Bodenhaftung
Bei diesem Buch könne man nicht aufhören zu lesen, meinte meine Mutter. Sie sprach über Der Boden unter den Füßen von Anna Maria Leitgeb, das ich ihr geliehen hatte. Meine Mutter wird Ende des Sommers 80, und die harte Kindheit des Südtiroler Mädchens Moidi (oder Maria) in der Enge ihres heimatlichen Dorfes, die Strenge des Vaters und die Bigotterie der Umwelt sprachen diese Leserin an. Das kannte sie. Moidi wird schwanger und muss mit einem befreundeten Ehepaar in die USA auswandern: »Aber ein lediges Kind war das Schlimmste nach dem Tod.« Die 15-Jährige findet zum Glück etwas Besseres.
Die aus Südtirol stammende Autorin lehrt in Rochester und lebt mit ihrer Familie in Wilmington. Natürlich ist das alles für sie vertrautes Terrain, und schreiben kann sie. Nur gibt es immer diese Erwartungen: Jeder weiß, wie angeblich ein Roman auszusehen habe, alle erfüllen professionell die Standards, und dann liegt wieder ein neues Buch da; und wieder ist es ein gutes Buch, dem aber die große Klasse fehlt, zu der es eine Portion Wagemut und Selbstvergessenheit braucht
Der Roman bekommt immer dann Fahrt, wenn die Autorin den Boden unter den Füßen verlässt: Wenn Moidi bei der Missa brevisvon Mozart aus den hohen Fenstern hinausschwebt, wenn sie beim Sex mit dem Lehrer gegen eine Strömung ankämpft, »die sie hinaus auf den See zog, weg vom sicheren Ufer«. Sonst geht es bodenständig, wenn nicht gleich plüschig und blumig zu. Da ist »das Erinnern, das immer wieder über sie herfiel wie ein ausgehungerter Hund«. Die Zukunft ist natürlich »leer wie ein weißes Blatt«. Später dann, schon in den USA, regt sich Moidi über das befreundete Ehepaar auf, was ungerecht ist, da sie ihm viel zu verdanken hat, aber das ist bissig und ehrlich und hat einen guten Rhythmus, und der Leser denkt: Jetzt hat sich die Autorin freigeschrieben, jetzt geht es los!
Leider nicht. Es geht betulich weiter – wie gehabt. Schön werden die Staaten geschildert, Moidi lernt Sam kennen und dessen Eltern, das ist alles kleinbürgerlich, und sodann kommen pflichtschuldig die Versatzstücke des Zeitromans und sozialen Sittengemäldes ins Spiel als da wären Lippenstift und Seidenstrümpfe, Pearl Harbour und die Rückholung Südtirols ins Reich, Kriegsende und Rassendiskriminierung. »Das Jahr ging unspektakulär zu Ende und das Neue nahm seinen Lauf.« So schreiben Autoren aus Verlegenheit, hoffend auf Inspiration.
Natürlich dürfen auch die symbolischen und filmisch wirkenden Szenen nicht fehlen: Moidi schneidet sich die Zöpfe ab; sie stopft ihre Vergangenheit in den Koffer, tief zuunterst; sagt »Ich« in den Spiegel, zum ersten Mal. Die junge Frau arbeitet ja in Wilmington als Schweißerin. Das wird nur nebenbei zwei-, drei Mal erwähnt, aber – was hätte sich nicht daraus machen lassen! Da war doch das Spezielle, das Schräge der ganzen Geschichte, denn Moidi, die Südtiroler Schweißerin, wird bei ihrer Arbeit wohl andere Arbeiter kennengelernt haben, eine ganz irre Gang, von der man gern etwas erfahren hätte. Sofort hatte ich das Anfangsbild des Films Fame (1978) vor Augen, wo Irene Cara schweißt, dann auf ihr Fahrrad springt und über eine Hügelkuppe fährt, begleitet von dieser wunderbaren Musik.
Das Buch läuft gut dahin, auch mit seinen Schwächen liest man es gern. Doch am Ende, nach einem enttäuschenden Heimatbesuch Moidis, verliert die Story unverhofft und diesmal unerwünscht seine Bodenhaftung, was heißen soll: Der Schluss ist merkwürdig, tragisch, ist merkwürdig tragisch und psychologisch nicht überzeugend. Moidi verliert schuldlos das, was sie aus der Heimat fortgetrieben hat, und das wirkt wie eine unverdiente Strafe. Aber pflichtschuldig sagt Moidi »Das Leben geht weiter«, und dann nimmt sie Feuer von einem Herrn mit Siegelring an und schaut zu, wie die Gegenwart von der Vergangenheit davonschwimmt. Wohin schwimmt sie? Plötzlich haben wir keinen Boden unter den Füßen mehr, sind alleine mit dem, was war, mit dem Buch also und einigen Fragen, die ohne Antwort bleiben.
Anna Maria Leitgeb: Der Boden unter den Füßen. Roman. Bozen: Edition Raetia, 2009. 232 S. ISBN 978-88-7283-323-D. 12,50 Euro.

