»Hütet euch vor meinen Worten...«

Michel Houellebecq: Die Möglichkeit einer InselMan kann Michel Houellebecq vieles zum Vorwurf machen: den etwas zu verschwenderischen Umgang mit Körperflüssigkeiten in seinen Romanen, Sexismus, Misanthropie, Hybris, Verbitterung und nicht zuletzt seine exaltierten Auftritte á la Klaus Kinski. Sicher nicht ankreiden kann man ihm, seine Erzählungen, die mehr philosophischen und gesellschaftspolitischen Statements gleichen, seien langweilig oder belanglos.

Verfügt man über ein bisschen Sinn für politisch weniger korrekten Humor, kann der Mann einen stellenweise sogar ziemlich zum Lachen bringen. Auf jeden Fall schreibt er eine Art von Literatur, der es in einem Klima zwischen Abstumpfung, ethischer Überforderung angesichts des rasanten Tempos wissenschaftlicher und gesellschaftlicher Veränderungen und dem Hang zur larmoyanten Nabelschau gelingt, die Gemüter zu erregen und die Geister zu scheiden. Seine wichtigsten Instrumente sind dabei seine Klarheit und jene Art von Ehrlichkeit, die in letzter Konsequenz nur grausam ist. Houellebecq spuckt wie kein anderer zeitgenössischer Autor gehaltvoll Gift und Galle und nur die an vielen Stellen spürbare Verzweiflung und Selbstverachtung scheint die Missbilligung des modernen Menschen und seiner wankenden Wertvorstellungen rechtfertigen zu können.

Wie im Vorgänger Plattform geht es auch in Houellebecqs neuem Roman Die Möglichkeit einer Insel um die Erschaffung von Gegenwelten, um tabulose Visionen zwischen Realität und wissenschaftlicher Fiktion, um die pessimistische Beobachtung und Analyse der westlichen Gesellschaften, geprägt von Isolation, Jugendwahn, Sozialdarwinismus, Werteverfall.

Fast erscheinen die vorangegangenen Arbeiten wie Skizzen, Sammlungen von Ideen, Betrachtungen, Überlegungen, die nun in einem großen Wurf kulminieren sollen. Nicht mehr nur die Gegenwart und eine nebulös-spekulative Zukunft stehen im Mittelpunkt des Interesses, Houellebecq vollzieht den Schritt zu Science Fiction mit philosophischem Anspruch und spielt fast aufdringlich mit der Vermischung von Erzählinstanz und Autor.

Plot und Struktur des Romans greifen dabei geschickt ineinander, dass Ganze klingt kompliziert, erschließt sich aber während der Lektüre sehr schnell, eine, zumindest formal gesehen, leserfreundliche Angelegenheit: Protagonist des Romans ist Daniel, Ordnungsziffer 1. Es handelt sich bei ihm um eine Art Prototyp, ein Mensch unserer Gegenwart, der seine genetische Information speichern ließ, um, wenn der wissenschaftliche Fortschritt es erlaubt, als Daniel 2, Daniel 3 u.s.w. wieder auf den Plan zu treten. Wir lesen Daniels Lebensbericht, seine Autobiographie, ergänzt und unterbrochen von sogenannten Kommentaren die von Daniels geklonten Nachfahren Daniel 24 und Daniel 25 verfasst werden. Es hat nämlich geklappt mit der Reduplizierung in der Retorte, der kein Säugling sondern ein bereits voll entwickelter junger Mensch entsteigt.

Nun sieht das Leben von Daniels Epigonen nicht ganz so aus, wie es eigentlich geplant war, nämlich als unendliche Spaßveranstaltung, die kurzzeitig unterbrochen wird, wenn der Körper seine jugendliche Elastizität einbüßt und nur wenige Stunden später mit einem Duplikat in frischer Ausführung fortgesetzt werden kann. Leider totale Fehlanzeige, von Lustgewinn keine Spur, alle Affekte haben sich sukzessive im Laufe von etwa 2000 Jahren verflüchtigt, Körperkontakt zwischen den »Neo-Menschen« gibt es nicht, nicht mal was Ordentliches zu essen: ein besonderer Clou dieser neuen Rasse besteht nämlich in ihrer autotrophen Ernährungsweise, also Gewinn von Energie durch Photosynthese - schöne neue Welt. Man residiert zumeist vereinzelt in stacheldrahtumzäunten Arealen und tritt nur virtuell über verschlüsselte Botschaften mit den Art- und Gesinnungsgenossen in Verbindung. Die Welt ist ein wüster Ort geworden, von atomaren Zerstörungen und Klimawandel gezeichnet, in manchen Regionen haben es einige Horden von »Wilden« (das sind wir!) geschafft zu überleben. Kommen diese dem Stacheldrahtzaun zu nahe, kann es schon mal vorkommen, das Daniel 24 zur Flinte greift - emotional unbeteiligt selbstverständlich.

