml;hern.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;The Swedish Way to Party &lt;/strong&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Partys mit Schweden sind interessant und erlebenswert. Zugegebenerma&amp;szlig;en spricht man beim Tanzen nicht wesentlich viel Schwedisch, geschweige denn lernt man die Schweden wirklich kennen. Doch es ist es allemal spannend zu erleben, dass sich die sonst sehr ruhigen, zur&amp;uuml;ckhaltenden Schweden abends zu einem heiteren Volk wandeln und offen und gespr&amp;auml;chig auf einen zukommen. Mit viel Alkohol und sehr viel Spa&amp;szlig; zeigen sie eine ganz andere Seite ihres Gem&amp;uuml;ts und so habe ich mich letztendlich tats&amp;auml;chlich ein wenig auf Schwedisch unterhalten. Da ich jedoch die Hoffnung nicht aufgegeben hatte, auch einmal mit n&amp;uuml;chternen Schweden im allt&amp;auml;glichen Umfeld eine Konversation auf Schwedisch zu f&amp;uuml;hren, ergriff ich die M&amp;ouml;glichkeit, mich in einer &amp;raquo;Nation&amp;laquo; zu engagieren. Die Studentengruppen mit Namen schwedischer Regionen gehen auf das 17. Jahrhundert zur&amp;uuml;ck,&amp;nbsp; als es in Schweden nur wenige Universit&amp;auml;ten gab, in denen folglich Menschen aus dem ganzen Land zusammenkamen. Die Studenten schlossen sich ihrer Herkunft nach zu Gruppen zusammen, in denen sie sich austauschen und einander um Rat fragen konnten. Die Gruppen als solche blieben, sind sie jedoch heute einander sehr &amp;auml;hnlich. Meine Wahl fiel auf &amp;raquo;Sm&amp;aring;lands&amp;laquo;, da sie sich vor allem durch ihre Liebe zur Musik hervorhebt. So erwies sich meine Wahl als vorz&amp;uuml;glich, insofern dass ich mich als Mitglied an einem oder mehreren &amp;rsaquo;utskott&amp;lsaquo; (deutsch: Aussch&amp;uuml;ssen) beteiligen und so Veranstaltungen, Ausfl&amp;uuml;ge und Konzerte mit planen kann. Bei einem Kaffee traf ich drei Schweden des &amp;rsaquo;bandm&amp;ouml;teutskotts&amp;lsaquo;, wir planten Konzerte und organisierten das Drumherum, wobei ich zum gr&amp;ouml;&amp;szlig;ten Teil zuh&amp;ouml;rte, doch ab und an mein Schwedisch ein wenig erproben konnte. Bis zum Semesterende stehen einige Abende im Pub mit Live-Musik an, ein paar kleine Konzerte mit Bands aus der Umgebung und somit weitere Planungstreffen. Mein Schwedisch sollte da schon zum Einsatz kommen d&amp;uuml;rfen.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;Ein schwedischer Tag, nat&amp;uuml;rlich mit Zimtschnecken&lt;/strong&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Um auch mal ein bisschen mehr zu sehen vom sch&amp;ouml;nen Sm&amp;aring;land, beschloss ich V&amp;auml;stervik aufzusuchen, ein nettes, typisch schwedisches &amp;Ouml;rtchen direkt am Meer. Dort beherbergte mich eine Schwedin, die mich offen und herzlich empfing. Von der Ankunft bis zur Abfahrt sprach ich kein Wort Englisch, kein Deutsch, &lt;em&gt;bara svenska&lt;/em&gt; (nur Schwedisch). Ab und zu verlief die Kommunikation etwas holperig oder ich zeigte ratlos auf einen Gegenstand, dessen schwedischer Name mir unbekannt war. Auf diese Weise war die Verst&amp;auml;ndigung dennoch erfolgreich, mein Kopf vermochte