Blindenfußball

Gut gelaunt: Fritz Schütte, Radiomann, Berlin
Gut gelaunt: Fritz Schütte, Radiomann, Berlin

„Das ist ein richtig spannendes Spiel, also wirklich kein Quatsch. Wenn mal so ein Turnier in deiner Gegend ist, nix wie hin“, riet mir neulich in einer Mail mein Freund Fritz Schütte. Versprochen; doch wie geht das denn, Blindenfußball? Fritz hat für den WDR einen Beitrag darüber gemacht (gesendet am 2. Juni), weil am letzten Maiwochenende in Berlin das erste internationale Blindenfußballturnier Deutschlands veranstaltet wurde. Zu hören ist der Bericht auf seiner Homepage www.fritzschuette.de. Fritz ist ein journalistischer Ethnologe, der beim Wasalauf in Schweden war, der Ruderregatta von Henley, bei den Steinhebern im Baskenland und den Eisstockschützen Frieslands, bei den Sinti Kataloniens, den Sorben Ostdeutschlands und den türkischen Rappern Berlins. Und eine tolle Stimme hat er, der Fritz.

Also, Blindenfußball geht so: Vier blinde Spieler sind in einem Team, und ihr Torwart, der fünfte Mann, ist ein Sehender. Zwei Mann am Spielfeldrand sind Ansager, und der Ball hat unter seiner Haut Rasseln, damit man ihn hört. Der sehende Torwart darf nur zwei Meter nach vorne treten. Jeder Verteidiger muss sich bei der Annäherung an einen Stürmer durch Rufen bemerkbar machen. Auf geht’s! Weltmeister ist Brasilien wie bei den Sehenden, die es nicht gewohnt sind, so tituliert zu werden. Komisch, man dachte doch, alles Denkbare läge längst auf dem Tablett.

Die Deutschen müssen diese Sportart erst erlernen und fleißig üben. Darum waren 28 Spieler bei einem Workshop mit der englischen Mannschaft. Im WDR-Beitrag sagt Michael Löffler von St. Pauli Hamburg: „Ich denke, dass man in Deutschland, so blöd das jetzt klingt, einfach nicht auf die Idee gekommen ist, dass man das spielen kann. Man hat gesagt, das geht nicht, und dann war Ende der Durchsage.“ Jetzt aber: In Tübingen, Essen und Berlin wird auch schon trainiert (gestern, 15. Juni, konnte man zwischen 13 und 15 Uhr in der Adidas-Arena vor dem Reichstagsgebäude zusehen).

Wie mag das sein, wenn man ein Rasseln hört, einen Zuruf, kickt und läuft in dunkler Nacht, in die Jubel prasselt? Aber vielleicht stellt man sich das falsch vor, der Spieler lebt in einem eigenen Koordinatensystem aus Geräuschen, Gerüchen, Ahnungen, und wir, wir müssen unsere gewohnte Ästhetik dessen, was Fußball ist, über den Haufen werfen. Es sieht sicher seltsam aus, aber Spaß macht’s trotzdem. Mir fällt ein, wie das damals war, als mein sechsjähriger Neffe Steffen kickte (heute ist er fünfzehn). Da waren an der Seitenlinie viele Eltern, und auf dem Feld rollte der Ball, der zu groß schien für die Kleinen, die wie kleine Hunde immer ihm nachliefen und zu ihm hin; sie beförderten ihn weiter und manchen Gegner ins Gras, der Trainer schrie, und plötzlich schien es eine andere Sportart zu sein als die, die wir kannten. Es war lustig.

Komisch, mit dem Rücken zum Fernseher zu sitzen, Italien gegen Ghana, und sich zwingen zu müssen, nicht sich umzudrehen. Und dann denkt man, dass sie in den dreißiger Jahren am Radioempfänger hingen. Giro d’Italia, Fußball, das war eine Stimme, mal sonor, mal sich überschlagend, eine Stimme im Raum, und Bilder blinkten auf und Namen machten sich breit. Man war ja froh zu erfahren, was passiert. Die Radiowelt gibt es immer noch. Hört bei Fritz Schütte rein!

Kleine Ergänzung in eigener

Kleine Ergänzung in eigener Sache. Eine nette Koinzidenz: Am Tag nach dem "Blindenfußball" bin ich abends ins Programmkino "Kinok" gegangen. Es lief "Peindre ou faire l'amour", eine französische Komödie mit Sabine Azema und Daniel Auteuil, die sich ein Bauernhaus kaufen. Der Bürgermeister des Ortes, Adam (Sergi Lopez), ist blind und lädt sie ein. Danach müssen sie nachts durch den Wald zurück. Der Bürgermeister führt das Paar, er kennt den Weg. Nun also drei Minuten dunkle Leinwand, nur die Untertitel zu sehen - "Da ist ein Ast, Vorsicht, Bein hoch" - "Wo sind wir?" - "Da müsste jetzt gleich das Licht sein, an der Wand." Klick, Licht an - der Zuschauer sieht wieder. Später nimmt Adam (Sergi) Sabine am Arm, tut so, als verwechsle er sie mit seiner Frau und geht mit ihr nach oben: Partnertausch. Igendwann noch einmal später, als zufällig alle vier im Schlafzimmer sind, tritt Adam versehentlich das Licht aus. Er merkt das natürlich nicht. "Was ist?" - "Sie haben das Licht ausgemacht." Leinwand dunkel. Allgemeines verzücktes Stöhnen. Dann Aufblende. Und nächster Morgen. - Ich hatte den Film schon zweimal sehen wollen, doch immer kam etwas dazwischen. Und nun hat es genau gepasst. Solche netten Zufälle gibt es, wenn man sich mit einem Thema beschäftigt. Erklären kann man das nicht, aber man freut sich darüber. Viele Grüße Manfred Poser.

 

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