»Gesunde Portion Größenwahn«

Eine »unwiderstehliche Affinität zum Medium Buch« nimmt Volker Oppmann in seinen Antworten zum »Germanisten-Fragebogen« für sich in Anspruch. Diese Affinität führte ihn zunächst zu einem Studium der Germanistik und Skandinavistik, doch hat er es nach dem Magister längst nicht bei einem fundierten Wissen um die Literatur allein belassen …Eine »unwiderstehliche Affinität zum Medium Buch« nimmt Volker Oppmann für sich in Anspruch. Diese Affinität verleitete ihn zunächst zu einem Studium der Germanistik und Skandinavistik, doch hat er es nach dem Magister längst nicht beim nunmehr fundierten Wissen um die Literatur belassen: ONKEL & ONKEL heißt der auf einer guten Ausbildung, dem Startkapital aus engstem Familienkreis sowie einer »gesunden Portion Größenwahn« gründende Verlag, mit dem Oppmann bereits eine glückliche Hand mit Schwarzen Petern bewiesen hat, ebenso – und ganz ohne Skandal – mit Freunden gepflegten Grillguts.

 

Unsere zwölf Fragen, beantwortet von Volker Oppmann:

  1. Wie lange und wo haben Sie studiert, welchen Abschluss haben Sie erreicht? War Germanistik Ihr Haupt- oder Nebenfach? Zu lange und mit Umwegen – angefangen mit Lehramt in Würzburg, dann Wechsel nach Bonn mit den Fächern Germanistik (Neuere im Haupt- und Ältere im Nebenfach) und Skandinavistik, zwischenzeitlich noch semesterweise kleine Abstecher nach Kiel, Bergen und Oslo. Aber was lange währt, wird endlich gut, soll heißen: Magister-Abschluss nach insgesamt 20 Hochschulsemestern.
  2. Was hat Sie damals dazu bewogen, Germanistik zu studieren? Der Spaß am Lesen im Allgemeinen, guter Literatur im Speziellen sowie eine unwiderstehliche Affinität zum Medium Buch in all seinen Erscheinungsformen.
  3. Zu welchem Thema haben Sie Ihre Abschlussarbeit eingereicht? »Max Tau und der Neue Verlag, ein Kapitel deutscher Exilliteraturgeschichte«.
  4. Zu welchen wissenschaftlichen Ergebnissen sind Sie in dieser Arbeit gelangt? Dass der Literaturbetrieb in hohem Maße von leidenschaftlichen Verlegern und Lektoren mitgeprägt wird und dass an der Uni offensichtlich kein Interesse an den Interaktionen und den gegenseitigen Beeinflussungen von Literaturproduktion und Buchmarkt besteht, was ich schlichtweg nicht verstehen kann. Ich wage mir z.B. gar nicht vorzustellen, wie der literarische Expressionismus ohne Kurt Wolff ausgesehen hätte …
  5. Wer war Ihr(e) bevorzugte(r) Professor(in) und was machte sie/ihn aus? Heiko Uecker und Peter Kern – der eine, weil er es versteht, wirklich interdisziplinär zu lehren und zu denken, der andere, weil er glühende Leidenschaft mit einem unglaublichen Wissen und didaktischem Geschick verbindet, was leider die wenigsten zu schätzen wussten. Ich habe bei niemandem mehr gelernt als bei den beiden – sowohl über das Fach als auch über mich selbst.
  6. Was war / ist Ihr Lieblingsbuch / Lieblingsautor(in) / Lieblingsepoche / Lieblingsgattung / Lieblingsgenre? Verdammt schwer zu sagen und ständig wechselnd. Ich bin ein literarischer Allesfresser. Ich mag Bücher, die mich herausfordern und Schnitzeljagd mit mir spielen, Autoren, denen man den Spaß am Schreiben in jeder Zeile anmerkt und bei denen man zwischen den Zeilen noch ganz andere Dinge entdecken kann.
  7. Wo haben Sie Ihre ersten beruflichen Erfahrungen gesammelt, welche studienbegleitenden Tätigkeiten (Praktika etc.) haben Sie absolviert und dabei ggf. welche Schlüsselqualifikationen erworben? Schlüsselqualifikation Nr. 1: Maßlose Neugier und das Selbstvertrauen, etwas selbst in die Hand zu nehmen. 2002 dann Infektion mit dem Verlagsvirus bei Rogner & Bernhard, damals noch in Hamburg, gefolgt von dem Entschluss, später selbst einmal Verlag spielen zu wollen. Eine gesunde Portion Größenwahn hat noch keinem geschadet. Nach dem Studium dann ein Verlagsvolontariat bei Lardon Media, was mich viel Nerven gekostet, sich andererseits aber voll ausgezahlt hat, da ich wirklich alles machen musste, dafür aber auch fast alles machen durfte, was ich wollte. Was kaum jemand aus meinem Freundeskreis damals verstanden hat: Weshalb ich mir über die vermeintliche »Ausbeute« hinaus auch noch freiwillig die Nächte und die Wochenenden für den Verlag um die Ohren geschlagen habe. Aber das ist ja gerade das Ironische an der Sache: Ich habe das nicht für meine Chefs, sondern für mich selbst getan, indem ich in allen Bereichen Wissen und Erfahrung gesammelt habe, was das Zeug hält. Denn: All dieses Wissen und die Erfahrungen habe ich schließlich auch mitgenommen. Brain drain at its best. Thank you!
  8. Wie sind Sie nach dem Studium geworden, was Sie nun sind? Und: Wollten Sie es werden? Ich wollte Verleger werden, also habe ich nach dem Studium, wie gesagt, ein Verlagsvolontariat absolviert, mir eine Bibliothek an Fachliteratur zugelegt und mir im Anschluss an das Volontariat noch ein kleines Aufbaustudium in Sachen Layout, Bildbearbeitung und digitaler Druckvorstufe bei einer privaten Medienakademie gegönnt. Dann hatte ich kurz Angst vor der eigenen Courage und habe mich statt mit einem eigenen Verlag als Book-packager selbständig gemacht, also eine Art »Verlag light«. Aber: Bücher für andere machen macht nicht halb so viel Spaß wie Bücher selber machen. Jetzt bin ich Verleger. Ehrlicherweise muss ich aber zugeben, dass das ohne die Unterstützung meiner Familie nicht möglich gewesen wäre. Ich sage nur »Startkapital«. Mein Verlag heißt also nicht ohne Grund ONKEL & ONKEL. ;-)