den Wechsel von Englisch zu Schwedisch zu vollziehen und es war ein gro&amp;szlig;er Spa&amp;szlig;. Ich sah das Meer und viele bunte H&amp;auml;uschen und erlebte einen schwedischen Alltag. Zum kr&amp;ouml;nenden Abschluss buken wir Kanelbullar (zu Deutsch: Zimtschnecken). Mit dem Geb&amp;auml;ck im Gep&amp;auml;ck begab ich mich zur&amp;uuml;ck nach V&amp;auml;xj&amp;ouml;, wobei ich auf der Busreise durchs Sm&amp;aring;land so einige vom Namen her bekannte Orte durchquerte, zum Beispiel Mariannelund und Vimmerby, nur L&amp;ouml;nneberga lag nicht auf direktem Wege. Nach diesem Ausflug ins schwedische Leben f&amp;uuml;hlte ich mich gut vorbereitet auf meine erste Schwedisch-Pr&amp;uuml;fung am Tag darauf: eine Grammatikklausur. Sie bezeichnete den Anfang der nun kommenden Examen und Hausarbeiten in den n&amp;auml;chsten Wochen, womit die Kurse bereits abgeschlossen seien werden. Auch wenn ich von der Uni ein wenig mehr erwartet habe, betrachte ich die Situation aus der Sicht des Reiselustigen, da mir somit genug Zeit verbleibt das sch&amp;ouml;ne Schweden zu bereisen.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Nun hei&amp;szlig;t es erst einmal Halbzeit; zwei Monate sind ins Land gezogen. Die zu beobachtende stetige Entwicklung meiner Ann&amp;auml;herung an und in die schwedische Welt l&amp;auml;sst doch hoffen, dass es bis zum Ende wirklich immer schwedischer und schwedischer f&amp;uuml;r mich wird.&lt;/p&gt;
</description>
 <comments>http://www.kritische-ausgabe.de/artikel/die-stufenweise-ankunft-der-schwedischen-kultur#comments</comments>
 <category domain="http://www.kritische-ausgabe.de/tags/bericht-aus-schweden">Bericht aus Schweden</category>
 <category domain="http://www.kritische-ausgabe.de/tags/weltweit">Weltweit</category>
 <category domain="http://www.kritische-ausgabe.de/kategorie/kontroverse/schwerpunkte">Schwerpunkte</category>
 <pubDate>Fri, 04 Nov 2011 07:00:00 +0000</pubDate>
 <dc:creator>Ute Friederich</dc:creator>
 <guid isPermaLink="false">4656 at http://www.kritische-ausgabe.de</guid>
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 <title>Erwachsenwerden zwischen Politik und Privatem</title>
 <link>http://www.kritische-ausgabe.de/artikel/erwachsenwerden-zwischen-politik-und-privatem</link>
 <description>&lt;p&gt;Mit f&amp;uuml;nfzehn will man es sein, um jeden Preis, f&amp;uuml;nfzehn Jahre sp&amp;auml;ter wehrt man sich gegen das, was man laut Gesetz, Gesellschaft und Geburtsurkunde l&amp;auml;ngst ist: Erwachsen. Aber was bedeutet Erwachsensein? Der &amp;auml;u&amp;szlig;ere Wachstum misst sich in Jahren, woran misst sich der innere? Ist Erwachsensein etwas Erstrebenswertes oder sollte es aufgeschoben werden, so lange wie m&amp;ouml;glich?&lt;/p&gt;
&lt;h5&gt;
	Endlich erwachsen werden&lt;/h5&gt;
