Aufgesperrt! 10 Jahre offene Ateliertage in der Bonner Altstadt

Vergangenes Wochenende fanden zum zehnten Mal insgesamt und zum dritten Mal unter dem Titel "aufgesperrt" die offenen Ateliertage in der Bonner Altstadt statt. Sechsunddreißig Künstler sperrten ihre Atelierräume auf und gaben bereitwillig Auskunft über ihre sehr unterschiedlichen Beweggründe und Wege, Kunst zu schaffen: von Malerei über Fotografie bis hin zu Bildhauerei, Performance und Skulptur- oder Objektschöpfungen.

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Als Auftakt der Ateliertage zeigte die Galeria Galeano in den historischen Brauräumen des Bierhauses Machold eine Ausstellung von 34 Künstlern aus der Bonner Altstadt, bei der man sich einen groben Überblick über die unterschiedlichen Arbeitstechniken und Themenbereiche verschaffen konnte. Unterschiedliche Ansätze und Materialien, mit denen Kunst geschaffen wird, konnte man auch im KULT 41 betrachten. In den oberen Atelierräumen überwiegen Ölgemälde, die die Weite des Meeres oder Wolkenlandschaften zeigen und durch Hell/dunkel-Kontraste flüchtige Bewegungen des Lichts in den Vordergrund stellen, in den unteren Räumen die Kunst am Objekt. Hier arbeitet u. a. die Bonner Künstlerin Sabine Heinen, die in ihrem Atelier Objekte, Wandarbeiten und Rauminstallationen präsentiert. Heinen wachst, ölt, bügelt und färbt leere Streichholzschachteln und bringt sie auf Holz an. Die Schubfächer der Schachteln hängen hundertfach nebeneinander gesetzt als Rauminstallation an der Wand. Heinen gießt außerdem Negativformen der Kistchen aus Gips und Wachs. Bemerkenswert sind die Präzision und ihr konzentriertes, symmetrisches Arbeiten mit Schablonen und Abständen.

Studenten bebildern ihren Weg zur Kunst

Alex Heidebrecht ist Bühnenbildstudent an der Kunstakademie Düsseldorf. Zusammen mit drei anderen Kunststudenten zeigt er im KULT 41 Positionen zum Thema "Ich will KünstlerIn werden!". Diesem Ziel widmen sich die vier sehr unterschiedlich. Heidebrecht zeichnet mit Graphit sterile, aber auch komische Szenerien auf vergilbte Bühnenbilder. Zwei seiner Zeichnungen zeigen Menschen alleine im Raum. Sie sollen die Einsamkeit des Künstlers im Schaffensprozess veranschaulichen. Ein weiteres Bild stellt auf charmante Art den manchmal schwierigen Weg zur Muse dar.

Vagina-Skulptur im KULT 41Im Eingang der Galerie findet man ein ganz anderes, auf den ersten Blick undefinierbares Gebilde. Erst beim zweiten Hinsehen erkennt man, dass es eine Höhle darstellt, die, wie Kuratorin Svjetlana Muzdalo erklärt, aus Maschendraht geformt und mit Toilettenpapier überklebt wurde. In dieser Höhle sind mit Wachs umhüllte Fotografien ausgelegt, die regelmäßig befeuchtet werden müssen, um nicht zu vergilben. Muzdalo erläutert, dass dieses Werk einer kunstschaffenden Studentin eine "überdimensionale Vagina" darstellen soll.

Beweglichkeit und Vergänglichkeit

Die Wolfstraße 10 gilt seit dreißig Jahren als das Kulturzentrum in der Bonner Altstadt. In der ehemaligen Stuckfabrik gab es immer schon Künstler und politische Initiativen. Die drei in der Wolfsstraße ausstellenden Künstler Irene Schuckies, Jürgen Middelmann und Jutta Pintaske bieten gemeinsam Malkurse und Workshops an.

Irene Schuckies betreut regelmäßig eine Kreativwerkstatt für Kinder, die bei ihr lernen, mit Ton und viel Fantasie Figuren zu formen. Einige ihrer eigenen Keramikskulpturen übergießt sie mit heißem Wachs, damit das kalte und harte Material beweglicher erscheint. Für die geübte Tänzerin und Yoga-Schülerin Schuckies ist Beweglichkeit auch in der Kunst ein wichtiges Thema. So finden sich unter ihren Werken, neben Gebilden, die imposant wirkende Masken oder Gesichter mit entspannten Zügen darstellen, auch kleinere, paarweise umschlungene Ganzkörperskulpturen.

