»Anaïs ist eine Legende. Das müssen Sie einfangen!«

Anaïs Nin in den 70ern
Anaïs Nin in den 70er Jahren in ihrer New Yorker Wohnung
(Foto: Elsa Dorfman)

 

In diesen Tagen jährt sich der Todestag einer der schillerndsten Frauengestalten des 20. Jahrhunderts zum dreißigsten Mal: Anaïs Nin, die am 14. Januar 1977 in Kalifornien starb. Zuletzt scheint die Autorin und »Kultfigur« der Frauenbewegung in Vergessenheit geraten zu sein. Von den »68ern« als Ikone der emanzipierten und künstlerisch autonomen Frau gefeiert, wurde ihr Werk in den 1970er und 80er Jahren, als die frühen Erzählungen erschienen, als Phantasie- und Traumlektüre konsumiert, heutzutage aber kaum noch gelesen und gekannt. Dabei beeinflusste sie nicht nur maßgeblich die Frauenliteratur des letzten Jahrhunderts, sondern in Literaturkreisen wird sie sogar als Begründerin einer neuen weiblichen Ästhetik gesehen.

Wer also war die Frau, die sich der Kunst in allen ihren Formen verschrieb und mit Henry Miller und seiner Frau, der Schauspielerin June Mansfield, in einem engen, vertrauten Verhältnis stand, einem Verhältnis, das man durchaus als einen »künstlerischen Dialog« bezeichnen kann.

Wenn er [Henry Miller] hier ist, ist Louveciennes für mich erfüllt, lebendig. Mein Körper und mein Geist vibrieren unaufhörlich. Ich bin nicht nur mehr Frau, sondern auch mehr Schriftstellerin, mehr Denkerin, mehr Leserin, mehr alles.

Das Leben einer »Kultfigur«

Das kleine Mädchen Anaïs mit den tiefen, dunkelbraunen Augen wird am 21. Februar 1903 in Neuilly-sur-Seine bei Paris als Tochter des spanischen Klavierspielers und Komponisten Joaquin Nin geboren. Als sie elf Jahre alt ist, verlässt der Vater die Familie, woraufhin die Mutter mit Anaïs und ihren beiden Brüdern nach New York übersiedelt. Im Alter von 15 Jahren verlässt sie die Schule und bildet sich autodidaktisch, so z.B. in Bibliotheken, weiter. Sie verdient ihr Geld als Tänzerin, Model und Schauspielerin - zu keinem Zeitpunkt ihres Lebens will sie sich in eine Schublade stecken lassen. Aber im Inneren ihres Herzens flammt unentwegt die Liebe zur Literatur. Zusammen mit ihrem Mann Hugo Guiler, den sie 1923 heiratet, unterstützt sie avantgardistische Künstler. So verkehren in ihrem Haus in Greenwich Village namhafte Künstler, wie Tennessee Williams oder Dalí. Darüber hinaus verschafft sie sich nützliche Kontakte im Kulturbetrieb. Sie lernt Henry Miller kennen, mit dem sie seit 1931 eine Affäre hat und hilft ihm, einen Verleger für seinen Roman »Wendekreis des Krebses« zu finden. Er wiederum unterstützt sie moralisch in ihrem Schreiben.

»Map of My World« – Das Tagebuch der Anaïs Nin

»Das Tagebuch«, schreibt Linde Salber in ihrer Nin-Biographie, »ist ein flexibles Mittel der Selbstbehandlung. Es dient der Bewältigung aktueller Erlebnisse und Handlungen«. Nin selbst beschreibt die Intention ihres Tagebuchs folgendermaßen:

Jede Seite für sich mag häßlich sein, doch es wird immer mein Tagebuch bleiben, das Tagebuch, das ich niemals mit dem Gedanken an Aufbau oder gewählten Stil geschrieben habe. Wenn ich jede Nacht, wenn ich dich abschließe, zu mir selbst sagen kann, mein Herz war aufrichtig, so wie das, was ich geschrieben habe, dann braucht sich das schöne Buch seiner Seiten nicht zu schämen.

Als sie 1914 mit dem Tagebuchschreiben anfängt, war die kleine Welt der Elfjährigen aus den Fugen geraten: Der Vater hatte die Familie verlassen. Diesen Verlust vermag sie nicht zu kompensieren und fängt an, ein Tagebuch zu schreiben, das sie auch als »Tagebuch an meinen Vater« bezeichnet. Auch ihre Mutter kann den Vater nicht ersetzen und Anaïs flüchtet sich in die Welt der sprachlichen Zeichen – sie fängt an zu schreiben. Später wird das Tagebuch zum Freund. Als eine Art »innerer Monolog« oder langer Brief an den Vater beginnt es Seite für Seite zu einer ganzen Reihe von Büchern heranzuwachsen, die ihr Leben dokumentieren und ihr Werk begründen sollten. Bis zu ihrem Tod hat Anaïs Nin das Tagebuch nicht mehr aus der Hand gelegt und kontinuierlich geschrieben, insgesamt über 35.000 Seiten. Mit zunehmendem Alter wird es für sie mehr und mehr ein gleichberechtigter Ansprechpartner, durch den sie versucht, sich als Schriftstellerin zu definieren. Man kann es als Übungsstätte betrachten, in dem sich das Repertoire an Themen, Stilistiken und Motiven der Autorin versammelt. Schließlich wollte sie sich durch die Form des Tagebuchs der Faktizität des Erlebten vergewissern, in dem sie es schriftlich fixiert:

