»Denn das will ich sein: ein Geschichtenerzähler«

Eric Walz (Foto: privat)Macht, Intrigen, Gewalt und der lustvolle Umgang mit diesen dreien – das sind die thematischen Schwerpunkte im Werk des Schriftstellers Eric Walz, auf die bereits, teils salopp provozierend, die Titel seiner bisher erschienenen Bücher hindeuten: Schwule Schurken (2002), Die Herrin der Päpste (2003) und Die Schleier der Salome (2005).

Eric Walz wurde 1966 in Königstein im Taunus geboren. Zu Stadt und Landschaft, die er vor zwölf Jahren verließ, steht er bis heute in einem innigen Verhältnis. Nach der Schule machte er eine Ausbildung zum Einzelhandelskaufmann, »weil«, wie er sagt, »mir nichts anderes einfiel und ich mir nichts anderes zutraute«. Es folgten verschiedene Anstellungen im kaufmännischen Bereich (Versicherung, Versandhaus, Telekommunikations- und Beratungsunternehmen), unterbrochen durch ein kurzes, nicht abgeschlossenes Germanistikstudium, das er sich mit Gelegenheitsjobs als Model finanzierte. Die Karriereleiter in der Wirtschaft hat er »ein paar Treppchen weit erklommen«, um schließlich zu merken, dass ihm »die Luft da oben nicht gefiel«. Mit 35 Jahren kam der Ausstieg – »Halleluja!«. Arbeitete er anfangs noch als selbständiger Personaltrainer für Unternehmen, brach sich recht bald »eine Leidenschaft fürs Schreiben« Bahn. »Seither«, so Walz, »lebe ich glücklich wie im Märchen und im Hollywood-Film.«

K.A.-Redakteur Ansgar Skoda sprach mit Eric Walz über den Beruf des Schriftstellers, den Reiz des Genres Historischer Roman und darüber, ob ein Germanistikstudium einer späteren Schriftstellerlaufbahn unbedingt zuträglich ist.

 

K.A.: Wie kam es dazu, dass Sie als Schriftsteller arbeiten wollten?

Eric Walz: Ich habe schon als Jugendlicher mit 14/15 Jahren den Beruf des Schriftstellers bewundert. Wohlgemerkt, den Beruf an sich, nicht einen speziellen Schriftsteller. Im Grunde wollte ich also schon damals Autor werden, aber – und das klingt vielleicht irritierend – ich habe nicht gewusst, dass ich es wollte. Ich traute mich nicht. Ich besaß einfach viel zu wenig Selbstbewusstsein, um mir zuzutrauen, auch nur eine einzige gute Geschichte zu schreiben. Ich musste erst 34 Jahre alt werden und in eine berufliche Krise geraten, um mit dem Schreiben ernsthaft anzufangen – und dann hat es ja auf Anhieb geklappt. Es scheint, dass sich das lange Verdrängen am Ende doch irgendwie ausgezahlt hat.

Eric Walz: Schwule Schurken (2002)Wie sind Sie an Verlage herangetreten?

Bei Schwule Schurken habe ich mich mit meiner Idee direkt an Männerschwarm gewandt, und der Verleger Joachim Bartholomae und ich sind uns über die Zusammenstellung schnell einig geworden. Die Idee zündete einfach, machte neugierig. Allerdings war mir schon damals klar, dass ich nicht "nur" das schwule Genre bedienen wollte, dafür gingen mir zu viele andere Ideen im Kopf herum. Mit der Herrin der Päpste habe ich mich an eine Literaturagentur gewandt, die das Manuskript schnell unter Vertrag genommen hat. Gleich der erste Verlag – Blanvalet – hat es dann angenommen. Ein wenig Glück war sicher dabei, aber ich habe auch gut vorgearbeitet.

In Ihrem ersten Buch, Schwule Schurken, portraitieren Sie elf Verbrecher, Tyrannen und Mörder unterschiedlicher Zeitalter und Herkunft, deren gemeinsames Merkmal ihre sexuelle Orientierung ist. Warum wollten Sie negative schwule Gestalten ins Blickfeld rücken?

Dieses ewige Zitieren und Plakatieren der Vorzeigeschwulen war ja nicht mehr auszuhalten. Schwule sind schöner, feinsinniger und überhaupt viel besser. Da konnte ich einfach nicht widerstehen, ich musste mal ein bisschen im Topf rühren und den Bodensatz nach oben holen.

Demgegenüber haben Sie in Ihren beiden Romanen Die Herrin der Päpste und Die Schleier der Salome Frauengestalten als Titelheldinnen gewählt...