Jürgen Middelmann bietet in seinem Atelier Erwachsenen und Kindern Kurse für gegenständliches Zeichnen und Malen an. Thema seiner Bilder ist die Vergänglichkeit. Durch seine sehr eigene Art der Portraitzeichnung möchte er zeigen, dass Gesichter niemals starr sind und in ihren Zügen immer Übergang und Bewegung liegt.

Die Künstlerin und ihr Werk: Jutta PintaskeDen künstlerischen Prozess wertschätzen lernen

Jutta Pintaske hat vor zehn Jahren die offenen Ateliertage initiiert. Sie studierte Architektur und Malerei und arbeitet nun schon seit zwanzig Jahren als freie Künstlerin in Bonn. Sie unterrichtet Kunst, illustriert Kinderbücher und gestaltet Innenräume mit einer speziellen Maltechnik. Hauptsächlich arbeitet sie abstrakt und ungegenständlich, und es ist ihr wichtig, dem Entstehungsprozess von Kunstwerken einen besonderen Wert beizumessen:

"Für Außenstehende ist es oft schwierig nachzuvollziehen, wie bestimmte Kunstwerke entstanden sind. Für einen Künstler ist dieser Prozess sehr wichtig, fast wesentlich. Die fertig gestellten Objekte sind dann später oft nur noch Produkte."

Pintaske arbeitet mit Acryl-, Aquarell- und Ölfarben. Bei Betrachtung ihrer Kunst kommt man mit ihr schnell ins Plaudern über die Ateliertage und ihren Lebensweg als Künstlerin.

"In Köln gibt es seit Jahrzehnten offene Ateliertage in verschiedenen Stadtteilen. Davon motiviert wollte ich vor zehn Jahren hier in Bonn auch so ein Projekt kreieren." Ursprüngliche Idee, so Pintaske, sei es gewesen, die offenen Ateliertage mit verschiedenen Künstlern an unterschiedlichen Orten in der ganzen Stadt zu organisieren. Da sich dies bald als undurchführbar herausstellte, hat sie schließlich die Aufgabe übernommen, die Veranstaltung als jährlich wiederkehrendes Event in der Bonner Altstadt zu installieren - mit Erfolg: "Am Anfang hatten wir regelmäßig vierzig Besucher pro Wochenende. Das hat sich im Laufe der Zeit geändert. Im letzten Jahr waren allein in meinem Atelier etwa 170 bis 180 Besucher."

Offene Ateliertage von Künstlern selbst organisiert

Zurückhaltend seien die Besucher zwar oft beim Bilderkauf: "Es gibt jedoch verschiedene andere lohnende Aspekte der Ateliertage. Sie bieten den Künstlern ein Forum, um sich bekannt zu machen und Kontakte untereinander zu knüpfen. Es gehen auch Kunstmanager und Galeristen herum, die nach Künstlern suchen."

Die offenen Ateliertage werden von freien Künstlern gemeinsam auf die Beine gestellt. "Wir treffen uns regelmäßig und überlegen, was zu tun ist. Jeder übernimmt dann einen Teil, etwa die Pressearbeit oder den Druck von Flyern."

Längst hat sich die Bonner Altstadt als Zentrum für viele, sehr unterschiedliche Künstler etabliert. Ehemalige Werkstätten und leer stehende Fabriken werden als preiswerte Räumlichkeiten für Ateliers genutzt. Für viele Künstler ist ihre Arbeitsstätte oft wie ein zweites Zuhause, weshalb es ihnen manchmal noch befremdlich erscheint, dass dort einmal im Jahr die Menschen ein- und ausgehen. Eine Reise durch die offenen Ateliers in der Bonner Altstadt kann erstaunen, kreative Anregungen geben, aber auch zum Nachdenken oder Träumen verleiten. In jedem Fall gibt sie einen interessanten und neuen Einblick in das Leben und die kulturelle Vielfalt der Bonner Altstadt.

(Fotos: Frank Auffenberg)

Weitere Infos im Internet:

 

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