David Foster Wallace besucht ein Hummer-Fest und landet bei den letzten Fragen

David Foster Wallace berichtet für die Zeitschrift Gourmet vom 56. Maine Lobster Festival und nähert sich dem Ort des Geschehens ganz unverdächtig in einem Tonfall, der einer Werbebroschüre durchaus zur Ehre gereicht hätte. Da ist vom »traumhaften« Romantikhotel die Rede, vom »zünftigen« Fischereihafen und der »exklusiven« Marina, kurz, von allem, was man mit Fug und Recht erwarten kann, wenn von einem Festival die Rede ist, das sich das Motto »Leuchtturm, Lobster, gute Laune« auf die Fahnen geschrieben hat. Und doch, vom Leser zunächst völlig unbemerkt, hat Wallace bereits im ersten Absatz untergebracht, worum es später ausführlich gehen soll: das Nervenzentrum, zu Anfang als vermeintliche Metapher für die pulsierende Fischereimetropole getarnt, wird im Verlauf dieses Essays immer mehr in den Vordergrund rücken. Es wird um neurologische Eigentümlichkeiten des Hummers gehen, um die Frage der ethischen Verantwortbarkeit der Lebendzubereitung und um noch viel mehr, eigentlich um alles. Doch zunächst einmal beschreibt Wallace die ›Attraktionen‹ dieser Veranstaltung gewissenhaft, wie es sich für einen ›Reporter vor Ort‹ gehört. Scheinbar unironisch erzählt er von Konzerten, Wettrennen und Schönheitskonkurrenzen, die das Hummerfest bereichern sollen. Die Beschreibungen jedoch sind fein garniert mit Übertreibungen: so reizt er die bei PR-Menschen beliebten preisenden Adjektive ebenso aus wie den Gebrauch von Alliterationen, da gesellt sich das »reichhaltige Rahmenprogramm« im »großen Fest- und Fresszelt« zur »Midcoast-Meeresgöttin«. Nach diesen einleitenden Pflichtübungen, die sich bei genauerem Hinsehen als Teil einer ungemein geschickten rhetorischen Strategie erweisen, beginnt die langsame Demontage nicht nur des Festivals, das Wallace in all seiner Provinzialität herausarbeitet und damit die Behauptung einer bekannten Gastro-Kritikerin Lügen straft, es handele sich um eine ›kulinarische Leistungsschau von Weltrang‹. Der Nimbus des Edlen kann im Angesicht von Bierzelt-Atmosphäre und »kollektivem Kauvorgang« nicht ernsthaft aufrecht erhalten werden, und so kommt Wallace zu dem vernichtenden Urteil, das Festival sei »letztlich nichts anderes als ein zweitklassiger Jahrmarkt mit kulinarischem Aufhänger«. Doch auch das ist erst der Anfang. Denn durch eine Überfülle von Fakten über den Hummer und die Geschichte seines Verzehrs durch den Menschen gelangt Wallace langsam zu seinem eigentlichen Thema: Der Frage, ob und wenn ja, wie, es möglicherweise zu rechtfertigen ist, den Hummer, so wie heutzutage üblich, bei lebendigem Leib zu kochen. Auch hier beginnt er zunächst unverfänglich mit der Wiedergabe der Zubereitungsarten, die noch beinahe wie eine Anleitung klingt und dem geneigten Leser empfiehlt, den Garzustand des Hummers durch Ziehen an den Antennen zu testen: Gehen sie leicht ab, so ist der Hummer fertig zum Verzehr. Auch die Vorteile der Lebendhaltung bis zum unmittelbaren Kochvorgang schildert Wallace so, dass man noch glauben könnte, er sei davon wirklich überzeugt. Indem er von der langen Haltbarkeit der Hummer in den Supermaktbassins spricht, läßt er sich ein letztes Mal auf die Sprache der Verdinglichung ein, die den Hummer als Ware bezeichnet, nicht als Tier. Doch dann stellt er sie schließlich doch, die Frage nach der Rechtfertigbarkeit dieser Zubereitungsweise, und er stellt sie so, dass er eingefleischten Hummerliebhabern die Gegenargumente gleichzeitig mitliefert und dann, Stück für Stück, seziert und als unzulänglich erweist. Auch hier agiert er geschickt, indem er sich selbst als Fragenden, als durchaus Mitbetroffenen und einem guten Stück Fleisch nicht abgeneigten Menschen darstellt, dem die von der Tierschutzorganisation Peta gelieferten Argumente viel zu plump sind, als dass er sie ernst nehmen könnte. Cover HummerErnst nimmt David Foster Wallace hingegen die Argumente der Verbraucher wie auch der Lobsterindustrie, etwa die gängige Ansicht, der Hummer könne gar keinen Schmerz fühlen, weil ihm entsprechende Hirnabschnitte fehlten. Mithilfe neurologischer Erkenntnisse entlarvt er diese (und viele weitere) Aussagen als unzutreffend, und spätestens hier wird auch deutlich, dass es ihm um noch mehr geht als nur um die Frage, ob es zulässig ist, Hummer lebendig ins heiße Wasser zu werfen: Es geht um Wissenwollen und Selbstbetrug, um den Egoismus, sich selbst und den eigenen Genuß über das Wohlergehen anderer Lebewesen zu stellen, um die Frage, wie man sich mit einer leicht als unhaltbar zu entlarvenden Pseudo-Erklärung zufrieden geben kann, während man gleichzeitig die Küche verlässt, weil man die kratzenden Geräusche des Hummers im Topf nicht ertragen kann. Was Wallace hier in Frage stellt, ist nichts weniger als der historische Konsens, dass der Mensch dem Tier überlegen ist und es sich in jeglicher Weise nutzbar machen darf. Im bescheidenen Gestus eines Fragenden serviert, versucht er, den Lesern des Gourmet-Magazins eine bittere Erkenntnis schmackhaft zu machen, die weit über die angeprangerten Missstände in Haltung, öffentlicher Zurschaustellung und Tötung von Tieren hinausgeht. Insofern ist der Titel der von Marcus Ingendaay besorgten deutschen Übersetzung wohl gewählt: »Am Beispiel des Hummers« gelangt Wallace zu den letzten Fragen, zu Fragen nach Humanität und dem Zusammenhang von Ethik und Ästhetik, zu der Frage, was wem zumutbar ist: Dem Menschen die Peta-Filme, in denen detailliert die Auswüchse von Massentierhaltung und -tötung ansichtig gemacht werden? Dem Hummer, der bereits auf Temperaturveränderungen von einem Grad empfindlich reagiert, das kochende Wasser? Den Lesern eines Gourmet-Magazins die Frage nach dem ›guten Leben‹? Am Ende zieht Wallace scheinbar zurück. Die Grenze der Zumutbarkeit scheint erreicht, manche Fragen lassen sich einfach so nicht stellen. Doch natürlich hat er genau das getan.

