Das Buch »Deutsche Stilkunst« von Eduard Engel (1911) und Ludwig Reiners (1943)

Offener Brief an Herrn Rechtsanwalt Dr. Andreas Reiners, Sohn des Kaufmanns und Schriftstellers Ludwig Reiners

St. Gallen, März 2019

Sehr geehrter Herr Reiners,

vor geraumer Zeit haben Sie mir einen eingeschriebenen Brief zustellen lassen. Es geht Ihnen um das bekannte und erfolgreiche Buch Ihres Vaters, Ludwig Reiners, das dieser in den letzten Jahren des sogenannten Dritten Reiches unter dem Titel ›Deutsche Stilkunst‹ in München veröffentlichte. Seit langem steht der Vorwurf im Raum, daß das Buch Ihres Vaters im Verhältnis übergriffiger Abhängigkeit zur ›Deutschen Stilkunst‹ des jüdischen Autors Eduard Engel steht, das von 1911 bis 1931 in 31 Auflagen und 64.000 Stück erschienen ist und das im Verbrecherstaat der Nationalsozialisten verboten war. Auch ich habe mich zu diesem Fall geäußert, z.B. in der germanistischen Zeitschrift Kritische Ausgabe,1 in der NZZ2 und im Vorwort zur Neuausgabe der Engelschen ›Deutschen Stilkunst‹,3 die vor zwei Jahren in der Anderen Bibliothek erschienen ist. Ich habe scharfe Kritik an Ludwig Reiners geübt.

Sie nun, Herr Reiners, übermitteln mir Ihren, vorsichtig ausgedrückt, Unwillen über meine Kritik und stellen mir, auch im Namen Ihrer Brüder, juristische Folgen in Aussicht, falls ich etliche meiner Äußerungen wiederhole.

Erst jetzt antworte ich nicht etwa, weil mir Ihr Brief gleichgültig wäre; im Gegenteil, ich habe ihn mit Betroffenheit gelesen, und dies nicht nur, weil Sie mich an Frau Justitia erinnern. Ludwig Reiners war für mich eine Gestalt einer fernen, unheilvollen Zeit, eine geschichtliche Größe. Ihr Brief macht mir bewußt, daß er ein lebendiger Mensch war, der in vielfältigen Bezügen stand und, in der Erinnerung, noch steht. Aus eigener Erfahrung weiß ich, was man einem guten Vater verdanken kann, und es liegt mir an sich fern, Ludwig Reiners in einer Weise anzuprangern, die seine Angehörigen verletzt. Andererseits hat sich Ihr Vater als Schriftsteller in die Öffentlichkeit begeben, und die Öffentlichkeit ist der Raum, in welchem auch Kritik erhoben wird. Wiederholungen versuche ich im allgemeinen zu vermeiden; erst recht meide ich sie, wo ich irre. Aber was ich geschrieben habe, das habe ich geschrieben, und kann es nicht ungeschrieben machen. Es bleibt mir der Versuch, zu erklären, worum es im Kern geht und woher vor allem mein Zorn kommt, der einigen meiner Sätze ihre Lautstärke gegeben hat. Ich schreibe über Ludwig Reiners, den Verfasser der ›Deutschen Stilkunst‹, denke jetzt aber daran, daß er der Vater von Söhnen ist.
In Ihren Abmahnungen finde ich etliche Versehen. So habe ich nicht behauptet, daß Reiners beste Beziehungen zu Nationalsozialisten wie Edmund Veesenmayer und Martin Bormann gehabt habe, beides verurteilte Kriegsverbrecher. Heidi Reuschel berichtet in ihrer Bamberger Dissertation, daß Reiners Veesenmayer als Bürgen nannte, als er im Dezember 1933 dem ›Reichsverband Deutscher Schriftsteller‹ beitreten wollte.4 Das setzt eine Bekanntschaft voraus, mehr sage ich in meinem Vorwort nicht.
Eigentlich geht es um zwei Punkte: Hat Reiners Eduard Engel plagiiert? War Reiners überzeugter Nationalsozialist? Sie schreiben mir, daß die Frage, ob Plagiat oder nicht, von der Wissenschaft verneint worden sei, zuletzt von Heidi Reuschel. Wie mir scheint, verlassen Sie sich hier auf vereinzelte irrtümliche Äußerungen in Presse und Internet. Reuschel schreibt in ihrer Dissertation  gewissenhaft und fast übervorsichtig:

