»Musik im Totengäßlein« – ein Krimi im Basel der dreißiger Jahre

Musik im TotengäßleinDas Totengässlein verbindet den Basler Marktplatz mit dem höher gelegenen Peterskirchhof, den ein schönes Johann-Peter-Hebel-Denkmal ziert, und gleich dahinter findet man den Petersplatz mit der Universität. Da lehrte einst Nietzsche. Man wird nicht falsch liegen, wenn man vermutet, dass früher über die Treppen der Gasse die Verstorbenen hochgetragen wurden zum Kirchhof. Der Chronos Verlag in Zürich hat nun Musik im Totengäßlein von Stefan Brockhoff veröffentlicht; herausgegeben wurde dieser »Detektiv-Roman« von Paul Ott und Kurt Stadelmann.

Nach der Lektüre ergriff der Rezensent an einem milden Sonntag sein altes Rennrad und begab sich in die Schweizer Grenzstadt am Rhein, um sich das Totengässlein anzuschauen mit den im Buch erwähnten Häusern der Nummern 13 bis 17. Am Anfang der Gasse, gleich auf den ersten Metern, wird in der Vitrine einer Buchhandlung auf Hansjörg Schneider hingewiesen. Der 1938 geborene und in Basel lebende Dramatiker hat seit 1993 sechs Krimis um den »kantig-kauzigen« (Pressetext) Kommissär Hunkeler veröffentlicht, zuletzt im Februar 2007 Hunkeler und der Fall Livius. In Basel wird also heute noch mit Erfolg literarisch gemordet.

Der Text des jetzt erschienenen Romans stützt sich auf die Erstausgabe im Leipziger Goldmann-Verlag 1936. Derselbe Verlag gab das vorliegende Buch neben den drei weiteren Schweiz-Krimis Brockhoffs als Taschenbuchausgabe 1954 und 1955 noch einmal heraus. Wie Paul Ott in seinem Nachwort schreibt, bildete Stefan Brockhoff mit Wolf Schwertenbach und Friedrich Glauser das Trio, das in den dreißiger Jahren des vergangenen Jahrhunderts den Schweiz-Krimi aus der Taufe hob. So ist die dritte Veröffentlichung über 50 Jahre nach dem letzten Versuch eine fällige Rückerinnerung.

Nun ist auch schon die Zahl drei im Spiel. Um einen Gedanken aus einem »Ausreißversuch« im Februar aufzugreifen: Wollte Kriminalkommissar Wienert, der Held der Brockhoff-Romane, seinen Autor töten (wozu kein Grund vorliegt), müsste er glatt drei Morde auf sein Gewissen laden. Denn Brockhoff war ein Autorenkollektiv, und dessen Geschichte ist abenteuerlicher noch als die Handlung seines zweiten, hier vorliegenden Romans, die ich aber natürlich nicht unterschlagen werde. Musik im Totengäßlein ist sicher kein Meisterwerk, aber ein solide gestrickter, routiniert geschriebener »Detektiv-Roman«.

Ein reicher Gebäudespekulant und Weinhändler wird tot in einem Hinterzimmer des Restaurants »Odeon« der Gertrude Schottler aufgefunden, die ihm Geld schuldete. In die Ermittlungen verstrickt sind Kommissar Wienert, außerdem drei Studenten der Basler Uni: Jupp, Alex und Gerda (»Gerdakind«; so frotzelte man sich früher an). Machenschaften der Wein-Mafia tun sich auf – heute wären das vermutlich internationale Drogengeschäfte –, die Großchemie intrigiert mit, wie das in Basel sein muss, und dann bekommen wir ein spannendes, gut hingezirkeltes Ende. Es ist ein atmosphärisch dichtes Buch, bei dem Kommissar Wienert und der Gerichtsmediziner Dr. Palut (und andere Beteiligte) allerdings nicht so plastisch werden, wie man es sich wünschen würde. Wienert raucht Pfeife, aber sonst? Heute hat der Krimikommissar ja immer ein hoch belastetes Privatleben. Aber immerhin waren selbst fiktive Morde in der ruhigen Schweiz damals etwas Unerhörtes, und das Buch hatte Erfolg.

