»Ruhender Verkehr«

Das Betonauto auf dem Kölner Hohenzollernring

Man stelle sich vor, man träfe sich an einem nicht verregneten Nachmittag aus Pflichtgefühl mit einem Menschen, den man aus irgendwelchen Gründen völlig uninteressant findet, und landete zufällig in einem Café an besagter Stelle des Kölner Ringes. Man hört nicht zu, die Blicke schweifen ab, auf die Passanten, irgendwann auf die Straße, kölnerringtypische Gefährte dröhnen hier entlang, tiefer gelegt, an Elephantiasis leidende Auspuffrohre, Dalmatinerbezüge, das Übliche, dann leichte Irritation. Man schaut jedoch aus Höflichkeit den anderen einmal wieder an und gibt ein zustimmendes Räuspern. Der Blick richtet sich abermals auf die Straße, dieselbe Irritation, diesmal schaut man genauer hin ...

Sein Thema ist unsere Gegenwart, unsere Wirklichkeit. Entsprechend ist sein Werk auch immer Auseinandersetzung mit den Themen, die unsere Wirklichkeit dominieren – Auto, Fernsehen, politische Umwälzungen, Chaos und Destruktion.

Betonauto auf dem Hohenzollernring in KölnUnd weil der arme, gebeutelte Mensch in seinem synaptischen Dasein sich quasi gar nicht mehr außerhalb der Kategorien von Auto, Fernsehen, politischen Umwälzungen, Chaos und Destruktion zu bewegen vermag, weil sie ihn ja so dominieren, braucht es einen beherzten Erlöser, einen wagemutigen Befreier, der ihn mit subtilen Gleichnissen wie zum Beispiel einzementierten Autos darauf hinweist, dass es auf seinem Pfad mit 30.000 km/h gen Abgrund geht und er umgehend umkehren muss, soll die Endstation nicht Gehenna heißen. Das? Oder vielleicht doch ein anderer Zugang, etwas weiter entfernt vom schablonenerstarrten Galeriengequatsche der Moderne, ist das möglich? Einen Versuch wär’s wert. Um was geht es überhaupt? Unter anderem darum, an diesem Ort, an dem etliche Menschen ihren Erstwohnsitz angemeldet haben und den sie ihre Heimat nennen, Dinge aufzuspüren, die jedoch von den wenigsten gewittert werden. Unbemerkt fristen sie ihr Dasein auf öffentlichen Plätzen, in obskuren Ecken, haben sich so sehr in die alltägliche Wahrnehmung eingefressen und es sich dick, ruhig und bewegungslos darin bequem gemacht, dass ihre oft schon patinöse Anwesenheit von niemandem mehr in Frage gestellt wird. Nicht bezeichnenderweise, sondern völlig willkürlich soll hier mit einem Kunstwerk Köln Einzug in die Rubrik Heimatjedöns halten, das eigentlich noch öffentlicher als andere öffentliche Kunstergüsse daherkommt, jedoch trotzdem weniger als andere aufzufallen scheint. Es handelt sich also um das ominöse Betonauto, das inmitten der beiden Fahrstreifen auf dem Kölner Hohenzollernring platziert ist. Wie könnte denn eine Begegnung genauer ausfallen? Man stelle sich vor, man träfe sich an einem nicht verregneten Nachmittag aus Pflichtgefühl mit einem Menschen, den man aus irgendwelchen Gründen völlig uninteressant findet, und landete zufällig in einem Café an besagter Stelle des Kölner Ringes. Man hört nicht zu, die Blicke schweifen ab, auf die Passanten, irgendwann auf die Straße, kölnerringtypische Gefährte dröhnen hier entlang, tiefer gelegt, an Elephantiasis leidende Auspuffrohre, Dalmatinerbezüge, das Übliche, dann leichte Irritation. Man schaut jedoch aus Höflichkeit den anderen einmal wieder an und gibt ein zustimmendes Räuspern. Der Blick richtet sich abermals auf die Straße, dieselbe Irritation, diesmal schaut man genauer hin. Man glaubt erst einmal, dort sei mitten im Verkehr ein Wagen stehen geblieben, Unfall wahrscheinlich, aber er ist zu alt, eher ein Autowrack, das ein Schlepper später abholen wird, oder eines, das bereits seit zwanzig Jahren darauf wartet, abgeschleppt zu werden und von den Kölnern aus Bequemlichkeit dann zu Kunst erklärt worden ist, auch nichts Unübliches. Bis man auf einmal der Tatsache gewahr wird, dass dieses automobilmorphe Etwas weder Fensterscheiben noch Scheinwerfer, Türgriffe oder sonst irgendetwas besitzt. Wenn man es noch eine Weile beobachtet, fällt auf, dass es nicht wirklich eindeutig als Auto auszumachen ist, es könnte auch ein großer klobiger Amboss sein und, wenn man dazu tendiert, die Welt etwas nekrophiler wahrzunehmen, sogar ein Sarg, also wirklich mal ein beabsichtigtes Stück Skulptur. Der Verkehr, die Umgebung zwängt die Deutung auf. Man stellt sich die Frage, warum einem all die Male, die man dieselbe Stelle hier schon passiert hat, dieser Gegenstand nicht aufgefallen ist. Grün bemooster Beton, angegammelt, klotzig, so etwas fällt in dieser Stadt nicht auf, weil sich viel zu viel diesen Wahrnehmungskriterien