»Können die uns jetzt hören?«

Viktor Martinowitsch erzählt in Paranoia über Liebe und die Mechanismen eines totalitären Staates

Er ist derzeit wohl der interessanteste Autor Weißrusslands und auch der am strengsten überwachte. Viktor Martinowitsch hat stets Aufmerksamkeit erregt; nun soll sein Roman Paranoia der belrussischen Bevölkerung die Angst vor der ›letzten Diktatur Europas‹ nehmen. Dies blieb seitens der Regierung nicht unbemerkt. Sein erster Roman ist zugleich auch das erste literarische Werk, das in der Republik Belarus verboten wurde. Martinowitsch wurde 1977 in Aschmjany geboren und studierte Journalistik in Minsk. 2012 wurde er mit dem Maksim-Bahdanowitsch-Preis ausgezeichnet und seine Erzählung Sphagnum stand auf der Longlist für den Nationalen Bestseller Preis in Russland.

 

Zwischen Liebe und Angst

Paranoia erzählt von dem jungen Schriftsteller Anatoli Newinski und seiner verzweifelten Suche nach Menschlichkeit in einem Überwachungsstaat. In einer unbenannten Stadt in einem Land, das nicht explizit als Belarus bezeichnet wird, aber kein anderes bezeichnet, durchzogen von der allgegenwärtigen Macht des MSS – des Ministeriums für Staatssicherheit – sehnt er sich nach Augen, die ihn als menschliches Wesen ansehen. Er findet sie bei Jelisaweta, die undurchschaubarer nicht sein könnte. Es ist der Beginn einer Liebesgeschichte, die sich so schnell entwickelt, dass Anatoli ihren Namen erst am Ende des zweiten Treffens erfährt und die stets gefährlich nahe an der Grenze zum Kitsch verläuft:

Sie nahm ihn bei der Hand, und sie ertaubten bei dieser Berührung. Die halbe Hand, tausendsechshundert Quadratmillimeter vielleicht, aber da übertrug sich etwas von ihr auf ihn, ihre Hand glühte, sie war so sehr Hand, so sehr…so jungfräulich, eine Hand mit dem Vermerk weiblich, dass ihre Berührung zum Symbol aller Berührungen auf Erden wurde.

Und es könnte ja auch alles so schön sein. Wäre da nicht ihr großer Geländewagen mit Sondernummer und getönten Scheiben. Eines von den Modellen, das seit Wochen vor Anatolis Haustür parkt und darauf zu warten scheint, dass er nach Hause kommt. Außerdem führt sie ihn in eine Villa, die von einer Fünf-Meter-Stahlbeton-Wand umgeben ist und Räumlichkeiten für Personal besitzt. Aber das ist nicht alles. Jelisaweta erhält Anrufe von keinem geringeren als dem Minister für Staatssicherheit: Nikolai Michailowitsch Murajow. Anfangs akzeptiert Anatoli seine Jelisaweta als die geheimnisvolle Geliebte, aber lange hält er das nicht aus. Er möchte Antworten, die Jelisaweta jedoch nur ungern und lückenhaft preisgibt. Sie verlieren sich in einer Beziehung, die mit Träumereien und wildem Sex vor der Realität entflieht. Es ist eine Realität, in der das MSS schon längst Wanzen in jeden Raum ihrer Wohnung gesetzt hat und jegliche Konversationen in Protokollen der akustischen Wohnraumüberwachung festhält. Wie das MSS arbeitet, wird in Paranoia nur allzu deutlich. Sie verstecken Drogen in der Wohnung von Anatoli und Jelisaweta. Man ist nicht sicher, wie viel belastendes Material aufgezeichnet werden wird – aber sicher ist eben sicher. Anatoli jedoch weiß wie die MSS arbeitet und er weiß auch, wie Angst funktioniert:

Wir müssen nur aufhören, uns vor ihnen zu fürchten, schon können wie sie nicht mehr ernst nehmen. Was kann uns schon passieren? Im schlimmsten Fall? Was denn? Gefängnis? Sie jubeln uns Drogen unter und stecken uns ins Gefängnis? Und? Haben wir Angst davor? Dass wir Kohlsuppe löffeln müssen und der Kübel direkt in der Zelle steht? Nein, wir schlottern davor, dass sie – immer dieses grässliche Pronomen –, dass sie alles wissen. Dass sie uns um uns selbst berauben.

Trotz Anatolis Versuchen, Jelisaweta und sich die Angst vor der unsichtbaren Gewalt zu nehmen, wächst diese bei jedem Treffen. Mit Melancholie, Sex und Humor können sie sich zunächst ablenken. Aber lange halten es die beiden nicht aus: die Angst kann nicht ewig verdrängt werden. Die Paranoia schleicht sich in die Beziehung von Anatoli und Jelisaweta, die sich gegenseitig passenderweise Gogol und Füchsin nennen, ein:

Füchsin: Glaubst du, die haben uns auf dem Schirm? Können die uns jetzt hören? Gogol: Ist mir egal. Ehrlich, das ist mir ganz egal. Füchsin: Unser ganzes Gestöhn, unsere kleinen Worte, alles, was nur uns gehört? Gogol: Das spielt keine Rolle, ganz ehrlich. Aber ich nehme eher an, dass sie uns abhören.

