Befindlichkeit und Verlust

Das Scheitern das Glück festzuhalten in Christoph Peters‘ Roman Stadt Land Fluß

In der Einleitung von Stadt Land Fluß versichert ein Autor namens »C.P.«, der Ich-Erzähler seines Romans weise keinerlei biografische Deckung mit ihm selbst auf. Sein Romanwerk, so möchte er den Leser damit glauben machen, sei frei von der schnöden Plünderung des Autobiografischen – keine ›Befindlichkeitsliteratur‹ also, als welche so viele Produktionen der jungen und jüngeren Literatur gebrandmarkt worden ist. Ganz so einfach ist die Lage der Dinge dann aber doch nicht. Ein kurzer Blick in die Autorenbeschreibung des Verlages deckt auf: Christoph Peters stammt sehr wohl selbst aus Kalkar und hat Kunst (wenn auch nicht Kunstgeschichte) studiert. Die erzählerische Instanz »C.P.« bleibt im Dunkeln, das Werk entpuppt sich als Autobiofiktion.

"Thomas Walkenbach war nicht mein Freund, der sich das Leben genommen und mir     seinen Nachlass anvertraut hat. Ich hatte weder privat noch beruflich je mit ihm zu tun. Ich war weder sein Untersuchungsrichter noch sein psychologischer Gutachter. Ich habe seine Papiere auch nicht beim Kauf meines Hauses auf dem Dachboden gefunden – ich habe gar kein Haus. (S. 8)"

Inventarisierung der Vergangenheit

Die Einleitung von Peters Werk lässt sich damit lesen als ironischer Kommentar zum kreativen Dilemma einer ganzen Autorengeneration, ein passender Auftakt zur (wie es sich für moderne ›Befindlichkeitsliteratur‹ gehört) nicht-chronologisch erzählten und mehr als doppelbödigen Handlung, deren Kern sich schnell zusammenfassen lässt: Thomas Walkenbach, ein verkrachter Kunsthistoriker mit Hang zur Trunksucht, umkreist unruhig seinen Esstisch, auf dem ein ungeöffneter Brief mit einem medizinischen Befund liegt. Rekapitulierend legt er einen Bericht über sein bisheriges Leben vor, beginnend mit seiner Kindheit und Jugend in der bäuerlichen Umgebung von Kalkar, die er als untergangenes bukolisches Idyll beschreibt, das er aus der Gegenwart heraus versucht zu inventarisieren. Der Verlust dieser Welt, den er recht nostalgisch beklagt, geht einher mit dem Verlust eines ganzheitlichen Lebens oder Erlebens, das dem erwachsenen Walkenbach vollkommen abgeht.
Dazu passend, präsentiert sich der zweite Teil des Romans fragmentarisch und unchronologisch als Reminiszenz der Geschichte der Liebe zu und Ehe mit der Zahnärztin Hanna. Peters stellt dar, wie der Protagonist, seit dem Studium am Mittelrhein lebend (die Stadt mag Wiesbaden oder Mainz sein) die fünf Jahre ältere und etwas verklemmte Ärztin langsam umgarnt, und wie sich schließlich ihr gemeinsames Leben in völliger Alltäglichkeit vollzieht – abgesehen davon, dass Walkenbach in vollständiger finanzieller Abhängigkeit von Hanna lebt, da er selbst außer fruchtlosen Studien über das Leben des niederrheinischen Holzschnitzers Henrick Douwermann in seiner beruflichen und akademischen Entwicklung keine Fortschritte macht.

Der ungeöffnete Befund auf dem Esstisch, das wird schnell klar, hat etwas mit Hanna zu tun, die am chronologischen Ende der erzählten Handlung nicht mehr bei Walkenbach ist. Was mit ihr geschehen ist, bleibt im Unklaren: Ist sie gestorben, wird sie sterben, ist/war Walkenbach gar für ihren Tod verantwortlich? Ihr Tod wie auch die gesamte Beziehung erscheint jedoch nicht als kriminologisches Rätsel; vielmehr versteht der Leser nach der Lektüre (und wirklich erst dann), wie realistisch diese Erzählweise ist, mit der hier über ein Leben berichtet wird: nämlich mit Auslassungen und Ausblendungen, die im Strom des Bewusstseins und des Erinnerns zwangsläufig auftreten (Dieser Strom übrigens wird hier durch den Rhein verkörpert, der schließlich, in guter Hölderlinscher Tradition, Mainz und Kalkar nicht nur geografisch verbindet).

Befindlichkeitsliteratur im stärksten Sinn

Der Ich-Erzähler Walkenbach beschäftigt sich immer von neuem mit dem Projekt einer  »Philosophie der Zentralperspektive« in der Malerei, scheitert jedoch auch immer wieder daran. Letztlich aber demonstriert der Text selbst in seiner Schreibweise die Wirkung einer individuellen Zentralperspektive: er zeigt, wie die Welt aussieht, wenn der übergeordnete, zweidimensionale, der ›göttliche‹ Blick fehlt (der vielleicht immer nur eine Illusion war). Die Selbstbeobachtung dieses Ehe- und Liebeslebens ist kühl-distanziert und (selbst-)ironisch geschrieben, so dass sich erst im ›Nachhall‹ der Lektüre, dann aber umso schmerzlicher ein darunter verborgenes Gefühl von Verlust erschließt. Die Bedeutung eines Augenblicks erweist sich zwangsläufig erst, wenn er vergangen ist – für den Ich-Erzähler wie für den Leser. Stadt Land Fluß ist somit Gegenwartsliteratur wie auch Befindlichkeitsliteratur im besten und stärksten Sinne: Es ist ein Roman über die Unfähigkeit, das von Richard Kämmerlings beschworene »kurze Glück der Gegenwart« zu verstehen – oder auch nur zu erleben; und über die Unfähigkeit, Befindlichkeit zu artikulieren: Letzten Endes kann sie sich immer nur in den Leerstellen der Beschreibung ausdrücken. Da, wo etwas fehlt, liegt Sinn und Bedeutung; gerade da, wo die Beziehung zu einem Menschen am unerklärlichsten scheint, ist die Trauer über seinen Verlust am größten.

Peters hat mit seinem Debüt-Roman, der 1999 den aspekte-Literaturpreis gewonnen und ein nachhaltig berührendes Werk geschaffen. Etwas weniger kunsthistorischer Ballast hätte ihm möglicherweise gut getan; die für den Laien oft unverständlichen Referenzen versperren immer wieder den Blick auf die großen Themen seiner Geschichte. Aber letztlich sind sie damit wiederum nur realistischer Ausdruck der Selbstbespiegelung der Hauptfigur, die verzweifelt Analogien aus der Kunst bemüht, um das eigene verlorene Glück zu fassen zu bekommen – und damit scheitern muss.

Christoph Peters: Stadt Land Fluß. Frankfurt am Main: Frankfurter Verlagsanstalt, 1999. 278 Seiten. ISBN 978-3627000660.

 

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