»Weiß nichts von mir selbst«

Don Karlos und der Rest – das Elend des Truges und die Demut des Todes

Eine der treffendsten Fragen, die man an Friedrich Schillers Don Carlos stellen kann, lautet noch immer: Warum benannte Schiller das Stück ausgerechnet nach ihm? Je nachdem, wie man diese Figur interpretiert, als verwirrter mutterliebender Hitzkopf oder gescheiterter Hoffnungsträger, in keinem Fall und Augenblick des Dramas ist er eine der handlungstreibenden Personen. Aber was ist er nun? Eben doch der Wichtigste: Parabel, Leidender, Erlöster, Liebender, Hassender und vom Schicksal Berufener – die Haut des Dramas, die Haut des Menschlichen.

Szenenfoto aus »Don Karlos« – © Thilo Beu
Szenenfoto aus Don Karlos
(Foto: © Thilo Beu)

Die Bonner Kammerspiele unternehmen von Zeit zu Zeit den Versuch, des Schillers habhaft zu werden, und diesmal ist Don Karlos (man beachte die Schreibvarianten) dran. Sehen wir mal vom Blick in den aktuellen Lehrplan ab, der den Finanzbuchhalter inspirieren könnte, so taten die Kammerspiele mit dieser Wahl durchaus einen guten Griff. Es ist ein trügerisches Stück, ein Historiendrama der Täuschung, Verwechslung, der Intrigen und mentalen wie mortalen Verstrickungen. Der Titel kündigt es bereits an. Anders als bei Maria Stuart oder Johanna von Orleans konstruierte Schiller um die ehemals reale Gestalt Carlos‘, des Sohnes Philipp II. von Spanien, eine irreale Geschichte. War der historische Carlos ein bösartiger, manisch debiler Wahnsinniger, erfand Schiller mit seiner Bühnenfigur einen der gutgläubigsten, die Wahrheit und die Menschen liebenden Philantrophen, dessen Wahnsinn ausgerechnet in seiner unbändigen philosophischen und amourösen Hingabe an das Gute und Schöne liegt. Doch Wahnsinn richtet hin.

Vielleicht eher unbeabsichtigt steht in der Inszenierung von Stefan Heiseke tatsächlich Carlos und nicht der vielbewunderte, hochumschwärmte und starkbeklugte Marquis von Posa im Zentrum der Wiedergabe. Vielleicht liegt es eher an der ungefesselten, juvenilen Darstellungskraft Arne Links, als zotteliger Herumtreiber im Vorzimmer des bürgerlichen Chefetagenheims, Ingrimm und Entsetzen zu zeigen. Dagegen bleibt Posa (Volker Muthmann) ein dünn erleuchteter Lampenschirm des Gelsenkirchner Barocks, bei weitem nicht jener Geben-Sie-Gedankenfreiheit-Poser der Aufklärungsenthusiasten. Und dies ist eine sehr bedauerliche Schwäche, besteht doch gerade die Stärke der Inszenierung in der Zurücknahme der sonst so üblichen durchregierenden Mittel des discounterhaft auftretenden Regietheaters. Zurückhaltung, Wirkung, ja Durchschlagswucht des Textes – Schiller rein, dicht, intensiv wie schon lange nicht mehr. Steif, gebändigt, ritualisiert, petrifiziert tritt der Hofstaat in bloße Erscheinung. Bernd Braun spielt den Philipp nicht nur, er ist es fast, verkündet rundum gestisch: Sehet her, ich bin der König, ich bin eine grau lackierte Holzpuppe. Dem steht fürwahr Herzog (York Dippe) von Alba, Freund und Feldherr Philipps in nichts nach, außer eben in dem dippesten seiner Erscheinung. Und so nimmt die erste Hälfte der Vorstellung ihren Verlauf, schnell, rasend, intensiv und zutiefst kathartisch. Der unterdrückte Vaterhass, die kaum verhohlenen Muttertriebe Carls beschwören ebenso den kommenden Untergang herauf wie die human-sentimentalen Einflößungen Posas in die naive Seele des Prinzen, sich berufen zu fühlen, die flandrischen Provinzen vor der Härte des spanischen Imperiums zu retten. Wie sich wenden, wie sich drehen, was kann er tun, der Thronprätendent, der offensichtlich seiner künftigen Aufgabe nicht gewachsen sein wird. Denn mit Liebe erhält man keine Macht über Ländereien und Tausende von Individuen, das weiß jedoch sein König-Vater. Der Muthmannsche Posa ist daher auch vielmehr ein Mephisto, ein Verführer, selbst ein Irrgeleiteter und ein Verräter, der mit dem Hammer der Kantschen Philosophie lamentiert. Und er ahnt es und weiß doch nichts. Er ist der Gefährliche, nicht Prinzessin Eboli, die nur ein Opfer ihrer Enttäuschungskabale wird. Nicole Kersten gibt die Eboli, gibt sie dem Publikum, gibt sie den tragischen Machinationen, dem Opfertod hin in feinen synkopischen Miniaturen über sich inbrünstig Sehnen und schockiertes Irren. Mit passivem Schaudern muss sie dem Übel beiwohnen, das sie erzeugte. Dem kann sie schließlich ebenso wenig entfliehen wie Carlos seiner Raserei. Entgegen der Vorlage lässt Heiseke sie vom idealverdorbenen Posa schussgewaltig unter die Erde bringen.

