»und ich male mir aus, was vorher noch dastand«

Auch das zweite Album der Schweizer Band Schöftland ist eine abwechslungsreiche Bilderreise

Ein unbeschriebenes Blatt oder – um auf die Texte von Floh von Grüningen anzuspielen – eine unbemalte Leinwand, sind Schöftland nicht mehr, auch wenn viele das denken können, da sie die Band bislang noch nicht wahrgenommen haben. Doch ihre vielgelobte erste Langspielplatte Der Schein trügt hat einige Erwartungen geweckt. Allein die Vielseitigkeit dieser Platte aus dem Jahr 2010 hat die Latte sehr hochgehängt und ein wenig stellte sich die Frage, was kann danach noch kommen?

So ist auf Schöftland, der selbstbetitelten Platte der fünf Schweizer eigentlich wenig wirklich Neues zu entdecken, denn sie machen da weiter, wo sie vor drei Jahren aufgehört hatten. Auch auf ihrem zweiten Longplayer spielen sie einen vielschichtigen Deutschrock, dem man anmerkt, daß einige der Musiker um den Sänger und Maler Floh von Grüningen ihr Instrument wirklich studiert haben. So bricht in den ruhigen Opener »wenn es läuft« eine postrockige Gitarrenlärmwand, die die musikalisch brave Idylle, die den Hauptteil des Liedes prägt, erst schön und rund macht. Wie in dem ersten Song wechseln sich auf der Platte ruhigere Titel (»schlaf ruhig ein«) mit rockigeren (»der Graf«) ab.

Ein Lied wie ein Bild
In dem ruhigeren Stück »Weissenbühl« finden die Talente des Texters Floh von Grüningen mit seinem Zweitberuf als Maler vollkommen zusammen:

der lautsprecher sagt
weissenbühl
und ich steige aus
denn ich wohne hier
ist endstation
und hier ist anfang
zuerst fällt schnee
und dann der Vorhang

[...]
es ist alles weiss
wie eine leere leinwand
und ich male mir aus
was vorher noch da stand

Nach und nach wird beschrieben, »was vorher noch da stand«, untermalt von einem Waldhorn, was die Idylle unterstreicht und das Bild einer verschneiten Landschaft, in der kaum noch etwas zu erkennen ist, verstärkt.

»aber sicherheit gibt’s nicht«
Während das Vorgängeralbum Der Schein trügt bisher eine lange Halbwertszeit bewies und auch nach mehrmaligem Hören noch ein Gewinn ist, stellt sich die Frage nach dieser nun vor allem bei den politischen Titeln »sicherheit« und »wegwerfen ist besser«. Als politische, gesellschaftskritische Lieder fallen diese aus dem, was Schöftland bisher auf Platte veröffentlichten, etwas heraus.  Bei politischen Songs ist oft zu beobachten, wie schnell sie ihren Reiz verlieren. Einige Lieder von bspw. Franz Josef Degenhardt hört man heute vor allem mit einem Schmunzeln. Und doch gibt es immer wieder Titel, die plötzlich neue Aktualität gewinnen. Wie lange »sicherheit«, das sich ironisch, und auch Verständnis zeigend, mit dem Sicherheitswahn unserer Zeit beschäftigt, aktuell bleibt, ist abzuwarten. Sollten wir einmal wieder einen etwas lockereren Umgang mit der ständigen Unsicherheit, die uns in Zeiten des  globalen Terrors immer umgeben wird, finden, wird es vor allem als Zeitdokument einen Wert behalten. Degenhardts  »Die guten alten Zeiten«, das einst gegen einen möglichen Atomkrieg geschrieben, nach dem Reaktorunfall in Tschernobyl eine neue traurige Realität bekam, beschied ein eher seltenes Schicksal. Anders verhält es sich bei dem etwas rührselig beginnenden »wegwerfen ist besser«, das sich mit der immerwährenden Wegwerfgesellschaft beschäftigt. Sätze wie »wenn ich mir was neues kauf/ mach ich mir neue sorgen« gehen doch weit über den politischen Aspekt hinaus.

Einziges Wermutströpfchen des Albums ist die mitunter etwas unsichere Intonation des Sängers. Bemerkbar ist das vor allem im Vergleich zu Liedern, bei denen die Töne wirklich sitzen. In dem wütend rockigen »wenn du nicht wärst« oder dem ebenfalls lauteren »der graf« brüllt Floh von Grünigen und überwindet diese Schwäche scheinbar ohne Probleme.

Gesamtkunstwerk
Wenn der Sänger und Texter einer Band Maler ist, lohnt es oft auch über die Gestaltung zu sprechen.  In Zeiten, in denen zwar vielleicht der Download vorbei am Geldbeutel nicht mehr so oft stattfindet, hat doch die mp3 ihren Siegeszug noch nicht beendet. Doch mit dem aufwendigen Digipack im Format einer DVD Verpackung setzen die fünf jene Akzente, die schon auf den ersten Blick zeigen, daß es lohnt, etwas mehr Geld auszugeben und das Album eben nicht in gepackter und auch klanglich reduzierter Form im Internet zu erwerben. Alle Bandmitglieder hat Floh von Grünigen für das großformatige Booklet portraitiert. Die Gestaltung ist rund, jeder Text bekommt eine eigene Seite und so ist das Album nicht nur musikalisch ein Genuß!
Schöftland: Schöftland. Chop Records Bern 2012. Ca. 20 Euro.

 


 

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