Das 6. Türchen

  1. Holz (Foto: Ansgar Skoda)Noëlle Châtelet: Die Dame in Blau (bei amazon.de bestellen)
    Die Hauptfigur in Châtelets Roman begegnet auf ihrem Weg zur Arbeit einer Passantin, einer ‚Dame in Blau’. Die Langsamkeit dieser älteren Frau wahrnehmend, verinnerlicht sie sie und lässt eine ähnliche Langsamkeit in ihr eigenes Leben einfließen. Sie beginnt ihr Leben anders zu ordnen und bewusster zu genießen. Ein schöner, kurzer und wohltuender Roman, der daran erinnert, dass man sein Leben feiern kann, wenn man sich traut.
  2. Virginia Woolf: Mrs Dalloway (bei amazon.de bestellen)
    Woolf nimmt sich in ihren Romanen stets Bewusstseinsströmen und inneren Monologen ihrer Charaktere an. Diese Gedankengänge fließen als entscheidende Konstituenten in die Handlung mit ein. Ihr vierter Roman Mrs Dalloway, an dem sie zwischen 1922 und 1925 arbeitete, spielt an einem Junitag des Jahres 1923 in London. Die 52jährige Hauptfigur Clarissa Dalloway trifft Vorbereitungen für eine Abendgesellschaft. Parallel zu diesem Geschehen führt Woolf die Geschichte des nervenkranken Kriegsveteranen Septimus Warren Smith ein. Mrs Dalloway kann man wie ein Musikstück lesen und verstehen. Die perspektivischen Brüche und unterschiedlichen Handlungsstränge werden im Roman durch den Stundenschlag der Glocken von Big Ben strukturiert. Wie sich die einander ablösenden Gedankenebenen verschiedener Romanfiguren am Ende zu einem großen Ganzen fügen, ist bemerkenswert. Ein Roman, den man im Original lesen sollte, da das sensible Sprachgefühl Woolfs zum besseren Verständnis beitragen kann.
  3. Paulo Coelho: Der Alchimist (bei amazon.de bestellen)
    Coelho erzählt in seinem Roman von einer Reise, die gleichzeitig als Initiation begriffen werden muss. Der andalusische Hirtenjunge Santiago geht nach Ägypten, da er mehrfach geträumt hat, dass er dort einen Schatz finden wird. Er begegnet Zigeunern, Räubern, verschleierten Frauen und einem weisen Alchimisten. Er begreift, dass ihm diese Menschen nicht immer wohlgesonnen sind, und muss lernen sich zu wehren. Er erfährt seine erste große Liebe, die er schon bald wieder verlassen muss. Coelho entführt seinen Leser in fremde, orientalische Welten – zuweilen verführt er ihn auch.
  4. Marlen Haushofer: Die Wand (bei amazon.de bestellen)
    Als eine Frau eines Morgens in einer Jagdhütte in den Bergen aufwacht, findet sie sich eingeschlossen von einer unsichtbaren Wand, hinter der kein Leben mehr existiert. Haushofers Roman wird aus der Perspektive dieser Frau erzählt, die plötzlicher Einsamkeit und völliger, zivilisatorischer Abgeschnittenheit ausgeliefert ist. Wie überleben, wenn man plötzlich ganz auf sich alleine gestellt ist? Haushofer spricht urmenschliche Ängste an, ohne diese durch ein Scheitern ihrer Romanheldin zu bedienen. Ihre Protagonistin versucht in der Hütte durch körperliche Arbeit, Vorräte und die Gaben verschiedener Tiere, die sie hütet, zu überleben. Um nicht den Verstand zu verlieren, schreibt sie Tagebuch, und dies ist zugleich die Erzählform, die Haushofer für ihren Roman wählt. Ein aufwühlendes, bewegendes und ungewöhnliches Werk.
  5. Irina Denezkina: Komm (bei amazon.de bestellen)

    Recht hat nicht der, der im Recht ist,
    sondern der Glückliche.

    Der Untertitel der letzten Geschichte von Denezkinas Erzählband Komm verrät eine Idealvorstellung, die sich mit der Realität nur bedingt deckt. Die 1981 geborene, russische Autorin beginnt besagte Geschichte mit den Worten:

    Ich hasse meinen Körper. Er ist überflüssig. Ich habe immer so viel Mühe mit ihm. Anziehen, gerade halten, Hände an die Hosennaht, Schminke ins Gesicht ... Das muss unbedingt erledigt werden, denn er ist meine Eintrittskarte. Ohne ihn bin ich nichts.

