"... auch ekelt sich brigitte vor heinz!"

»Die Liebhaberinnen« von Elfriede Jelinek"Weiblichkeit" ist eines der großen Themen der 1946 in Österreich geborenen und im vergangenen Jahr mit dem Literaturnobelpreis ausgezeichneten Elfriede Jelinek. Dies gilt bereits für ihren Roman Die Liebhaberinnen, der 1975 und damit in einer Hochphase der politischen Frauenbewegung erschienen ist.

Jelinek schreibt ausnahmslos in Kleinbuchstaben. Man kann von einer Gleichberechtigung der Wörter sprechen, die dem Leser einen einheitlichen Gedankenstrom veranschaulichen soll. Mit einer ausgeprägten sprachlichen Kälte stellt die Autorin das Schicksal und den Weg zweier Arbeiterfrauen gegenüber. Am guten Beispiel Brigitte und am schlechten Beispiel Paula wird der Selbsterhaltungstrieb von Frauen in der Männergesellschaft der siebziger Jahre beschrieben. Dem Aufstieg Brigittes, die sich durch die Ehe mit Heinz eine finanziell gesicherte Existenz erhofft, wird der Fall der wesentlich jüngeren Paula, die Schneiderin werden möchte, gegenübergestellt. Das in der feministischen Tradition etablierte Befreiungsprinzip durch Arbeit wird nicht erfüllt, sondern vielmehr umgekehrt.

paula hat, trotz aller liebe zur schneiderei, gelernt, daß die arbeit etwas lästiges ist, daß die liebe nur abhält, nicht sie herbringt.

Kindlich-naiv verfällt die sechzehnjährige Paula nach kurzem dem gut aussehenden, aber gewalttätigen und geistig minderbemittelten Bauarbeiter Erich. Sie gibt ihre Lehre auf und wird von Erich geschwängert. Ihre Eltern verstoßen sie. Paula verliert immer mehr Selbstvertrauen. Ihre fortdauernde Erwartung und Hoffnung auf eine Erwiderung ihrer Liebe wird nicht erfüllt. Als sie sich nach der Geburt ihres zweiten Kindes prostituiert, wird sie von einem Nachbarn dabei beobachtet. Daraufhin wird sie von ihrem Dorf verstoßen und für vogelfrei erklärt.

Brigitte erniedrigt sich auf andere Weise. Sie entwickelt ein gestörtes Verhältnis zu ihrem Körper. Sie setzt ihn und die Sexualität als Instrument ein, um Heinz an sich zu binden und ihn von einer Ehe zu überzeugen. Dadurch entfremdet sie sich selbst. Der Sexualakt zwischen ihr und Heinz gleicht einer Vergewaltigung, die ohne jede Zärtlichkeit oder Emotion hinter sich gebracht wird. Liebe bedeutet für sie finanzielle Sicherheit.

immer dann, wenn brigitte ihr innerstes nach außen stülpen möchte und dabei den ganzen käse von glück, zukunft, säuglingspflege und waschmaschinen herausspeit, dann verhält sich heinz so, als ob er kein hirn hätte, sondern nur einen schwanz.

Brigitte kann ihre Ziele durch ihre kalte und realistische Denkweise besser durchsetzen als Paula. Paula möchte bis zum Schluss auf das Gute im Menschen vertrauen und zerbricht schließlich an ihrer enttäuschten Hoffnung. Beide Frauen leiden durch den gesamten Roman hindurch, was bis zur Unerträglichkeit gesteigert wird. Brigitte findet schließlich ein fragliches Lebensglück in der Ehe mit Heinz. Schon in den Kapiteln zuvor beweist sie einen eisernen Willen, um irgendwann einer gesellschaftlichen Rollenverteilungsnorm entsprechen zu können.

Doch es könnte eine falsche Idylle sein, die Brigitte nun gefunden hat. Das Bild vom heiligen Sakrament der Ehe wird hinterfragt und mit negativen Bedeutungen aufgeladen. So wird etwa beschrieben, wie Brigittes Kolleginnen in der Textilindustrie regelmäßig an den Wochenenden von ihren Ehemännern hinter geschlossenen Gardinen misshandelt werden und man die stummen Schreie über das ganze Dorf hinweg wahrnimmt.

Jelinek, die immer aus der Perspektive einer Außenstehenden beschreibt, setzt in den ersten Kapiteln, besonders dort, wo die Mütter der Protagonistinnen vorgestellt werden, die Hochzeit mit dem Tod gleich und Leinentücher mit Leichentüchern. So nimmt auch Brigitte ihre Arbeit wiederholt als Krankheit wahr. Sprachlich zeichnet sich der Roman besonders durch eine radikale Härte aus, die bei der Beschreibung von Sexualakten in Ausrufen wie "Scheiße fressen" gipfeln.

und heinz betätigt fleißig seinen pumpenschwengel.
brigittes mutter gibt den guten rat, brigitte soll nicht mehr loslassen. während sich brigittes magen um und umdreht, läßt heinz nicht mehr los, krallt sich fest ...

In der Mitte des Romans wird eine dritte Frau vorgestellt: Susi. Als einzige noch nicht gebrochene Frau erlaubt sie sich im Rahmen einer Tischgesellschaft, eigene Ideale und Perspektiven zu äußern. Ihr Selbstbewusstsein und ihr positives, optimistisches Auftreten, rühren jedoch daher, dass sie keine Arbeiterin ist. Sie verfügt über ein größeres Kapital als Paula oder Brigitte. An ihrem Beispiel wird die Brutalität und Härte einer unsozialen Klassenhierarchie dargestellt.

Elfriede Jelinek führt in "Die Liebhaberinnen" mit schonungsloser Drastik vor, dass es für ihre Protagonistinnen keine Ausbruchsmöglichkeiten aus den fortschreitenden, männlich geprägten Traditionen gibt. Der Roman entlässt den Leser mit Ekel und mit Wut im Bauch. Jelinek beschreibt Leiden, Ungerechtigkeiten und menschliche Abgründe. Das einzige existentielle Gefühl, das die Protagonisten lenkt, ist Hass. Die Ehepartner fressen sich gegenseitig auf.

Die Liebhaberinnen ist ein gelungener Roman, der Klischees, Schablonen und Stereotypen realitätsfern, konstruiert und konturlos erscheinen lässt. Jelinek schafft es mit feinsinniger Parodie und entlarvender, stets implizit mitschwingender Kritik, ihre Leser zum Nachdenken zu bewegen. Ein Roman, der zeigt, dass Feminismus naturgemäß politisch ist.

Elfriede Jelinek: Die Liebhaberinnen. Roman. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt Taschenbuch-Verlag, 2004 (26. Aufl. d. Neuausg.). 160 Seiten. ISBN: 3-499-12467-X. 6,90 Euro.


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