»You know I changed my ways forever«

Maximo Park melden sich mit ihrem zweiten Album poppiger zurück

Maximo Park: Our earthly pleasuresVor zwei Jahren wiederholte sich das Phänomen in der Musiklandschaft, dass Bands, die eigentlich nicht für die Massen bestimmt schienen, unerwartet hoch in den Charts aufstiegen. Jene Bands, wie die Kaiser Chiefs, Franz Ferdinand, Bloc Party oder auch Maximo Park, deren Stil man mit dem Sammelbegriff ›Independent‹ zu beschreiben versucht, schafften es, gleichermaßen Presse und Publikum zu begeistern. Ihre Debüts strotzten von kraftvollen Arrangements sowie intelligenten Texten und verrieten ein großes Potential. Doch nach der anfänglichen Euphorie über diese Welle stellte sich die Frage nach möglichen Weiterentwicklungen. Was kann noch nach derart großartigen, ersten Platten folgen? Bloc Party veröffentlichten im Frühjahr dieses Jahres mit A Weekend in the City einen souveränen Nachfolger und konnten sich damit ein Stück weit in der Rockmusiklandschaft etablieren. Anders verlief es für die Kaiser Chiefs und Franz Ferdinand. Letztere übernahmen sich mit ihrem Nachfolgealbum und brachten einen unstrukturierten Nachfolger heraus, während die Kaiser Chiefs gar keine Entwicklung aufwiesen und sich auf ihrem bereits bestehenden Ruhm ausruhten. Mit A certain trigger brachten Maximo Park vor zwei Jahren ein Album auf den Markt, auf dem sie ihre angestaute Wut und Frustration in die Welt schrieen und sich damit direkt in die Herzen der Fans sangen. Ihre Konzerte waren nahezu perfekt: Wenn Frontmann Paul Smith die Bühne betrat und unter anderem durch waghalsige Luftsprünge das Auditorium unterhielt, glühte die Atmosphäre. Gegründet wurde die Band 2003 und besteht aus Duncan Lloyd (Gitarre), Archis Tiku (Bass), Tom English (Schlagzeug), Lukas Wooller (Keyboard) und Paul Smith (Gesang), der als letzter zur Band stieß. Nachdem ihr erstes Album 2005 mit Lobgesängen überhäuft wurde, veröffentlichten die fünf Musiker aus Newcastle noch im gleichen Jahr mit Missing Songs B-Sides und Demos. Auch hier zeigte sich, dass von der Band viel zu erwarten war. Jetzt, zwei Jahre später, erschien mit Our earthly pleasures ihr zweites reguläres Studioalbum. Was hier im Vergleich zum Ersten geblieben ist, sind die markante Stimme von Smith, der 80iger Keyboardsound von Lukas Wooller und die Treue der Band zum Gitarrenpop. Trotz dieser Merkmale ist die neue Platte ruhiger und poppiger ausgefallen. Doch ist das allein schon ein Zeichen für eine Weiterentwicklung? Der Wut, die sich durch das gesamte Debütalbum zog, sind vor allem Themen über Liebe und Leidenschaft gefolgt. Nahezu jedes Lied ist thematisch hier einzuordnen. Smith sagt in der offiziellen Pressemitteilung, dass es auf dem Album Songs um Bauhaus-Künstler, Treffen in Bibliotheken, Tod und Verabredungen, abgegebene Versprechen, Soldaten in fernen Ländern, Mädchen, die Gitarre spielen, Ökologie, Erinnerungen und Gegenwart sowie natürlich auch um verlorene Liebe gehe. Dass neue Album zeige zudem »a modern day doomed youth«. Um dem doch ewig diskutierten Thema Liebe eine Melodie zu verpassen, entschieden sie sich für langsamere Rhythmen. Das Keyboard bleibt, wird aber öfters durch ein klassisches Piano ersetzt. So zum Beispiel in Russian Literature, in dem es melodiebestimmend mitwirkt. Trotz dieser Entwicklung ist die frühere Energie nicht verschwunden sondern umgelenkt worden. Die Stimme von Smith bleibt liedbeherrschend, auch wenn er in The Unshockable die Zeilen »The lines of transport forge their way through towns/ The moods of transport forge their way through towns« nach einem prägnanten Schnitt in der Melodie beinahe flüstert. Wie gelungen das Album ist, wird erst nach mehrmaligem Hören deutlich. Erst dann erkennt man die Weiterentwicklung. Die Lieder sind zwar ruhiger geworden sind, doch bemerkt man schnell, dass Maximo Park sich selbst treu geblieben sind und weiterhin großen Wert auf die Entfaltung der Kreativität in ihren Zeilen legen. In dem melancholischen Karaoke plays heißt es »You know I changed my ways forever/ the North Sea crashes through your dreams as I leave«. Auch bei der ersten Singleauskopplung Our Velocity ist trotz der tanzbaren Melodie der Text beachtenswert: »I’ve got no one to call/ in the middle of the night anymore/ I’m just alone with these thoughts«. In Parisian Skies spielen sie ebenfalls mit den Möglichkeiten der englischen Ausdrucksweise: »Parisian skies/ Shadows beneath your eyes, all we have is now, and the arc of you brow/ You came to leave these shores, You had an inkling in your pores./ We came to bit farewell, the tears began to swell.« Wie auch im ersten Album ist der Albumtitel aus einem der Texte entnommen. Bei A certain trigger aus dem Lied Once, a glimpse: »All I need is a certain trigger/ The path you take will never make you happy». Auf Our earthly pleasures stammt der Titel aus »Russian literature«: »Our earthly pleasure distract us against our will/ Are you hopeful or just gullible?« Solche Verschmelzungen runden die Alben ab. Our earthly pleasures ist ein wunderbares zweites Album. Maximo Park sind nicht mehr nur die Newcomer, die ihrer Enttäuschung und Wut freien Lauf lassen, sondern sie zeigen deutlich, dass ihr Repertoire an Möglichkeiten darüber hinaus noch nicht erschöpft ist und sie nicht nur als Eintagsfliegen in die Musikgeschichte eingehen. Zwar sind Maximo Park ruhiger geworden, haben aber ihren Stil verfeinert. Zwei großartige Studioalben innerhalb von zwei Jahren zu produzieren ist eine Leistung, die leider nicht jede viel versprechende Band erbringt.

 

Maximo Park: Our earthly pleasures. WARP/Rough trade, 2007. Ca. 42 Min. Spielzeit, ca. 15,- Euro.

 

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