»Zum Verschweigen oder Verstellen bin ich viel zu faul«

Gilt der Prophet im eigenen Lande nicht auch immer ein wenig als verrückt? Nicht, dass Reinhard Mey im Lande nichts gelten würde, aber ein seltsamer Mensch ist er doch schon. Seit vier Jahrzehnten veröffentlicht er regelmäßig seine Studioplatten mit Liedern über sich und die Welt (Gott klammern wir bei ihm lieber mal aus) und stellt seine Lieder für diesen, dann wieder für einen anderen guten Zweck neu zusammen: Mal Kinderlieder für die Kinderkrebshilfe, mal Tierlieder für ... - und dazu immer wieder ein Livealbum, er alleine auf der Bühne, dazwischen erzählt er gern ein bisschen und wirkt vor allem immer eines: Sehr nett! Da hilft es nicht, dass er seine Wut in seine Lieder packt, sich „Heimatlos“ fühlt im „Land, in dem man angeblich deine Sprache spricht“, weil das Radio „die immer gleiche Meterware“ dudelt, oder dass er erzählt, wie er beim Abtrennen des „Etiketts“ den Pullover zerstört. Ihm hat man das Etikett aufgeklebt „der Kerl ist nett“, und so sehr er sich auch bemüht: es wird mit ihm doch auch immer wieder belächelt.

Ein paar Schritte zurück

Dabei ist es gar nicht so verkehrt, mal ein paar Schritte zurück zu gehen, zu schauen, wo kommt dieser Mann her und wer ist er wirklich. Schließlich kann in seinen Liedern ja jeder über sich erzählen, was er will, es muss ja nicht gleich die Wahrheit sein. Diesen Schritt zurück ist er mit Bernd Schröder gegangen. Wenn es auch stilistisch nicht ganz so geworden ist, wie sich das ein Buchmensch wünscht, muss man doch letztlich auf das Ergebnis schauen: Es ist vielleicht sogar ehrlicher, dass das Buch Was ich noch zu sagen hätte, das auf seiner Internetseite als Biographie angekündigt wurde, als ein langes Interview daher kommt. Eben nicht als das, was man sich üblicherweise unter einer Biographie vorstellt. Reinhard Mey hat tatsächlich schon vieles erzählt. Vielleicht sind zum Beispiel seine Eltern in seinen Liedern sogar deutlicher beschrieben, als er das im Gespräch kann. Hier werden eher Hintergründe zu Situationen dargestellt, die Eingang in seine Lieder gefunden haben. Das Elternhaus, der aus der Gefangenschaft zurückkehrende Vater, die eigenen Kinder. All das wird hier noch einmal zusammengefasst, so wie es wirklich wahr war und nicht nur Dichtung ist. Den Glanz des großen Poeten hatte er schon vor diesem Buch irgendwie verloren. Zu nah ist die Person hinter den Liedern, zu angreifbar wirkt er, kurz: zu menschlich. Da wirkt manches auch einfach peinlich und unnötig, wie die Versuche auf seinen Studioplatten, modern zu sein, was auf der Bühne schon ganz anders klingt, besser, ehrlicher, gekonnt und nicht nur gewollt. So ist Reinhard Mey der einzige Künstler, dem man verzeihen kann, dass er mittlerweile zwischen jede zweite Studioplatte auch eine Liveplatte schiebt und damit sicherlich noch mal ein kleines Extrasümmchen verdient. Ohne große Arrangements auf der Bühne ist er immer noch am besten: Das „Stück Musik von Hand gemacht“.

Dabei sprechen Mey und Schröder eigentlich recht wenig über Musik. Der Mensch und sein Umfeld ist Mittelpunkt des Interviews. Da werden die mittlerweile erwachsenen Kinder befragt, soweit sie gerade auch mal im Haus rumspringen, seine Frau zu Wort kommen gelassen und der gute Freund Klaus Hoffmann darf auch mal erzählen. Meys Karriere wird in Stichpunkten zu Beginn einiger Kapitel aufgezählt und die wichtigsten Ereignisse im Gespräch vertieft. So erfährt man etwas über seine französischen Erfolge und seinen niederländischen Kurzerfolg, über seine Anfänge in Berlin, auf der Burg Waldeck. Aber auch immer wieder über sein Berlin, seine Flugbegeisterung und seine Familie. Aufgelockert ist der Text mit Liedtexten und Photos. Längere Zitate aus einzelnen Liedern, die während des Interviews fielen, verdeutlichen, dass Biographie und Liedtexte bei Mey oftmals starke Parallelen aufweisen.

Eigentlich ist klar, dass Analyse in einem solchen Gespräch völlig fehlen muss. Meys Karriere kann in einem Gespräch mit ihm selbst nicht weiter hinterfragt werden. Kritische Töne müssen ausgeklammert bleiben und die Frage nach dem einzigen „Skandal“ seiner Karriere, die Diskussion um den „Gartennazi“-Leserbrief im Zusammenhang mit rasenmähenden Syltbewohnern ist auch nur eine Anekdote unter vielen. Dass Reinhard Mey einer der bedeutendsten Künstler der Bundesrepublik ist, muss außen vor bleiben, ebenso wie die Frage, wieso dies so ist. Die Chronologie geht ein wenig verloren, was aber angesichts des beibehaltenen Gesprächscharakters verzeihlich ist. Leider wird es aber zwischendurch schlichtweg langweilig. Muss er wirklich so viel über das Fliegen erzählen? Immer wieder auf Berlin kommen? Sicher, es sind Themen seiner Lieder, aber hätte uns nicht auch ein wenig mehr interessiert, wie er zum Beispiel zu Europa steht, wo er danach doch auch gefragt wird. Ihm ginge die Vielfalt verloren, und mit der Anekdote, dass er an einer Tankstelle in Dänemark keine landestypischen Süßigkeiten bekommen habe, beschreibt er dies. Landesspezifisches Benzin hätte seinem Auto wohl auch nicht geschmeckt. Für jemanden, der erzählt, wie unwohl er sich fühle, sich in einem Land nicht für etwas bedanken zu können, der mal eben Griechisch lernt, Französisch akzentfrei spricht und auch, wie schon erwähnt, in den Niederlanden in der Landessprache Erfolge feierte, enttäuscht diese kurze Antwort. Aber vielleicht sind ihm die europäischen Dinge zu selbstverständlich. Die frühe Freundschaft zu einer französischen Familie, die er von seinen Eltern kannte, der Wille, nie wieder Krieg zuzulassen, den er von seinen Eltern mit auf den Weg gegeben bekam, liegt vielleicht zu nahe an den Gründungsgründen der EU, als dass ihm zum Thema Europa mehr einfiele. Letzten Endes zeigt sich nämlich in dem Buch: Mey ist ein Europäer, vielleicht ist da der Rest wirklich herzlich egal, vielleicht sogar ein Stück weit Aufgabe der Kunst, sich nicht vor jeden Karren spannen zu lassen. Denn einen Beitrag zur europäischen Kulturbildung hat er allemal geleistet, indem er den Unterschied, der zwischen all den Ländern der wohl größte ist, überwunden hat und seine Lieder ins Französische übersetzte. Wofür Brel Hoffmann brauchte, Brassens Degenhardt, die aus dem Französischen übersetzten, brauchte Mey nur sich selber. Das ist längst mehr als nur ein Anfang, um eine europäische Kultur zu bilden.

Reinhard Mey (mit Bernd Schröder): Was ich noch zu sagen hätte. Köln: Kiepenheuer und Witsch, 2005. 303 Seiten. ISBN: 3-462-03622-X. 19,90 Euro.

 

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