Die Bestie ist nicht nur im Kopf

Luca D'Andrea bleibt mit seinem Thriller Der Tod so kalt hinter den Erwartungen zurück

Die Nachricht verbreitete sich auf der Londoner Buchmesse 2016 wie ein Lauffeuer: In Italien soll ein atemberaubendes Debüt erscheinen. Die Rede ist von Luca D'Andreas erstem Thriller Der Tod so kalt, der in Italien direkt nach Erscheinen in die Top-Ten der italienischen Bestsellerliste aufstieg und nun auch in deutscher Übersetzung vorliegt. Der Südtiroler Autor erzählt die grausame Geschichte des Dorfs Siebenhoch.

Jeremiah Salinger ist neu im Bergdorf. Nachdem die letzte Staffel seiner anfangs erfolgreichen Dokumentarfilmreihe Road Crew in Amerika schlechte Einschaltquoten brachte, beschließt er, mit seiner Tochter Clara und Frau Anneliese eine Auszeit zu nehmen und in das Heimatdorf seiner Frau, den Ort Siebenhoch, zu fahren. Diese Entscheidung würden sie jedoch bald schon bereuen. Beeindruckt von der Postkartenidylle Siebenhochs mit seinen engen Straßen, verschlafenen Gebäuden, spitzen Giebeln und umgeben von verschneiten Bergen und Wälder, ist Salinger sogleich voller Inspiration für einen nächsten Film. Zusammen mit seinem Partner Mike dreht er schon bald eine Dokumentation über die Bergretter der Dolomiten. Doch beim Dreh einer Rettung passiert das Unglück: »Zu warm, hatte Moses gesagt. Zu warm bedeutete: Lawine. Der Schrei Gottes. Und die Lawine hatte sich Manny geholt. Und mit Manny, der am Seil der Winde hing, hatte sich die Bestie den Ec 135 gekrallt, ihn zu Boden gezogen und zerschmettert wie ein lästiges Insekt.«

Nach dem Abgang der Lawine sind fünf Tote zu beklagen, Salinger überlebt und muss sich vor den Dorfbewohnern für den Unfall verantworten. Aber nicht nur das. Er hat fortan mit Panikattacken zu kämpfen, die Stimme der Bestie – ein Zischen – ist in seinem Kopf. Mit Hilfe seiner Tochter schafft er es nach und nach ins Leben zurück zu kehren. Bei einem Ausflug ins Geologische Museum hört Salinger dann, wie sich zwei Frauen über das Bletterbach-Massaker unterhalten. Seine Neugierde ist augenblicklich geweckt; er beginnt sich umzuhören. Im Jahr 1985, als in der Gegend ein gewaltiges Unwetter wütete, wurden drei junge Siebenhochler in der Schlucht vom Bletterbach zerstückelt. Der Mörder wurde nie gefunden. Rund 30 Jahre später ist es nun Salinger, der die Morde aufklären möchte. Aber ein nicht willkommener Fremder, der an vergangenen Dorfgeschichten rüttelt und alte Wunden aufreißt, macht sich schnell Feinde. Auf der Suche nach der Wahrheit muss er einige Schlägereien einstecken, riskiert mehrfach seine Ehe und treibt sich selbst in den Wahnsinn. Neben der Bestie in seinem Kopf existiert noch eine weitere.

Die Präsenz der Vergangenheit

D`Andrea, der 1979 in Bozen geboren wurde, gelingt es in seinem Thriller eine unglaubliche Dynamik zu schaffen, deren Sogkraft zum Weiterlesen verleitet. Dies liegt nicht zuletzt auch an den vielen nervenaufreibenden Cliffhangern am Ende jedes Kapitels. Als Leser kann man sich genau vorstellen, wie das verschlafene Siebenhoch wohl sein mag. Wie ein Dorf, umgeben von Bergen, Geheimnisse in sich trägt, nur sich selbst zum Thema hat, über Nachbarn herzieht und Fremde als Eindringlinge betrachtet. In einem Dorf wie Siebenhoch besitzt die Vergangenheit eine sehr viel größere Präsenz als die Gegenwart. Es ist nur logisch, dass ein Außenstehender auftreten muss, der unangenehme Fragen stellt.

Ähnlich wie bei Stephen King ist das kriminelle Geschehen in die Natur verlegt. Deren gewaltige Kraft und Unberechenbarkeit treiben die Geschichte an; sie kann praktisch als einer der wichtigsten Protagonisten bezeichnet werden. Neben ihr beeindrucken aber auch die Charaktere, die D’Andreas Thriller ausmachen und die der Autor äußerst stark gezeichnet hat. Keiner scheint überflüssig oder bloß beiläufig erwähnt. Für den Leser kann jeder Einzelne für das Massaker verantwortlich sein. Dem Autor gelingt es, dass man bei der Lektüre immer eine andere Person für die Morde beschuldigen oder in Verdacht haben will. Jedoch hätte D`Andrea Salinger durchaus mehr Steine in den Weg legen können. Der Spannungsbogen reißt zu schnell ab. Bei all der Überraschung wirkt dabei einiges äußerst skurril. Das Potenzial zu einem Ende mit großer Nachwirkung hätte die Geschichte  dabei durchaus gehabt.

Luca D`Andrea: Der Tod so kalt. München: DVA, 2017. 480 Seiten. ISBN 978-3-421-04759-5. 14,99 Euro.

 

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