Begeisternde Experimentierfreude

Biennale Bonn: Indien 13.-21. Mai 2006Es gibt Konzerte, die lassen ihr Publikum ekstatisch und gelassen, enthusiastisch und melancholisch, meditativ und aufgewühlt zugleich zurück, ohne dass ein Gefühl unangenehmer Diskrepanz aufkommen würde. Dann nämlich, wenn die Musik es schafft, so viel scheinbar Unterschiedliches harmonisch dergestalt zu vereinen, dass sie nicht einmal mehr den Gedanken zulässt, es könne fremd sein. Traditionelle indische Musik, Elemente des Jazz, Rock, Asian Dub und lateinamerikanische Rhythmen, komponiert zu einem Klangteppich – ein so bestechend experimentierfreudiges Konzert ist Markus Stockhausen, Trilok Gurtu, Pandit Hariprasad Chaurasia und Ferenc Snétberger gelungen. Die als Einzelkünstler renommierten Interpreten fanden zur Bonner Biennale das erste Mal als Quartett auf der Bühne des Opernhauses zusammen und ernteten mit ihrem musikalischen East-West-Projekt Standing Ovations.

Stockhausen brillierte als Solotrompeter, Jazz-Musiker und Interpret klassischer Musik. Im Oktober 2005 erhielt er den WDR-Jazz-Preis als bester Improvisator. Bereits seit einigen Jahren trott er auch gemeinsam mit dem Gitarristen Frenec Snétberger auf, zuletzt verwirklichten sie in Köln die Konzertreihe »Klangvisionen«. Wie Stockhausen sucht der in klassischer und Jazz-Gitarre ausgebildete Musiker neue Reize, sei es in brasilianischen Klängen oder in der Komposition eigener klassischer Concerti. Die Bansuri, die indische Flöte, im Klang wärmer und rauchiger als die gemeinhin bekannte Querflöte, ist die Profession und religiöse Passion des indischen Musikers Pandit Hariprasad Chaurasia, dessen Repertoire indische Tradition und Innovation gleichermaßen umfasst. Zusammen mit dem Tabla-Spieler Trilok Gurtu und der dezenten Sitar-Begleitung durch Stefanie Boss setzte das Ensemble virtuos indische und westliche Musik in Szene. Gurtu zeigte dabei nicht nur fulminante Einlagen auf indischen Percussions, sondern überzeugte auch als verschmitzt charmanter Entertainer.

Besonders Chaurasia erwies sich musikalisch als virtuoser Geschichtenerzähler: Klar strukturiert, meditativ, in kraftvollen Jazz-Soli und immer im souveränen Dialog mit den anderen Ensemble-Mitgliedern entwickelte er Melodiebögen von Nachdenklichkeit, Vitalität, Melancholie und Sehnsucht. Lange, improvisiert erscheinende Stücke variierten zwischen kehligen Flötenlauten und weichen, organischen Klängen.

Stockhausen, souverän in seinem Metier der Jazz-Trompete, wechselte, um der indischen Traditionsmusik näher zu kommen, von der klassischen Trompete zum wärmeren, tieferen Ton des Horns. Eine besondere Überraschung für das selige Publikum: das erst vor zwei Wochen eigens für diesen Anlass komponierte Stück »Maytime«, entstanden gleichermaßen aus eben jenen östlich und westlich inspirierten Musikeindrücken. Sensibel unterstütze er die indischen Klänge und erweiterte sie um jazzige Einlagen, gekonnt bedacht auf ein traditionelles und doch innovatives Musikgefüge. Nur manchmal verschwammen die leisen, traditionell indisch geprägten Klangpassagen in etwas zu starken und deshalb unnötig romantisierenden Weichzeichner- und Hall-Effekten.

Bewusst dezent hielt Snétberger sein Gitarrenspiel, das fast minimalistisch die Intensität der Stücke verstärkte und sie mit überraschenden lateinamerikanischen und klassischen Einlagen um ein Genre erweiterte.

Als geradezu spektakulär erwies sich Gurtu auf den Percussions, besonders im direkten Zwiegespräch mit Chaurasia. Der Virtuose und Liebhaber der Weltmusik versetzte die Zuhörer in atmosphärische Klangwelten: an einen Strand, einen Hafen – mit Wasserbehältern, Muschelketten und den Tablas erzeugte er Klänge und Bilder von Möwengekreisch, Signalhörnern, Gischt, Rauschen, feinem Rieseln, Brandung, archaisch und dann wieder verspielt fein, immer im musikalisch abgestimmten interkulturellen Frage-und-Antwort-Spiel mit seinen Musiker-Kollegen.

Meisterhaft gelang es den Interpreten, ihre Instrumente und Genres mutig experimentierend so überzeugend zu vereinen, dass sich das mehr als geneigte Publikum wünschte, die vier Musiker möchten sich wenigstens noch zu einem weiteren Konzert in dieser Konstellation zusammenfinden, um noch einmal dieses Gefühl von freudig gelassener Sehnsucht heraufzubeschwören.Im Rahmen der Bonner Biennale war dieses Konzert sicherlich ein, wenn nicht gar das musikalische Highlight.

 

Markus Stockhausen, Trilok Gurtu, Pandit Hariprasad Chaurasia und Ferenc Snétberger.
Konzert in der Oper Bonn am 16. Mai 2006.
(Das Konzert wurde von WDR 3 mitgeschnitten.)

 

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