Ich entdecke immer und immer wieder, daß das Tagebuch eine Anstrengung gegen das Dahinschwinden ist, gegen das Verlieren, gegen das Sterben, gegen die Entwurzelungen, gegen Verfall und Unwirklichkeit. Ich habe das Gefühl, daß ich etwas rette, wenn ich es in das Tagebuch aufnehme. Dort ist es lebendig.

Zugleich vermischen sich darin ebenso die Grenzen zwischen Realität und Fiktion, die die Autorin zeitlebens versucht auszuloten und aufzuheben. Dies kann durchaus mit Recht als ihr literarisches Programm angesehen werden.

»Ich bin die größte Liebhaberin der Welt!« – Henry, June und ich.

Dass sie Schriftstellerin werden würde, wusste Anaïs Nin schon sehr früh – bereits als Siebenjährige unterzeichnet sie ihre Geschichten mit »Anaïs Nin, Mitglied der Académie Française«. Der präzise Ausdruck von Empfindungen, den sie durch das Tagebuchschreiben lernt, sollte zum Charakteristikum ihres Werkes werden und ihren Schreibstil prägen. Dieses Talent entfaltet sie vollends in den Tagebucheintragungen der Jahre 1931 bis 1934, ihrer wohl produktivsten Phase als Schriftstellerin. Den Wendepunkt in Nins literarischem Leben markiert der Rat John Erskines in den späten 1920er Jahren, die Tagebücher zu veröffentlichen. In der Folge beginnt sie, die Tagebuchnummern 32-36 (Oktober 1931 bis Oktober 1932) unter den Titeln »June«, »Die Besessene«, »Henry«, »Apotheose und Niedergang« sowie »Tagebuch einer Besessenen« umzuarbeiten und zu veröffentlichen. Überhaupt stellt das Jahr 1931 für Biographen und Literaturhistoriker den wohl interessantesten Abschnitt ihres Lebens dar: In dieser Zeit lernt sie Henry Miller und seine Frau June kennen – eine »einschneidende« Begegnung:

Henry und June, sie beide haben die Logik und Einheit meines Lebens zerstört. Das ist gut, denn ein Schema ist kein Leben. Jetzt lebe ich. Jetzt folge ich keinem Schema.

Im darauf folgenden Jahr beginnt für sie das, was zu einer lebenslangen Suche nach der perfekten Liebe werden sollte, dokumentiert in dem Tagebuchroman »Henry, June und ich«. Anaïs Nin reflektiert darin das Erwachen ihrer Leidenschaften und Begierden, ihre »emotionale und körperliche Entfesselung«, behandelt darüber hinaus aber auch das in den 1930er Jahren populäre Thema der Psychoanalyse. Während sie einerseits die Suche nach dem persönlichen Glück und der Liebe thematisiert, experimentiert sie andererseits mit der Gattung der erotischen Literatur.

Stilistisch klingen die Sätze zwar häufig banal, infantil und vulgär, doch gerade darin spiegelt sich die extreme Authentizität, die mitunter die Nähe zum Leser schafft. Denn gerade in den »scheinbar« einfachen Satzkonstruktionen liegen der Zauber und die Kraft des Buches. Diese Subtilität in der Schreibweise und die teils traumhafte Beschreibung des Alltäglichen ist es, was die Schriftstellerin Nin zu einer viel gelesenen Autorin macht und ihrem Werk das Prädikat »aktuell« verleiht. Denn in den persönlichen Wünschen, Träumen, Sehnsüchten der Menschen greift sie ein zeitloses Thema auf – den »Traum zu leben«.

»Ein gefährliches Parfüm« – Die frühen Erzählungen

Ich sehe in meinem frühen Schreiben eine frühe Ahnung von den Gefangenschaften und Abhängigkeiten des Menschen. Es war ein Mittel zu entkommen, ein Fluchtweg in die Freiheit.

