Afghanistans »Gerettete Schätze«

Die Bundeskunsthalle in Bonn zeigt die Sammlung des Nationalmuseums in Kabul und vermittelt Kunst und Kultur eines präsenten und doch so fernen Landes

Afghanistan – dieser Name ist uns geläufig. Fast täglich hören wir ihn in den Nachrichten und assoziieren mit ihm das, was die Medien vermitteln: Gefahr und Krieg. Die Bilder dieses Landes haben wir in unseren Köpfen abgespeichert. Sie sind geprägt von Leid, Armut und Leere. Wir sehen karge Landschaften, Wüste und immer wieder Soldaten, Verwüstungen und hilflose oder gewalttätige Menschen. Doch verbirgt sich hinter den Bergen nicht noch mehr? Was meint der Titel »Gerettete Schätze«? Diese Frage beantwortet die Ausstellung und schlägt damit eine Brücke in das ferne und fremde Land. Mit dem Museumsbesuch geht man den Weg der Verständigung, der so oft auf politischer Ebene gefordert wird. Hier wird die Kultur eines Landes vorgestellt, das seit mehr als 35 Jahren durch Bürgerkrieg, sowjetische Besatzung, Taliban-Herrschaft und, nach deren Sturz durch die Intervention der von den USA geführten Koalition, andauernde Kampfhandlungen nicht zum Frieden gekommen ist. Die »geretteten Schätze« sind Exponate aus dem Nationalmuseum in Kabul. Mit der sowjetischen Invasion im Jahre 1979 wurden Objekte aus wichtigen Sammlungen in die Tresore der Zentralbank im Kabuler Präsidentenpalast verlagert. Als die Truppen 1989 abzogen, blieb Afghanistan politisch und militärisch ordnungslos, bis drei Jahre später die Mudjaheddin an die Macht kamen. Es folgte ein Bürgerkrieg und mit ihm die Plünderung des Nationalmuseums. 2001 vernichteten die Taliban mehr als 2000 Skulpturen des Museums. Nach deren Sturz im Jahre 2004 wurden die Schätze der Zentralbank freigelegt und der Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Nennenswert ist, dass die in Bonn gezeigte Ausstellung zuvor in New York und Washington zu sehen war. Auch dies ist ein Hoffnungszeichen dafür, dass Afghanistan nicht mehr einseitig als ›politisches Feindbild‹ begriffen wird. Ausstellungsansicht 8Afghanistan ist eine der bedeutendsten Kulturregionen Zentralasiens. Sie ist ein Kreuzungspunkt an den Handelswegen zwischen Ost und West und dadurch ein Schmelztiegel der Kulturen. Die verschiedenen kulturellen Einflüsse spiegeln sich in den 230 Objekten wider, die die Ausstellung umfasst. Die Datierung der Exponate reicht von der Bronzezeit über die griechisch-baktrische, kushanische und hephthalitische Epoche bis ins islamische Zeitalter hinein. Sie stammen aus vier archäologischen Ausgrabungsstätten Afghanistans. Die erste, bronzezeitliche Ausgrabungsstätte ist Tepe Fullol im antiken Baktrien (ca. 2000 v. Chr.). Erst 1966 fanden Bauern die Gold- und Silbergefäße, die man als mögliche Grabbeilagen identifiziert hat. Da die Bauern ihre Fundstücke unter sich aufteilen wollten, sind mehrere Objekte zerschlagen worden. Steinerner Wasserspeier in Form einer komischen MaskeDie zweite Ausgrabungsstätte ist die von Alexander dem Großen gegründete Stadt Ai Khanum (4.