    In "Walerotschka", der wahrscheinlich härtesten ihrer zehn Erzählungen, beobachtet Denezkina auf sehr eigentümliche Weise Mobbing, Gruppendruck, Körperverletzung und Vergewaltigung in einem Jugendzeltlager. Sie beschreibt niemals moralisierend oder anklagend die große Angst der Campaufseherin und deren Unvermögen mit der jugendlichen Gewalt umzugehen. Denezkinas Erzählungen beeindrucken mit nachdenklichen oder frechen, immer genauen Beobachtungen. Ihre Erzählungen liefern Einblicke in kleine Abgründe oder Luftsprünge der Adoleszenz, die manchmal ein Leben zwischen Extremen wie Himmel und Hölle bedeuten kann.

  6. Isabel Coixet (R.): Mein Leben ohne mich (bei amazon.de bestellen)
    Der Flur wirkt trostlos. Die Stühle des Krankenhauses verlieren sich nach rechts und links. Ann ist allein, wartend. Endlich setzt sich der Arzt neben sie. Anns Unwohlsein scheint sich zu bestätigen. Der Arzt wirkt nervös. Der Befund scheint diesmal keineswegs auf eine erneute Schwangerschaft hinzudeuten. Doch eigentlich hat Ann keine Zeit für Fragen und Diagnosen, denn ihre zwei kleinen Töchter müssen von der Schule abgeholt werden. Das sieht nicht gut aus. – Mit berührender Intensität verfilmte die spanische Regisseurin Isabel Coixet eine Geschichte, die glücklich, zugleich aber auch traurig stimmt. Sie erstaunt und wirft dabei viele Fragen auf: Wie verhalten, wenn man nur noch drei Monate zu leben hat? Sich in Traurigkeit verkriechen oder gar die Welt aus den Angeln heben? Sich von Freunden und Familie trösten lassen? Etwas Neues erleben? Oder einfach weiterleben wie bisher? Die DVD zu dem von Pedro Almodóvar mitproduzierten Film bietet Interviews mit den Darstellern, der Hauptdarstellerin Sarah Polley und der Regisseurin Coixet sowie den Musikvideoclip "Humans like you". Ein Film, den man nicht so schnell vergisst.
  7. Ingeborg Bachmann: Die Zikaden (bei amazon.de bestellen)
    Bachmanns Hörspiel beginnt mit den Worten:

    Die Zikaden waren einmal Menschen. Sie hörten auf zu essen, zu trinken und zu lieben, um immerfort singen zu können. Auf der Flucht in den Gesang wurden sie dürrer und kleiner und nun singen sie, an ihre Sehnsucht verloren, verzaubert, aber auch verdammt, weil ihre Stimmen unmenschlich geworden sind.

    Die Einleitung verdichtet den sozialkritischen Kern von Bachmanns Werk in knappen Sätzen. Auf einer Insel suchen Menschen verschiedener Art und Herkunft Asyl. Dort formen sie in pausenloser Fiesta ihre missglückte Vergangenheit zu neuen Lebenslügen um. Nur einer, Robinson, entzieht sich dieser fortwährenden Feste. Ausgerechnet bei ihm sucht ein Häftling Zuflucht, nachdem er einen Tag und eine Nacht geschwommen ist, um der lebenslangen Haft im Gefängnis auf der Nachbarinsel zu entkommen. Zwischen diesen beiden Männern kommt es zu Gesprächen, die die Beweggründe für Robinsons Rückzug in die Einöde hinterfragen und in Frage stellen. Das von Bachmann geschriebene Hörspiel wurde unter der Regie von Gert Westphal mit Musik von Hans Werner Henze beeindruckend inszeniert und umgesetzt.

