Übernatürlich, übersinnlich, intellektuell

Das Stockholmer Cullberg Baletten vertanzt die Faszination des Point of Eclipse

Eine leere schwarze Bühne, auf die ein Scheinwerfer einen Lichtkegel wirft. Eine blendend weiße Leinwand an der rechten Bühnenseite. Der Boden ist bedeckt von schwarz glänzenden Kunststoffschnipseln – eine geniale, reduzierte Bühne von Jens Sethzman. Die Tänzer, ebenfalls schwarz bekleidet, tanzen alle für sich, jeder scheint sich in seinem eigenen, ich-bezogenen Bewegungsablauf zu verlieren. Sie wirbeln die Schnipsel mit jedem Schritt ein wenig auf, wie Astronauten, die durch die verminderte Schwerkraft auf der Mondoberfläche leichtfüßige, aber stark verlangsamte Sprünge machen. Entweder die Zeit oder die Gravitation, oder beides, haben versagt. Die Tänzer trotzen jeder Physiognomie, biegen, krümmen, kneten ihre Glieder, wie besessen und völlig entrückt; und während sie das tun, scheint man eine seltsam verunsichernde Haltlosigkeit der Einzelnen zu spüren. Aus den Boxen dröhnt lauter, hypnotischer Elektro. Das Cullberg Baletten feierte 2007 sein vierzigjähriges Bestehen und hat anlässlich des Jahrestages sein Konzept grundlegend verändert. Johan Inger, seit 2003 sowohl künstlerischer Direktor als auch Choreograph, hat aufgrund der enormen Doppelbelastung seinen Direktorenposten aufgegeben und konnte sich so als Choreograph weiterentwickeln. In Point of Eclipse verzichtet er auf den erzählenden Tanz; ein anspruchsvolles Vorhaben, denn die Befürchtung liegt nahe, dass die Komposition in sich zusammenfällt und in eine ermüdende Banalität abrutscht. Aber die Stockholmer Kompanie hat (quasi in alter Tradition) einen mutigen Schritt nach vorne gemacht. Die Jubiläums-Performance des Cullberg Baletten ist ein anschauliches Beispiel dafür, wie man nicht-narratives Ballett choreographieren kann und dabei trotzdem eine stringente assoziative Struktur beibehält – und damit das Publikum von der ersten bis zur letzten Sekunde fesselt. Der Point of Eclipse, die Sonnenfinsternis, ist seit Menschengedenken ein ganz besonderes, mystisches Ereignis, ein Faszinosum, um das sich Legenden ranken und das alle Menschen, Gelehrte wie Wissenschafts-Unkundige, Gläubige wie Atheisten, gebannt an den Himmel starren lässt. Die Tänzer von Point of Eclipse sind Mondsüchtige. Sie wirken vollständig fremdgesteuert, als würde kein Muskel in ihrem Körper mehr gehorchen. Das Zwerchfell stülpt sich vor, die eine Hand schiebt den Kopf zur Seite, die andere Hand schlägt sie weg, die Knie brechen ein, der Oberkörper bäumt sich auf und dreht sich plötzlich wirbelsäulenlos in eine ganz andere Richtung. Wenn der Individualtanz aufgebrochen wird und sich eine Gruppe aus dem Chaos formiert, nimmt das großmeisterhafte Können der Tänzer und des Choreographen ungeahnte Ausmaße an. Werden die aufs allerhöchste differenzierten Bewegungen in der Gruppe ausgeführt, wirkt ihr Beben und Zucken wie von einem Strom gelenkt, der ein Magnetfeld induziert und eine seltsam groteske, absonderlich schöne Teilchenbewegung in Gang bringt – von einem Teilchen-Beschleuniger spricht der ZDF-Theaterkanal hier ganz zu Recht. Neben dieser mikrokosmischen Beobachtung weckt der Tanz des Cullberg Baletten aber auch eine Vielzahl von ähnlich gearteten Assoziationen aus dem Bereich des Makrokosmos: die Tänzer als Teile einer Anemone, deren Tentakel sich in der leicht chaotischen Strömung wiegen; oder als ein sich konzentrierender und wieder auflösender Fischschwarm. Und ganz unvermittelt haben die Tänzer ihre Körper wieder unter Kontrolle, rennen und springen davon. Elemente der modernen Ästhetik, etwa Anspielungen auf die Physik, werden mit uralten Assoziationen aus dem kultisch-mystischen Bereich gemischt: In der zweiten Hälfte des Stückes wird die Musik roher und erdiger, der Tanz wird gröber und martialischer. Die Tänzer sind nun keine Teilchen mehr, sondern Lebewesen, die Kommunikation nimmt zu und mit ihr steigt die Aggression. Doch als ein länglicher Lichtstrahl auftaucht und die Bühne und den Zuschauerraum regelrecht abscannt, macht sich eine demütige Einigkeit unter den Akteuren breit. Die Sonnenfinsternis naht, und alle starren in den Himmel, als sähen sie das Übernatürliche. Dieser Tanz ist in höchstem Maße intellektuell. Großen Respekt verdient die unglaubliche Leistung der Tänzer, die extrem komplexe Bewegungsabläufe und eine hochkognitive Choreographie mit Leben füllen. Diese großartige Komposition kommt nicht ohne großartige Musik aus. Der Komponist und DJ Jean-Louis Hutha hat eine grandiose Elektro-Partitur zu Point of Eclipse geschrieben, zarte bis hypnotische, energetische bis beißend schrille Töne verstärken den Eindruck, dass man sich in einem Magnetfeld befindet. Johan Inger hat mit dieser Choreographie Synästhesie betrieben und macht das Unsichtbare sichtbar, das Unbegreifbare greifbar. Point of Eclipse. Cullberg Baletten, Stockholm. Choreographie von Johan Inger.

 

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