Als Germanist zur Buchmesse? Unbedingt!

Leipziger Buchmesse (Logo)Die Germanistik beschäftigt sich nicht gerne mit Gegenwartsliteratur. Das mag gute Gründe haben. Zum einen ist es wichtig, im Studium an die Grundlagen der Schulzeit anzuknüpfen und diese zu verstärken und erweitern, zum anderen ist es schwer, im Gewühl der Neuerscheinungen Tendenzen auszumachen und zu unterscheiden, was wichtig ist und was schon in wenigen Jahren der Vergessenheit anheimfällt. Aus der schieren Masse die relevanten Texte für Gegenwart und Zukunft herauszufiltern, überlässt sie daher lieber den Kritikern. Trotz der fehlenden Nähe zur Gegenwartsliteratur im Studium haben viele im Literaturbetrieb Tätige eine universitäre Ausbildung als Germanisten hinter sich. Oft stellt sich schon während des Studiums die Frage, ob und auf welchem Wege man in den Journalismus oder ins Verlagsgewerbe einsteigen kann.

Ein Ort, an dem schreibende und verlegende Zunft regelmäßig zusammentreffen, sind die beiden großen Buchmessen in Frankfurt und Leipzig. In erster Linie geht es dort zwar um Präsentation und Lizenzhandel, aber eben auch darum, Kontakte zu knüpfen und zu erneuern. So manche Idee wird schon auf einer Buchmesse entstanden sein, wenn auch kaum ein Autor dort sein Manuskript losgeworden sein wird. Die Frage jedoch, die sich uns hier stellt, lautet: Was hat man als Germanistik-Student, jenseits des eigenen Interesses an Literatur, auf der Buchmesse zu suchen?

Da es nur wenige geisteswissenschaftliche Studiengänge gibt, die sich direkt und mit entsprechendem Praxisbezug auf einen konkreteren Berufsweg konzentrieren (eine solche Ausnahme ist etwa der Studiengang Buchwissenschaft, z.B. an der Uni Mainz), ist der Literaturbetrieb ein wahrer Tummelplatz für Quereinsteiger. So sehr auch in letzter Zeit im Zusammenhang mit der »Generation Praktikum« über mangelnde Bezahlung gestöhnt und zu Recht auf die teilweise so entstehenden unmenschlichen Zustände hingewiesen wird, ist es doch unabdingbar, praktische Erfahrung zu sammeln, und zwar schon während des Studiums. Die Semesterferien wird man sich eher so einteilen können, dass man neben den Hausarbeiten auch noch zwei, drei Monate in einem Verlag oder bei einer Zeitung ein Praktikum absolvieren kann, als nach dem Studium erst mit dem Sammeln praktischer Erfahrung zu beginnen. Denn schließlich ist es ja auch wichtig, möglichst frühzeitig zu erfahren, ob einem der Traum vom Traumberuf nicht zu süß geraten ist und man später nicht noch in den sauren Apfel beißen muss – und ob man das, was man machen will, überhaupt kann. Nicht jeder hat das Zeug dazu, ein guter Lektor zu werden, und nicht jeder ist ein geborener Journalist.

Die Möglichkeit, einen ersten Eindruck vom gesamten Betrieb zu bekommen, bietet sich zumindest zum Teil auf der Buchmesse. Zwar ist sie im Vergleich zur praktischen täglichen Arbeit nur ein Randphänomen, aber hier trifft letztlich alles zusammen: Journalistin und Verleger, Autorin und Leser, Buchhändlerin und Kritiker – die ganze Welt des Buches an einem Platz. Da gilt es mitunter auch gute Miene zum bösen Spiel zu machen. Hier geht es, wie in anderen Branchen auch, vordringlich um Wirtschaftlichkeit, Übernahmen werden hier ausgehandelt und so manch kleiner Verlag gerät glücklich in den Fokus der Medien, wodurch ihm eine sicherere Existenz möglich wird.

