Ausbruch aus dem Märchenpark

Im Roman Bilder deiner großen Liebe beleuchtet Wolfgang Herrndorf die Schattenseiten der Natur

Erinnern Sie sich noch an Wolfgang Herrndorfs Roman Tschick? Das im Jahr 2010 erschienene und mit dem Deutschen Jugendliteraturpreis ausgezeichnete Buch war auf Anhieb ein Kassenschlager, der sich inzwischen in der ganzen Welt verkauft. Während der Roman derzeit auch als viel gespielte Theaterbearbeitung große Erfolge feiert und für 2015 bereits an einer Adaption für das Kino gearbeitet wird, ist nun – ein Jahr nach dem Suizid Wolfgang Herrndorfs – mit dem Roman Bilder deiner großen Liebe eine wunderbare Fortsetzung erschienen.

In Tschick erzählt Herrndorf die Geschichte einer außergewöhnlichen Freundschaft zwischen den beiden jugendlichen Antihelden Maik Klingenberg und Andrej Tschichatschow, den alle nur ›Tschick‹ nennen. Er schickt sie in einem gestohlenen Lada auf eine Reise in die Walachei. Ohne eine Landkarte in den Händen zu halten oder auch nur die Vorstellung zu haben, welche Route in den Osten genommen werden muss, wird die Fahrt der beiden Jungen zu einer Reise ins Ungewisse, bei der sie nicht nur ihr Ziel nicht erreichen, sondern gemäß dem Erzählschema einer road novel auch viele verschiedene Abenteuer überstehen müssen. Ein Schlüsselerlebnis auf dieser Odyssee ist das Aufeinandertreffen mit Isa Schmidt. Maik und Tschick begegnen ihr auf einer Müllhalde, als sie nach einem Schlauch suchen, um für ihre Weiterfahrt illegal Benzin abzuzapfen. Isa, ein ungewöhnlich burschikoses Mädchen etwa gleichen Alters, hilft ihnen dabei und schließt sich den beiden Jungen an. Auch sie hat sich auf eine Reise gemacht. Isa, die auf dem Weg zu ihrer Halbschwester in Prag ist, übt auf die Jungen einen außergewöhnlichen Reiz aus und so kommen sich die drei Jugendlichen auf dem gemeinsamen Weg näher, schließen nicht nur Freundschaft, sondern versprechen sich auch, sich noch einmal zu begegnen. Doch wer ist diese Isa, die einfach so aus dem Nichts auftaucht?

Verrückt sein heißt nicht bescheuert sein

Der neugierige Leser muss sich zunächst gedulden, denn Tschick liefert darauf keine Antwort. Herrndorf erhält im Jahr 2010 die Diagnose »Hirntumor«. In seinem Tagebuch im Internet Arbeit und Struktur, das im vergangenen Jahr als Buch erschienen ist, dokumentiert er, wie die Krankheit sein Schreiben immer stärker behindert. Während er 2011 noch letzte Handgriffe an den Wüstenroman Sand anlegt, tritt auch wieder Isa in Erscheinung. Am 19. Juni 2011 erklärt Herrndorf mit den Worten »Tschick-Fortsetzung aus Isas Perspektive angefangen.« den festen Wunsch, an den früheren Roman anzuknüpfen. Die Arbeit an dem Stoff zehrt jedoch merklich an den Kräften und notwendige OPs sorgen immer wieder für Unterbrechungen. Es dauert drei Jahre, bis sich das Rätsel um die Geschichte des ›Müllmädchens‹ Isa lüften kann. Erst der in diesem Herbst erschienene Roman Bilder deiner großen Liebe lenkt den Fokus ganz auf die heimliche Heldin aus Tschick. Hier feiert sie mit den markigen Worten »Verrückt sein heißt ja auch nur, dass man verrückt ist, und nicht bescheuert« ihren Einstand als Protagonistin.

Der Erzähler schildert in dem Roman, wie Isa aus der Psychiatrie ausbricht, weil sie das Gefühl hat, geheilt zu sein und ihre Tabletten offensichtlich keine Wirkung zeigen. Sie macht sich zu Fuß und ohne Schuhe, dafür aber mit einem Tagebuch bewaffnet, auf den Weg in den Osten, doch verläuft sie sich zusehends und erlebt dabei, wie schon Maik und Tschick, sonderbare Begegnungen. So trifft sie, ehe die drei aufeinanderstoßen, auf Menschen wie den Binnenschiffer, der früher einmal Bankräuber gewesen sein will, den LKW-Fahrer, der Schweine transportiert, und menschlich selbst eines ist, den Soldaten, an dem sein Einsatz in Afghanistan nicht spurlos vorübergegangen ist, und schließlich auf das taubstumme Kind Heinrich, mit dem sich Isa auf wundersame Weise problemlos verständigen kann. Alle Episoden eint, dass sie wie Versatzstücke aus einem verwunschenen Märchenpark wirken, in dem sich Isa wie ein zeitloses Wesen bewegt. Die Welt ist längst zu einem Labyrinth verkommen und die Natur seltsam entrückt. Herrndorfs Erzählung von Isa ist dabei, auch wenn die Sprache sehr ähnlich ist, anders als Tschick von einer beklemmenden Stimmung getragen.

