»Und genau das ist Literatur, eine unkontrollierbare Angelegenheit«

Moacyr Scliars Kafkas Leoparden – literarische Entgegnung aus Brasilien

Moacyr Jaime Scliar, »Schriftsteller, Arzt und Jude – woraus ersichtlich ist, welche Last ein menschliches Wesen mit sich herumschleppen kann«, sprach wie Kafka von Identität als Problem. In der Erzählung Kafkas Leoparden spürt er dieser komplexen Identitätsproblematik ohne spürbare Schwere und auf höchst literarische Weise nach.

Scliar (1937–2011 Porto Alegro) ist in Brasilien weitaus berühmter als in Deutschland, wo die Übersetzungen seiner Werke zu den neueren Entdeckungen der Bücherwelt gehören (so Der Zentaur im Garten, Die Ein-Mann-Armee und Der Krieg in Bom Film). Der vorliegende, ursprünglich 2000 in Brasilien, und dann im Sommer 2013 in deutscher Erstübersetzung von Michael Kegler erschienene Leopardenroman wird mit dem Covergemälde von Norika Nienstedt zum Gesamtkunstwerk.

Werfen wir einen Blick auf den zweigeteilten Bucheinband: Neben dem starken Lila zeichnet sich auf der rechten Seite vor blau-rot meliertem Hintergrund eine zur Hälfte sichtbare Figur ab, die Züge eines Jungen oder Mannes trägt. Dieses Bild führt zum Menschen, dem in diesem Buch gefolgt wird: Benjamin Kantarovitch, auch Ratinho genannt.

Folgen wir der Erzählung chronologisch, stoßen wir zunächst auf einen Rahmen, der mit der Erinnerung des Erzählers und einem montierten Textfragment angelegt ist. »Bericht Nr.125/65 – vertraulich«: Die sachliche Information dieses fiktiven Geheimarchivtextes weist auf den Handlungsort Porto Alegro, das Jahr 1965, und die Festnahme von sieben politisch Verdächtigen, darunter Jaime Kantarovitch alias Cantareira. Der Erzähler, sich zunächst als Arzt, Jaimes Cousin und Neffe des Protagonisten ausgebend, führt zurück in die Geschichte des kauzigen Einzelgängers Benjamin, lediger Schneidermeister mit verblassten revolutionären Ideen. Es beginnt am Vorabend der russischen Revolution, im Jahr 1916 in Tschernowitzky, einem Dorf Bessarabiens, in der grob zwischen Rumänien und Russland oder im heutigen Moldawien zu verortenden osteuropäischen Region, die auch Moacyr Scliars ursprüngliche Heimat ist. Die Freunde Jossi und Benjamin wollen beide für Trotzki kämpfen, und der mutige 19-jährige Jossi bringt es zu einem trotzkistischen Geheimauftrag, den er, krank geworden, Benjamin überträgt. So reist der Dörfler nach Prag, verliert dabei den Brief mit dem Auftrag, unternimmt, gekrönt von absurden Resultaten wie der Bekanntschaft Kafkas, Rekonstruktionsversuche der Botschaft, und kehrt schließlich unverrichteter Dinge zurück ins trostlose Heimatdorf, wo sich Ratinhos böse Ahnungen bewahrheiten: sein Freund ist tot und jedes politische Engagement ist erstorben. Nur einen Notizzettel bringt Benjamin mit, und der verfolgt ihn auf dem selbstgewählten partnerlosen Weg bis schließlich in die Emigration und damit in die brasilianische Militärdiktatur der Zeit nach 1964. Am Ende entscheidet Kafkas Satz über Leben und Tod, der beschlagnahmte ›aufrührerische‹ Text wird vernichtet, der festgenommene Jaime wird gerettet von Benjamin und Letzterer schließt erst im Sterben Frieden mit den Leoparden, die sich in sein Bewusstsein eingeschlichenen haben. Welche Leoparden? Folgen wir ihren Spuren.

Die Leoparden brechen ein

Der Blick auf die eigentümliche Figur des Covers ist noch unvollständig: Nur halb zu sehen, halb Mensch, halb Wildkatze in Auge und Stirn, klemmen zwischen den feingliedrigen Händen des Leopardenmenschen Notizzettel. Damit ist der Hinweis gegeben auf den bekannten Satz Kafkas, den übrigens der große Literaturkritiker Michael Maar, gewissermaßen als Paradigma des ewigen Enigmas, 2007 in Leoparden im Tempel zum Buchtitel und Aufhänger seines Essays über den privaten Franz Kafka gemacht hat.

Leoparden brechen in den Tempel ein und saufen die Opferkrüge leer; das wiederholt sich immer wieder; schließlich kann man es vorausberechnen, und es wird ein Teil der Zeremonie.

