»Das ist ein !Wanderer.«

Reinhard Jirgl: AbtrünnigDas Scheitern des Individuums an der Gesellschaft ist ein oft verwendetes, vielfach variiertes Motiv in der modernen Literatur, das die Schriftsteller immer wieder vor neue Herausforderungen stellt. Denn genau so wie die gesellschaftliche Entwicklung immer komplexere Wechselwirkungen zwischen Mensch und Umwelt zeitigt, verkompliziert sich auch das Denken und Fühlen des Einzelnen: Es zerfasert in immer speziellere, immer kleinere und unübersichtlichere Facetten, die so zahlreich sind wie die heutigen Produktionswege und technischen Neuerungen. Das „große Ganze“ wird dabei immer seltener erfasst, im Gegenteil: das Zusammenleben in einer Gesellschaft tritt gegenüber verkorksten Einzelschicksalen und gescheiterten Existenzen fast gänzlich in den Hintergrund.

Dem 1953 in Berlin geborenen Schriftsteller Reinhard Jirgl gelingt es in seinem „Roman aus der nervösen Zeit“ Abtrünnig, der 2005 im Hanser-Verlag erschienen ist, das komplexe und teilweise kaum nachvollziehbare Seelenleben eines scheiternden Individuums darzustellen, aus dessen Perspektive ein vernichtendes Urteil über modernes, kapitalistisch geprägtes Zusammenleben im undurchdringlichen Großstadtdschungel Berlins gefällt wird – ein sprachliches und gedankliches Kunstwerk, das an Aussagekraft und Erkenntnissen über unsere Gesellschaft seinesgleichen sucht.

Brache Stätten

Weitundbreit die Menschen & ihre Geschichten, die nach=mir greifen u mich schrecken. Ich werde sie einsperren in Meinembuch. Denn der Schrecken ist das Gefängnis der Wörter. Ich gehe auf sie zu, und gehe in Fremder Landschaft hinein.

Hauptberichterstatter und Augenzeuge der versagenden Gesellschaft ist ein namenlos bleibender freier Journalist aus Hamburg, der als Alkoholiker seiner Therapeutin nach Berlin folgt, dort zum Schriftsteller, Obdachlosen, Amokläufer und Mörder wird und schließlich nach über 500 Seiten Seelenschau eines modernen Menschen sein fertiges Manuskript zur Post und seinen Weg zuende bringt:

Die Wut im Kopf habe ich in Worte gefaßt – jedes Wort verwundet, das letzte tötet. Und ich habe meine Wörter, die Toten, begraben zwischen Papier in einem Buch. Sie kommen nicht wieder. [...] Weitundbreit werden keine Menschen bleiben u keine Geschichten, die nach mir greifen und mich schrecken können. Und schreite Danach... kräftig aus und gehe befreit in meine Landschaft hinein.

Gleichsam gespiegelt wird sein Schicksal in dem eines ebenfalls anonym bleibenden ehemaligen DDR-Grenzers, der seine Frau an den Krebs verliert, einer jungen Ukrainerin zur illegalen Einreise nach Deutschland verhilft, ihr schließlich ebenfalls nach Berlin nachreist, dort als Taxifahrer arbeitet, sie sucht, findet und heiraten will. Aber auch der Weg des Grenzschützers findet dort sein (unverdientes) Ende: Er wird in seinem Taxi erstochen vom Bruder der Frau, der er eigentlich ein besseres Leben hatte ermöglichen wollen, darin aber wie alle Figuren des Romans an der einzig auf persönlichen und materiellen Gewinn ausgerichteten Berliner Gesellschaft scheitert.