Reiners kann kein leicht nachvollziehbares Teil-, Übersetzungsplagiat o.ä. nachgewiesen werden. Durch die Fülle der übereinstimmenden Beispiele liegt allerdings die Schlußfolgerung nahe, daß die sich gleichenden Inhalte als Ideenplagiat einzustufen sind. Zusätzlich stellen die vielen Paraphrasen, die eine ähnliche Argumentationslinie erkennen lassen, ein Strukturplagiat dar.5

Reuschel, die mit Plagiatssoftware nur einige Kapitel der beiden Werke durchsucht hat, kommt zum Ergebnis, daß »in Reiners' Stilkunst hunderte von Übereinstimmungen mit Engels Werk nachgewiesen werden können«,6 und sie schließt ihre Arbeit so: »Engel und seiner Stilkunst [muss] Gerechtigkeit widerfahren, indem in Zukunft nicht mehr auf Reiners, sondern auf ihn verwiesen wird. Der Erfolg der Reinersschen Stilkunst sollte nicht weiter anhalten [...].«7 Anders als Reuschel habe ich seinerzeit die beiden Werke ganz geprüft und weitere Werke Eduard Engels einbezogen. Ich teile Reuschels Befund und kann ihn erweitern, habe das in meinen Arbeiten schon getan. Entscheidend in diesem Zusammenhang ist aber nicht das Erkennen von Struktur- und Ideenplagiaten und das Zählen von Übereinstimmungen. Die Frage ist, ob Reiners Eduard Engels geistiges Eigentum verletzt habe; verbindlich feststellen kann das nur ein Gericht.
Der Berner Althistoriker Stefan Rebenich veröffentlichte 2013 im C.H.Beck-Verlag die Geschichte dieses Verlages, in dem Reiners' Buch erscheint, und schrieb: »Kaum zufällig dürfte man denselben Titel gewählt haben: ›Deutsche Stilkunst‹. Ludwig Reiners usurpierte die Nachfolge des jüdischen Sprachpuristen.«8
Zum zweiten Punkt: Ob Reiners 1933 der NSDAP aus Überzeugung beigetreten ist, weiß ich nicht. Heidi Reuschel hat die Akten ausgewertet und berichtet, daß Reiners nach dem Krieg als ›Mitläufer‹ eingestuft wurde.9 Sie führt auch die Zeugnisse auf, die Reiners zu seiner Entlastung beigebracht hat. Kommen wir nun zu einem Satz, der für mich die Kernstelle ist und Hauptgrund meines Zorns. Reiners schreibt zur Wortstellung: »Aber nur bei längeren Sätzen können wir das Verb voranziehen. In kürzeren klingt das Voranziehen wie Judendeutsch: Ich habe gemacht ein feines Geschäft10 In meinem Vorwort erläutere ich den Zusammenhang dieser Aussage; sie gehört u.a. zur Ausstellung ›Der ewige Jude‹ und zum Film gleichen Titels, mit denen die Nationalsozialisten Zustimmung zum Ausgrenzen, Enteignen, Ausschaffen und letztlich zum Vernichten einwerben wollten. Im Film lautet ein entsprechender Satz: »Für den Juden ist das Geschäftemachen eine Art heilige Handlung.« Der Satz vom feinen Geschäft war unter den damaligen Verhältnissen ein Zeugnis des Judenhasses; Reiners datiert sein Vorwort auf das Frühjahr 1943. Aber auch bei diesem Satz mache ich in der Ausgabe der Anderen Bibliothek den Vorbehalt, daß der Grad der Überzeugung offen sei, in der Reiners ihn schrieb. Ich hoffe, daß er ihn mit einer Feder schrieb, die sich sträubte. Nicht um zu argumentieren – das hätte in der Wahnwelt das Rassenhasses wenig Aussicht – , aber um ein Lebenszeugnis aus jener Zeit zu geben, füge ich an, was die junge Jüdin Lilli Jahn am 12. April 1924 ihrem Freund schrieb: »Du dürftest mich doch genau genug kennen, um zu wissen, wieviel stärker mein Bedürfnis nach geistigem als nach materiellem Reichtum ist.«11 Am 21. März 1944 schrieb sie ihren »innigstgeliebten« Kindern einen Brief, als sie unterwegs nach Auschwitz war.12
Saul Friedländer sagte am 31. Januar 2019 bei seiner Gedenkrede im Deutschen Bundestag: »Und Ende 42, spätestens aber im Verlauf des Jahres 43 wußten Millionen Deutsche, daß Juden im Osten systematisch ermordet wurden.« Ob Reiners zu diesen Millionen zählte, darüber müßte man ihn selber hören. Daß er dieses Morden gebilligt hätte, ist absurd anzunehmen. Und doch hat auch er geschrieben, was er geschrieben hat, und diese Stelle und weitere haften für mich an seinem Buch, auch wenn sie gestrichen oder entschärft worden sind, und sie und der Zusammenhang mit Eduard Engel und anderen Autoren und die nicht seltenen Fehler machen dieses Werk für mich höchst fragwürdig.

