Charles Dickens und die gefallenen Frauen

Manfred Poser freut sich, zum 200. Geburtstag von Charles Dickens den verehrten Autor würdigen zu können

Von Charles Dickens’ zwei Dutzend Romanen habe ich etwa die Hälfte gelesen, aber das ist schon 25 Jahre her, damals in Hamburg. Nicholas Nickleby, Little Dorrit, Bleak House, Great Expectations ... Es waren Feste. Er wurde vor 200 Jahren, am 7. Februar 1812, geboren, ein Wassermann-Sternzeichen wie ich. Also: ein eigener Kopf mit blühender Fantasie; wortmächtig und charmant; aber auch irgendwie flüchtig, immer auf dem Sprung; wenig Erotik und Sexualität. Da steht der Wassermann drüber.

In Zürich zeigt das Museum Strauhof am Ende der Augustinergasse (Nähe Rennweg) noch bis 4. März die gelungene Ausstellung Die Geheimnisse des Charles Dickens (1812–1870). Ich erfuhr, dass es nur wenige Neuausgaben seiner Werke gibt: Dickens wird heute nicht mehr viel gelesen. Seine Werke bieten ebensoviel Atmosphäre wie Handlung, sind voll von kuriosen Charakteren und langen Schilderungen; zu anstrengend für heute. Doch er wurde gelesen, und wie! Von 1840 bis 1870 war Charles Dickens der berühmteste Engländer, und die berühmteste Frau der Inseln war seine Königin Victoria. Manchmal trafen sich die beiden auch.

Der berühmte Autor am Schreibtisch seines Swiss Cottage
(Stich von Samuel Hollyer, 1826–1919)

Ich habe mir die Ausstellung angeschaut, und danach war mir der Autor so lieb wie davor (Max Frisch, auch einer meiner damaligen Favoriten, kam nicht so sympathisch rüber). Dickens war vielleicht ein Ehrgeizling, der zudem überall die Zügel in der Hand behalten wollte (im Theater war er Autor, Regisseur und Hauptdarsteller in einer Person), aber er hatte ein großes Herz und setzte sich immer für Arme und Schwache ein.

Das Urania Cottage

Da andere sein riesenhaftes Werk würdigen werden, konzentriere ich mich auf Dickens’ soziales Engagement, denn er schrieb nicht nur über die Verlierer der beginnenden Industrialisierung, sondern er tat auch etwas für sie. Er gründete das Urania Cottage in Shepherd’s Bush (London), ein Heim für gefallene Mädchen, und elf Jahre lang begleitete er es. Das war nur möglich, weil er in Angela Burdett Coutts (1814–1906) eine wohlhabende Erbin kennengelernt hatte, die in das Projekt einen kleinen Teil ihrer Reserven stecken wollte.

So entstand sein »Utopia im Westentaschenformat im Westen Londons«, wie Jenny Hartley in ihrem 2008 erschienenen Buch Charles Dickens and the House of Fallen Women schrieb. Das Heim sollte »ein kleines eigenes Universum sein«, etwas wie ein Roman in drei Dimensionen, eine von ihm zu kontrollierende Welt. Trotz seiner vielen Arbeit nahm sich der Autor die Zeit, mögliche Kandidatinnen selbst zu suchen und zu befragen. Er hatte sich ja angewöhnt, täglich bis zu 20 Kilometer lange Fußmärsche durch London zu unternehmen, auch nachts, und er wusste, wo er nachsehen konnte.

Mädchen, die in Hartford (Connecticut) Zeitungen verkaufen, 1909
(Foto: Lewis Wickes Hine (1874–1940); Quelle: US Library of Congress)

Denn es gab Tausende arme Jungs und Mädchen. Aus dem Jahr 1848 sind 17000 straffällige Frauen in London bekannt, die oft nur kleine Diebstähle begangen hatten und dafür mit Gefängnis und harter Arbeit bestraft wurden. Viele lebten sonst vom Nähen, noch mehr jedoch von der Prostitution. Und im viktorianischen England herrschte die Ansicht, das sei ein unaufhaltsamer Weg in den Untergang. Dickens teilte diese Ansicht nicht. Sein Heim stattete er »mit all der Wärme aus, die seine Romane zelebrierten«, und es sollte wenigen Glücklichen vieles bieten. Von 1847 bis 1862 gab es das Haus, und im Schnitt lebten dort 53 Mädchen.

Die Regeln, das Ziel

Die Regeln lauteten: kein Privatbesitz, keine Privatsphäre. Dafür war die Vergangenheit ausgelöscht. Jenny Hartley hat wunderbar recherchiert. Das Urania Cottage muss »gutes Theater« gewesen sein. Es gab Zickenkriege. Manche Mädels verschwanden wieder, andere stahlen, es gab Dramen, und »Generalissimo Dickens« spielte sich als Richter auf, der aber nach anfänglicher Strenge immer entschlossen war, Milde walten zu lassen. Übrigens war er auch sehr penibel. Alles musste sauber und ordentlich sein.

Er selbst hat auch von dem Heim profitiert. 1848 erschien Hard Times, 1853 Bleak House, 1857 Little Dorrit, und manche Urania-Mädels wurden in Romanen porträtiert. Hartley fasst zusammen: »Die Frau als Geheimnis, die Frau mit einem Geheimnis: Ihre Erfahrungen mit verbotenen Erlebnissen sollten Dickens’ Arbeit in den 1850er Jahren antreiben und ein neues Genres prägen, die Gefühlsprosa (sensational fiction).«

Dickens’ Engagement dauerte von 1847 bis 1858. Im Jahr davor hatte der 45-Jährige die 18-jährige Schauspielerin Ellen ›Nelly‹ Ternan kennengelernt, was zum Ende seiner Ehe führte. (Diese Beziehung, die bis zu seinem Lebensende andauerte und über das Platonische hinausging – oho! –, wurde erst ein halbes Jahrhundert danach bekannt.) Das Jahr 1858, als sich Dickens nur mehr am Rande für das Urania Cottage interessierte, wurde für ihn zu einer Wende. Trauer und Unrast kamen über ihn.

Er lebte teilweise ruhig in seiner Villa am Gad’s Hill Place; durch einen Tunnel konnte er auf die andere Straßenseite in sein kleines Swiss Cottage wechseln, wo er wie immer fiebrig schrieb. Doch immer wieder brach er zu gefeierten Lesereisen in vielen Ländern auf, bei denen er sich nicht schonte. Warum er, obwohl gewarnt und oft von Ärzten begleitet, darauf bestand, mit Leidenschaft und bis ans Ende seiner Kräfte seine Werke zu rezitieren, bleibt eines seiner Geheimnisse. Am 8. Juni 1870 brach er zusammen. Er erlitt einen Gehirnschlag und starb am Abend darauf.

Jenny Hartley hat sich auf die Spur der Urania-Mädchen begeben. Das Zauberwort hieß damals Emigration. Wer geeignet war, sollte auf einem Schiff nach Australien reisen und dort, wenn möglich, einen Ehemann und eine neue Existenz finden. Doch es gab kaum noch Spuren, abgesehen von Rhena Cole, die 1856 in Kanada einen Otis heiratete und bürgerlich wurde. Immerhin gibt es an dem Ort, an dem bis 1862 das Urania Cottage stand, das 1999 gegründete Limegrove Hostel für arme Jungs der St. Christopher’s Fellowship. Hartley schreibt stolz: »The spirit of Urania lives on.«

 

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