Erziehung Berlin. Sexus=Kapitalismus=Maschine

In die Fenster-Ausblicke des beschleunigt davonfahrenden Zugs noch für 1 Moment hineingestellt die Laokoongruppe-Gruppe-der-Armut: ein blutender Mann, im Clinch geduckt unter die Schläge eines Anderen, dazwischen aus tierhafter Sorge-um-Frieden hochaufgerichtet & hechelnden Maules der braune Leib eines Schäferhunds. Bevor der Anblick verschwindet & mit dem aufheulenden S-Bahnzuglärm wetteifernd, bricht aus der Tiermenschgruppe angstvolles Bellen aus – –

Berlin ist „Diestadt“, ist der Dreh- und Angelpunkt des Romans. Sie ist allgegenwärtig und wird zum Symbol für die Ausbeutung und Erniedrigung des Menschen: Hier herrscht der pure Kapitalismus, der einzelne Mensch ist nicht mehr wert als der Nutzen, den andere aus ihm ziehen. Die Stadt boomt, aber der Journalist gerät unter die Räder der Gesellschaft, als er keine Aufträge mehr erhält, seine Wohnung verliert, schließlich als Obdachloser auf der Straße landet und in einem verzweifelten Amoklauf zwei Menschen tötet. Seine Geliebte, die Therapeutin Sophia, lebt in der luxuriösen Villa ihres Mannes, muss aber die selbstverliebten hohen Tiere der Berliner Kulturszene unterhalten, um dazu zu gehören. Diese „KULTURTRÄGER“ versuchen, ihrem sinnentleerten Leben einen Inhalt zu geben, indem sie sich regelmäßig in phrasenstrotzende Diskussionen über Schriftsteller stürzen und mittels der Vergabe oder Nicht-Vergabe von Stipendien über deren Existenz entscheiden. Und Valentina, die junge Ukrainerin, ist zwar jetzt im gelobten Deutschland, hier aber zur Prostitution gezwungen, um zu überleben:

Nutten die für mich bloß aufn Strich-gehen hab ich genug, hatte Derscheff zu mir gesagt & auch, daß er mit einer-wie-mir, die Fremdsprachen kann & und als Dolmetscherin arbeiten will – Deutsch Russisch Ukrainisch Polnisch & Englisch – Anderepläne hat.–. In-Mitten des Welt-Wirrtschafftskriegs sollte ausgerechnet ich: - Valentina aus Kriwoi Rog, in den Betten Berliner Nobelhotels, wo ich mit Männern von der-Industrie der-Wirtschaft der-Politik (klein & Groß) zusammen-geführt wurde: 1=der-vielen neuen Mata-Haris sein.–. In-mir haben seither schon viele Sprachen gesteckt & haben mir noch mehr erzählt. Das gebe ich weiter an Denscheff. So hat Er mich als Baby Doll Metsche-rin eingesetzt.

Dilemma

Nicht nur auf das Berlin der heutigen Zeit bezogen, wird aus Jirgls realistisch-pessimistischer Weltsicht eine umfassende Philosophie. Immer wieder werden heutige Ungerechtigkeiten denen aus vergangenen Zeiten gegenübergestellt. Denn die Ausnutzung anderer zum eigenen Vorteil ist ja keine Erfindung unserer Tage – historische Beispiele dafür finden sich zuhauf, sei es die Unterdrückung der individuellen Freiheit im totalitären DDR-System oder auch die Vernichtung der Juden in den deutschen KZs während des Zweiten Weltkrieges. So berichtet der Journalist etwa über das Schicksal des „Genie[s]-aus-dem-Wald“, das unter sozialistischer Herrschaft versucht, Schriftsteller zu werden und seinen Frieden zu finden. Oder den frühen Tod einer Managerin, die für ihren Erfolg über Leichen geht, bis sie endlich selbst der kapitalistischen Gesellschaft und ihrer Lebensweise zum Opfer fällt („Den Nobel-Preis hatte sie nicht bekommen. Sie wurde 38 Jahre alt.“).