Kein Wunder das die erlesene Neo-Menschen-Gemeinschaft ein neues Heilsversprechen braucht und dieses auch bekommt: man wartet, etwas kryptisch formuliert, auf die Ankunft der »Zukünftigen«, die das karmisch anmutende Kreisen beenden sollen, die endgültige Befreiung von den Resten menschlicher »Schwächen«, die Entstehung einer wirklich neuen Menschenart. Aufgabe des Neo- Menschen ist es bis dahin, sich mit den Lebensberichten seiner Vorgänger zu beschäftigen und in Reflexion darüber an der eigenen Vervollkommnung, also Ent-Menschlichung zu arbeiten.

Oberste spirituelle Instanz ist die »Höchste Schwester«, Aussteiger gibt es kaum. Soweit zum Thema »Ewiges Leben«.

Wie es dahin kommt, wie aus dem Menschen Daniel 1 eine Kette von Neo-Menschen wird, davon erzählt uns sein »Lebensbericht«, und dieser Lebensbericht macht wiederum den größten Teil des Romans aus.

Daniel 1 ist wohl das, was man getrost ein »Arschloch« nennen kann: er verdient sein Geld (und das mehr als reichlich) als »Komiker«, größtenteils auf der Bühne und im Fernsehen, teilweise auch mit selbstgelutschten Drehbüchern, die Arbeitstitel wie »Gras mir den Gazastreifen ab« tragen und durchweg weit unter jeder Gürtellinie anzusiedeln sind. Kein prähistorischer Schleim scheint eklig genug, als das er sich nicht für Geld darin wälzen würde, alles lässt sich in Spaß transformieren und wenn das mit dem Spaß nicht hinhaut, ist es eben Kunst. Daniels Tiraden der Menschenverachtung tragen ihm nicht nur den Ruf eines intelligenten Entertainers, sondern auch den eines »Moralisten« und eines »Linken« ein, wie er zu seinem eigenen Erstaunen und boshaftem Amüsement feststellt. Er fühlt sich zu Hause in seiner Rolle und das bis in die hohen Vierziger, bis auch seine biologische Uhr anfängt zu ticken und er sich in einer Anwandlung von Alterssentimentalität anfängt zu verlieben.

Daniels Lebensbericht ist die Geschichte eines Zynikers und Menschenhassers der Schritt um Schritt die Distanz zu seinen Gefühlen und schließlich die Kontrolle über sein Leben verliert.

So setzt er konsequenterweise erst wirklich ein zu erzählen, als Isabelle die Bühne betritt, 37 Jahre alt, die toughe Chefredakteurin eines Mädchen-Magazins namens »Lolita« und seine erste große Liebe, wie er dem Leser offenbart. Isabelle ist eine profunde Kennerin des Geschäfts mit der Jugend, vor allem ihre Intelligenz und ihr kühler analytischer Blick beeindrucken Daniel. Es folgt eine kurze Zeit des gemeinsamen Glücks, bis sich Isabelle, ganz Vollprofi, an der Schwelle zum Alter selbst entsorgt. Zwar zieht sie den Schlussstrich unter die Beziehung, trotzdem wird man das Gefühl nicht los, dass sie dem Erotomanen Daniel einfach nur zuvor kommen will, um sich einen kleinen Rest ihres Stolzes zu bewahren. Wie praktisch. Man trennt sich »modern« und ohne großes Getöse, Daniel geht etwas betrübt, aber voller Verständnis für Isabelles Entscheidung seiner Wege und wieder auf die Jagd. Isabelle kündigt ihren Job und hängt sich an die Flasche, um den Umweg zum Tod über das Alter ein wenig abzukürzen. Der einzige Trost ist ein kleiner Hund namens Fox, der dem Paar einige Monate zuvor zugelaufen ist und als Projektionspunkt für alle enttäuschten Sehnsüchte durch den ganzen Roman spukt: In der Beziehung zu dem anhänglichen Tier liegt für Daniel der Schlüssel zum Glück, nämlich die Fähigkeit zur uneingeschränkten Liebe und Hingabe.