Ein Fragezeichen setze ich auch zu Ludwig Reiners' anderem bekannten Buch, zur Gedichtsammlung ›Der ewige Brunnen‹. Ihr Titel war im Kern schon gedruckt; Fritz Rosenthal, der heute als Schalom Ben-Chorin bekannt ist, veröffentlichte 1934 ein Bändchen eigener Gedichte unter dem Titel ›Die Lieder des ewigen Brunnens‹.13 Eine zweite Sammlung konnte noch 1935 in München erscheinen: ›Das Mal der Sendung. Der Lieder des ewigen Brunnens neue Folge‹.14 Die zwei Masken, die das Titelblatt schmücken, stammen von der jungen Künstlerin Marie Luise Kohn, die sich Maria Luiko nannte.15 Sie wurde zuammen mit Mutter und Schwester am 20. November 1941 aus München deportiert und am 25. November von Mordschützen des sogenannten Einsatzkommandos 3 in der litauischen Stadt Kaunas ermordet;16 den Oberbefehl hatte der SS-Offizier Karl Jäger.17 Ein Gedicht der zweiten Folge hat Ben-Chorin Maria Luiko gewidmet, ›Die Ballade von den russischen Juden‹. Darin steht die Strophe: »Die Börse kracht und der Jud ist schuld/ Am Krieg und an der Prohibition/ Hinaus mit Levi und Meier und Kohn!/ Ihr habt uns ausgesogen/ Und habt uns angelogen/ Zum Dank für unsere Huld!«18 »Ihr habt uns ausgesogen«: Damit nimmt Ben-Chorin die antisemitische Wahnvorstellung auf, die Ludwig Reiners 1943 weitergegeben hat: »Ich habe gemacht ein feines Geschäft«. Zu Reiners' Gedichtsammlung an sich schreibt Stefan Rebenich, die Lektorin Gertrud Grote habe zusammen mit einem Kollegen in Konzeption, Auswahl und Textgestaltung eingegriffen, »so daß sie schließlich zu der Überzeugung gelangte, die Sammlung sei nicht mehr Ludwig Reiners' Werk«. Sie habe von urheberrechtlichen Forderungen abgesehen und sich mit einem angemessenen Honorar begnügt.19

Mir geht es, Herr Reiners, um Eduard Engel. Seitdem dank dem Mut des Herausgebers der Anderen Bibliothek, Christian Döring, sein Werk wieder erschienen ist, kann jeder Leser wählen, welches der beiden Bücher ihm zusagt. Gert Ueding, der bis vor zehn Jahren den Tübinger Lehrstuhl für Rhetorik innehatte, wertet Engels Buch so: »Es ist das schönste und zugleich genaueste Porträt der deutschen Sprache, das wir besitzen.«20
Engel starb 1938, verarmt und verzweifelt. Seine Hinterbliebenen hatten keine Möglichkeit, juristisch prüfen zu lassen, ob ein Buch mit dem gleichen Titel und Hunderten von Übereinstimmungen das geistige Eigentum verletze, und die jüdische Gemeinde Münchens konnte sich nicht gegen die Rede vom Judendeutsch und Geschäftemachen wehren.