Isa wird enttäuscht. Ihre Schwester bzw. die Frau, die Isa dafür hält, möchte sie nicht sehen und alarmiert stattdessen die Polizei. So findet sie sich am Ende ihrer Flucht aus dem Märchenpark an ihrem ganz persönlichen, nicht nur symbolischen Abgrund wieder. Mit Blick ins Tal reflektiert sie scheinbar ganz abgeklärt ihr Dasein: »Der Abgrund zerrt an mir. Aber ich bin stärker. Ich bin nicht verrückt. … Ich bin dieselbe. Ich bin das Kind.« Isa versucht die Kontrolle über sich zu behalten. In ihrer Hand hält sie dabei eine Pistole. Es löst sich ein Schuss, doch die Kugel fällt wider alle Gesetze der Ballistik in den Lauf zurück. Angesichts der Tatsache, dass Herrndorf, ehe er Bilder deiner großen Liebe abgeschlossen hatte, seinem Leben mit Hilfe einer Waffe ein Ende gesetzt hat, hinterlässt diese surreale Begebenheit nicht nur einen bitteren Nachgeschmack. Sie liefert auch eine Antwort auf die Frage, wer Isa eigentlich ist. Die literarische Figur, die in Herrndorfs Prosa dann wieder präsent wird, als es ihm gesundheitlich immer schlechter geht, ist ein erschriebener Begleiter, der den eigenen Schöpfer als literarische Traumgestalt überdauert.

Erbe der Romantik und des Surrealismus

Es ist Marcus Gärtner und Kathrin Passig zu verdanken, dass diese Geschichte vom ›Müllmädchen‹ Isa, wenn auch als unvollendeter Roman, posthum erscheinen kann. Sie haben auf Herrndorfs Wunsch nach dessen Tod die Herausgabe übernommen und bei der Edition des Materials ganz in seinem Sinne auf »Germanistenscheiß« verzichtet. Die 33 Episoden, aus denen sich Herrndorfs Roman zusammensetzt, erscheinen dabei als Ergebnis eines schwierigen Arbeitsprozesses, aus dem sich der Autor selbst immer mehr ausklinken und Verantwortung an seine Freunde abgeben muss. Die einzelnen Sequenzen, die in ihrer Folge das unzuverlässige Erzählen, das Wolfgang Herrndorfs Prosa auszeichnet, exemplarisch verkörpern, führen das Formbewusstsein dieses erst spät populär gewordenen Schriftstellers noch einmal vor Augen. Der Autor, der auch ausgebildeter Künstler ist, setzt in seiner Poetik, wie es Bilder deiner großen Liebe als finales Werk paradigmatisch deutlich macht, die Form konsequent vor den Inhalt. Surreale Szenen reihen sich aneinander und entlarven den Sinn des Daseins als Hinwendung zur Natur. Das Fragment, das dem versierten Leser dabei als Erbe der Romantik und als Traumbild des Surrealismus ins Auge sticht, wird zum passenden Ausdruck für diese Art der Existenz. Herrndorf, der nicht nur in kurzen Einträgen in seinem Blog Arbeit und Struktur, sondern auch in seinem Wüstenroman Sand bereits die gewaltige Rolle der Natur dokumentiert hat, formuliert dies im letzten Roman mit der Figur Isa noch einmal sehr eindrucksvoll. Auch hier liefert sich die Protagonistin immer wieder der Gewalt ihrer Umgebung aus:

Über mir steht eine schwarze Wolke. Dann wird der ganze Himmel schwarz, es fängt schlagartig an zu schütten. Mit den Rücken an dem Stamm einer Eiche gelehnt hocke ich da. Wasser und Schlamm spritzen hoch bis an meine Knie.
Der Wind wird heftiger, er treibt mich um den Stamm herum. Die Wiese schäumt und wirft Blasen. Im Licht der Blitze werden hinter dunkelvioletten Wolken Fetzen weißen Himmels sichtbar, später mit Kobaldblau verschmiertes branstiges Orange. Zerfetzte Ambosswolken wandern über den Horizont wie Herden riesiger ausgestorbener Tiere. Der Donner rollt Metallfässer unter ihnen hindurch über sie hinweg.

Von ihrem ersten Auftritt an im Roman Tschick bis zu Herrndorfs letzten literarischen Werk entwickelt sich Isa zu einer Spiegelfigur des Autors, zu seiner Vertrauten. Indem der Leser der Protagonistin nicht nur durch Städte, sondern auch durch zahlreiche dunkle Wälder, Müllhalden, auf Berge und erntereife Felder folgt, wird er sich der Bedeutung der Natur und ihrer Schattenseiten bewusst. Auch das Cover des Romans unterstreicht diesen Eindruck. Es zeigt eine Kreuzung von Feldwegen mitten in der Landschaft, die nicht nur von Stille, sondern auch der Ahnung eines nahenden Unwetters geprägt ist. Herrndorf hat das Bild selbst gemalt. Wie Marcus Gärtner und Kathrin Passig in ihrem Nachwort schreiben, hing es lange Zeit über dem Arbeitsplatz Herrndorfs. Er hat dem Bild die Zeilen »Macht einem manchmal Angst: Die Natur« hinzugefügt. In diesem Sinn erklärt sich der Romantitel, der zwar von Herrndorf selbst gewählt, aber im Laufe der Geschichte nicht weiter aufgeklärt wird: Mit Bilder deiner großen Liebe feiert der sterbenskranke Schriftsteller ganz faustisch die Kraft des Augenblicks. Herrndorfs unvollendete und wegen des Fragmentarischen oft auch etwas verstörende Geschichte des ›Müllmädchens‹ Isa ist nicht, wie viele andere Werke, die kurz vor dem Tod von Schriftstellern entstehen, direkt im Nachlass verschwunden. Sie ein Jahr nach Herrndorfs Selbstmord lesen zu können ist für seine wachsende Fangemeinde ein großer Genuss.

Wolfgang Herrndorf: Bilder deiner großen Liebe. Ein unvollendeter Roman. Berlin: Rowohlt, 2014. ISBN: 978-3-87134-7917. 142 Seiten. 16,95 Euro


 

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