Diesen Fetzen Kafkas, der mit seiner klangvoller Genialität auch sprachlich hervorsticht innerhalb einer zurückhaltenden und wenig blumigen Romansprache, die sich erst im Ganzen entfaltet, überlässt der ahnungslose Prager Schriftsteller, den Benjamin für den gesuchten Agenten Trotzkis hält, dem verwirrten Jüngling, der von Kafka seinerseits für einen Journalisten gehalten wird. Ratinho bemüht sich fieberhaft um die Entschlüsselung dieses ›Geheimauftrags‹, und die sich entwickelnde Handlung entbehrt weder des Ernstes noch der Komik: Die kafkaeske Leichtigkeit ist erfunden …

Skurrile Exegese auf den Spuren literarischer Leoparden

Ratinho wird zum Opfer des wortgetreu verfolgten Schriftstücks: »All das kam Ratinho wie ein Symbol seiner eigenen aussichtslosen Situation vor. Verschlossene Türen, unentwirrbare Rätsel. Der Tod auf der Lauer, erbarmungslos. Wo konnte er hingehen? Zu wem?« Benjamin sucht in Kafka vorrangig den Revolutionär – doch wird er gewarnt: »Vorsicht vor diesem Kafka! Er ist nicht das, wofür sie ihn halten.« Mit der beschriebenen Prager Begegnung von Kafka und Ratinho treffen sich quälerisch anziehende Gegensätze aufeinander: der jüdische, pragmatische, politische und der ästhetische, intellektuelle Lebensentwurf. Literatur wird zum Lebensthema – ohne die Frage an Kafka zu unterschlagen, was diese verflixte Rätselei denn solle.

In Scliars Text bleibt die triebhafte Dimension dezent. Zur einzigen Frau in Benjamins Leben führt der Enträtselungsversuch des Leopardenmotivs. Ein mit ausgestopften Leoparden und goldenen Schalen dekoriertes Schaufenster zieht Benjamin in den Prager Juwelierladen und zu Berthe. Sie wird den seltsamen Fremden vermutlich für einen Dieb halten, es nistet sich aber in Ratinhos Kopf die Idee einer Lebensgemeinschaft mit ihr ein. Die zwischenmenschlichen Beziehungen Benjamins, sei es zu Jossi, Berthe oder Kafka: Alle stehen sie im Bann des Leitmotivs. Die Stärke der Erzählung des Brasilianers, die sich um Kafkas Leoparden im Tempel dreht und wendet, liegt im feinen und reichen Geflecht an Verweisen und Möglichkeiten. Bei Scliar entfaltet sich ein intertextueller Diskurs, der sich mit den warnend gedachten Worten des Rabbiners fassen lässt: »Und genau das ist Literatur, eine unkontrollierbare Angelegenheit.«

Politik und Judentum

Freilich steht der Roman so auch ein für das Phantastische oder Absurde der brasilianischen Literatur und für die Scliarschen Themen von Außenseiter und Gesellschaft. Hinzu kommt, wie es Michael Kegler in seinem Nachwort herausstellt, das »jüdische Element«: eine Novität in der brasilianischen Literatur, deren Originalität Scliar beansprucht. Kafkas Satz vom Einbruch der Leoparden in den Tempel – unbedingt auch Chiffre für eine religiöse Dimension – weist für ihn auf ein Unbehagen in der Kultur und insbesondere in der conditio judaica, und im Weiteren hin auf die nationalsozialistischen Ungeheuerlichkeiten.

Der erste Fluchtpunkt von Benjamins exegetischen Versuchen ist die Synagoge, das erfolglose Gespräch mit dem Rabbi, »Wir Juden lieben Wortspiele.« Thora und kommunistisches Manifest verbinden sich auf eigentümliche Art. Also legt Benjamin in der Synagoge die Worte des Schames aus: »Kafka schien ihm ein guter Name zu sein für einen Revolutionär: Dieses doppelte K stand für Entschlossenheit, Hartnäckigkeit. Wie das T in Trotzki, dessen Name ja übrigens auch dieses K enthielt.« Die politische Thematik prägt auch Scliars Leben; Michael Kegler verweist auf die Mitgliedschaft in einer zionistischen linken Gruppierung und die intensive literarische Auseinandersetzung des Autors mit dem Scheitern der linken Utopie. Geschilderte Einzelheiten wie der Umgang des Polizisten mit der ungefährlichen und daher vermeintlich unbrauchbaren Kafka-Handschrift und die undramatische Selbstverständlichkeit von Folter und Gewalt weisen auf die, von Scliar mit ironischer Resignation gesehene, realpolitische Situationen Brasiliens, wobei die Romanereignisse mit dem Jahr 1965 auf eine Zeit vor den schärfsten Gesetzen der von 1964–1979 herrschenden brutalen Militärdiktatur und -Zensur datieren. Schließlich überlässt Ratinho die wertvolle Kafka-Handschrift, deren Inhalt er verinnerlicht hat, dem Polizeibeamten als »nutzloses Papier« der Vernichtung und rettet damit – und mit dem Bestechungsgeschenk eines selbstgeschneiderten Anzugs – seinen inhaftierten und gefolterten Freund Jaime. Am Ende des Lebens träumt sich Ratinho in den Tod mit dem Wissen: Er hat die Leoparden besiegt. In seinen Tempel brechen sie nicht mehr ein, der kafkaeske Schicksalsspruch hat ihn auf eigenwillige Art zum Lebensretter und Revolutionär gemacht. Das Ende kann auch als Hinweis auf die beendete Militärdiktatur verstanden werden und weitere Interpretationsansätze anstoßen: Von einer naiven Trotzki-Idealisierung kommt der unheroische Held in einer literarischen Odyssee nebenbei zu einem Verständnis der Kafka-Worte und wahrem Heldentum, indem er mit autonomer List für seinen Freund eintritt.

Die eingangs erwähnte Gouache-Zeichnung lässt sich im Anschluss an die Lektüre des Nachworts nochmals betrachten: eine phantastisches, hybrides Wesen, gelungen und irgendwie allzumenschlich.

Moacyr Scliar: Kafkas Leoparden. Aus dem brasilianischen Portugiesisch von Michael Kegler. Düsseldorf: Lilienfeld 2013. 144 S. 18,90 Euro. ISBN 978-3-940357-31-1


 

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