Über die Opfer

Keine Täter ohne Opfer, an die Manfred Poser nun erinnert, weil sie allzu oft ausgeblendet werden

Eine Handvoll nur kam 1945 aus den Nazi-Lagern zurück, verwundert und beschämt über ihr Weiterleben und noch nicht richtig da. Sie liefen herum und blieben Schatten; niemand wollte ihre Geschichten hören. Giorgio Bassani (1916-2000), der Ferrareser Chronist, schrieb über den Mauthausener Rückkehrer Geo Josz, der nach dem Krieg »wie die Pest« gemieden wurde: »Als Memento unbewältigter Vergangenheit wird Geo Josz auf grotesk tragische Weise zum zweiten Mal das Opfer kläglicher Gesinnung einer Gesellschaft, die jeweils den zum Außenseiter abstempelt, der ihre verlogene Selbstgerechtigkeit und feige Indifferenz entlarven konnte.« Nicht nur die Überlebenden des Holocaust, sondern auch die Exilanten und Antifaschisten stießen unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg auf feindseliges Schweigen. Der erste Auschwitz-Prozess in Frankfurt fand erst 1963 statt. Zögerlich wurden danach detaillierte Berichte in Buchform veröffentlicht, und Primo Levis Werk erfuhr allmählich Verbreitung. Vor einem halben Jahr meldete sich eine Studentin aus Bergamo bei mir, die eine Arbeit über Levis Wirkung in Deutschland schrieb. Das alles ist ja schon lange her, und typischerweise war die Studentin auch ein älteres Semester und hatte ihr Arbeitsleben schon hinter sich. Jede Aufarbeitung der Untaten eines vergangenen Unrechtsregimes dauert lange – das war so in Argentinien, Chile, war so auch bei uns in Bezug auf den Nationalsozialismus und ist es noch immer in Bezug auf die DDR. Das ist ja alles so unangenehm, und der Bürger möchte lieber alles ordentlich vergessen und neu anfangen dürfen. Da ahnen viele Mitläufer, dass sie leicht zu Mitmachern geworden wären; die Mitmacher sehen ihnen ja so ähnlich, man kann sie fast verstehen – und wen man nicht so versteht, das sind die anderen, die Intellektuellen, die Linken: alle immer so negativ. Mich interessiert auch die Frage, wieso die Opfer doppelt bestraft werden und wieso die Guten manchmal nicht belohnt werden. Darauf kam ich durch eine Rezension im Juli-Heft der Zeitschrift a tempo (Freies Geistesleben, Urachhaus). Vorgestellt wurde das Buch Der Gerechte von Bordeaux mit dem Untertitel Wie Aristides de Sousa Mendes 30000 Menschen vor dem Holocaust bewahrte von José-Alain Fralon. Sousa Mendes (1885-1954) war portugiesischer Konsul in Bordeaux und unterschrieb im Sommer 1940 Tag und Nacht Tausende Visa, um bedrohten Menschen die Einreise nach Portugal zu ermöglichen, von wo aus sie auf Schiffen in die Neue Welt reisen konnten.

 

Aristides de Sousa Mendes (© Verlag Urachhaus)
Aristides de Sousa Mendes (1885–1954) – der Gerechte von Bordeaux (Foto und Umschlagabbildung mit freundlicher Genehmigung des Verlags Urachhaus)

 