Dazwischen soll sich nun noch der unerfahrene Germanist tummeln und erste Erfahrungen sammeln? Er muss! Denn wer sich nicht in der Verlagsszene auskennt, kann auch nicht wissen, wo er eine Praktikumsanfrage stellen kann. Gerade kleinere Verlage, deren Programme nicht in den Buchhandlungen ausliegen, sind hierfür interessant. Der Vorteil ist nicht nur, dass die Menge der Anfragen dort geringer sein dürfte als bei einem Branchenriesen wie Bertelsmann – auch die Erfahrung wird eine andere sein. Oftmals sitzt man mit dem Chef im gleichen Büro und bekommt hautnah einen Eindruck von der gesamten Arbeit. Eigenverantwortliches Arbeiten sollte man ohnehin nicht scheuen, aber die Chance, dazu gedrängt zu werden, ist in einem kleinen Unternehmen wohl um einiges größer. Um einen Verlag zu finden, dessen Schwerpunkt auch mit den eigenen Interessen einhergeht ist die Buchmesse ein interessanter Ort.

 

K.A. auf der Leipziger Buchmesse: Halle 5, Stand D402

 

Aber auch sonst ist es interessant zu sehen, was sich in der Branche tut. Bei weitem ist nicht alles so perfekt wie es scheint. Da sind angekündigte Bücher nicht erschienen, Verlage, obwohl angemeldet und trotz der teuren Standplätze, erst gar nicht auf der Messe aufgetaucht. Immer wieder gibt es Anzeichen von Bewegung – und wo Bewegung ist, besteht bekanntlich auch die Möglichkeit, sich selbst einzubringen. Wer einmal den Fuß mithilfe eines Praktikums in die Tür bekommen hat, dem öffnen sich mitunter andere Türen, denn man kennt sich untereinander und wenn nicht, so lernt man sich hier sehr schnell kennen. Doch dafür ist es erstmal wichtig, herauszubekommen, wie der Betrieb funktioniert. Das lernt man nicht an einem Messetag.

Wer regelmäßig auf die Messe fährt, wird irgendwann das Gefühl bekommen, gar nicht weg gewesen zu sein. Man kennt nicht nur das Gelände, man weiß auch, in welcher Halle sich welcher Verlag präsentiert, und beginnt, sich sicherer zu bewegen. Aus der Beobachtung eines Verlages ergeben sich Fragen zum Programm, zu einzelnen Autoren, die es einem leichter machen können, in ein ungezwungenes Gespräch zu kommen, wobei man natürlich nicht vergessen sollte, dass es auf dieser Messe für die Verlage nicht darum geht, Praktikanten zu finden, sondern ihr Programm zu präsentieren. So ist sicherlich ein am Programm Interessierter für die Verleger wichtiger als ein potentieller Praktikant, der das Praktikum nur zur Aufpolierung seines Lebenslaufes absolvieren möchte. Dafür reicht ein einzelner Besuch auf der Messe nicht aus. Man sollte sich zum einen Zeit nehmen, die Programme vor allem der kleinen Verlage wahrzunehmen, sollte aber zugleich wachsam seinen eigenen Vorlieben nachgehen und das Rahmenprogramm mit Lesungen und Diskussionen nicht versäumen. Ohne dieses lässt es sich zu Anfang nämlich nur schwer mehr als einen Tag auf der Messe aushalten, schließlich wird man von einer gewaltigen Menge Neuigkeiten schier überrannt. Lesungen und Diskussionsveranstaltungen sind daher eine mehr als willkommene Abwechslung.

Wer mit offenen Augen über die Messe geht, wird sich schwerlich langweilen können. Wer sich hingegen zu viel vornimmt, dem fehlt am Ende die nötige Zeit, sich auf die Angebote einzulassen. Übrigens: Wer den Messebetrieb kennt und hier Kontakte pflegt, wird feststellen, dass das Gespräch immer wieder auch auf Inhalte des Studiums zurückkommen kann. Auch hier kann man sich wunderbar z. B. über Wilhelm Raabe unterhalten, auch wenn der im Tumult der Neuerscheinungen recht wenig zu finden ist.

 

Die Kritische Ausgabe finden Sie auf der Leipziger Buchmesse vom 22. bis 25. März zusammen mit der Dahlemer Verlagsanstalt in Halle 5 an Stand D402.

2007 findet die Frankfurter Buchmesse vom 10. bis 14. Oktober statt.

 

P.S.: Mit Bezug auf die Frankfurter Buchmesse ist übrigens in K.A. 2/2004 ein »Leitfaden für Studierende« erschienen, der hier als PDF-Dokument zur Verfügung steht.

 

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