&lt;p&gt;&amp;raquo;Eigentlich sollten wir erwachsen werden&amp;laquo; &amp;ndash; mit diesem Satz sorgte das Magazin &lt;a href=&quot;http://www.stern.de/presse/stern/23062003-eigentlich-sollten-wir-erwachsen-werden-8211-neon-begleitet-das-lebensgefuehl-der-generation-zwischen-20-und-30-jahren-509564.html&quot;&gt;&lt;em&gt;NEON&lt;/em&gt;&lt;/a&gt; vor acht Jahren f&amp;uuml;r Furore und traf den Nerv seiner Zielgruppe, n&amp;auml;mlich ihren gr&amp;ouml;&amp;szlig;ten Stolz und ihre gr&amp;ouml;&amp;szlig;te Scham zugleich. Erwachsen werden: Ja, das wissen und wussten die Mittzwanziger und Umdiedrei&amp;szlig;iger. Sollten: Das ist der Imperativ der Mitmenschen, der Eltern, der gesellschaftlichen Erwartungen im Generellen. Das ist das schlechte Gewissen nicht nur einer, sondern gleich mehrerer Generationen, &amp;uuml;ber die achtziger Jahre und den Mauerfall hinweg bis heute. Und die Geschichte geht weiter: Nun titelte das &lt;em&gt;NEON&lt;/em&gt;-Nachfolgemagazin &lt;a href=&quot;http://www.stern.de/presse/stern/16042009-wir-sind-eine-familie-nido-begleitet-das-lebensgefuehl-einer-neuen-elterngeneration-661113.html&quot;&gt;&lt;em&gt;NIDO&lt;/em&gt;&lt;/a&gt;: &amp;raquo;Wir sind eine Familie&amp;laquo;. Die Schlussfolgerung vom Noch-Nicht-Erwachsen-Werden-Wollen bis hin zum Standard-Lebensentwurf Familie ist recht konventionell. Sie ist aber auch die Reflexion dessen, was allgemein als Erwachsensein definiert wird: Die Verantwortung f&amp;uuml;r sich selbst und andere zu &amp;uuml;bernehmen, ist der erste Schritt. Vor dem Hintergrund der aktuellen Diskussion lohnt es sich, zwei Romane neu und in vergleichender Perspektive zu lesen, die das Erwachsenwerden zum Tenor ihrer Handlung machen: &lt;em&gt;liegen lernen&lt;/em&gt; (2000) von Frank Goosen und &lt;em&gt;Herr Lehmann&lt;/em&gt; (2001) von Sven Regener. Jenseits einer &amp;auml;hnlichen Thematik l&amp;auml;sst schon die oberfl&amp;auml;chliche Betrachtung der beiden Autoren Gemeinsamkeiten entdecken: Derselben Generation zugeh&amp;ouml;rig (Goosen: Jg. 1966; Regener: Jg. 1961) stammen sie beide aus Westdeutschland, wenngleich aus unterschiedlichen Gegenden. Goosen, in Bochum geboren, aufgewachsen und zur Universit&amp;auml;t gegangen, beschreibt in liegen lernen einen jungen Mann, der im Ruhrgebiet geboren, aufgewachsen und zur Universit&amp;auml;t gegangen ist. Regener hingegen wurde in Bremen geboren und zog sp&amp;auml;ter nach Berlin &amp;ndash; ebenso wie sein Protagonist, Frank Lehmann, der als geb&amp;uuml;rtiger Bremer zum Wahlkreuzberger wurde. Beide beschreiben, was sie kennen. Beide binden autobiographische Elemente in ihre Romane ein; erz&amp;auml;hlen von m&amp;auml;nnlichen Westdeutschen ihrer Generation.&lt;/p&gt;
&lt;h5&gt;
	Pers&amp;ouml;nlicher Prozess und politisches Geschehen&lt;/h5&gt;
&lt;p&gt;Die Drei&amp;szlig;igj&amp;auml;hrigen als politisch desinteressierte, gelangweilte Generation, die achtziger und neunziger Jahre als Zeit, in der auf den Illustrierten &amp;raquo;entweder nackte Frauen oder Atompilze&amp;laquo; (LL, 39)&lt;a class=&quot;see-footnote&quot; id=&quot;footnoteref1_q7lomoj&quot; title=&quot;Goosen, Frank: Liegen Lernen. Roman. 5. Auflage. M&amp;uuml;nchen 2004. S.39. &amp;ndash; Nachfolgend als LL zitiert.