     

  9. Nützt Ihnen das im Studium erworbene Wissen in Ihrem Beruf – und wenn ja: was? Ganz eindeutig ja. Ich glaube, Peter Pütz hat einmal gesagt, dass wir Germanisten in der glücklichen Lage sind, fürs Lesen bezahlt zu werden – es ist schließlich unser Beruf! Ein Dozent aus Würzburger Zeiten, Walter Dimter, war der Ansicht, dass Germanisten für alles zuständig seien, und Recht hat er: Kein Fach ist so vielseitig und interdisziplinär wie die Literaturwissenschaft. Alles Wissen wird in Buchform konserviert und aufbereitet, es gibt nichts, was nicht Eingang in die Literatur finden oder zumindest seinen Einfluss geltend machen würde. Ob man sich nun für Musik, Kunst, Philosophie, Psychologie, Medizin, Jura, Mathematik, Chemie, Physik, Religion oder weiß der Teufel was interessiert, immer findet man einen literarischen Anknüpfungspunkt, von dem aus man seine Interessen weiter verfolgen und zu seinem Spezialgebiet ausbauen kann. Genial!
  10. Würden Sie sich heute wieder für ein Germanistik-Studium entscheiden – und warum (nicht)? Schwer zu sagen, da man schließlich immer die Summe seiner Entscheidungen ist. Anders formuliert: Hätte ich nicht das gemacht, was ich gemacht habe, wäre ich heute nicht der, der ich bin bzw. dort, wo ich bin. Die einzig logische Antwort muss also lauten: Ich würde es wieder tun!
  11. Wie viele Ihrer (Branchen-)Kollegen haben Germanistik oder ein anderes geisteswissenschaftliches Studium absolviert? Und werden in Ihrem Bereich noch weitere Germanisten bzw. Geisteswissenschaftler gesucht? Im Verlagswesen ist die Quote der Germanisten naturgemäß hoch, jedoch auch die Zahl derer, die in die verschiedenen Berufsfelder drängen. Hinzu kommt, dass das Verlagswesen weniger mit Literaturwissenschaft zu tun hat, als man gemeinhin annimmt. Das klassische Lektorat z.B. existiert im Grunde nicht mehr. Gefragt sind Projektmanager, die sich neben dem Text in erster Linie um die Koordination der Buchproduktion kümmern und über Kenntnisse aus den unterschiedlichsten Bereichen verfügen müssen. Entsprechend wichtig ist es, weitere Schlüsselqualifikationen mitzubringen. Gute Möglichkeiten bieten Nebenfächer, etwa BWL, oder Aufbaustudiengänge. Sehr interessant ist in dieser Hinsicht der Studiengang Verlagswirtschaft an der HTWK Leipzig. Oder der Aufbaustudiengang Buchwissenschaft an der LMU München. Und natürlich die klassischen Türöffner in Form von Praktika und Volontariaten, denn probieren geht bekanntlich über studieren! Und wichtige Kontakte knüpft man noch dazu.
  12. Welche Frage haben Sie an heutige Studierende der Germanistik? Und was würden Sie ihnen raten zu tun (oder zu lassen), um den Sprung von der Uni ins Berufsleben zu schaffen? Frage: Wo willst du hin? Mein Rat: Zieh es durch!