Szenenfoto aus »Don Karlos« – © Thilo Beu
Szenenfoto aus Don Karlos
(Foto: © Thilo Beu)

Aufgedröselt werden in den Kammerspielen all die Kraftlinien, die die Figuren spinnen, die sie auslegen wie Texte und Fallstricke und von denen sie hoffen, der andere verfängt sich darin, um sich zu laben am eigenem Ruhm. Doch ein jeder redet nur für sich, am anderen vorbei. Carlos und Eboli nur von der Liebe, die Königin von ihren Zwängen, König, Posa und Alba von der Macht. Unberührt denken und interpretieren sie sich selbst und verfehlen dabei in jener Hypertrophie des Individuums die Freiheitsbedrängnis allen Daseins auf Erden. Zu all dem entwirft das kongenial zu nennende Bühnenbild von Ariane Salzbrunn ein immerzu bewegliches Labyrinth aus derrickhaft hölzernen Wänden. Mittelständischer Firmensitz oder Königspalast, diese Unterschiede sind nur eine Illusion. Umlaufende Spiegel in den immer neu gruppierten Raumengen, Nischen und Durchlässen verbergen das Vexierspiel, vergrößern es, leiten es um in den alles verschlingenden Hochmut der Selbstüberschätzung. Zugleich dräut von jeder Seite das Urteil der ewigen Vernunftgesetze, dass jedes Tun und jedes Lassen nicht aus der selbstverschuldeten Unmündigkeit einen Ausweg bietet.

Leider hält die Inszenierung dieses Niveau nicht bis zum Ende durch. Mit dem zweiten, dem ersten Teil an Länge ebenbürtig, verliert sie ihre Frische und Genauigkeit. Man möchte meinen, Heiseke sei das Stück entronnen, wird es konfus, langatmig und unausgeschöpft. Der zentrale Dialog von Philipp und Posa geht schlicht unter, ist nicht jener Höhepunkt moralischer Reflektion über Macht, Verantwortung und der Geltung der präponierten Eigentümlichkeiten eines jeden. Heiseke scheint sich dieser Entdeutlichung bewusst zu sein, klappert das Bühnenbild nun in immer schnellerem Rhythmus in abwechselnden Raumkonstellationen, deren offenbarer Sinn sich nicht in der Unterstreichung der Darstellung, sondern im Bewegungsmachen erschöpft. Augenscheinlich werden dabei allerdings dramaturgische Fehler, die Schiller sich selbst zu schulden kommen ließ, insbesondere das einzigmalige Erscheinen des Großinquisitors in der vorletzten Szene, der Richter ohne Vergangenheit, doch mit der Zukunft jenseits des Endes. Hier hätte man in der zum Glück nur vorsichtig bearbeiteten Fassung durchaus stärker den Stift zum Streichen ansetzen können. Sah man bislang der Täuschung kalte Hand, so spürt man sie zum Schluss auf der eigenen Schulter – weckt das Gruseln wieder auf, die Schüler allemal. Don Karlos. Infant von Spanien. Ein dramatisches Gedicht von Friedrich Schiller. Theater Bonn – Kammerspiele Bonn. Premiere: 24.10.2008. Weitere Vorstellungen: 9., 19., 20., 28. und 29. November und 12., 13., 27. und 30. Dezember 2008.

Fotos: © Thilo Beu

 

 

Spendenaufruf

Die »Kritische Ausgabe – Zeitschrift für Literatur im Dialog« sowie das Online-Magazin wird von einer jungen, ehrenamtlichen Redaktion betreut. Bitte helfen Sie uns mit einer Spende, mit unserer Arbeit weiterzumachen.

Detaillierte Hinweise für Spenden finden Sie im Impressum.

Wenn Sie mögen, können Sie uns auch ganz einfach unterstützen, während Sie online einkaufen, einen Flug oder Ihren nächsten Urlaub buchen – ohne, dass es Sie mehr als ein paar zusätzliche Mausklicks kostet. Wenn Sie vor dem Einkauf bzw. der Buchung über nachstehenden Button zu einem Online-Shop gehen und dort dann wie gewohnt einkaufen, bekommt die »Kritische Ausgabe« automatisch eine kleine Spende von etwa fünf Prozent des Einkaufswertes gutgeschrieben. Ihnen entstehen dadurch garantiert keine Mehrkosten!

Vielen Dank für Ihre Unterstützung!