  8. Björk: Greatest Hits (bei amazon.de bestellen)
    Björk Gudmundsdóttir wurde November 1965 in Reykjavik (Island) geboren und gilt seit langem als Geheimtipp und erfolgreiche Ausnahmekünstlerin der europäischen Popmusik. Ihre Musik ist nie konventionell oder klassisch schön. Ihre Songs verblüffen durch kontrastive Stilelemente und Brüche, Mischungen aus Klassik, Swing, House und Techno. Gesangsvariationen zwischen zartem Flüstern und aggressivem Schreien zeigen, dass es um große Gefühle geht. Das spannungsgeladene Abdriften in die Sphären der Theatralik erhöht oftmals den Reiz ihrer Musik. Arbeiten mit Nellee Hooper (u.a. Produzent von U2) und Trip-Hop-Star Tricky scheinen Björk in ihrem neugierigem Experimentalismus bestärkt zu haben. Sie beweist sich in den meisten ihrer Songs als exzentrische, engagierte, merkwürdige, einzigartige, überraschende, dennoch aber zugängliche Künstlerin. Wenn man sich auf sie einlässt, ist ihre Musik Abenteuer und man wird für kurze Zeit in unbekannte, geheimnisvolle Sphären entführt. Ihre Greatest Hits-Compilation bietet gerade denjenigen einen groben Überblick, denen sich das wundersame Phänomen Björk bislang noch nicht erschlossen hat. Leider fehlen der ein oder andere Hit, z.B. "It's oh so quiet" und "I've seen it all". Letzteres ist das oscarnominierte Duett mit Thome Yorke (Leadsänger bei Radiohead) aus dem Soundtrack zu Dancer In The Dark, Selmasongs
  9. Jasmin Tabatabai: Only Love (bei amazon.de bestellen)
    Tabatabai arbeitet musikalisch fernab jeglichen Mainstreams oder Commerce-Pops. Ihren Bekanntheitsgrad verdankt die Mittvierzigerin deutsch-iranischer Herkunft ihren schauspielerischen Erfolgen. In Katja von Garniers Musik-Roadmovie Bandits spielte sie 1997 die aufsässige Knastinsassin Ludnilla Nabiba und steuerte damals zum Soundtrack zehn Songs aus eigener Feder bei. Zuvor sammelte sie gesangliche Erfahrungen in verschiedenen Bands, etwa der Stuttgarter Jazzfunk-Band Eskimos Ecstasy oder der Berliner Country-Rock-Combo Even Cowgirls get the Blues. Für ihre Bandits-Leistungen erhielt Tabatabai eine Goldene Schallplatte. Fünf Jahre später folgte ihr Solo-Debüt Only Love. Frei nach dem Motto: "Wenn man glücklich verliebt ist, schreibt man keine Lieder", sind ihre Songs melancholisch, erfrischend und eingängig, jedoch nie klassisch schön. Ihr Album ist in sich stimmig, manchmal verträumt, manchmal aggressiv. Leider sind die Tracks sehr kurzweilig und von unterschiedlicher Qualität. Ein ungewöhnliches und gewagtes Debüt. Ihre Songs erzählen vom sich Loslösen und Fallenlassen. Eine CD, die nicht jeder genießen wird, die aber sicherlich so manchen begeistern kann.
  10. Benjamin Lebert: Der Vogel ist ein Rabe (bei amazon.de bestellen)
    Lebert, Jahrgang 1982, brachte nach seinem erfolgreich verfilmten, autobiografisch eingefärbten Debüt Crazy 2003 einen neuen Roman auf den Markt. Der Vogel ist ein Rabe zeichnet sich durch einen klareren Spannungsbogen aus und ist bewusst fiktional gehalten. In Leberts Roman lernen sich Henry und Paul, beide Anfang zwanzig, auf einer Zugfahrt von München nach Berlin (der "Stadt, wo es leuchtet") kennen. Nachts im Zug erzählt Henry dem Ich-Erzähler Paul von seinem Freund Jens und seiner Freundin und heimlichen Liebe Christine, die er beide hinter sich zurücklassen möchte. Für eine Nacht eint die Jungen die gemeinsame Flucht vor einem schlimmen Ereignis und die Angst vor einer ungewissen Zukunft. Im Wechselspiel von Lichtsequenzen und Dunkelheit birgt die Nacht Zeit: Zeit für den Beginn einer geheimen, leisen Freundschaft, für Reflektionen und Gedankenspiele und für neugewonnenes Vertrauen in das Leben. In den besten Momenten liegt in Leberts Werk eine Spontanität, die Schockelemente dezidiert vorbereitet. Inhaltlich ist diese Geschichte fassbarer und spannender als ihr Vorgänger Crazy.
 

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