Da heißt es: »Und die Reaktion in seiner Heimat? Unverständnis und Groll. Sousa Mendes wurde abberufen und für den Rest seines Lebens von der portugiesischen Regierung geächtet, nie wieder bekam er eine staatliche Anstellung.« Erst 1988, 34 Jahre nach seinem Tod, wurde er rehabilitiert. Das ließ mich an Varian Fry (1907–1967) denken, der für das amerikanische ›Emergency Rescue Committee‹ von August 1940 bis August 1941 Tausenden zur Flucht aus Marseille verhalf. Auch er bekam nur Probleme und wurde abberufen. Später, in den Staaten, suchte er Sponsoren, um Flüchtlingen aus Korea und Vietnam zu helfen, und auch hier stieß er nur auf Widerstände. Wie es in den biografischen Notizen zu seinem Buch Auslieferung auf Verlangen (Fischer Taschenbuch, 1995) heißt, starb er an »gebrochenem Herzen«. Ein Skandal! Gut, Sousa Mendes war Staatsbeamter und überschritt anscheinend seine Befugnisse. Da will man absolute Loyalität, und das Gute ist relativ. Auch Varian Fry störte den Ablauf der Dinge, so unglaublich das scheint. Dagegen muss man sich wenden. Der Schriftsteller muss nicht nur wahrhaftig sein (im Sinne der Literatur), sondern auch das Gute im Auge haben. Darum kann er nicht zulassen, dass die Guten ignoriert und die Opfer doppelt bestraft werden.

 

Es ist schwierig mit den Opfern

Allerdings soll der Schriftsteller auch gerecht sein und menschlich. Und es ist ja wirklich schwierig mit den Opfern. Niemand möchte etwas mit ihnen zu tun haben. Sie sind immer so traurig, und ein wenig schwingt der alte magische Gedanke mit, dass sie an ihrem Elend irgendwie schon selber schuld sein werden. Das Opfer könnte einen anstecken, meint man. Angenommen, jemand wurde überfallen und ausgeraubt: Da ist es schwer, zu trösten. Leichter ist es, das Opfer zu ignorieren. Wird sich schon jemand um ihn kümmern. Das Opfer erinnert einen daran, dass es Unglück und das Böse gibt. Damit will man nichts zu tun haben. Und die toten Opfer: Sie sind Namen, sind entschwunden, und so analysiert man lieber haarklein die Motivation der noch lebenden Täter, die ihren Opfern die Möglichkeit genommen haben, auf dieser Erde ihre Seele zu formen. Mit den toten Opfern kommt diese Gesellschaft überhaupt nicht zurecht, da es in den Medien der säkularisierten Gesellschaft einen stillschweigenden Konsens gibt, ein Leben danach nicht in Betracht zu ziehen. Ich war Anfang August in Tübingen, deshalb zwei Zeilen, die Friedrich Hölderlin über Die Entschlafenen schrieb: »Und lebendiger lebt ihr dort, wo des göttlichen Geistes / Freude die Alternden all, alle die Toten verjüngt.«

 

Friedhof in Apulien (Foto: Manfred Poser)
Die Häuser der Toten: Friedhof in Apulien (Foto: Manfred Poser)

 

Saint-Exupéry hat klar gesagt, dass wir für alles verantwortlich sind. Unsere Hand, die wir den Opfern reichen, ist nicht nur unsere individuelle Hand. Alle unsere Taten sind Handlungen in der Welt und Handlungen der Welt. Und der, dem geholfen wird, hilft dann wieder anderen. Dabei ist es fast schwerer, einem die Hand zu reichen, wenn man keine Zeit und eigentlich keine Lust dazu hat; es ist schwerer, als schnell etwas darüber zu schreiben. Wenn dann einer an der Strecke eine Reifenpanne hat und ich eigentlich dringend heim muss, entscheidet es sich. Oder wenn jemand im Zug angemacht wird und alle wegschauen. Trotzdem ist Schreiben wichtig. Ute Stempel hat in ihrem Nachwort zu der deutschen Ausgabe der Gärten der Finzi-Contini an eine Aussage von Bassani erinnert: »Die Dichter sind da, um zu gewährleisten, dass das Schreckliche und Ungeheuerliche nicht in Vergessenheit gerät. Eine Menschheit, die Buchenwald, Auschwitz und Mauthausen vergäße, kann ich nicht hinnehmen. Ich schreibe, damit man sich erinnert.« Und dazu, aus demselben Nachwort, ein Satz von Jorge Semprún, der im Juni gestorben ist: »Die Toten brauchen keine Fahnen, sondern unser Gedächtnis.« Aber noch wichtiger sind die Lebenden um uns herum. Sie brauchen unsere Hilfe mehr als unsere Worte, auch wenn Worte schon Hilfe sein können und ein guter Anfang.

 

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