Abtrünnig steht somit nicht nur für die Innensicht der „Generation Abbruch“, die an der Gesellschaft zugrunde geht, sondern bietet zugleich Ausschnitte aus dem Panorama einer nur noch materiellen, menschenunwürdigen Gesellschaft, die auf dem Weg ist, sich selbst zu zerstören. Das alles bringt der Autor in einer ungeheuer wütenden, kraftvollen Sprache zum Ausdruck, die sich ihre eigenen Grundsätze schafft. Die herkömmlichen orthografischen Regeln der Groß- und Kleinschreibung und der Interpunktion erweisen sich für die Vermittlung von Jirgls Geschichtspessimismus als ungeeignet und überholt. Das Chaos im Kopf des Einzelnen spiegelt sich daher genauso in der Sprache wider wie die Unordnung und zerstörerische Kraft der Gesellschaft. Neuer Sinn entsteht, Bedeutungen werden verschoben, manchen Wörtern ein neuer Gehalt hinzugefügt („Weltwirrtschafftskrieg“, „Statt maß-gebend sind wir=alle-hier wichtig, das Adjektiv zu Wicht.“). Dadurch gelingt es Jirgl nicht nur, ein erstaunlich plastisches Bild der gegenwärtigen Gesellschaft zu zeichnen, sondern auch die Verstörung des Menschen und sein Straucheln angesichts der Verhältnisse, mit denen er konfrontiert ist, greifbar zu machen.

Courage

Es sei an dieser Stelle ausdrücklich gesagt: Sich mit diesem Roman auseinanderzusetzen, erfordert ein hohes Maß an Geduld und Konzentration. Die sprachliche Gestaltung, einerseits eine große Bereicherung für den Roman, erschwert den Lesefluss enorm. Auch der Aufbau und die ständigen Perspektivenwechsel (bzw. oftmals auch die „Perspektivlosigkeit“, bei der der Leser völlig darüber im unklaren gelassen wird, wer gerade spricht), sorgen für fast permanente Verwirrung. Wenn man allerdings dazu bereit ist, sich auf Jirgls Betrachtung der modernen Gesellschaft durch die Augen und Gedankenströme des Individuums einzulassen, gibt es kaum einen Roman, von dem man mehr über die Gegenwart lernen kann. Eine Zumutung – ja, das ist dieser Roman ohne Frage, ein böser und sarkastischer Kommentar zu unserer Kultur, zur Zivilisation und zum modernen Wohlstandsmenschen. Gleichzeitig aber ist er ein Kunstwerk, das komplexeste Zusammenhänge zu erfassen vermag und zu dringend notwendigen Gedanken anregt.

Couragiert und engagiert versucht Jirgl, die Probleme des modernen Menschen bei der Wurzel zu fassen. Und allem Pessimismus und Scheitern zum Trotz bleibt am Ende die Hoffnung auf eine bessere Gesellschaft und ein besseres, erfüllteres, erfolgreicheres Leben. So ist „Abtrünnig“ nicht nur Panorama von Seele und Gesellschaft, sondern auch Aufforderung zum Weiter-Suchen:

Von Ferne 1 Mutter mit Kind, mir entgegenkommend, die Abendstunde machte sie heimwärts eilen. Als nur wenige Schritte mich von der Frau-mit-Kind noch trennten, steckte der vielleicht 5jährige Junge den Arm in meine Richtung aus, mit dem winzigen Finger deutend auf meinen Stock. – Das ist ein !Wanderer. – Erklärte die Frau dem Kind. Ihre Stimme dabei so langsam u so deutlich, als spräche sie auf ein sehr altes, letztes hin, auf ein Langezeit verschollenes, entbehrtes Wort. Aber (die beiden waren bereits vorübergegangen und, schon vor dem Eintritt in den Wald, nach ihnen zurückschauen mochte ich nicht) mir wollte scheinen, die fremde=Frau hatte gar nicht zu dem Kind, sondern sie hatte allein zu !mir gesprochen. – Ja. Und eine Stimme aus Abendluft. Ich weiß: Ein w-Anderer. Für den gibts immer Unbekanntes. –
Und geht dem Unbekannten entgegen – –

Reinhard Jirgl: Abtrünnig. Roman aus der nervösen Zeit. München: Hanser, 2005. 544 Seiten. ISBN: 3-446-20658-2. 25,90 Euro.

 

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