Über die Täter

Manfred Poser wundert sich über Nazis, die mit vielen Morden auf dem Gewissen ruhig weiterleben konnten

Wie habe ich das letzte Mal geschrieben? »Mörder erklärten ihre Morde für nötig.« Man muss zunächst über die Täter sprechen, und so heißt auch ein 2005 erschienenes Buch von Harald Welzer, in dem SS-Männer zu Wort kommen. Die Täter in den Vernichtungslagern wurden in ihrer Mehrheit nicht zur Rechenschaft gezogen, und sie zerbrachen nicht etwa an ihren Untaten, sondern lebten nach dem Krieg ruhig ihren Alltag bis zu ihrem meist natürlichen Tod. Welzer schreibt: »Sie mordeten gewissermaßen nicht als Person, sondern als Träger einer historischen Aufgabe, hinter der ihre persönlichen Bedürfnisse, Gefühle, Widerstände notwendig zurücktreten mussten. Das heißt, sie mordeten mit Hilfe einer subjektiven Distanz von der Rolle, die sie ausführten.« Ein ehemaliger SS-Mann schilderte seinen Mord an einem Kleinkind nahezu als gute Tat, weil das Kind, da die Mutter schon erschossen worden war, alleine ohnehin nicht überleben hätte können. Für die Mitglieder der Einsatzgruppen, die schon Christopher Browning in Ganz normale Männer (1993) vorgestellt hatte, war es weniger unangenehm, Hunderte Menschen sozusagen im Akkord zu erschießen, als abzuwinken und aus der Gruppe auszuscheren. Die Einsatzgruppen im Osten töteten hunderttausende Menschen.

 

Kultur von rechts

Der Italiener Furio Jesi (1940-1980) hat in seinem Buch Kultur von rechts (1979) das nationalsozialistische Wüten in einen größeren Zusammenhang gestellt: »Begibt man sich von der Peripherie in das Zentrum der rechten Kultur in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts – von Bukarest nach Berlin –, so zeichnen sich langsam Strukturen einer Religion des Todes ab, unter die vermutlich auch die rituelle Judenausrottung als ›Gründungsopfer‹ für das neue Reich einzuordnen ist.« Die Geistesblitze des Nationalsozialismus hätten sich zu einem Bild der Angst zusammengefügt: Angst vor der »Vergiftung durch die Andersartigen, die aus dem Orient kommen, die Juden, die dem mystischen Orient – dem Mittelpunkt oder der Metapher des metaphysischen Mittelpunkts – näherstehen.« Das ist etwas sehr mythologisierend gesehen und auch fragwürdig, doch Jesi war Schüler von Karl Kerényi, dem großen Mythenforscher, und er liebte große Entwürfe.

 

(Foto: Manfred Poser)
Der ›Weg des Todesgewölbes‹ in Urbino (Foto: Manfred Poser)

 

Jesi erwähnt zudem, dass die Kultur der Rechten von einer Brutalität geprägt sei, »die ihren Apologeten ideologisch nicht sinnlos erscheint, solange sie sich mit einer undifferenzierten Vergangenheit begnügen, mit der sie Fetische bilden, die als unantastbarer Besitz verteidigt werden müssen: Männlichkeit und heldenhafte Kraft, Opfer bis zum Tode, Disziplin, Hierarchie, Vaterland und Familie«. Die Nazis verfügten laut Furio Jesi über eine besondere literarische Sprache. »Sie war zusammengesetzt aus Worten, die so weit vergeistigt waren und dem ›Materialismus‹ – ihrem Sündenbock – so fern standen, dass sie offensichtlich als Vehikel für ›Ideen ohne Worte‹ fungieren konnten.« Diese Ideen ohne Worte sind in langatmigen Ergüssen verborgen und so vage, wie Ideen ohne Worte sein können. Der Kampf gegen den Nihilismus, dem sich die Rechte verschrieb, wurde selber nihilistisch. Er leugnete die Wirklichkeit und missverstand dies als spirituell. (Jutta Ditfurth hat einmal über die Berührungspunkte zwischen Esoterik und rechtem Gedankengut geschrieben.) Der größte Wert der westlichen Zivilisation, das Menschenleben, ist dem Fanatiker nur noch eine Marke im Einsatz für einen großen Zukunftsentwurf. So opferten sich junge Soldaten freudig, und andere mordeten – aber »eher lustlos«, wie Adorno schrieb – im Dienste der Sache. Eine Umwertung der Wirklichkeit war geschehen. Die Welt da draußen war immer noch dieselbe wie vorher und doch nicht mehr: Unter dem Einfluss der Propaganda kamen labile Menschen zu dem Schluss, dass die Welt falsch sei und unterwandert; sie musste gereinigt werden, und wer es täte, wäre ein Held und noch dazu einer, der das Recht hätte, sich über die Schwere seiner Aufgabe zu beklagen. So wurde Selbstmitleid geäußert, indessen kein Mitleid mit den Opfern.