Durch Zufall lernt Daniel bald nach der Trenung von isabelle Mitglieder einer Sekte kennen, der Elohimiten. Eine Verbindung abstrus klingender Vorstellungen (unter Beteiligung außerirdischer Wesen ) gekoppelt mit dem höchst zugkräftigen Werbeversprechen ewiger Jugend gehören zu den programmatischen Grundpfeilern. Anfangs nur aus professioneller Neugier und Langeweile nimmt er erste Einladungen an und besucht Seminare und Veranstaltungen. Mehr und mehr nimmt ihn die kleine Parallelwelt gefangen und er kommt dahinter, dass das Versprechen der Unsterblichkeit weit mehr als nur metaphysischen Charakter hat.

Zeitgleich beginnt er eine echte Klischee- Affäre mit einer 22- jährigen Schauspielerin/ Studentin/ Bettgefährtin. Esther ist bereits ein perfektes Produkt des neuen Zeitalters: genussorientiert, unabhängig, intelligent und vor allem: jung. Die Sache wird ihm das Genick brechen, er weiß es vom ersten Moment an. Diesmal wird er der Verlassene sein, den das Alter genauso wenig verschont wie zuvor Isabelle.

Entlang der Biographie seines Protagonisten entwirft Houellebecq ein zeitgenössisches Sittengemälde aus der Sicht des professionellen Zynikers. So vermischen sich Realität und subjektives Weltbild auf verwirrende Weise, man ist geneigt, vieles kategorisch abzulehnen oder zu schnell für wahr zu halten. Ist es so wahrscheinlich, dass sich traditionelle Glaubensgemeinschaften innerhalb weniger Generationen einfach spurlos auflösen? Ließe sich auf dem Versprechen »Ewigen Lebens« nicht im Sinne von Erlösung, sondern eines uneingeschränkten Hedonismus der weltweite Siegeszug einer Sekte vorstellen? Müsste die Frage »Wer von Euch verdient das ewige Leben?« nicht besser heißen »Wer will und erträgt das ewige Leben?« Und vor allem: Ist ein Altern in Würde wirklich so unmöglich? Vieles, was Houellebecq behauptet ist scharfsinnig und argumentativ wasserdicht, die Fakten scheinen für ihn zu sprechen. Trotzdem handelt es sich um eine gezielte Auswahl von Informationen, einen kleinen Ausschnitt der Welt und der Autor hat sich für die besonders pessimistische (oder die besonders optimistische?) Variante entschieden.

Der Roman scheint um etwas unausgesprochenes, weil schwer in Worte zu fassendes zu kreisen: vielleicht um die Sehnsucht nach verlorener Unschuld, nach der Wiederherstellung der eigenen Integrität, nach liebevoller Geborgenheit. Die Liebe, oder das was der Held des Romans dafür hält ist schließlich ein fast schon überstrapazierter Begriff dieses Romans – nicht zuletzt die sentimental-lächerlich wirkenden Gedichte, die Daniel am Anfang und Ende seiner Affäre mit Esther verfasst.

Und erstaunlicherweise sind es genau diese schmalzigen Zeilen die Daniel 25 aus der Reserve locken und dazu bringen aus seinem eintönigen Leben zu fliehen, auch wenn das für ihn den Verlust seiner potentiellen Unsterblichkeit bedeutet. Ein paar kleine Anstöße haben ausgereicht, um seinen Zweifel an der versprochenen Ankunft der »Zukünftigen« immer weiter zu verstärken und so etwas wie Sehnsucht in ihm zu wecken, nach Leidensdruck, nach Liebe, nach allem, was nur unter den Vorzeichen der eigenen Endlichkeit wirklich einen Sinn ergibt und was nach 24facher Reduplikation und der damit einher gehenden Abstumpfung trotz allem noch in ihm schlummert.

Die Suche endet für ihn nach einem mehrwöchigen Gewaltmarsch beim Ursprung seines und auch allen anderen Lebens: am Meer. Der Kreis hat sich geschlossen.

Michel Houellebecq: Die Möglichkeit einer Insel. Köln DuMont 2005. 443 Seiten. ISBN: 3832179283. 24,90 Euro (D) / sFr. 44,90.

 

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