&quot; href=&quot;#footnote1_q7lomoj&quot;&gt;1&lt;/a&gt; zu sehen waren: In &lt;em&gt;liegen lernen&lt;/em&gt; und &lt;em&gt;Herr Lehmann&lt;/em&gt; wird diese Zeit geschildert aus der Perspektive derer, die dabei waren. W&amp;auml;hrend in &lt;em&gt;Herr Lehmann&lt;/em&gt; lediglich von den letzten Wochen vor der Wende erz&amp;auml;hlt wird, umfasst &lt;em&gt;liegen lernen&lt;/em&gt; die gesamte &amp;Auml;ra Kohl, beginnend kurz vor Anfang seiner Amtszeit, schlie&amp;szlig;end kurz vor ihrem Ende. liegen lernen wird mit einer dem Ende entnommenen Episode er&amp;ouml;ffnet: Der Ich-Erz&amp;auml;hler betrachtet seine eigene Situation, in die ihn die zu erz&amp;auml;hlende Geschichte gef&amp;uuml;hrt hat. Doch endet das Buch nicht mit dieser Szene, die ihn als &amp;raquo;verantwortungsloses, bindungsunf&amp;auml;higes, triebhaftes Arschloch&amp;laquo; (LL, 9) im Dreck liegen l&amp;auml;sst. Das letzte Kapitel f&amp;uuml;hrt den Protagonisten dorthin, wohin er seit Beginn steuert: In die Verantwortung, aus dem Leben als bindungsunf&amp;auml;higes und triebhaftes Arschloch hinaus. Als Ma&amp;szlig;stab dieses Prozesses dienen seine Beziehungen zu Frauen: Von Britta, Jugendliebe und Leitmotiv des Romans, &amp;uuml;ber die biedere Gisela, die vitale Gloria, die unkomplizierte Roberta bis zu Tina, die sich ein Kind mit ihm und Pflichtbewusstsein von ihm w&amp;uuml;nscht. Beide Autoren verbinden den privaten Prozess ihrer Protagonisten mit dem aktuellen politischen Geschehen. Bei Regener findet nahezu analog zu den Geschehnissen, die zur historischen Wende f&amp;uuml;hren, ein Umbruch im Leben seiner Hauptperson statt. Zuvor berechenbar und monoton ger&amp;auml;t seine Welt langsam aus den Fugen. Wie auch in der Politik auf den ersten Blick nebens&amp;auml;chliche Episoden zum gro&amp;szlig;en Knall f&amp;uuml;hren k&amp;ouml;nnen, entfaltet sich auch privat die Bedeutung scheinbarer Nichtigkeiten erst allm&amp;auml;hlich: Die Begegnung mit einem Hund, die Begegnung mit der sch&amp;ouml;nen K&amp;ouml;chin Katrin, die Entdeckung der Liebe, die ersten Hinweise auf die Krankheit seines Freundes Karl, der missgl&amp;uuml;ckte Grenz&amp;uuml;bergang, das Ende der Liebe und die Krise Karls. Die deutsche Geschichte und Lehmanns Geschichte finden immer wieder Entsprechungen. Am 5. November 1989, dem Tag nach der gro&amp;szlig;en Demonstration auf dem Alexanderplatz, ger&amp;auml;t auch Herr Lehmann mit der DDR-Macht in Konflikt, entdeckt die Geheimnisse Katrins und Karls. Am 9. November, dem Schlusskapitel des Buches, resultieren beide Geschichten in einem Fall, der zugleich Hoffnung auf Neubeginn verspricht: Karl bricht zusammen, Herr Lehmann wird drei&amp;szlig;ig und &amp;uuml;bernimmt erstmals in seinem Leben Verantwortung. Diese Eindeutigkeit einer Konfrontation des politischen Geschehens mit dem Privatleben fehlt in liegen lernen. Allein dadurch, dass der Roman eine weitaus l&amp;auml;ngere Zeitspanne behandelt als &lt;em&gt;Herr Lehmann&lt;/em&gt;, ist es nicht m&amp;ouml;glich, jedem politischen Ereignis eine Parallele in der Privatsph&amp;auml;re eines Individuums zuzuweisen. &lt;em&gt;liegen lernen&lt;/em&gt; begrenzt die Verbindungen zwischen Privatem und Historisch-Politischem folgerichtig auf Motive: Helmut als Vorname des Protagonisten und des amtierenden Bundeskanzlers; Geschichte als das von beiden gew&amp;auml;hlte Studienfach. Und die Scheidung von Helmuts Eltern, vom Ich-Erz&amp;auml;hler kommentiert mit den Worten: &amp;raquo;Auf nichts war mehr Verla&amp;szlig;. Wenn es so weiterging, w&amp;uuml;rde bald vielleicht sogar Helmut Kohl abgew&amp;auml;hlt!&amp;laquo; (LL, 262).&lt;/p&gt;