-2. Jh. v. Chr.). Sie legt Zeugnis von den griechisch-hellenistischen Einflüssen am Rande der Steppe ab. Ein 3-D-Modell der Stadt in der Ausstellung zeigt, dass sie nach dem Vorbild der griechischen Architektur erbaut wurde und ein griechisches Theater beherbergte. Die Theaterkultur spiegelt sich zudem im grotesken Wasserspeier wider, der einer Theatermaske nachgebildet ist. Er zeigt den großmäuligen Küchensklaven von Menander. Ausstellungsansicht 3Auch die korinthischen Säulenkapitelle und Büsten, die Abbilder von hochgeschätzten Menschen tragen, entsprechen dem griechischen Vorbild. Dennoch zeigen verschiedene Objekte auch die Einflüsse baktrischer Kultur, da einzelne griechische Motive abgewandelt wurden. Der Mittelpunkt der Ausstellung ist die Ausgrabungsstätte Tillya Tepe. Hier fand man im Jahre 1979 Goldschätze aus sechs Gräbern des 1. Jahrhunderts n. Chr. Die Grabbeilagen gehörten einst Angehörigen einer wohlhabenden Nomadenfamilie. Hier sind griechisch-römische, indische und chinesische Objekte ausgestellt. Dies beweist, dass das Nomadenvolk engen Kontakt zu den Reichen der sesshaften Welt pflegte und Afghanistan eine wichtige Etappe auf der Steppenstraße bildete. Die Konzeption dieses dritten Ausstellungsbereiches ist besonders gut: Der Besucher ist nicht nur dazu eingeladen, die Schätze in Vitrinen zu bestaunen, sondern kann auf einer Projektion die Silhouette des Nomaden sehen und sich die Person samt ihrer Beigaben bildlich vorstellen. Neben mit Edelsteinen besetzen Goldschmuck sind hier auch Schönheitsutensilien wie Spiegel und Flakons sowie Münzen und Waffen zu bestaunen. Becher mit Bemalung, Jagd- und FischfangszenenIm letzten Ausstellungsbereich befinden sich die Funde von Begram (1. und 2. Jh. n. Chr.). Sie bezeugen besonders den indischen Einfluss auf Afghanistan. Die Archäologen fanden frühe Elfenbeinobjekte, Bronzen, Stuckmedaillons und Gläser. Diese sind die ältesten erhaltenen Objekte der Glaskunst. Unter ihnen befindet sich eine echte Rarität – ein bemalter Glasbecher. Es gibt nur noch ein weiteres ähnliches Glas auf der Welt. Die gezeigten Elfenbeinplatten, die zur Verzierung von Möbeln oder als kleine Behältnisse dienten, stellen Szenen aus dem Buddhismus dar. Doch auch hier kommt wieder der Einfluss der Griechen zum Vorschein: Auf Gipsabgüssen und Bronzearbeiten finden sich Figuren aus der griechischen Mythologie wieder. Die Ausstellung enthüllt dem Museumsbesucher die unbekannte Vielfalt Afghanistans. Diese steht im totalen Gegensatz zu dem Bild, das uns heute vielfach von dem Land präsentiert wird. Afghanistan ist keinesfalls das in sich gekehrte, konservative Land. Es ist ein Mosaik aus fremden Kulturen und zeigt eine ungewöhnliche Offenheit. Die Ausstellungsobjekte besitzen einen ungeahnten Reichtum und eine starke Farbenpracht, die unsere Vorstellung von Afghanistan korrigiert. Der Ausstellungskurator Pierre Cambon und die Ausstellungsleiterin Susanne Annen gehen hier einen Schritt in die richtige Richtung, der von jedem von uns gegangen werden sollte. Die Ausstellung ist noch bis zum 3. Oktober 2010 in der Kunst- und Ausstellungshalle in Bonn zu sehen. Afghanistan. Gerettete Schätze. Die Sammlung des Nationalmuseums in Kabul. Ausstellung in der Kunst- und Ausstelungshalle Bonn. 11. Juni bis 3. Oktober 2010.

 

Fotos: © Kunst- und Ausstellungshalle, Fotograf: David Ertl, Köln (Ausstellungsansichten); © Thierry Ollivier/Musée Guimet (Exponate).

 

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