Das
Menschliche als Paradoxon |
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Es ist eine dieser unzähligen Preisverleihungen, mit der sich Städte und Stifter in den Zeiten des enger geschnallten Gürtels und des löchrigen Kulturbeutels alljährlich ins rechte Licht rücken wollen; diese Preisverleihungen, bei denen viele Autoren bereits dankend absagen, zumal dann, wenn selbst destruktive Diffamierungsreden auf die Honoratioren (als berühmteste sei hier Thomas Bernhards Schmährede auf den österreichischen Staat genannt) der angeschlagenen Literatenseele keine Luft verschaffen wollen und man ohnehin keine Ressourcen des positiven Denkens mehr freisetzen kann, um sich des Eindruckes zu erwehren, daß hier nicht nur Werk oder Autor im Mittelpunkt steht, sondern daß sich die stadtbekannte Kulturschickeria wieder einmal pressegerecht in Pose setzen will. Diesmal ist es der Ernst-Robert-Curtius-Preis, diesmal zu Beginn Karlheinz Stockhausen und eine Laudatio von Peter Glotz; bevor es ans Buffet geht schnell noch die Urkunde. Ehe ich es vergesse: der Preisträger in diesem Jahr war Hans Magnus Enzensberger. Schnell ein Applaus und in die Kamera gelächelt. Einen Vormittag verbracht und man kann sagen, man ist dabeigewesen. Dann - vielleicht auf dem Heimweg - ein Innehalten: War da nicht noch was? Dieser gewandte junge Herr im dunklen Anzug zwischen Grußwort und Laudatio, dessen in österreichischen Dialekt gehüllte Leichtigkeit einem noch im Hinterkopf blieb? Beim Blick auf den Programmzettel beginnt man sich wieder zu entsinnen: Doron Rabinovici, Historiker, Essayist und Literat; 1961 in Israel geboren, aufgewachsen in Wien, wo er sich bis heute als streitbarer Publizist einen Namen erarbeitet hat. Richtig, da steht er nun wieder auf der schnell hergerichteten Bühne der Erinnerung, da fallen sie einem wieder ein, die Fragmente einer pointierten Dankesrede dieses, für die meisten wohl noch unbekannten Förderpreisträgers. über den Standpunkt des Essayisten hatte er geredet, über die Größe des Unbedeutenden, seine Größe, der er für viele noch ein Namenloser ist. "Mach dich nicht so klein," so hatte er seine Ansprache geschlossen, "denn so groß bist du auch nicht." Was man als Anspielung auf seinen Autorenstand verstehen kann - welcher, nebenbei bemerkt, so geringfügig auch nicht mehr ist, immerhin sind von ihm bereits zwei Eigenveröffentlichungen im Suhrkamp Verlag erschienen - läßt sich bei einem genaueren Blick auf seine Erzählungen aber auch zugleich auf sein noch junges Werk übertragen: Es ist das Paradoxe, welches sich wie ein roter Faden durch seine Erzählungen zieht, die scheinbar kleinen Alltagsbegebenheiten, die unverhofft einen Blick auf einen weiten Horizont freilegen. Ein wissenschaftlicher Kongreß wird in Rabinovicis erster Story-Sammlung Papirnik plötzlich zum Schlachtfeld, auf dem die Anwesenden eher ihre Beziehungsfrustrationen und latenten Aggressionen freisetzen, als daß sie sich dem akademisch-nüchternen Disput widmen würden; das Offensichtliche ist immer nur Medium für Tieferliegendes, für die menschlichen Abgründe und Entwurzelungen, die wohl am deutlichsten in dem fiktiven Brief Ich schreibe Dir zum Vorschein treten: Was anfangs wie ein harmloser Liebesbrief eines naiven Schwärmers klingt, wie das Geständnis an eine beinahe unbekannte Frau, die der Adressant in einer Buchhandlung auf Grund ihres Interesses für Literatur über Selbsttötung kennengelernt hat, entwickelt sich unerwartet zur Lebensbeichte eines Serienmörders, mit dem abschließenden Angebot, diese Dame