Unruhige Zeiten

Der Kriegsroman Ketten in das Meer beleuchtet eindrucksvoll die Vergangenheit Österreichs

Gut 100 Jahre nach dem 1. Weltkrieg erinnert der Wiener Verlag Edition Atelier mit der Veröffentlichung des Romans Ketten in das Meer an dessen Autor Bohuslav Kokoschka, der als Schriftsteller und Maler Zeit seines Lebens hinter seinem viel bekannteren Bruder Oskar zurückstecken musste. Das Werk erlaubt es der Zerrissenheit des Alltags am Ende der Donaumonarchie nachzuspüren und lädt nicht zuletzt auch dazu ein, einen fast vergessenen Autor neu zu entdecken.

Doppelbegabungen, zumal unter Geschwistern, sind eher selten und wenn sie doch zu beobachten sind, dann spielt meist der Konkurrenzgedanke eine besondere Rolle. So ist es zumindest bei den Gebrüdern Kokoschka. Zunächst denkt man bei dem Namen nur an Oskar Kokoschka. Es gibt aber noch einen anderen Kokoschka, der Anfang des 20. Jahrhunderts ähnlich umtriebig und künstlerisch aktiv ist: sein jüngerer Bruder Bohuslav Kokoschka. »Dichte für dich selbst« lauten die Worte, die ihm vom älteren Bruder mit auf den Karriereweg als Schriftsteller mitgegeben werden. Man denkt sofort an die Geschichte von Kain und Abel, doch würde man Oskar Kokoschka Unrecht tun, wenn man es bei diesem Vergleich beließe. Er nimmt seine Forderung später zurück und setzt sich für den Bruder wie ein Vater ein. Doch während der eine reüssieren kann und bis heute noch vor allem als Künstler gefeiert wird, ist der Andere nahezu vergessen.

Es ist dem Wiener Verlag Edition Atelier zu verdanken, dass anlässlich des 40. Todesjahrs im vergangenen Jahr Bohuslav Kokoschkas Roman Ketten in das Meer erschien, der ein Jahr nach Ende des 1. Weltkriegs entstand und bereits 1972 unter dem Titel Logbuch des B.K. im Münchner Ehrenwirth Verlag veröffentlicht wurde. Der Roman reiht sich in eine Fülle an Werken ein, die mit Namen wie Joseph Roth und Alfred Kubin verbunden sind. In ihren Büchern spielt insbesondere das Ende der österreichisch-ungarischen Donaumonarchie eine Rolle. Auf den zweiten Blick sticht Bohuslav Kokoschkas Roman aus diesem Reigen jedoch hervor. Ihm ist es nicht nur nicht vergönnt direkt nach dem Krieg zu erscheinen, weil sich diverse Verleger weigern das Buch zu veröffentlichen, auch die Literaturkritik reagiert durchaus gespalten. In den 1970er Jahren ist von überflüssiger Ausgrabung und konfusem Stilsalat die Rede.

Ein authentischer Lebensbericht

Tatsächlich ist der Roman durchaus komplex konstruiert. Mehrere Erzählstränge laufen nicht nur parallel, sie sind sogar ineinander verwoben, denn Bohuslav Kokoschka verpackt in seinem Werk gleich drei Geschichten: Die Postangestellte Maza findet in einer jugoslawischen Küstenstadt ein Paket mit den Memoiren, die ein Fremder dort hinterlassen hat. Es sind die Erinnerungen eines jungen Musikers, der an einem Kriegszug der k.u.k.-Marine teilnimmt, in den Blättern Kriegserlebnisse schildet, seinerseits aber auch auf das Tagebuch einer jungen Wienerin stößt und dieses rezipiert. Immer wieder wechselt Bohuslav Kokoschka den Erzähler, schildert Sequenzen aus der Sicht der einzelnen Protagonisten. Der manchmal unbeholfene Stil der Memoiren bestimmt dabei den gesamten Roman und mit der Zeit keimt der Gedanke, dass es hier bewusst keinen eindeutigen roten Faden, sondern nur ein Mosaik aus erzählerischen Versatzstücke geben soll.

Denkt man sich in die Zeit des Entstehens dieses Romans zurück, ist diese zuweilen auch anstrengende Art des Erzählens eher ungewöhnlich und erinnert an manchen Stellen an den Film. Gleichwohl macht diese Zerrissenheit aber auch auf etwas aufmerksam, das zwischen den Zeilen immer mitschwingt: die Schwierigkeit, den Krieg mit all seinen Auswirkungen auf den Alltag zu akzeptieren. Das Besondere des Romans zeigt sich also gerade darin, dass Bohuslav Kokoschka hier einen eindrucksvollen Einblick in das Leben in unruhigen Zeiten bietet, der gerade deshalb gelingt, weil er sich auf eigene Erfahrungen als Marinesoldat berufen kann. Unterstrichen wird dies auch durch die originalen Illustrationen aus der Hand Bohuslav Kokoschkas, die den Roman erstmals schmücken und Szenen aus dem Leben zur See zeigen. Zusammen mit dem informativen Nachwort des Kulturpublizisten Adolf Opel, der Bohuslav Kokoscha persönlich kannte und unter anderem auch Zugriff auf Briefe der Gebrüder Kokoschka hatte, erweitern sie den Fokus auf ein Werk und dessen Autor, den es angesichts der Geschwisterkonstellation so richtig erst noch zu entdecken gilt.

Bohuslav Kokoscha: Ketten in das Meer. Roman. Mit einem Nachwort von Adolf Opel. Wien: Edition Atelier, 2016. 344 Seiten. ISBN 978-3-903005-23-5. 25,00 Euro.

 

Spendenaufruf

Die »Kritische Ausgabe – Zeitschrift für Literatur im Dialog« sowie das Online-Magazin wird von einer jungen, ehrenamtlichen Redaktion betreut. Bitte helfen Sie uns mit einer Spende, mit unserer Arbeit weiterzumachen.

Detaillierte Hinweise für Spenden finden Sie im Impressum.

Wenn Sie mögen, können Sie uns auch ganz einfach unterstützen, während Sie online einkaufen, einen Flug oder Ihren nächsten Urlaub buchen – ohne, dass es Sie mehr als ein paar zusätzliche Mausklicks kostet. Wenn Sie vor dem Einkauf bzw. der Buchung über nachstehenden Button zu einem Online-Shop gehen und dort dann wie gewohnt einkaufen, bekommt die »Kritische Ausgabe« automatisch eine kleine Spende von etwa fünf Prozent des Einkaufswertes gutgeschrieben. Ihnen entstehen dadurch garantiert keine Mehrkosten!