&lt;!--nextpage--&gt;&lt;!--nextpage--&gt;&lt;h5&gt;
	Das westdeutsche Desinteresse&lt;/h5&gt;
&lt;p&gt;In &lt;em&gt;Herr Lehmann&lt;/em&gt; wird die westdeutsche Mentalit&amp;auml;t durch die Kreuzberger Kneipenszene widergespiegelt. Lehmann lebt dort in seiner kleinen, sicheren Welt. F&amp;uuml;r die Ereignisse au&amp;szlig;erhalb &amp;ndash; sei es jenseits der Mauer oder auch nur jenseits des Kneipenmilieus &amp;ndash; hat er kein Interesse. Diese Welt wehrt sich gegen &amp;Auml;nderungen, h&amp;auml;lt mit aller Macht fest an Ritualen, die Sicherheit und Bestand versprechen zu einer Zeit, die kurz vor dem Umbruch steht. Und genau der spielt eine auff&amp;auml;llig geringe Rolle. &lt;em&gt;Herr Lehmann&lt;/em&gt; wird oftmals als Wenderoman bezeichnet, was bei Betrachtung der &amp;auml;u&amp;szlig;eren Form auch ein durchaus korrekter Terminus scheint. Die Handlung spielt in Westberlin im Jahre 1989, steht also &amp;ouml;rtlich wie auch zeitlich in enger Verbindung mit der Wende. Jedoch &amp;ndash; es interessiert keinen. Weder Lehmann, noch seinen Freundeskreis; die beschriebene Ignoranz ist auszudehnen auf ganz Kreuzberg, oder sogar noch weiter, auf Westdeutschland, die westdeutsche Mentalit&amp;auml;t dieser Zeit im Generellen. Und gerade dadurch, dass im Bewusstsein des Protagonisten und seines Umfeldes die Wahrnehmung der Ereignisse in Ostdeutschland vollends fehlt, wird sie umso st&amp;auml;rker ins Bewusstsein des Lesers ger&amp;uuml;ckt. Dieser wartet auf die Sensation, den Riesenknall. Doch der bleibt aus. Vier Seiten vor Schluss erz&amp;auml;hlt ein Kneipengast: &amp;raquo;Die Mauer ist offen.&amp;laquo; (HL, 280)&lt;a class=&quot;see-footnote&quot; id=&quot;footnoteref2_coic0ag&quot; title=&quot;Regener, Sven: Herr Lehmann. Ein Roman.16. Auflage. M&amp;uuml;nchen 2003. S.280. &amp;ndash; Nachfolgend als HL zitiert.&quot; href=&quot;#footnote2_coic0ag&quot;&gt;2&lt;/a&gt; Lakonisch hei&amp;szlig;t es weiter: &amp;raquo;Es gab aber keine gro&amp;szlig;e Aufregung, alle machten weiter wie bisher.&amp;laquo; (HL, 281) Beinahe noch demonstrativer tritt das Desinteresse in liegen lernen zutage. Helmut erf&amp;auml;hrt die Neuigkeit bei einem Videoabend mit Roberta, kommentiert sie mit den Worten: &amp;raquo;Das war ja abzusehen [...]. Dann sahen wir uns an, was Sigourney mit dem Alien machte, und dann schliefen wir ein.&amp;laquo; (LL, 222)&lt;/p&gt;
&lt;h5&gt;
	Die Schwierigkeit, Entscheidungen zu treffen&lt;/h5&gt;