des Herzens, die nur noch mittels ihrer übermäßigen Ängste davon abgehalten wird, ihrem Leben durch den suizidalen Sprung ein Ende zu setzen, umzubringen. Wieder andere Geschichten reden von der Paradoxie des jüdischen Alltagslebens, von dem Hin- und Hergerissensein zwischen Glauben und Säkularisierung, religiösen Dogmen und fleischlicher Lust. Bankiers werden mit einem Mal zu Finanziers von Banküberfällen, zwei Blinde führen sich durch dichten Nebel, und alles geschieht nicht aus theoretischen Überlegungen, nicht aus Kalkül, sondern erklärt sich einzig aus den Figuren selbst, aus ihren Schicksalen, die sie nicht steuern, sondern in die sie hineingeraten, von denen getrieben sie, wie in einem Fluß, durch die einzelnen Geschichten treiben. Die Welten, sie sind oftmals surreal, wirken auf manchen Seiten wie Accessoires eines Traumes, denen man sich ergeben muß. Besonders die erste Erzählung Papirnik - ein Prolog und die mit dieser einen Rahmen bildende letzte Lola - ein Epilog heben durch die Schilderung der erotischen Beziehung einer Frau zu einem Buch die Grenzen der normalen Wahrnehmung auf, um auf epische Weise zu verdeutlichen, was man im Rahmen neuerer Literaturtheorien unter dem Begriff Dekonstruktion zu fassen sucht: Eine Frau verliebt sich in ein Buch, meint, dieses lesen zu können, zerstört es. Dann schreibt sie es neu, aus ihrer Sicht, und schafft somit neue Rätsel, in die sie sich selbst mit eingewoben hat. Rabinovici erweist sich mit seinem Debüt als ein Autor, der beides beherrscht: Erzählkunst, die fähig ist, Panoramen und Seelengemälde auf leichte Art zu entwerfen, und der zugleich den intellektuellen Überbau nicht außer Acht läßt, so daß besonders die österreichische Presse 1994 ins Schwärmen geriet: "...ein Feuerwerk bestechender Einfälle", "...jede einzelne Story ist preisverdächtig!" (Ulrich Karger in: Kommune. Forum für Politik, Ökonomie, Kultur. 12. Jg./ Mai 1994) "Doron Rabinovici hat mit dem Band ‘Papirnik’ ein beachtliches literarisches Debüt abgelegt." (Klaus Kastberger in: Falter. Wien), und auch sein in diesem Jahr erschienener Roman Suche nach M. wurde in den einschlägigen deutschsprachigen Gazetten sehr positiv aufgenommen. Die Art, wie Rabinovici in diesem die Thematik von Schuld und Individualität behandelt ist einmalig, ebenso, wie er mit Form und Perspektiven zu spielen weiß. Mit psychologischem Tiefsinn und erzählerischem Esprit schildert er die Auswirkungen der Shoa auf die Charakterentwicklung der nachgeborenen jüdischen Generationen. Wie ein fein gewobenes Spinnennetz baut Rabinovici zwölf einzelne Episoden mit verschiedenen Schicksalen zusammen, läßt Protagonisten durch einen gemeinsamen Bezugspunkt für kurze Zeit aufeinandertreffen und sich wieder abstoßen, damit sie erneut zwischen den Seiten des Romans verschwinden können, um unverhofft an anderer Stelle und in anderen Konstellationen erneut in Erscheinung treten zu können. Abschließend sei zweierlei noch vermerkt: Zum einen liegt dieser Ausgabe ein detaillierter Fragebogen mit Doron Rabinovici bei, zum anderen sei darauf hingewiesen, daß man nicht erst auf leidenschaftslose Preisverleihungen gehen muß - es sei denn, man hat eine Vorliebe für Champagner und Eitelkeiten -, um Entdeckungen dieser Art zu machen; der Mut zum Blick über den klassischen Literaturkanon hinaus ist für Leseerlebnisse solcher Art oftmals vollends ausreichend. Ralf Hanselle Der KA-Fragebogen für Doron RabinoviciVersuch über den geglückten Tag?
Fragen: Ralf Hanselle
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