Nach einem Streit ist Jelisaweta dann plötzlich verschwunden und Anatoli wird zu einem Gespräch ins MSS gebeten. Die versteckten Drogen sind nicht mehr nötig, das MSS hat genug anderes belastendes Material gefunden. Die Paranoia, die er zu bekämpfen versucht hat, holt Anatoli ein.

 

Der verbotene Roman

Im Jahr 2009 erschien Martinowitschs Roman in Belarus und erlangte sogleich den ersten Platz bei den Online-Verkäufen. Wenig später verschwindet sein Buch aus den Regalen. Wie auch seine Protagonistin Jelisaweta verschwindet es ohne Erklärung. Ein Gerichtsurteil, gegen das er hätte klagen können, gibt es ebenfalls nicht. Den Händlern sei es einfach verboten worden. Martinowitsch selbst spricht von Taktik. Denn gegen ein inoffizielles Verbot könne man nicht angehen. Aber warum das alles?

Gleich zu Beginn von Paranoia wird der Leser darauf hingewiesen, dass die geschilderten Begebenheiten rein fiktiv seien und eine Gleichsetzung der Figuren mit historischen oder lebenden Personen geahndet werden könne. Dies scheinen die belarussischen Autoritäten nicht beachtet zu haben. »Belarus« oder gar »Lukaschenko« werden in dem Roman kein einziges Mal genannt. Und dennoch: die Schilderungen der Stadt, mit ihren großen, sauberen Plätzen, erinnern stark an Minsk und auch das Verhältnis der Bürger zu Murajow wird die belarussische Bevölkerung ebenfalls an Lukaschenko erinnern. Das heutige Belarus ist offiziell kein totalitärer Staat und gewaltloser als der fiktive Staat in Paranoia. Dennoch funktioniert und arbeitet es mit denselben Mechanismen: der Angst. Sowohl in der Realität, als auch in Paranoia sind es die Bürger, die sich selbst Verbote erteilen, sich gegen Demonstrationen und politische Hinterfragungen entscheiden. Was sonst, als die Paranoia, kann in einem Staat ohne Zwang der Grund sein? Das Verbot des Buches könnte die Thematik nicht besser aufgreifen. Eine eigene Meinung ist zwar erlaubt, aber sprichst du diese aus, verlierst du vielleicht deinen Job oder deine Wohnung. Da lässt man das lieber bleiben, geht seiner Arbeit nach und mischt sich nicht ein.

Sowohl im Buch als auch in der Wirklichkeit, so scheint der Autor zu sagen, hat sich die Angst und Selbstzensur in der Gesellschaft festgesetzt. Lukaschenko, der von Guido Westerwelle einst als »letzter Diktator Europas« bezeichnet wurde, erhält im Roman überraschend menschliche Züge. Murajow, wie er auch genannt wird, ist in den Augen Jelisawetas musikalisch begabt, romantisch und verletzlich. Anatoli glaubt seiner Freundin jedoch nichts von ihren schwärmenden Träumereien. Für ihn bleibt Murajow ein Mörder, jemand der zu keiner Liebe fähig sei.

Die Angst ist so das zentrale Thema des Romans, und auch der Autor musste sich damit auseinander setzen: Viktor Martinowitsch verfasste einen Großteil des Manuskripts lieber mit dem Handy, als mit dem Laptop. Obwohl er sich im Schreiben des Romans seiner eigenen Paranoia gestellt hat, erklärt er es an anderer Stelle für besser, von dessen Lektüre Abstand zu nehmen, wohl wissend, dass er diese im Grunde gar nicht hätte schreiben dürfen.

Martinowitsch zieht dabei den Leser von Beginn an auf die Seite der Überwacher, die alles über Gogol und Füchsin wissen. Die schlichte Benennung der Kapitel – Wir, Sie, Ich – betonen die Sichtweisen und bilden einen starken Kontrast zu dem Leiden der Überwachten. Doch anders als in Florian Henckels Das Leben der anderen fühlt man sich beinahe selbst schuldig, wenn man den intimen Gesprächen durch die Protokolle folgt. Wie viel Angst kann eine Liebe aushalten und wie viel Menschlichkeit bleibt bei einem solchen System bestehen? Das sind Fragen, die aktueller nicht sein könnten.

 

Viktor Martinowitsch: Paranoia. Aus dem Russischen von Thomas Weiler. Dresden: Voland & Quist, 2014. 400 Seiten. ISBN 978-3-863910-85-3. 24,90 Euro.


 

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