Die Freiheit des Schreibens |
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"Trotzdem denkst Du irgendwo, daß wir doch schlechtere Menschen sind", schrieb Rouven in einem Brief an mich. "Unsere Situationen sind nicht grundverschieden." Das hatte ich ihm geschrieben: Unsere Situationen seien nicht vergleichbar - ich draußen, er drinnen -, und daß ich mich davor hüten müsse, nach zu vielen Identifikationspunkten zu suchen. "Klar, wir leben eingeschränkt, aber das kann auch sehr befreiend sein." Schon bei meinem ersten Besuch dort hatte er so etwas ähnliches gesagt, etwas, das im völligen Kontrast zu seiner Situation zu stehen schien. Ich konnte das nicht begreifen - wie denn auch! Entscheidender aber war: Ich wollte es nicht. Strafe muß sein! sagt man, vielleicht dachte ich das auch. Und daß es ihnen viel zu gut ginge. Vielleicht. Zumindest in diesem Punkt (nicht nur in diesem) war schon der erste Besuch sehr überzeugend: von zu gut konnte gar keine Rede sein, spätestens nach der zweiten Tür, die hinter mir zufiel und abgeschlossen wurde, fühlte ich mich elend gefangen, meiner Freiheit beraubt. Das sieht man denen an! sagt man - auch das ist Blödsinn, aber dazu später. "Sieh das doch mal so", schrieb Rouven, und weiter: daß er sich "nicht um jeden Mist kümmern" müsse "Außerdem ist es praktischer, nicht so weit zur Toilette laufen zu müssen. Auch brauche ich hier nicht soviel sauberzumachen wie in einer normalen Wohnung. O.k., Du hast mehr Entscheidungsfreiheit als ich, aber was heißt das schon! Es heißt, daß Du mehr Sorgen hast als ich, nicht mehr und nicht weniger." So gesehen... Statistische Daten interessieren mich wenig, da ich der Meinung bin, daß Zahlen nicht Eigenerfahrungen aufwiegen. Letztens erzählte mir jemand, von dem ich weiß, daß er Zahlen liebt, daß durchschnittlich etwa 8% der U.S.-amerikanischen Bürger im Gefängnis sitzen; Fluktuation zeige sich nur in den einzelnen Gesichtern, die Zahl aber bliebe konstant. Die Zahl ist, wenn sie denn stimmt, beeindruckend, das gebe ich zu, und bestätigt unser gängiges Vorurteil, das ein paar wendige Politiker diesseits des Teichs ja momentan aufzuweichen versuchen, indem sie "amerikanische Verhältnisse" nicht etwa ablehnen, sondern gar fordern - sicher nicht in diesem Sinne, und trotzdem halte ich auch das für bezeichnend. Wie es in Deutschland derzeit aussieht, weiß ich nicht, will auch keine Vermutungen darüber äußern. Jedenfalls gibt es Gefängnisse und gibt es Strafgefangene, und ein Teil von ihnen sind Jugendliche. Stichwort "Jugendkriminalität" - keine Angst! Davon soll dies hier nicht handeln. Auch nicht von der Frage nach Sinn oder Unsinn von Gefängnisstrafen. Und schließlich geht es hier ebenfalls nicht darum, über den Begriff der Freiheit zu (pseudo-)philosophieren. Anfang des Jahres erhielt ich von einem befreundeten Paar aus der Nähe von Dortmund eine Einladung für ein Wochenende; geknüpft daran war eine Einladung für eine Lesung, das heißt, man lud mich ein, meine Texte vorzustellen, was allein schon erfreulich ist - doch war es hier der Rahmen der Veranstaltung, der den Reiz für mich ausmachte. Lesen sollte ich vor einer kleinen Gruppe Schreibender in der Justizvollzugsanstalt (oder: Jugendstrafvollzugsanstalt - nämlich JVA) Iserlohn, und eben der Leiter dieser Gruppe, Dirk Harms, seines Zeichens evangelischer Gefängnisseelsorger, männlicher Part des eben genannten Paares, trug dieses Anliegen an mich heran: Die Gruppe, so sagte er, wolle gerne einmal einen draußen lebenden Autor hören, sich mit ihm unterhalten, Fragen stellen. Wir machten einen Freitagnachmittag im Februar als Zeitpunkt der Veranstaltung aus. Müßig zu beschreiben, mit welchen Gedanken ich mich auf den Weg machte - es waren weniger die eigenen, als vielmehr die Vorurteile und Redewendungen, mit denen ich in meinem kleinen Westerwalddorf aufgewachsen war; müßig auch, diese noch einmal aufzuführen, davon