Absturzgefährdet

Jörg-Uwe Albigs Ueberdog zelebriert die Frage nach der Nahbarkeit von Stars

  Stella ist Gesellschaftsphotographin. Ihre Passion ist es, ständig die Nähe zu Gestalten der Hochglanzmagazine zu suchen. »Engel«, wie sie sagen würde. Sie abzulichten, aber auch sich in gewisser Weise mit ihnen zu messen ist ihr einziger Lebensinhalt. Greifbarster Maßstab ihres Strebens ist Nina Löwitsch, die geschafft hat, was sie selber nicht erreicht hat. Die ehemalige Kommilitonin ist in ihrem Beruf, und vor allem in dieser angestrebten Gesellschaftsschicht, oben angekommen. Während Stella versuchen muß, ihre Bilder einzeln an Regionalblätter zu verkaufen und hauptsächlich vom Gehalt ihres Freundes Patrick lebt, taucht Nina, selbst schon ein Sternchen, mit eigenem Gefolge auf. Wenn ihr etwas zu banal scheint, verläßt es mit ihr auf einen Wink hin die Veranstaltung. Doch die Nähe zu ihrer alten Bekannten wird Stella mittlerweile verwehrt, wie sie schmerzhaft zu Beginn des Romans feststellt und spätestens, als sie Ihr Smartphone auf einer Veranstaltung an einen Penner verleiht, der es ihr nicht zurückgibt, verliert sie buchstäblich die Verbindung zur Realität, die sie genaugenommen schon zuvor kaum hatte und die von ihren Traumbildern überdeckt war.

Mit diesen Traumbildern ist sie früh in Berührung gekommen. Schon als Kind, wenn sie ihren Vater in seinem Kiosk besuchte, hatten es ihr die Hochglanzbilder angetan und der Berufswunsch war gewissermaßen vorgezeichnet. Realitäten scheint sie nie anerkannt zu haben und kommt im Laufe des Romans doch an ihre harten Ränder: Sie schließt sich einer  Gruppe Obdachloser an, lebt einen Sommer mit ihr unter der Brücke und in der unfertigen Elbphilharmonie. Sie sonnt sich in dem, was sie als ihren Glanz empfindet. Mit dabei ist jener Penner, dem sie auf einer Veranstaltung, auf der sie zu Beginn des Romans beruflich war, das Smartphone geliehen hatte. Ihrem Freund gegenüber läßt sie sich verleugnen, wenn er  versucht sie anzurufen, doch die letzten Verbindungen zu ihrem alten Leben kappt sie nicht, wiegt sich in der Sicherheit, immer zurückzukönnen, bis sie in der völlig ummöblierten Wohnung steht und der Nachmieter die Polizei ruft.

Der Rohbau der Elbphilharmonie, ein Sehnsuchtsort
Bis Stella in dem Moment, in dem sie schwerwiegenderen Problemen gegenübersteht, so etwas wie einen eigenen Charakter bekommt, begleiten wir die Ich-Erzählerin und ihre Gruppe Obdachloser an die verschiedensten Orte Hamburgs. Immer wieder unterliegt Stella dem Wunsch, ihren neuen Idolen, die auf jener Party, auf der sie für Stella das erste Mal auftauchten und offensichtlich auch für ihre alte Freundin Nina unnahbar waren, möglichst nahe zu kommen. Hier feiert sie ihren Triumph, denn sie hat die dort als Künstler betrachteten gefunden und lebt mit ihnen. Als sie diese in die stillstehende Baustelle der Elbphilharmonie lockt, ist sie für einen Moment mitten im Geschehen und gar Anführerin der Gruppe. Gut gewählt hat Jörg-Uwe Albig, der sich als ehemaliger Stern-Reporter in der Szene der Stars und Sternchen auskennt, diesen Ort, der doch auch für eine Magie des Unerreichbaren steht und als Rohbau eine spätere Wirklichkeiten andeutet. Er wird zum Ort für Feiern, samt der dazugehörigen Exzesse. Hätten hier auch Abrißbauten vordergründig die gleiche Funktion übernehmen können, beweist der Autor mit dieser Wahl großes Geschick, zumal dem Leser der Bau aufgrund seiner Medienpräsenz in etwa bekannt sein dürfte.

Allerdings entwickelt der Roman erst an dem Punkt, an dem Stella im Winter in ihre alte Wohnung zurückkehren will, auch für jene Leser Witz, die zu dem Hype um die Stars keine Verbindung haben. War bis dahin immer die gesuchte Nähe zur High-Society, später zur Obdachlosengruppe, Tonangebend, wird die Hauptfigur bei ihrer versuchten Rückkehr in ein bürgerliches Leben mit Problemen konfrontiert, die die Lebensrealität eines Ottonormaldeutschen berühren. Ihr Ausweis gibt die Adresse der alten Wohnung an, aus der ihr, mittlerweile wohl, Exfreund offensichtlich wegen ihrer monatelangen Abwesenheit ausgezogen ist: »Dann würden wir doch gerne mal Ihren Ausweis sehen«, bittet die Beamtin den Nachmieter, der bei seiner Heimkehr verwundert auf Stella trifft und in der Annahme es mit einer Einbrecherin zu tun zu haben, die Polizei gerufen hat.

Der Mann sah zu Boden, auf den kühn gemusterten Teppichboden von Cro-Magnon: »Natürlich. Aber wir sind gerade erst vor drei Wochen eingezogen. Im Ausweis steht da natürlich noch nichts.« Er regte sich nicht, bis das Schweigen der Beamten unerträglich wurde und der Mann das eingeschweißte Kärtchen aus der Brieftasche zog.

 

Für die Beamten ist klar, da Stella mit dem Schlüssel in die Wohnung gekommen ist und der neue Mieter neben der säumigen Ummeldung auch keinen Mietvertrag vorweisen kann, »dass die Dame hier rechtmäßig wohnt«, sie zumindest vorerst davon ausgehen müssen.

Späte Charakterentwicklung
Mehr solcher Szenen hätten dem Buch, das kein hochanspruchsvolles sein will, gutgetan. Es ist von Anfang bis Ende eine Satire ist, die aber eben von Namensspielen und Aneinanderreihungen zu leben versucht, die womöglich verständlich sind, wenn man in die Hochglanzmagazine lange genug eingetaucht ist. Man überliest sie, ignoriert sie, weil der Roman eben auch keine Tiefe entfalten will, die eine Entschlüsselung der Namen vielleicht reizvoll machen würde.

 Wo weniger Ironie und Klamauk in Sachen High-Society im Vordergrund steht, und Stella ein wenig von ihrer Oberflächlichkeit verliert, entfaltet der Text plötzlich, etwas, das ihm bis dahin über weite Strecken gefehlt hat: eine gewisse Nahbarkeit der Person und auch der Geschichte. Aus einem gewitzten Konstrukt scheint dem Autor plötzlich doch eine Herzensangelegenheit geworden zu sein und er rettet die Hauptperson nur knapp vor dem Absinken in die Belanglosigkeit jener Romane, die nicht mehr als eine gute Idee zu bieten haben. Der Schluß ist gespickt von jener Übertreibung, die dem gesamten Roman jene Unnahbarkeit der Figuren gibt, der Stella und mit ihr letztlich der gesamte Roman zum Opfer fällt.

Jörg-Uwe Albig: Ueberdog. Stuttgart: Tropen, J.G. Cotta’sche Buchhandlung, 2013. 223 Seiten. ISBN 978-3-608-50127-8, 19,95 Euro.  

 

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