Frauen sind die interessanteren Figuren für historische Romane. Sie waren lange benachteiligt und mussten dementsprechend raffinierter, fantasievoller und mutiger sein als Männer, um Erfolg zu haben. Natürlich ist mir klar, dass derzeit viele Autoren im historischen Bereich über Frauen schreiben, aber ich finde, dass Alexander der Große, Heinrich VIII und Napoleon lange genug die Buchcover zierten und es der Literatur nicht schadet, wenn sie sich nun ein paar Jahre oder meinetwegen Jahrzehnte lang überwiegend Frauen widmet. Bei »meinen« Frauen handelt es sich darüber hinaus um verruchte und von der Geschichtsschreibung verfluchte Frauen, und solche einseitigen Zeichnungen haben mich immer schon zur Gegendarstellung gereizt.

Worin liegt für Sie der Reiz, sich mit historischen Gestalten zu beschäftigen?

Deutsch und Geschichte waren schon in der Schule meine Lieblingsfächer – ich weiß auch nicht, warum. Vielleicht, weil ich den distanzierten Blick auf ein Geschehen mag und das am besten bei der Vergangenheit geht. Aber um mich auf dieses Genre festzulegen, gehen mir zu viele andere Ideen im Kopf herum, wie schon damals bei den Schurken.

Eric Walz: Die Herrin der Päpste (2003)Wie recherchieren Sie, um historisch verbürgte Informationen über die Figuren in Ihren Romanen zu erhalten?

Ich recherchiere viel in Bibliotheken, ein bisschen auch im Internet. Wichtig dabei ist, den Blick für die Geschichte nicht zu verlieren, für die Story also. Zu viele Fakten erschlagen den Leser. Der häufigste Fehler von jenen, die gerne historische Romane schreiben wollen, ist, das Buch mit allem vollzupacken, was ihnen über die Zeit in die Finger kommt. Selektieren ist ungeheuer wichtig, man muss sich von vielen liebgewordenen historischen Fakten und Personen trennen können und eine hervorragende Story schreiben. Und Selektieren bedeutet auch, Propagandamaterial zu erkennen und abzuschälen. In Die Schleier der Salome entwerfe ich beispielsweise ein völlig neues Bild von Pontius Pilatus, das sich von der Bibel löst und sich ganz auf die historische Figur konzentriert: Der brutale, blutgierige Pilatus ist tot, es lebe der ängstliche, affektierte Pilatus.

Was interessiert Sie an Figuren, die Macht haben und gegen andere ausüben?

O weh, eine Frage, die man meinem Unterbewusstsein stellen müsste... Dazu eine Anekdote: In der Schule bekam ich eines Tages die Hausaufgabe, niederzuschreiben, was ich tun würde, wenn ich für 24 Stunden absolute Macht bekäme. Meine Klassenkameraden listeten alle möglichen Wohltaten für die Menschheit auf, manche auch egoistische Wünsche wie den Traummann oder den Reichtum von Dagobert Duck. Ich dagegen schrieb bloß einen einzigen Satz, der lautete: Ich würde noch in derselben Minute, in der ich die Macht bekäme, sie wieder zurückgeben. Übrigens bekam ich dafür eine 5, weil man mir bei meiner Antwort schlicht Faulheit unterstellte. Macht ist mir zutiefst suspekt. Möglicherweise fasziniert sie mich gerade darum.

Sie sind derzeit Pressesprecher von Quo Vadis, dem Autorenkreis Historischer Roman. Wie kam es dazu?

Dazu kam ich wie die Jungfrau zum Kinde. Ich bin seit drei Jahren Mitglied von Quo Vadis, und als der Posten auch nach sechs Monaten noch vakant war, habe ich mich bereit erklärt, ihn zu übernehmen. Das Ansehen des historischen Romans zu heben und ihn stärker in das Blickfeld auch der Medien zu rücken, ist ein zu wichtiges Ziel, um es nicht in Angriff zu nehmen.

Welche Aufgaben haben Sie?

Mittlerweile bin ich nicht mehr »nur« für Presse und Öffentlichkeitsarbeit zuständig, sondern einer der beiden Sprecher. Die Aktivitäten des Autorenkreises sind vielfältig. Wir schreiben Gemeinschaftsromane (Die sieben Häupter, Der zwölfte Tag), haben den Sir-Walter-Scott-Literaturpreis ins Leben gerufen, der 2006 erstmals verliehen wird, machen gemeinsam Lesungen, veranstalten Workshops... Der Schwerpunkt liegt allerdings im Austausch untereinander. Schreiben ist oft eine einsame Arbeit, da tut es gut, hier und da mit Gleichgesinnten sprechen zu können. Die Aufgabe eines Sprechers liegt also eher darin, Impulse zu geben und bisweilen zu moderieren.

Würden Sie selbst Ihre Werke eher als Unterhaltungsromane klassifizieren oder geht es Ihnen auch darum, »etwas zu entlarven«?