Im Babylonischen Talmud steht der Satz: »Wer etwas im Namen des Urhebers sagt, bringt Erlösung in die Welt«. Der ehemalige Rabbiner einer Schweizer Gemeinde hat mir den Spruch einst erklärt. In meinen Beiträgen habe ich mich bemüht, im Namen Eduard Engels zu reden.

Ich grüße Sie freundlich,
Stefan Stirnemann

  • 1. Stirnemann, Stefan: Ein Betrüger als Klassiker. Eduard Engels Deutsche Stilkunst und Ludwig Reiners. In: Kritische Ausgabe Nr. 12 (2004), 48–50.
  • 2. Stirnemann, Stefan: Diebstahl am ›höchsten Seelengut‹. In: NZZ v. 23. August 2014, 60.
  • 3. Engel, Eduard: Deutsche Stilkunst. Nach der 31. Auflage von 1931 hg. v. Christian Döring u. mit e. Vorw. bereichert v. Stefan Stirnemann, 2 Bde., Berlin 2016.
  • 4. Reuschel, Heidi: Tradition oder Plagiat? Die ›Stilkunst‹ von Ludwig Reiners und die ›Stilkunst‹ von Eduard Engel im Vergleich, Bamberg 2014, S. 227f.
  • 5. Ebd., 401.
  • 6. Ebd., Klappentext.
  • 7. Ebd., 408.
  • 8. Rebenich, Stefan: C.H.Beck 1763–2013. Der Kulturwissenschaftliche Verlag und seine Geschichte, München 2013, 407.
  • 9. Reuschel [wie Anm. 4], 241.
  • 10. Reiners, Ludwig: Deutsche Stilkunst. Ein Lehrbuch deutscher Prosa, München 1944 (Copyright 1943, Vorwort vom Frühjahr 1943), 78.
  • 11. Doerry, Martin: »Mein verwundetes Herz«. Das Leben der Lilli Jahn 1900–1944, Stuttgart/München 2002, 32.
  • 12. Ebd., 324f.
  • 13. Rosenthal, Fritz (Ben-Chorin): Die Lieder des ewigen Brunnens, Wien/Leipzig 1934.
  • 14. Rosenthal (Ben-Chorin): Das Mal der Sendung. Der Lieder des ewigen Brunnens neue Folge. München 1935.
  • 15. Vgl. Oesterle, Diana: »So süßlichen Kitsch, das kann ich nicht.« Die Münchner Künstlerin Maria Luiko 1904–1941, München 2009 (= Studien zur Jüdischen Geschichte und Kultur in Bayern; Bd. 3.), 11.
  • 16. Vgl. ebd., 16.
  • 17. Vgl. Wette, Wolfram: Karl Jäger. Mörder der litauischen Juden, Frankfurt a.M. 2012, S. 46f u. 124f.
  • 18. Rosenthal [wie Anm. 14], 42.
  • 19. Rebenich [wie Anm. 8], 407f.
  • 20. Ueding, Gert: Schreiben nach Gehör. Eduard Engels Meisterwerk war lange vergessen. Nun erscheint es in einer Neuauflage der Anderen Bibliothek. In: Der Freitag v. 11. August 2016, 16.

 

Spendenaufruf

Die »Kritische Ausgabe – Zeitschrift für Literatur im Dialog« sowie das Online-Magazin wird von einer jungen, ehrenamtlichen Redaktion betreut. Bitte helfen Sie uns mit einer Spende, mit unserer Arbeit weiterzumachen.

Detaillierte Hinweise für Spenden finden Sie im Impressum.

Wenn Sie mögen, können Sie uns auch ganz einfach unterstützen, während Sie online einkaufen, einen Flug oder Ihren nächsten Urlaub buchen – ohne, dass es Sie mehr als ein paar zusätzliche Mausklicks kostet. Wenn Sie vor dem Einkauf bzw. der Buchung über nachstehenden Button zu einem Online-Shop gehen und dort dann wie gewohnt einkaufen, bekommt die »Kritische Ausgabe« automatisch eine kleine Spende von etwa fünf Prozent des Einkaufswertes gutgeschrieben. Ihnen entstehen dadurch garantiert keine Mehrkosten!

Vielen Dank für Ihre Unterstützung!