Die Anthologie »Ein gefährliches Parfüm« - zwischen 1929 und 1930 entstanden, aber erst 1977 veröffentlicht -, beinhaltet viele Themen, die die Autorin mitunter bereits in ihren Tagebüchern reflektiert. Nin selbst betrachtet die hierin enthaltene Prosa als eine weitere Stufe ihrer schriftstellerischen Entwicklung:

Ich habe diese Erzählungen nie veröffentlichen wollen, da sie mir unreif erschienen. Aber dann dachte ich, es könnte für andere Schriftsteller interessant sein, der Entwicklung meines Werkes zu folgen und jeden Schritt des Reifungsprozesses zu betrachten… In diesen Erzählungen finden sich bereits zwei Elemente, die in meinen späteren Arbeiten eine große Rolle spielen sollten: Ironie und erste Andeutungen von Feminismus.

Die Erzählungen sind häufig im Künstlermilieu angesiedelt, spielen in europäischen Metropolen, wie Nizza und Paris, und beschäftigen sich mit gesellschaftlichen Außenseitern. Wie in »Das Lied im Garten« und »Zigeunergefühl« thematisiert sie das Leben im Allgemeinen, das von äußeren Kräften (Gesellschaft) und inneren Wünschen (Individualismus) bestimmt wird. Immer wieder versuchen die Figuren diesen Widerspruch aufzulösen, wie es der Protagonistin in »Ungenutzte Zeitlosigkeit« in den Mund gelegt wird:

Ich habe es satt, darum zu kämpfen, dass ich eine Philosophie finde, die zu mir und meinem Leben paßt. Ich will lieber eine Welt finden, die zu mir und meiner Philosophie paßt.

Romantische Motive und Symbolik durchziehen den gesamten Band und machen den Reiz der Nin'schen Schreibweise aus. Die Texte handeln von Phantasie und einer »[…] weite[n], unermessliche[n], phantastische[n] Welt […]« im Menschen selbst. Die subtile, träumerische und bildhafte Sprache der insgesamt 16 Erzählungen lässt das Leben als »große Bühne der Welt« erscheinen, um diese Welt im gleichen Atemzug als Trugbild zu demaskieren. Es ist die Welt der »billige[n] Träume von dickem Make-up, blendendem Scheinwerferlicht«, die Anaïs Nin fasziniert, die »erstrahlend wie ein Feuerwerkskörper« vor einem auftaucht und im gleichen Moment wieder verschwindet.

Eine literarische Standortbestimmung

1932 erscheint ihre erste größere Arbeit als Schriftstellerin über D. H. Lawrence mit dem Titel »D. H. Lawrence – An Unprofessional Study«. Erst gut drei Jahrzehnte später, ab 1966 werden ihre Tagebücher publiziert, die damals in der literarischen Szene kursierten. Noch heute nehmen sie eine exponierte Stellung innerhalb der englischsprachigen und französischen Literatur ein und werden von der Literaturwissenschaft als exemplarisch für den »inneren Monolog« des Autors im 20. Jahrhunderts angeführt. Zudem bilden sie die wesentliche Quelle für alle nachfolgenden fiktionalen Texte der Autorin. Mit der tagebuchromanhaften Beschreibung des Erwachens ihrer Sexualität und erotischer Abenteuer in »Henry, June und ich« leistet Nin einen großen Beitrag für die Artikulation weiblicher Lust und sexueller Identität nachfolgender Schriftstellergenerationen. Zur Kultfigur vieler Frauen und Ikone der Emanzipationsbewegung wird Anaïs Nin schließlich durch Aussagen wie die folgende:

Wie falsch ist es für die Frau zu erwarten, daß der Mann die Welt errichtet, die sie sich wünscht, anstatt selbst daran zu gehen, sie zu erschaffen. Das ist der Grund für die Rebellion der Frau, für ihre Hilflosigkeit und Abhängigkeit. Ich mache mich daran, meine eigene Welt zu erschaffen und erwarte nicht, daß der Mann sie für mich erschafft.

Eine feministisch-emanzipatorische Vereinnahmung allerdings kann dem Werk Nins nur bedingt gerecht werden, denn eine derart ausgerichtete Lesart ist lediglich eine unter vielen. Traumleben, Unbewusstes und Psychoanalyse spielen nicht minder eine wesentliche Rolle in ihrem Werk. In ihm reflektiert sie persönliche Erfahrungen, die gleichermaßen in ihren Tagebüchern zu finden sind, sich aber auch in den fiktionalen Texten verorten lassen. Schließlich appelliert sie an die persönliche Phantasie des Lesers und an die Romantisierung des Lebens.

 

Das Titelzitat dieses Beitrags stammt von Henry Miller, zit. nach »Die Tagebücher der Anaïs Nin (1966-1974)«, München 1980, S. 247.

 

addendum (15.06.07): Eine ergänzte Fassung dieses Beitrags ist als Online-Extra zu: Kritische Ausgabe, Sommer 2007, »Werkstatt« erschienen.

 

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