&lt;p&gt;Gerrit Bartels bezeichnet liegen lernen in der taz als &amp;raquo;Roman &amp;uuml;ber die Schwierigkeit, Entscheidungen zu treffen, Vorstellungen von der Zukunft zu haben, erwachsen zu werden&amp;laquo;.&lt;a class=&quot;see-footnote&quot; id=&quot;footnoteref3_hk19wgs&quot; title=&quot;Bartels, Gerrit: Locker durchkommen &lt;a href=&quot;http://www.taz.de/pt/2001/02/06/a0121.nf/text&quot; title=&quot;http://www.taz.de/pt/2001/02/06/a0121.nf/text&quot;&gt;http://www.taz.de/pt/2001/02/06/a0121.nf/text&lt;/a&gt;, 10.12.2005 (Stand Oktober 2011).&quot; href=&quot;#footnote3_hk19wgs&quot;&gt;3 Und vielleicht h&amp;auml;ngt das alles zusammen. Die Entscheidungsunf&amp;auml;higkeit Helmuts zieht sich von der Wahl der richtigen S&amp;uuml;&amp;szlig;igkeit &amp;uuml;ber die Wahl des richtigen Studienfaches bis hin zur Wahl der richtigen Frau. Seine Entscheidungen, wenn er sie denn trifft, sind willk&amp;uuml;rlich, un&amp;uuml;berlegt und &amp;uuml;bereilt. Seine Mutter m&amp;ouml;chte permanent wissen, was er eigentlich will; Helmut erwidert: &amp;raquo;Nicht nur du, Mama, nicht nur du.&amp;laquo; (LL, 27) Denn er wei&amp;szlig;: &amp;raquo;Entscheidungen zu treffen, Vorstellungen von der Zukunft zu haben&amp;laquo; (LL, 27), eben nicht nur alles auf sich zukommen zu lassen, sondern sich bewusst, mehr noch, im Bewusstsein der eigenen Verantwortung f&amp;uuml;r etwas zu entscheiden und die Konsequenzen der Entscheidung zu tragen &amp;ndash; all dies geh&amp;ouml;rt zum Erwachsenwerden. Helmuts Weg dorthin ist gepflastert von Irrt&amp;uuml;mern, Entscheidungsunf&amp;auml;higkeit, Apathie und einem Hang zum Fatalismus. liegen lernen spiegelt das Lebensgef&amp;uuml;hl einer Zeit wider:&lt;/p&gt;
&lt;blockquote&gt;&lt;p&gt;
	Die Achtziger waren vor allem um die Mitte herum und gegen Ende finster, und die Sommer waren schlecht, aber ich lernte in ihnen das Zusammenleben und das Ficken, das Liebsein und das L&amp;uuml;gen. Man kann es sich eben nicht aussuchen. W&amp;auml;re ich mit den Beatles aufgewachsen, h&amp;auml;tte ich vielleicht auch an eine bessere Welt geglaubt. (LL, 127)&lt;/p&gt;&lt;/blockquote&gt;
&lt;p&gt;Helmut hat den Glauben an eine bessere Welt nicht verloren, sondern nie besessen. Er zeichnet sich aus durch Mangel an Engagement und Begeisterung, f&amp;uuml;gt sich aber gerade aufgrund dieses Mangels umso besser in seine Umgebung, seine Zeit ein. Als er endlich etwas und jemanden findet, f&amp;uuml;r den es sich lohnt, sich zu engagieren und zu begeistern &amp;ndash; Britta, mitsamt ihrer &amp;Ouml;ko-AG, ihrer Nicaragua-Arbeitsgruppe, ihren progressiven Eltern und ihrer aufgekl&amp;auml;rten Einstellung &amp;ndash; jagt er dem so lange vergeblich hinterher, lebt so lange ein Leben, in dem er sich nicht festzulegen braucht, in dem er sich stets R&amp;uuml;ckzugsm&amp;ouml;glichkeiten offen h&amp;auml;lt, bis er von seiner Freundin Tina und deren Kinderwunsch zu einer endg&amp;uuml;ltigen Entscheidung gezwungen wird. Das Erwachsenwerden ist angesichts der Umst&amp;auml;nde von Zeit und Ort, in denen sich Helmut und Lehmann befinden, besonders schwierig. In Jana Hensels &lt;em&gt;Zonenkinder&lt;/em&gt; beispielsweise wird die Wende als Ereignis benannt, durch das die Kindheit beendet ist und der Prozess des Erwachsenwerdens einsetzt. Bereits im ersten Satz f&amp;uuml;hrt Jana Hensel diese Thematik mit der Schilderung vom &amp;raquo;letzten Tag meiner Kindheit&amp;laquo;&lt;a class=&quot;see-footnote&quot; id=&quot;footnoteref4_j1hbr9f&quot; title=&quot;Hensel, Jana: Zonenkinder. 