ausgehend, daß viele von Euch mit ganz ähnlichen, wenig liberalen Sprüchen durch Erziehung und Medien bestens versorgt sind. An der JVA angekommen, von Dirk durch die Gänge geschleust (muß man sagen: Tür aufschließen, durchgehen, Tür zuschließen, nächste Tür, und so weiter), schließlich in einem Zimmer zurückgelassen, dem Versammlungsraum der Gruppe, bis mein Begleiter / Geleiter die "Knackis", wie sie sich selbst bezeichnen und bezeichnen lassen wollen, von ihren Zellen abgeholt hatte: Acht waren es, im Alter von sechzehn bis zweiundzwanzig, und wir saßen im Kreis und schauten uns an und wußten nicht, wer von uns scheuer sein sollte. Mir war mulmig, die ganze Zeit über schon: diese Gänge, Gitter (Stahl- und Stahlbetongitter, dahinter der Blick in den Innenhof, kahl, grau, leer, und der diesige Himmel tat ein übriges), Türen, die Wandbemalung in zwei Farben Grün, die Deckenluken (ebenfalls vergittert), das Neonlicht, die Wärterkabinen und die mißtrauischen Blicke der Darinsitzenden, die neugierigen Blicke der Knackis auf den Gängen. Nun dieser Kreis, von dem ich wußte: Mörder, Diebe, Drogendealer... Was man so nennt und weshalb sie verurteilt waren: zwischen zwei und acht Jahren. Und ein fast entsetztes Erstaunen darüber, daß ich es ihnen nicht ansehen, nicht von Gesicht oder Körperbau ablesen konnte: keine brutalen Mienen, kein bösartiges Starren, keine großflächigen Tattoos, keine blutigen Narben, noch nicht mal geschorene Schädel. Dirk sagte nachher, als ich mein Erstaunen äußerte: "Na, was hast Du denn gedacht?!" Ich weiß es nicht, vielleicht waren mir die Phantombilder und Photographien aus "XY", von Plakatwänden, aus Zeitungen so sehr im Gedächtnis, daß ich... Was natürlich lustig war, denn meine Vorbereitung auf diese Lesung gestaltete sich so, daß ich ganz bewußt nur die Texte auswählte, die eine gewisse, durchaus auch oberflächliche Komik aufwiesen oder die etwa ein wenig ins Perverse glitten - ganz bewußt wollte ich einfach nur unterhalten, nicht etwa ernsthaft und damit (so dachte ich) verabscheuungswürdig erscheinen. Ich hatte es mir zu leicht gemacht. Das Menschliche vergessen. Vergessen, daß es Menschen waren, nicht die von Sensations- wie auch seriöser Presse so oft und gerne dargestellten "Bestien", "Un-menschen" (daß diese Vorsilbe "un-" für "nicht" steht, war mir niemals zuvor so bewußt gewesen - und wie falsch und verachtend deshalb diese Bezeichnung ist). Ist das zu moralisierend? Mir ging es tatsächlich so, und ich hatte ein verflucht schlechtes Gewissen deswegen. Ich zögerte. Die Knackis waren scheu, behandelten mich fast ehrfürchtig (weiß Gott, was Dirk ihnen vorher über mich erzählt hatte!): "Wollen Sie (sie siezten mich zu Anfang, obwohl sie kaum jünger waren als ich) noch eine Tasse Kaffee? Einen Keks? Hier, nehmen Sie die, die sind besonders gut!" Ich kam mir blöd vor: akzeptiert zu werden in einem Kreis von Leuten, die man selbst aufgrund von Vorurteilen niemals akzeptieren wollte. Aber wir unterhielten uns. Und mit der Zeit schwand auch die Scheu voreinander. Manche trugen ihre Texte vor. An meiner Meinung war ihnen gelegen, und ich war immer wieder überrascht, wenn ich erfuhr, daß sie oftmals erst hier begonnen hatten, zu schreiben. Ihre Texte sind keinesfalls perfekt, um das gleich zu sagen, aber sie sind (man verzeihe mir dieses höchst unkonkrete Wort) anders, und ich weiß nicht, wie ich das ausdrücken kann, ohne von ein paar tollwütigen Dichtern und Kritikern hier draußen erschlagen zu werden: sie erscheinen mir, vorsichtig gesagt, existentieller. Wie ich später an einen Freund schrieb: "Sie haben im Knast auf die Dauer nur zwei Möglichkeiten: entweder sich in irgendeiner Weise kreativ zu betätigen – oder wahnsinnig zu werden." Dahinter stehe ich – und das hat nichts mit Mitleid zu tun. Daher aber auch meine Theorie von der Grundverschiedenheit der Situationen: hier die Freiheit – dort die Unfreiheit – und deshalb... Eben dieser Schluß war falsch, wie mir Rouven, gewissermaßen der Wortführer der Gruppe, mit dem ich seitdem Briefkontakt habe, klarzumachen versuchte. Wir verstanden uns gut, so gut, daß wir verabredeten, im Sommer ein Schreibseminar zu veranstalten, das dann auch an drei Tagen in der Woche vom 28.07.