Bildung oder Halbbildung?

 
 

In einer pluralistischen Gesellschaft wie der unseren hat der Begriff 'Bildung' nicht nur eine einzige Bedeutung. Zeitungen, Fernsehen und nicht zuletzt das allzu aktuelle Internet suggerieren dem Bildungssuchenden eine allseitige Informiertheit. Wir kennen uns, müssen uns überall auskennen, um im Wettbewerb der 'Wissensgesellschaft' bestehen zu können. Zwar hören wir aus dem täglichen Wissensangebot ständig das allzu vertraute 'Bild Dir Deine Meinung', müssen uns aber fragen, was Bildung denn nun sei. Die Beantwortung dieser Frage ist besonders dann wichtig, wenn es um Reformen im Bildungswesen geht. Ein Konzept von Bildung steht hinter jedem Vorschlag, und wenn man selbst Reformen fordert, ja, wenn man gar das 'Recht auf Bildung' postuliert, muß man sich bewußt werden, ob Bildung 'Ausbildung', die 'Vermittlung von Faktenwissen', die 'Einhaltung bestimmter Regeln' oder doch 'etwas anderes' sein soll. Zur Diskussion anregen möchten zwei Konzepte von Bildung (enzyklopädische Bildung vs. Humboldtsche Bildung) und zwei Thesen: Bildung ist ein Gewinn für die Menschheit vs. Bildung (gemäß eines bestimmten Ideals) bedeutet Verfall.

Enzyklopädisches Wissen

Ein fester Kanon, ein festes Lernpensum, ein klar umrissenes Konzept von dem, was Bildung ist und was sie nicht ist, sind Kennzeichen dieses Modells. Wissen wird vermittelt durch Vorlesung und Abschrift: Schriftlichkeit ist also charakteristisch für diese Art von Bildung. Vorgesehen ist eigentlich keine kritische Auseinandersetzung, sondern die Aneignung des Stoffes. Spuren dieses Konzeptes finden sich wohl nicht so sehr im Aufbau des Faches Germanistik als in der Erwartungshaltung von Studierenden, die mit dem Anspruch, am Ende ein fertig ausgebildeter/ausgebildete Germanist/Germanistin zu sein, das Studium beginnen. Jedoch auch das Lehrangebot des Germanistischen Seminars suggeriert den Eindruck, als sei der klassisch-bürgerliche Kanon nie durchbrochen: So befinden sich die Herren Goethe und Schiller noch immer im Zentrum des Lehrangebotes. Klar, solch ein Wissen ist ein Konstrukt einer gesicherten Selbstverständnis, aber sind die Grenzen, die hier gezogen werden, die zwischen Bildungsgehalt und Un-Bildungsgehalt, nicht allzu streng? Und hört Bildung wirklich nach dem Erlangen eines solchen Wissens auf? Solche berechtigte Kritik hat zu einem weiteren Modell von Bildung geführt. Könnte man das eben referierte Konzept der Scholastik zuordnen, ist das nun folgende das einer romantisierenden Wissenschaft: Ewiges Lernen.

Humboldts Bildungsmodell

Lernen hört nicht mit dem Abschluß der Universität auf, sondern ist ein Prozeß, der das ganze Leben andauert. Eben weil Bildung nicht auf die Institutionen Schule/Universität beschränkt ist, ist das Gegenstandsfeld unendlich. Der Studierende muß eigene Schwerpunkte setzen: Der Rezipient wie er oben anklang wird zum moralisch autonom handelnden Individuum, das von sich aus nach Vervollkommnung strebt. Lernen ist jedoch kein autistisches Unterfangen, sondern baut und gründet sich auf den Austausch von Gedanken: Hiermit kommt die Lehrform des Seminars ins Spiel, in dem durch 'wechselseitige Anteilnahme' ein freier Austausch von Gedanken passieren soll. Im Gegensatz zur Schriftlichkeit des ersten Modells wird hier also die Mündlichkeit in den Vordergrund gestellt.

Seminare werden von jedem Studierenden der Geisteswissenschaften zu genüge besucht, doch ist es um den 'freien Austausch von Gedanken' schlecht bestellt, wenn das 'Seminar' zur Vorlesungsgröße angeschwollen ist. Freiheit kann bei solchen Massen anscheinend nicht mehr praktiziert werden. Hierbei ist nicht nur die Rede von Menschen-, sondern auch von Stoffmassen. Da anscheinend alles wichtig ist, fehlt jede Sicherheit, jene Befriedigung, von sich sagen zu können, man habe ausreichend gearbeitet. Auch fehlen bei diesem Konzept die ach so sicheren Grenzen zwischen wahr und falsch: Ansichten werden tendenziell nicht mehr von einer Autorität gegeben und von Studierenden einfach so geglaubt (vielleicht wäre kritiklose Rezeption das einzig falsche). Um es deutlich zu sagen: Eine solche Stoffülle muß frustrieren, und da wird der Ruf nach mehr Regulierung und nach einer Entrümpelung des Faches laut.