4. Auflage. Hamburg 2004. S.11.&quot; href=&quot;#footnote4_j1hbr9f&quot;&gt;4&lt;/a&gt; ein, womit zugleich die letzten Tage der DDR bezeichnet werden. Das Jahr 1989 als Grenze zwischen Kindheit und Erwachsenwerden- beziehungsweise sein, das mehr oder weniger abrupte Ende einer Kindheit wird nicht nur in diesem ostdeutschen Buch immer wieder Gegenstand von Diskussionen. F&amp;uuml;r den knapp drei&amp;szlig;igj&amp;auml;hrigen Westdeutschen hingegen liegt eine andere Situation zugrunde: Die Gemeinsamkeiten Lehmanns und Helmuts bestehen auf der einen Seite in ihrer Ausgangssituation, dem Umfeld und der Zeit, in der beide aufgewachsen und &amp;auml;lter, nicht jedoch erwachsener geworden sind. Die Umst&amp;auml;nde, die etwa einen gleichaltrigen Ostdeutschen oder einer anderen Generation zugeh&amp;ouml;rigen, zum Beispiel in der Nachkriegszeit aufgewachsenen Drei&amp;szlig;igj&amp;auml;hrigen vielleicht viel fr&amp;uuml;her gezwungen h&amp;auml;tten, erwachsen zu werden, lassen Lehmann und Helmut wie auch ihren westdeutschen Generationsgenossen die Freiheit, das Erwachsenwerden nach Belieben hinauszuz&amp;ouml;gern. W&amp;auml;hrend wiederum andere, obschon unter denselben Umst&amp;auml;nden, zur selben Zeit aufgewachsen, aus privaten oder beruflichen Gr&amp;uuml;nden, durch Familie oder Arbeit, Verantwortung zu &amp;uuml;bernehmen lernen, ist es auf der anderen Seite der Charakter dieser beiden Figuren, der eine weitere &amp;Auml;hnlichkeit zwischen ihnen darstellt und einen weiteren Grund daf&amp;uuml;r bietet, weshalb sie mit drei&amp;szlig;ig Jahren immer noch das Leben eines Jugendlichen f&amp;uuml;hren. Gemeinsam ist beiden die Antriebslosigkeit, die in liegen lernen bereits im Titel zum Ausdruck kommt, eine Art von Nihilismus, verbunden nicht nur mit der Unf&amp;auml;higkeit, sondern mehr noch mit dem Unwillen, Entscheidungen zu treffen. Das gleiche gilt f&amp;uuml;r den Prototypen Frank Lehmann: Knapp drei&amp;szlig;ig Jahre alt, f&amp;uuml;hrt ein Leben ohne Bindungen oder Pflichten. Er arbeitet als Barmann, wohnt alleine in einer kleinen Wohnung in Kreuzberg; abends trifft er seine Freunde und zieht mit ihnen durch die Kneipen. Seine Eltern sieht er selten, er hat keine Frau, keine Kinder oder sonst irgendeine feste Beziehung, tr&amp;auml;gt keine Verantwortung f&amp;uuml;r einen anderen Menschen.&lt;/p&gt;
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	Verz&amp;ouml;gertes Erwachsenwerden&lt;/h5&gt;
&lt;p&gt;So schwer es den Protagonisten f&amp;auml;llt und so lange es dauert: Am Ende haben es beide geschafft. Und bei beiden ist das Motiv, das sie erwachsen werden l&amp;auml;sst, dasselbe: Verantwortung f&amp;uuml;r einen anderen Menschen, f&amp;uuml;r Tina, f&amp;uuml;r Karl, &amp;uuml;bernommen zu haben. W&amp;auml;hrend Goosen sich also f&amp;uuml;r den von der Gesellschaft gepr&amp;auml;gten klassischen Weg &amp;ndash; die Frau, die Familie &amp;ndash; entscheidet, erweitert Regener die Botschaft ins Generelle: Sein Protagonist ist dem Familienkonzept keinen Schritt n&amp;auml;her als zu Beginn des Buches, hat im Gegenteil eine gescheiterte Beziehung mehr hinter sich. Dennoch