fügt. Jetzt stellt sich aber die Wahl: Entweder man stempelt moderne Kunst als ein bewusst nicht gedeutet werden wollendes Erzeugnis narzisstisch erheblich gestörter Semi-Esoteriker ab oder man möchte tatsächlich wissen, warum gerade dieses Objekt ausgerechnet an dieser Stelle steht und was es damit auf sich hat. Da wir natürlich zu den kunstbeflissenen aufmerksamen Betrachtern dieser Welt gehören, entscheiden wir uns für die zweite Möglichkeit, weisen aber die Interpretation, es stelle die ersehnte Ruhe, den Tod oder auch die katatonische Erlahmung der modernen Zivilisation dar, erst einmal als zu flach ab. Krampfhafte Clichévermeidungsstrategie? Vielleicht, aber erst mal sehen, nämlich was und von wem es ist. Dieses Objekt heißt dann leider doch „Ruhender Verkehr“. Es stammt von dem 1932 in Leverkusen geborenen und 1998 verstorbenen Künstler Wolf Vostell und hätte 1969 erst einmal auf dem Parkplatz vor dem alten Wallraf-Richartz-Museum stehen sollen, was aber nicht genehmigt wurde. Vostell war Mitbegründer des „Fluxus“. Was ist das? Es ist das Substantiv zum lateinischen Verb „fluere“, das, aufgrund der Ähnlichkeit zum Deutschen unschwer zu erkennen, „fließen“ bedeutet. Allerdings nimmt das Substantiv eine sehr spezielle Bedeutung des Fließens ein, es heißt nämlich so viel wie „Darmausfluss“. Warum im Lateinischen eine rasche, ununterbrochene Bewegung anal konnotiert ist, überlassen wir denen, die für die Sprache verantwortlich waren. Fluxus war also als Begriff einerseits mal wieder einer der vielen Provokationen, die sich die Moderne so geleistet hat, andererseits impliziert es aber eben auch Aktionskunst und stand in enger Verbindung zum „Happening“. In dem Betonauto befindet sich tatsächlich ein richtiges Fahrzeug, genauer: ein „Opel Kapitän L“. Der bewegende Akt des Einbetonierens ist die Aktion: Ein Fahrzeug, das ursprünglich den Zweck des schnellen Transportes hatte, wird also mit Gewalt zum ewigen Stillstand gebracht und mitten in den immer noch fließenden Verkehr gesetzt. Das war eine andere Zeit, die Moderne. Da wir in der Postmoderne uns aber im Besitz anderer toller Deutungsinstrumentarien befinden, erklären wir die Skulptur einfach mal zu dem Zeichen, das ewig aufschiebenderweise die Abwesenheit des Erschaffers impliziert und damit auch seine Intention, die wir als böswilliges Transzendentalsignifikat hinstellen und ignorieren. Erklären wir also Vostells Vorhaben für null und nichtig und pfropfen diesem stillgelegten Wagen einfach mal den Kontext auf, in welchem wir ihn intuitiv vorfinden, das heißt: Köln. Und schon wieder wird es seicht, ehrlich herausgesagt, flach: Stehen geblieben in seiner Entwicklung, angehalten und in den sechziger Jahren einbetoniert, heute bemoost, vergammelt, als hässlich empfunden, aber irgendwie auch lustig, weil so absurd, bepinkelt, beschmiert - und erhebt doch den Anspruch, Ausfluss einer kulturellen Anstrengung zu sein. Thomas Baumgärtel: Spraybananen 1 (1993)Kehren wir also doch wieder zum Autorenhintergrund zurück. 1987 hatte Vostell in Berlin ein weiteres Werk ähnlicher Fasson geschaffen : „2 Beton-Cadillacs in Form der nackten Maja“. Überlassen wir den Titel sich selbst und schauen uns die weiteren Geschehnisse an, denn es geschah etwas Beachtliches. Am 17.3.1993 hatte der in Köln berüchtigte und klandestin agierende „Bananensprayer“ Thomas Baumgärtel zugeschlagen. Da war sie und prangte auf der mittlerweile schon recht ramponierten, aber immer noch charakteristisch monotonen Betonseite des Kunstwerkes: Die Sprühbanane! Vostell echauffierte sich und verlangte Genugtuung, man möge die Banane entfernen und der Attentäter möge sich umgehend entschuldigen. Das war dann doch zu viel Happening, zu viel Aktion, zu viel Fluxus des Guten. Die Banane blieb noch einige Zeit, dann aber verschwand sie so spurlos, wie sie gekommen war. Seitdem ruht der Verkehr wie eh und je und hoffentlich wird sich daran auch nichts ändern. Überlassen wir daher getrost auch das Auto sich selbst und den galeristisch Gestimmten. Wer es sich einmal ansehen möchte (eigentlich lohnt es sich nicht wirklich): Es befindet sich, wie gesagt, auf dem Mittelstreifen der beiden Fahrtrichtungen zwischen dem Rudolf- und dem Friesenplatz. Begehen Sie jedoch nicht den Fehler, dort mit jemandem einen Kaffee zu trinken, dem sie noch nicht einmal zuhören wollen - ein gutes Gespräch ist nämlich um einiges spannender als der „ruhende Verkehr“.

(Foto des Betonautos: Julia Scho)

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