 

Volker Oppmann (Foto: © Verlag Onkel & Onkel)Volker Oppmann, geboren 1975, hat in Würzburg, Bonn und im norwegischen Bergen die Fächer Germanistik und Skandinavistik studiert. Nach einem Praktikum beim Verlag Rogner & Bernhard schließt er an das Studium ein Verlagsvolontariat bei der Lardon Media AG an. Danach gründet er im Juli 2007 zunächst die Medienagentur book me!, mit Gründung des Verlags Onkel & Onkel in Berlin ist er seit Dezember 2007 schließlich selbst als Verleger tätig. Übrigens: Im inzwischen schon traditionellen »AdventsKAlender« präsentierte Volker Oppmann 2005 und 2007 seine »TOP OF THE POPS« des Literatur- und Kulturbetriebs.

Foto: © Verlag Onkel & Onkel

 

In unserer Serie Germanisten im Beruf haben seit 2006 bereits mehr als zwei Dutzend ehemalige Germanistik-Studentinnen und -Studenten Auskunft über ihren Werdegang und den Nutzen ihres Studiums gegeben; der Reihe nach: Martin Sonneborn (Titanic-Redakteur) – Jan Sting (freiberuflicher Journalist) – Axel Joerss (Journalist und Fotograf) – Christine Henschel (Wissenschaftslektorin) – Nikola Richter (Schriftstellerin und Journalistin) – Burkhard Spinnen (Schriftsteller) – Kathrin Passig (Autorin und Geschäftsführerin der »Zentralen Intelligenz Agentur«) – Adam Soboczynski (ZEIT-Redakteur) – Cornelia Schu (wiss. Referentin beim Wissenschaftsrat) – David Eisermann (Kulturjournalist und WDR-Radiomoderator) – Swantje Lichtenstein (Schriftstellerin und – seit Frühjahr 2007 – Professorin an der FH Düsseldorf) – Carla Christiany (Deutschlektorin an der Università di Bologna) – Christoph Wenzel (Mitbegründer und -herausgeber der Literaturzeitschrift [SIC]) – Christian Eichner (promovierter Rechtsanwalt und Germanistik-Habilitand) – Olaf Kutzmutz (Programmleiter Literatur der Bundesakademie für kulturelle Bildung Wolfenbüttel) – Andreas Wilink (Mitbegründer, -herausgeber und leitender Redakteur des Magazins K.WEST – das Feuilleton für NRW) – Tilman Krause (Literaturkritiker und leitender Literatur-Redakteur bei der Welt) – Andrea Vetsch (TV-Moderatorin im Schweizer Fernsehen) – Axel von Ernst (Schriftsteller und Verleger) – Bernd Draser (freiberuflicher Dozent) – Yvonne Büdenhölzer (Dramaturgin) – Reiner-Ernst Ohle (Theaterreferent) – Antje Schnadwinkel (Lektorin) – Maxim Hofmann (Kabarettist) – Sandra Heinrici (Organisationsassistentin der Biennale Bonn 2008) – Nicole Maus (PR-Beauftragte des Goethe-Instituts London) – Marius Kursawe (Unternehmensberater) – Barbara Wermann (Lektoratsassistentin). – Weitere »Germanisten, die es geschafft haben«, folgen!

 

 

Spendenaufruf

Die »Kritische Ausgabe – Zeitschrift für Literatur im Dialog« sowie das Online-Magazin wird von einer jungen, ehrenamtlichen Redaktion betreut. Bitte helfen Sie uns mit einer Spende, mit unserer Arbeit weiterzumachen.

Detaillierte Hinweise für Spenden finden Sie im Impressum.

Wenn Sie mögen, können Sie uns auch ganz einfach unterstützen, während Sie online einkaufen, einen Flug oder Ihren nächsten Urlaub buchen – ohne, dass es Sie mehr als ein paar zusätzliche Mausklicks kostet. Wenn Sie vor dem Einkauf bzw. der Buchung über nachstehenden Button zu einem Online-Shop gehen und dort dann wie gewohnt einkaufen, bekommt die »Kritische Ausgabe« automatisch eine kleine Spende von etwa fünf Prozent des Einkaufswertes gutgeschrieben. Ihnen entstehen dadurch garantiert keine Mehrkosten!

Vielen Dank für Ihre Unterstützung!