Bildung und Fortschrittsglaube

Bildung muß sein, Bildung ist in aller Munde. Wer nicht gebildet ist, hat heute weniger Chancen auf einen Arbeitsplatz als jener, welcher gebildet ist! Daher braucht man immer mehr Wissen. Bildung ist Wissen, und Wissen ist Macht! Doch sie ist kein Mittel, andere zu dominieren oder zu unterdrücken: Bildung räumt Unterschiede zur Seite und eröffnet ein neues, weiteres Bild von Welt. Was diese Bildung ist und wie sie vermittelt wird und welchen Wert verschiedene Bildungsinhalte haben, bestimmt die Gesellschaft, und der Staat schreibt diese in die Richtlinien der staatlichen Sozialisationsinstanz Schule nieder. Ein Narr, wer böses dabei denkt: Diese Festschreibung durch den Staat muß geschehen, da ja nicht nur der einzelne, sondern die Gesellschaft gebildet werden soll. Bildung bedeutet hier also die ganze Bandbreite von Ethik bis Autofahren, von dem Glauben an Demokratie bis zur richtigen Bedienung eines Telefons. Ziel ist universelle Bildung, lebenslange Bildung, die ein Individuum zu einem eigenverantwortlichen Teil der Gesellschaft macht.

Bildung des Verfalls

Die gleichen Argumente kann man ins Negative verkehren. Staatlich verordnete 'Bildung' bedeutet so den Abschied von einer anderen, ganzheitlicheren Bildung. Für Adorno hat jene 'Bildung' mit 'einer grundsätzlichen Selbstbeschreibung des bürgerlichen Menschen zu tun, die diesen darüber belehren will, worum es ihm im Grunde geht.' Hieraus entwickelt Adorno die Theorie der Halbbildung: Es geht dabei um die Reduktion von 'Bildung' auf das Materielle (prächtige, nie gelesene Bücherwände etc.) und um die ideologische Paradoxie eines bürgerlichen Konzeptes von Bildung: 'Bildung ist Ideologie im doppelten Sinne falschen, täuschenden Bewußtseins und irrealen, utopischen Moments. ... [D]er Halbgebildete weiß leicht über alles Bescheid und vergißt ebenso leicht: ihm fehlt die Muße, es mangelt ihm an Stärke der Erinnerung, Erfahrung von Fremdheit, ein 'lebendiger' Zugang zur Kunst, Verinnerlichung von Geistigem ... Das Halbverstandene und Halberfahrene ist nicht Vorstufe der Bildung, sondern ihr Todfeind: Bildungselemente, die ins Bewußtsein geraten, ohne in dessen Kontinuität eingeschmolzen zu werden, verwandeln sich in böse Giftstoffe.' Angesichts dieser Aussage wird man sich unweigerlich an den Massenimport amerikanischer Talkshows erinnert fühlen: Anekdotenhaftes, autobiographisches Wissen, die Stimme eines 'Experten'; die tagtägliche Ausstrahlung solcher Sendungen machen die Verarbeitung des Rezipierten im Sinne eines Humboldtschen Lernens unmöglich. Uninformiertheit, Inkompetenz und Ignoranz herrschen vor, doch reden möchte jeder: Ist Wissen hier auch noch Macht?

Dennoch

Zwei Konzepte, zwei Thesen: zwei Seiten einer Münze. Man muß sich darüber klar werden zu welchem Pol man steuert: Ist Bildung in erster Linie 'Ausbildung', oder ist da noch etwas anderes? Ist Halbbildung nicht eigentlich das, was wir schon seit längerem praktizieren, ist es nicht eigentlich das Ideal des CNN-Menschen der 90er: stets auf dem neuesten Stand, immer erreichbar - auch wenn man ihn gar nicht braucht. Ist wissenschaftlicher Diskurs in Seminaren nicht schon längst zu Small Talk geworden, der auf einem angelesenen Kindler-Wissen aufbaut? Zumindest eine Folgerung könnte man ziehen: Der Stoffülle, die alles zu erdrücken scheint, kann man mit dem Erlernen wissenschaftlicher Methoden begegnen. Seminare sollten kein kanonisches Wissen suggerieren, sondern Methodenpluralismus vermitteln. Dadurch würden eben jene Schlüsselqualifikationen vermittelt werden, die es möglich machten, sich in den Stoffdschungel einzuarbeiten. Ziel dieses Aufsatzes war es, zum Nachdenken anzuregen. Also auf: Bilden wir unsere Meinung, aber: Meinen wir unsere Bildung???

Hendrik Stammermann

Veröffentlicht in: Kritische Ausgabe1/1999

 
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