ist er erwachsen geworden, durch sein Verantwortungsbewusstsein seinem Freund Karl gegen&amp;uuml;ber. Die Problematik des verz&amp;ouml;gerten Erwachsenwerdens tritt allein in den Titeln hervor. Die Anrede Herr Lehmann seitens seiner Freunde ist ein Scherz; seitens des Autors aber eine ironische Anspielung auf Lehmanns Alter, dem er sich durch sein gelebtes Alter zu entziehen versucht. Die Kombination aus Herr und Du ist laut Lehmann &amp;raquo;das &amp;Uuml;belste, was es gibt&amp;laquo; (HL, 42). Und gerade hierdurch tritt die Diskrepanz zwischen Lebensstil und eigentlichem Alter zutage. W&amp;auml;hrend in liegen lernen ein spezifischer Moment festzumachen ist, ein Moment der Erkenntnis und Entscheidung, handelt es sich bei Herr Lehmann um einen allm&amp;auml;hlichen Prozess, der nicht konkret wahrnehmbar ist. Und doch hat der Leser, nachdem er all die inneren K&amp;auml;mpfe Herr Lehmanns mit sich selbst wie auch seine &amp;auml;u&amp;szlig;eren K&amp;auml;mpfe in Diskussionen und Handgreiflichkeiten miterlebt hat, am Ende das Gef&amp;uuml;hl, dass Herr Lehmann unfreiwillig erwachsener und verantwortungsbewusster geworden ist. W&amp;auml;hrend er zu Beginn allem, was ihm in seinem Alltagstrott st&amp;ouml;ren k&amp;ouml;nnte, zu entfliehen versucht, will und muss er sich dem Leben nun stellen. &amp;raquo;Ich gehe erst einmal los&amp;laquo;, hei&amp;szlig;t es am Schluss, &amp;raquo;der Rest wird sich schon irgendwie ergeben.&amp;laquo; (HL, 285)&lt;/p&gt;
&lt;ul class=&quot;footnotes&quot;&gt;
&lt;li class=&quot;footnote&quot; id=&quot;footnote1_q7lomoj&quot;&gt;&lt;a class=&quot;footnote-label&quot; href=&quot;#footnoteref1_q7lomoj&quot;&gt;1.&lt;/a&gt; Goosen, Frank: Liegen Lernen. Roman. 5. Auflage. M&amp;uuml;nchen 2004. S.39. &amp;ndash; Nachfolgend als LL zitiert.&lt;/li&gt;
&lt;li class=&quot;footnote&quot; id=&quot;footnote2_coic0ag&quot;&gt;&lt;a class=&quot;footnote-label&quot; href=&quot;#footnoteref2_coic0ag&quot;&gt;2.&lt;/a&gt; Regener, Sven: Herr Lehmann. Ein Roman.16. Auflage. M&amp;uuml;nchen 2003. S.280. &amp;ndash; Nachfolgend als HL zitiert.&lt;/li&gt;
&lt;li class=&quot;footnote&quot; id=&quot;footnote3_hk19wgs&quot;&gt;&lt;a class=&quot;footnote-label&quot; href=&quot;#footnoteref3_hk19wgs&quot;&gt;3.&lt;/a&gt; Bartels, Gerrit: Locker durchkommen &lt;a href=&quot;http://www.taz.de/pt/2001/02/06/a0121.nf/text&quot; title=&quot;http://www.taz.de/pt/2001/02/06/a0121.nf/text&quot;&gt;http://www.taz.de/pt/2001/02/06/a0121.nf/text&lt;/a&gt;, 10.12.2005 (Stand Oktober 2011).&lt;/li&gt;
&lt;li class=&quot;footnote&quot; id=&quot;footnote4_j1hbr9f&quot;&gt;&lt;a class=&quot;footnote-label&quot; href=&quot;#footnoteref4_j1hbr9f&quot;&gt;4.&lt;/a&gt; Hensel, Jana: Zonenkinder. 4. Auflage. Hamburg 2004. S.11.&lt;/li&gt;
&lt;/ul&gt;
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 <category domain="http://www.kritische-ausgabe.de/tags/forschung">Forschung</category>
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 <pubDate>Wed, 02 Nov 2011 20:50:32 +0000</pubDate>
 <dc:creator>Benedikt Viertelhaus</dc:creator>
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