Bin ich viele?

Manfred Poser denkt über den Autor nach, der sich in viele Personen spaltet, und landet bei einer Krankheit namens MPD

Im Sommer traf ich nach vielen Jahren bei einem Fest in Zürich Peter Brugger wieder, den Neuropsychiater. Wir sprachen über einen gemeinsamen Bekannten, der uns nicht kennt und überhaupt bereits im August 1933 in Rom gestorben ist. Ludwig Staudenmaier heißt er, geboren 1865, Professor für Chemie, und berühmt wurde sein Buch Die Magie als experimentelle Naturwissenschaft (hier als PDF). Es ist der Bericht eines schrecklichen Experiments: Staudenmaier führte eine Persönlichkeitsspaltung bei sich herbei und weitere, bis er in fünf bis sieben Einzelpersönlichkeiten zerfallen war, die sich bekämpften. Das zermürbte den Experimentator. Er floh und zerbrach.

 

Stadt aus Glas

Gleich nach dem Fest schlug ich wieder ein Buch auf, Stadt aus Glas von Paul Auster (1987). Da meldete sich das Thema sofort wieder. Erzählt wird von dem Autor Daniel Quinn, der unter dem Namen William Wilson Detektivromane mit dem Helden Max Work schreibt. Einmal bekommt er einen Anruf von einem, der Paul Auster sprechen will. Quinn gibt sich als Auster aus und lernt im Verlauf des Buches auch den echten (?) Autor Auster kennen, und später, als die Geschichte einem seltsamen Ende zutreibt, erfährt der Leser, dass der Erzähler der Geschichte ein Bekannter Austers und Quinns ist ... Ein verwirrendes Spiel mit Identitäten und Stimmen.

Wer bin ich? (Foto: Gabriele Juvan)
Wer bin ich? Der Autor, ratlos, in einer Ausstellung in Offenbach, 2009. (Foto: Gabriele Juvan)

Das kann uns heute nicht mehr verblüffen. In der Literatur ist alles Denkbare bereits durchgespielt worden, und vielleicht müsste man tatsächlich bei Don Quijote von Miguel de Cervantes Saavedra beginnen, Anfang des 17. Jahrhunderts verfasst, in dem der Autor sich vorkommen lässt – wie Auster in der Stadt aus Glas –, jedoch die Autorschaft mehreren dunklen Quellen zuschreibt. Ein Urheber eines Romans verteilt ja sich selbst auf mehrere Personen, die gewissermaßen als Interpreten seiner psychischen Landschaft fungieren. Die postmodernen Spiele mit Selbstreflexivität und vielfältigen Bezügen grassierten in den 1980er Jahren; ich denke da an Antonio Tabucchi, dessen Werke mich damals gefesselt haben.

Man könnte spekulieren, dass die Austerschen Verknotungen und die Tabucchischen Rückverweise Ausdruck einer zunehmend klaustrophobisch wirkenden westlichen Welt waren, Zeichen einer Krise, die durch den Fall des Kommunismus erst offenbar wurde. Alles öffnete sich, und nun sind die Grenzen der Banalität die Grenzen der uns bekannten Welt. Doch es gibt eine weitere Parallele aus den 1980er Jahren, die an Staudenmaier und die Zersplitterung des Autors denken lässt.

 