 

 

David Foster Wallace: Am Beispiel des Hummers. Übersetzung von Marcus Ingendaay. Zürich: Arche Verlag, 2009. 79 Seiten. 12,- Euro. ISBN: 978-3716026113

Hummer werden überwiegend in

Hummer werden überwiegend in Fallen in Küstennähe gefangen, wobei ein Teil dieser Fallen verloren geht und die eingesperrten Tiere darin kläglich verhungern. Auch Schleppnetze werden eingesetzt, durch die verheerende Verwüstungen auf dem Meeresboden entstehen und in denen natürlich auch viele andere Tiere als 'unerwünschter Beifang' sterben.
Nach dem Fangen werden den Einzelgängern die Scheren zusammengebunden und zehntausende Tiere auf engstem Raum in Kühlhäusern gestapelt und "gelagert", oftmals monatelang ohne Futter und völlig bewegungslos, bis sie zu ihrem Bestimmungsort transportiert werden.
Am Ziel ihrer Reise ankommen, werden sie in meist winzige Glasbecken gepfercht, wo sie übereinander liegend im Scheinwerferlicht ausharren, bis sie veräußert werden und entweder noch eine Zeitlang im Kühlschrank eines Restaurants ihr Leid ertragen, oder gleich den grausamen Tod sterben, den der Gesetzgeber hierzulande vorgibt.
Hummer werden bei vollem Bewusstsein lebendig gekocht bis der Tod eintritt, was zwischen ca. einer und sieben Minuten dauert.

 

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