 

»Aus Gehorsam und vollster Überzeugung«
Eingang zu den Fosse Ardeatine in Rom (Foto: Manfred Poser)
Eingang zu den Fosse Ardeatine in Rom, wo die Nazis 300 Widerstandskämpfer hinrichteten (Foto: Manfred Poser)

Heinrich Himmler, Reichsführer-SS, bekannte am 5. Mai 1944: »Sie werden mir nachfühlen, wie schwer die Erfüllung dieses mir gegebenen soldatischen Befehls war, den ich befolgt und durchgeführt habe aus Gehorsam und vollster Überzeugung.« (Übrigens stand noch 1986, als ich bei der Deutschen Presse-Agentur in der Zentrale in Hamburg arbeitete, das Verb durchführen auf dem Index, weil die Nazis ihre Mordaktionen stets durchgeführt hatten.) Das Himmler-Zitat steht auf Seite 159 in Sebastian Haffners Anmerkungen zu Hitler (1978). Darin heißt es: »Diesen spezifischen Hitlerschen Judenhass kann man nur wie ein klinisches Phänomen konstatieren, denn das, womit Hitler ihn – erkennbar nachträglich – zu begründen versucht hat, also die jüdische Weltverschwörung zur Ausrottung aller ›Arier‹, ist deutlich nicht einfach Irrsinn, sondern paranoider Irrsinn.«

Verfolgungswahn ist ein missverständlicher Ausdruck. Man versteht darunter, dass sich Patienten verfolgt fühlen; aber in der Geschichte haben viele repressive Gruppen, die andere verfolgten, sich als arme Verfolgte dargestellt, manchmal nachträglich, manchmal vorher; es ist »das ›Déjàvu‹ jener verfolgenden Unschuld, der Einheit von Schuld und Lüge, wo die Tat zum Alibi wird und der Greuel zur Glorie ...« (Karl Kraus in Die dritte Walpurgisnacht). Manchmal ist Bevölkerungsgruppen (wie 1994 in Ruanda) eingeredet worden, sie seien Verfolgte und in Gefahr, sie müssten handeln ... Paranoia jedenfalls verzerrt die Wirklichkeit, und im Zusammenspiel mit dem Glauben an eine historische Aufgabe, ein notwendiges Opfer (der anderen), führt sie zur Entwertung aller Werte. Die paranoide Idee verdrängt das, was in der westlichen Gesellschaft der höchste Wert ist: das Menschenleben. Eine Entwirklichung setzt ein. Waren die SS-Wachmannschaften in Konzentrationslagern ganz normale Männer oder waren sie einige Jahre lang geisteskrank, bevor sie wieder ganz normal weiterlebten? Waren sie immer geisteskrank – oder immer normal? Es mag verständlich sein, Fehlhandeln vor sich selbst zu rechtfertigen, damit man damit weiterleben kann, doch vielfacher Mord ist nicht zu rechtfertigen; es zu tun, ist eine grandiose Lebenslüge, ethisch falsch, ist eine Monstrosität.

 

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