Das ist von Werk zu Werk unterschiedlich. Das Schurkenbuch provoziert durch sein Thema und die Art und Weise, wie ich dieses Thema behandelt habe: ganz bewusst leicht geschrieben, unterhaltsam, manchmal plakativ. Ein düsteres Thema düster und schwer zu bearbeiten, liegt mir nicht. Bei den Romanen wandelt sich etwas in mir. Anfangs ging es mir stark um Unterhaltung, und dazu stehe ich auch. Ich habe Briefe bekommen, in denen mir Leser geschrieben haben, dass die Herrin der Päpste sie tagelang nicht losließ. Ein wunderbares Kompliment. Zwar halte ich Spannung und interessante Figuren weiterhin für wichtige Bestandteile einer Geschichte – denn das will ich sein, ein Geschichtenerzähler –, aber mehr und mehr möchte ich auch tiefer schürfen, sozusagen die Dinge zerlegen, ihnen auf den Grund gehen. Das soll weder für den Leser noch für mich anstrengend werden, denn Schreiben ist für mich Lust, und Lesen auch. Dennoch: Ich fange an, die Welt neu zu entdecken, und das wird nach und nach auch in meine Bücher einfließen. Ich hoffe, dass ich jemand bin, der für Überraschungen gut ist.

An welche Leserschaft richtet sich Ihr Werk?

Historische Romane werden überwiegend von Frauen gelesen, das ist nun einmal so. Männer stehen eher auf Abenteuer und Thriller. Ich kann für beide schreiben, für Frauen und für Männer, und deswegen werde ich mich auch nicht auf ein einziges Genre festlegen. Wichtig ist, dass die Geschichte stimmt – und mir gehen eine Menge Geschichten durch den Kopf, die völlig unterschiedliche Menschen ansprechen.

Eric Walz: Die Schleier der Salome (2005)Was glauben Sie, wie stark der Einfluss war, den das Germanistikstudium auf Ihr literarisches Schaffen hatte?

Null Komma Null. Mein Studium ist nicht der Rede wert. Was man zum kreativen Schreiben braucht, kann man in jeder Buchhandlung finden, in Cafés, Journalen, U-Bahnhöfen... Viel lesen, viel beobachten, viele Gedanken machen – das ist tausendmal wichtiger als Böll bis in den Nano-Bereich zu zerpflücken. Ich kenne sogar Fälle, wo ein Studium beim Schreiben eines guten, verlagsfähigen Romans hinderlich war, ganz einfach deshalb, weil Autoren nicht die Kunst des Weglassens verstehen, sondern nur das Hinzufügen, das Summieren. Wissen und Schreiben sind zwei verschiedene Dinge.

Welche Ratschläge würden Sie jungen Autoren mit auf den Weg geben?

Erstens Beharrlichkeit. Wer bei jedem Rückschlag die Flinte ins Korn wirft, erreicht überhaupt nichts. Zweitens Kritikfähigkeit. Meine größten Fortschritte habe ich immer dann gemacht, wenn ich vorher in der Lage war, Kritik auszuhalten, sie sogar zu fördern und natürlich Lehren daraus zu ziehen. Kritik ist eine Chance, sich zu verbessern. Drittens Lernfähigkeit. Schreiben ist ein Handwerk, und Handwerk erfordert Fleiß und Geschick. Wer meint, er könne schon alles und die Lektoren in den Verlagen seien einfach zu tumb, um die Texte zu würdigen, hat schon verloren. Ich kenne Autoren, die bereits zwanzig Bücher geschrieben haben und mir sagen, dass sie immer noch bei jedem neuen Projekt dazulernen.

Und was dürfen wir als nächstes von Ihnen erwarten? Spielen Sie mit dem Gedanken, das Genre Historischer Roman zu verlassen?

Das ist bereits geschehen. Unter Pseudonym habe ich eine Familiensaga geschrieben, die im Sommer veröffentlicht wird. Weitere Ideen sind im Werden. Im April 2006 erscheint Der zwölfte Tag, den ich zusammen mit elf anderen AutorInnen geschrieben habe. Im späten Herbst 2006 wird Die Sternjägerin erscheinen, ein Roman um die deutsche Astronomin Elisabeth Hevelius (1647-1693), die Mondkarten gezeichnet und den bis dahin umfangreichsten Sternenatlas der Wissenschaftsgeschichte herausgebracht hat.

Arbeiten Sie zur Zeit an einem neuen Werk?

Immer. Ich arbeite immer an einem neuen Werk. In diesem Fall ist es sogar schon fertig und ich arbeite am übernächsten. Mehr will ich nicht verraten.

Was motiviert Sie?

Freude. Es macht mir einfach ungeheuren Spaß zu schreiben.

 

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