–01.08. stattfand. Bis dahin hatte die Gruppe unter sich ein Projekt gestartet: Sie wollten gemeinsam ein Buch schreiben – über ihre Erfahrungen, draußen wie drinnen, wollten aufräumen mit den gängigen Vorurteilen (die immer auch Verurteilungen sind), wollten, wie ich es dann nannte, "eine Basis für ein mögliches Verständnis schaffen" . Im Seminar entwickelten wir gemeinsam ein Konzept, indem wir Themen aufstellten, zu denen jeder einen Text beitragen sollte, Themen wie: Freiheit, Freundschaft, Leben/Zeit, Gesellschaft, Randgruppen, Kindheit, Drogen... Einige Texte sind in der Zwischenzeit zusammengekommen, am stärksten vertreten darunter die Selbstreflexionen und persönlichen Kommentare zu den genannten Themen. Stellvertretend für die anderen will ich hier zwei Beispiele aufführen:
(Markus)
(Denis)
Um was geht es hier? Dirk und ich haben uns die Frage am Anfang oft gestellt: Geht es um Literatur? Um Therapie? Kann Schreiben helfen? Rouven: "Wenn du am schreiben bist, kannst du nicht aufstehn." "Man beginnt über den Begriff Freiheit anders nachzudenken, als man es vorher getan hat" , schreibt Sascha, "man findet andere Vorstellungen, Wünsche und Sehnsüchte über das Freisein." Nochmal Sascha: "Ich glaube, man kann den Begriff Freiheit nie richtig auf den Punkt bringen, denn dazu sind die Vorstellungen und Wünsche der einzelnen Leute viel zu unterschiedlich." Kann man sich "freischreiben" ? Ich selbst weiß, daß man es kann – natürlich nur bedingt, aber der Mensch ist gottseidank ein Wesen, das es vermag, in verschiedenen Welten gleichzeitig zu leben. Es gibt Situationen, in denen man es nicht mehr kann, aber die Grenzen sind von Person zu Person verschieden. Die Knackis haben größtenteils (ich sagte es bereits) erst dort angefangen, zu schreiben: Das läßt auf ein Bedürfnis schließen, sich auf irgendeine Weise zu artikulieren, und das erscheint nur einleuchtend, bedenkt man zunächst die äußere Situation. Als ich zu schreiben begann, fühlte ich mich isoliert, gefangen in mir selbst und im Kreise meiner Familie. "Unfreiheit ist Unfreiheit" , sagt Rouven nicht, aber könnte es wohl sagen, geht er von der Gleichartigkeit der Situationen aus. Oder aber: Geht nicht der äußeren Unfreiheit eine innere voraus? Und: Zieht nicht die äußere eine innere unbedingt nach sich? Martin, der eine Zeitlang Chefredakteur der Knastzeitung "Podium" in Iserlohn war, zitiert zum Ende seines kurzen Lebenslaufes einen Spruch, den er, wie er sagt, einmal im Radio gehört habe:
Mit diesem Satz konnten sich spontan alle Mitglieder der Gruppe identifizieren.
Jetzt sind wir doch noch in der (pseudo-) philosophischen Abteilung gelandet, und damit möchte es der Autor dann auch belassen sein. Denn hier kennt er sich nicht aus, er kann nur Fragen stellen, sich selbst in der 3. Person anreden und Mutmaßungen aus seiner Erinnerung heraus anstellen, die jedoch immer Mutmaßungen bleiben müßten. Auch soll dies hier keineswegs ein Abschlußbericht sein, vielmehr Zwischenbericht, denn das Projekt läuft weiter, nimmt neue Richtungen, neue Bahnen, der Autor ist gespannt und außerdem seit kurzem ehrenamtlicher Betreuer im Knast. Als solcher wird er aber auch seine LeserInnen desweiteren betreuen, er meldet sich also wieder, irgendwann - bis dahin allerdings hätte ihn doch interessiert, wie seine Leserschaft wohl über diese Dinge, die zu (be)schreiben er versucht hat, denken mag. Nehme sie dieses als Aufforderung! (Ist dieser Schluß zu verschlossen?) Marcel Diel Veröffentlicht in: Kritische Ausgabe 2/1997 |
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