Multiple Personality Disorder

Jean-Martin Charcot hatte 1882 gefunden, dass in Fällen von Hysterie der Bewusstseinsstrom sich aufspalten könne. Alfred Binet und Max Dessoir sprachen 1890 vom doppelten Bewusstsein beziehungsweise dem Doppel-Ich, und Pierre Janet führte den Begriff der Dissoziation ein, auf deutsch: Abspaltung. Das ist eine Fähigkeit des Menschen. Täglich tun wir viele Dinge automatisch. Wir verlieren uns in Tagträume. Typische Erscheinungen von Dissoziation sind Amnesien, Fugues (unerklärbares Verschwinden), Somnambulismus und Multiple Personality Disorder. Ein Mädchen wird vom Vater missbraucht, das ist entsetzlich; es leugnet die Tat und tut so, als ob sie einer anderen geschehen wäre. So kann es weiterleben, denn den Vater braucht man als intakte Gestalt. Es entsteht ein abgespaltener Komplex, eine rudimentäre Person gar. Wenn die Bedingungen des Missbrauchs wieder aufleben, ist alles wieder da. Leider erstickte Sigmund Freuds Verdrängung die Dissoziation; ich bleibe ich, habe etwas nur verdrängt und versteckt. Zudem glaubte Freud an sexuelle Triebkräfte in Kindern, und Missbrauchserinnerungen konnten als Projektionen fehlgedeutet werden. 1906 veröffentlichte Morton Prince ein Buch über »Miss Beauchamp« (Clara Norton Fowler), und ein Namensvetter, Walter Franklin Prince, stellte 1915 den Fall Doris Fischer dar. Es waren Frauen, die verborgene Persönlichkeiten besaßen, und nicht nur eine. Die Krankheit hieß Multiple Personality Disorder, jedoch wurde sie von 1910 bis 1970 kaum mehr diagnostiziert, Schizophrenie – zwei Personen in einer – dafür umso häufiger. In den 1980er Jahren kam es plötzlich zu einer Welle von MPDs. Kindesmissbrauch rückte in den Fokus, bedingt durch die Frauen-Emanzipation und eine Psychologisierung der Gesellschaft. Was vorher nicht gesehen werden wollte, wurde nun übertrieben. Menschen wurden auch zu Unrecht angeklagt, weil gut meinende Therapeuten Traumata zu Erinnerungen an Missbrauch umdeklarierten. Doch es gab auch genügend echte Fälle. Sexueller Kindesmissbrauch ist Realität. 97 Prozent der »Multiplen« – meist Frauen – waren oft missbraucht worden. In den 1980er Jahren wurden viele Bücher über MPD veröffentlicht. Ich habe sechs bis acht gelesen. Die meisten Patientinnen hatten sechs bis sechzehn Persönlichkeiten, die alters (von lateinisch alter, anders; das alter ego), und diese alters »switchten« hin und her; manchmal war eine Person nur wenige Sekunden da, dann wieder ein paar Minuten. Und jede neue Person weiß nichts von der anderen; eine Lounge oder ein schwarzes Brett wird benötigt, um sich über Alltagsfragen zu einigen.

 

Bin ich viele? (Foto: Jürgen Löffler)
Bin ich viele? Der Autor (in Gelb) mit anderen Radlern in Rom bei einer Fahrrad-Demonstration. (Foto: Jürgen Löffler)

 

Für den Therapeuten bedeutete das Stress in Reinkultur. Manch einer wurde in einer Nacht von zehn verschiedenen alters angerufen. Andere frohlockten. Der Ehemann einer MPD-Patientin soll gesagt haben, mit ihr verheiratet zu sein, sei wie einen Harem zu besitzen, bei dem man nur eine verköstigen müsse.

 

Therapie und Ausblick

Bei der Therapie geht es darum, eine »Fusion« zu erreichen. Zerstörerische Teilpersönlichkeiten sollen verschwinden, denn immer wieder gibt es homicidal und suicidal alters, was nicht verwundern kann. Der »Inner Self Helper« musste unterstützt werden, und im besten Falle war eine Patientin nach fünf Jahren wieder eins: sie selbst. Es ist, als wäre ein Autor in seinen Roman eingetreten, hätte sich darin verloren und befreite sich nach Abschluss wieder davon. Aber auch im Buch deuten sich Verschmelzungen an, beliebt bei Auster, wo immer wieder Beobachter und Beobachteter miteinander verschmelzen, Autoren mit ihren Figuren, und ohnehin ist das ein wichtiges Motiv bei Jorge Luis Borges, an den Auster gern erinnert. Aus dem Einen entsteht das Viele, das wieder in die Einheit eingeht: eigentlich ein natürlicher Vorgang, wenn wir an die gnostisch-kabbalistische Vorstellung des fernen Gottes denken, En Soph, der die Welt erschafft, um sich anbeten zu lassen. Am Ende der Zeiten wird womöglich die ganze komplexe Schöpfung wieder in Gott zurückgenommen – um von neuem zu entstehen. Wie bei vielen Psychopathologien am Rande des Verständlichen fehlten bei MPD nicht die Versuche, das Krankheitsbild wegzuerklären. Die Psychiater sollten schuld sein, die Teilpersönlichkeiten seien iatrogen entstanden: von ihnen erzeugt. Doch so einfach ist es nicht. Man sollte noch darauf hinweisen, dass Besessenheit auch möglich wäre. Martin Luther noch hielt alle Geisteskrankheiten für Fälle von Besessenheit, und hinter Fällen von Stimmenhören und bizarren Persönlichkeitsveränderungen könnte man durchaus den Einfluss von Dämonen vermuten. Woher kommt nun unsere Persönlichkeit? Und der Autor, der diese spaltet und wieder vereint, was ist er? Alle vielleicht – oder niemand? Davon demnächst mehr.


 

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