Aprile

Fahnen wehen in Rom. Wir hoffen. (Foto: Manfred Poser)
Fahnen wehen in Rom. Wir hoffen.
(Foto: Manfred Poser)

Man blickt zurück und möchte Jossif Brodskis “Verse im April” anstimmen: “Auch vergangenen Winter / wurde ich nicht verrückt. Und der Winter / ist inzwischen zu Ende. Ich kann /das Getöse des Eisgangs / und den grünenden Flaum / unterscheiden; das heißt: ich bin gesund.” Und unweigerlich das: “April is the cruellest month, breeding / Lilacs out of the dead land, mixing / memory and desire, stirring / Dull roots with spring rain.” Das ist der Beginn von “The Waste Land” von Thomas Stearns Eliot, Nobelpreis 1948. Und schön, gerade zufällig für 2 Franken einen Band mit frühen Gedichten von Manuel Vázquez Montalban gekauft. Geht so los: “Era distinto abril, entonces habìa alegrìa, y rastro de mejillones en la escolera, canciones a la orilla del crepùsculo...” (“Es war deutlich April, ich freute mich. Reste von Miesmuscheln auf Wellenbrechern, Lieder am Saum der Dämmerung...”)

“Aprile” hieß auch Nanni Morettis Film nach seinem berühmten “Caro Diario”. Im “Tagebuch” brummt er 1994 mit der Vespa solo durch Rom und dokumentierte auf Lipari mit Witz das Elend der Ein-Kind-Familie. Zwei Jahre später wartet der Regisseur auf die Geburt seines ersten Kindes, findet Ein-Kind-Familien okay (so fängt man an), und dann gewinnt auch noch die Linke bei den Wahlen im April 1996! Romano Prodi hatte gesiegt. Der Professore aus Bologna, begeisterter Rennradler, führte die Chaos-Teams seiner Koalition zweieinhalb Jahre gut, doch dann griff Massimo D’Alema an und wurde 1999 Regierungschef. (Anfang März sagte der ergraute Segler dem “Corriere”, wie schön es sei, am Tiber zu radeln. Was bedeutet das? Will “Baffetto” – der “Schnurrbart” – wieder an die Macht?) 2001 zog sich dann Silvio Berlusconi, der Mario Cipollini der Politik, das grünweißrote Trikot über.

Da links, zwischen Glatze und Halbglatze, ist er: Baffetto. Ich war ihm nah! (Foto: Manfred Poser)
Da links, zwischen Glatze und Halbglatze, ist er: Baffetto. Ich war ihm nah!
(Foto: Manfred Poser)

Jetzt, zehn Jahre später und erneut im April (9./10.), ist wieder Romano Prodi im Rennen. Letztes Fernsehduell am 3. April, die Schlussplädoyers: Der Professor mit dem Fred-Feuerstein-Gesicht gab sich als pater familias, strahlte Wärme aus, flehte fast: Italien ist geteilt, lasst uns zusammenarbeiten, wir bringen das Land wieder ins Rennen! Er rang nach Worten, appellierte und beschwor. Prodi: das Wort. Dann war “Berlusco” dran: die Zahl. Die glatte Bronzemaske mit riesigen Ohren und wie aufgemalt wirkendem Haar lächelte blasiert und leierte mit näselnder Stimme herunter: zwölf Prozent weniger Steuern hier, drei Prozent mehr Beihilfen dort, keine Steuer fürs erste Haus. So sehen Visionen der Rechten aus. Billig die Macht kaufen.

Also eine historische Wahl zwischen Rechts und Links. Der Sieger ist nicht zu beneiden, denn Italien muss wieder “auf Vordermann” gebracht werden. Vor einigen Jahren wurden die deutschen Touristen weniger, und erst hielt man das für eine Laune der “crucchi”. Es war aber ein Zeichen: wie das Ausbleiben der Glühwürmchen, das Pier Paolo Pasolini beklagt hat. Seit Jahren wird alles schlechter im gesegneten Land, wo die Zitronen blüh’n. Frust herrscht allerorten, und nun soll es im “Aprile” wieder werden. Bye-bye Berlusconi! Der radelnde Professore muss an die Macht!

 

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