Die mit den Wölfen tanzt

In ihrem Debüt überzeugt Carol Rifka Brunt mit einer starken Ich-Erzählerin in einer emotionalen Coming-of-Age-Geschichte

Der Roman Sag den Wölfen, ich bin zuhause erzählt die Geschichte einer ungewöhnlichen Freundschaft zwischen einem 14-jährigen Mädchen mit einem Faible fürs Mittelalter und einem an AIDS erkrankten Fremden. Carol Rifka Brunt gelingt es dabei mühelos niemals ins Düstere, Kitschige oder Konstruierte abzurutschen. Ein lesenswertes Debüt, das durch die Perspektive der jungen Ich-Erzählerin zu glänzen vermag.

In den USA hat Carol Rifka Brunts Debüt Sag den Wölfen, ich bin zuhause bereits vor einigen Jahren in rasantem Tempo die Bestseller-Listen erklommen und wurde vielfach ausgezeichnet: So kürten unter anderem das Wall Street Journal und das Oprah Magazine den Roman zu einem der »besten Bücher des Jahres«.  Der New York Times Bestseller wurde bereits in 20 Sprachen übersetzt; darüber hinaus ist eine Verfilmung in Vorbereitung. Angesichts des enormen Erfolgs bei der Leserschaft ebenso wie bei der Kritik, erscheint es umso überraschender, dass zwischen der amerikanischen Erstveröffentlichung im Jahr 2012 und dem Erscheinungsdatum des Romans auf dem deutschen Buchmarkt sechs Jahre vergangen sind. Nun liegt der Roman in – überaus gelungener – deutscher Übersetzung von Frauke Brodd vor. Und die Lektüre lohnt sich!

»Meine Schwester Greta und ich saßen an diesem Nachmittag Modell für ein Gemälde, das mein Onkel Finn von uns anfertigte, weil er wusste, dass er bald sterben würde«, beginnt die 14-jährige Erzählerin und Protagonistin June Elbus auf ebenso aufrichtige wie berührend naive Art ihre Geschichte. Es ist die Geschichte vom Tod ihres innig geliebten Onkels Finn, der im New York der 1980er Jahre an der noch unerforschten Krankheit AIDS stirbt. Ebenso sehr wie vom viel zu frühen Tod und einer Krankheit, deren Namen Junes Mutter kaum auszusprechen wagt, handelt Junes Geschichte von der Schönheit des Lebens, das aus der Einsamkeit von Außenseitern Freundschaft entspringen lässt und Hoffnung und Trost in den Details des Alltags, wie zu groß gekauften mittelalterlichen Schnürstiefeln und kitschigen Bären-Teekannen, versteckt. Allen Vorurteilen gegenüber dem latent pathetisch anmutenden Titel Sag den Wölfen, ich bin zuhause zum Trotz, ist es Carol Rifka Brunt ein angenehm kitschfreies Romandebüt gelungen. 

Blick für die Details

Brunts Buch Sag den Wölfen, ich bin zuhause ist eine zarte, ehrliche und hoffnungsvolle Coming-of-Age-Geschichte, die weniger von dramatischen Handlungssträngen oder von eindrucksvoller Sprache getragen wird, sondern vielmehr durch die Perspektive der Ich-Erzählerin June ihre emotionale Wucht entfaltet. So zeichnet der Roman behutsam das Seelenleben der klugen, zuweilen doch recht impulsiven und naiven Außenseiterin June nach, deren Charakterisierung nicht nur in ihren ambivalenten Gefühlen zu ihrem Onkel Finn, dessen Krankheit und Tod sowie gegenüber seinem Lebensgefährten Toby zu überzeugen vermag. Daneben ist es auch die gelungene Darstellung vom komplizierten Verhältnis zwischen June und ihrer Schwester Greta, dessen unumwundene Ehrlichkeit dem Roman seine Nähe verleiht.

Die punktgenaue Analyse zwischenmenschlicher Beziehungen erhält ihren Charme durch Brunts Blick fürs Detail. Vor dem authentischen Setting der 1980er Jahre in New York und dem damit verbundenen Lebensgefühls evoziert Brunt aussagekräftige und originelle Bilder, die in Erinnerung bleiben. So provoziert Greta June, indem sie ihrer Schwester und dem an AIDS erkrankten Onkel einen Mistelzweig über die Köpfe hält. Obwohl Finn, ihre Angst durchschauend, June lediglich auf den Scheitel küsst, wäscht sie sich abends dreimal die Haare. Finns Lebensgefährte und June möchten sich in einem Freizeitpark in altertümlicher Verkleidung ablichten lassen. Die Fotografin streikt allerdings, da sich die beiden für Kostüme aus unterschiedlichen Epochen entschieden haben. »Uns ist egal, wenn der Hintergrund nicht dazu passt. Suchen Sie ein Mittelding zwischen uns beiden aus. Der Hintergrund stört uns wirklich nicht.« Schließlich kapituliert Toby nun doch und zieht sich um.

Eine weitere liebevolle Feinheit ist die Leitmotivik des Wolfes, die neben der Geschichte um das Gemälde eine gelungene Klammer um den Romaninhalt bildet. Die Vermittlung zwischen den rivalisierenden Schwestern, zwischen dem verheimlichten homosexuellen Freund Finns und der trauernden Mutter sowie zwischen den einzelnen Beteiligten untereinander gelingt schlussendlich über das Vermächtnis des Portraitbilds, an deren mehr oder weniger kunstvollen Bearbeitung fast alle Figuren mitwirken. Denn am Ende lauscht June nicht mehr in der Einsamkeit des Waldes dem fernen Wolfsgeheul, sondern sie mischt sich in das Treiben des Wolfsrudels, ihrer Familie und einer Welt, in der Verlust, Trauer, Homosexualität und AIDS ebenso existieren wie Liebe, Familienzusammenhalt und Freundschaft.

Carol Rifka Brunt: Sag den Wölfen, ich bin zuhause. Aus dem amerikanischen Englisch von Frauke Brodd. Eisele: München 2018. 448 Seiten. 22,00 Euro. ISBN 978-3-96161-007-5.– Auch als E-Book erhältlich.

 

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