Brockhoff hat anlässlich der Veröffentlichung seines darauf folgenden dritten Schweiz-Romans die »Zehn Gebote für den Kriminalroman« verkündet, abgedruckt am 5. Februar 1937 in der Zürcher Illustrierten. Und Friedrich Glauser antwortete und brach eine Lanze für den »verachteten Bruder des Romans« (das tat er etwas humorlos, wie Ott meint), schließend mit den Worten: »In guter Freundschaft verbleibe ich Ihr ergebener / Friedrich Glauser.« (Die Gebote und die Antwort sind der Totengäßlein-Neuausgabe beigefügt und wären Stoff für eine eigene Abhandlung. Doch das sollen die Apologeten des Krimis tun.) Das erste Brockhoffsche Gebot für den Kriminalroman fängt so an: »Alle rätselhaften Ereignisse, die im Verlauf des Romans geschehen, müssen am Schluss erklärt und aufgelöst werden.« Das übererfüllt Brockhoff; er nimmt den Leser praktisch bei der Hand und erklärt ihm über die letzten 14 Seiten alle Details.

Nun wollen wir wissen: Welche drei Teilpersönlichkeiten konstituierten Stefan Brockhoff? – Richard Plaut wird am 22. Juli 1910 in Frankfurt am Main geboren. Er wächst in einem jüdischen Elternhaus auf und bemerkt bald, dass er homosexuell ist. An der Frankfurter Uni (Horkheimer & Adorno) lernt er Oskar Koplowitz kennen (* 17. Februar 1911, Königshütte). Der dritte im Bunde ist Dieter Cunz, am 4. August 1910 in Höstenbach (Hessen-Nassau) zur Welt gekommen, der 1931 Oskars Lebensgefährte wird; das Paar wird gut bekannt mit Klaus Mann. Paul Ott schreibt: »Jüdisch, schwul und links – das ist eine zu grosse Hypothek angesichts der aufkommenden Barbarei.« Nach dem Reichstagsbrand setzt sich Richard nach Basel ab, im April 1933 folgt Oskar, ein Jahr später Dieter. In Basel beschließen sie, zwecks Gelderwerb in ihrer »Schneiderwerkstatt« Krimis zu schreiben. Sie teilen die Kapitel untereinander auf, passen sie einander an. Dieters Mutter wohnt in der Brockhoffstrasse – daher der Name. Goldmann druckt und zahlt. Im Kriminalroman gibt es öfter Kooperation, meist im Duo: Fruttero/Lucentini, Sjöwall/Wahlöö, Boileau/Narcejac, Nicci/French, Brée/Henning, Karr/Wehner, Birkefeld/Hachmeister, Klüpfel/Kobr.

Fünf Jahre verbringen die drei Freunde in Basel, bis ihnen der Boden unter den Füßen zu heiß wird. Im Mai 1938 reist Richard Plaut nach New York, drei Monate später folgen Koplowitz und Cunz. 1939 trennen sich ihre Wege, das Land ist groß. Plaut, der sich jetzt Richard Plant nennt, wird 1947 Lehrer für deutsche Literatur am New York City College. Nach seiner Pensionierung 1973 befasst er sich mit dem Schicksal der Homosexuellen unter den Nazis. Koplowitz, der sich bald Seidlin nennt, wirkt ab 1946 als Professor für deutsche Sprache an der Ohio State University, und zehn Jahre später wird dorthin, aus Baltimore, sein alter Freund Cunz als Deutschprofessor berufen. (Das Leben damals an kleinen US-Unis: »Pnin« von Nabokov lesen.) Dieter Cunz stirbt überraschend am 17. Februar 1969 in Worthington (Ohio), Oskar Seidlin am 11. Dezember 1984 in Bloomington (Indiana), und mit dem Tod von Richard Plant am 3. März 1998 in New York verscheidet schließlich auch unwiderruflich Stefan Brockhoff.

Eine unglaubliche Geschichte. Aus Frankfurt, Königshütte und Höstenbach über Basel nach Indiana, Ohio und New York. Das Trio ruhe in Frieden. Und jetzt haben wir die Möglichkeit, eines ihrer frühen Kollektivwerke zu lesen, an dem Paul Ott die Ironie rühmt und das »Mondäne«, was aber eher die Abwesenheit von Lokalkolorit zu sein scheint. Man rechnet auf den Pfennig ab, und ein Kellner sagt: »Nu weinse man nicht, Frollein.« Das ist entschieden nicht Baseldütsch; aber auch Berliner Emigranten mag es in Basel gegeben haben. Schön ist die Erwähnung der »Adorno AG, Weinhandlung« auf Seite 88 und vielsagend auf derselben Seite der wütende Ausspruch eines Geschäftsmanns: »Ausrotten müsste man die!« Interessant auch die Zahl drei und die Frage, ob man Brüche zwischen den Kapiteln merkt. Lesen mit Vorwissen ist für Literaturstudenten das Größte.

 

Stefan Brockhoff: Musik im Totengäßlein. Detektiv-Roman, herausgegeben von Paul Ott und Kurt Stadelmann, Chronos-Verlag Zürich 2008. 208 Seiten. ISBN 978-3-0340-0912-6. 19,90 Euro.

 

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