Der Gral und die Literatur

Manfred Poser entdeckt den Gral in einigen Büchern und Filmen

Der Gral steht für das Göttliche in der Welt. Seine Geschichte ist ein verzweigter Mythos und gehört zur Literatur. Arthur Edward Waite schreibt in seinem 680 Seiten starken Buch The Hidden Church of the Holy Grail (1909): »Der Gedanke an die Ewigkeit steigt vom Heiligen Gral auf, ebenso wie von jeder Literatur höchster Prägung.« Am ansprechendsten sei Literatur, wenn sie nach den ewigen Dingen suche. »Ich komme also zu dem Schluss, dass der Geist der Heiligen Suche uns beim Studium der Literatur der Gralssuche ebenso begleitet, als wenn wir tatsächlich aufbrechen würden, um die Gralsburg, den Kelch, den Schwert und die Lanze zu erobern.« Spirituelle Ritter, lesende Abenteurer sind wir.

Das Wort

Im Kern geht es beim Gral um das verborgene Göttliche, das in unserer Welt manifest werden will – aber auch um »das Mysterium und die Kraft in gewissen Hohen Riten auf der Basis von unausgesprochenen und zurückgehaltenen Formen der Sprache«. Im Mittelalter hatten Worte eine andere Kraft als heute; man glaubte an ihre Power, also hatten sie sie. »Gott sprach: Es werde Licht«, heißt es in Genesis 1,3. »Und es ward Licht.« Am Anfang war das Wort. Doch nicht alles Wort wurde offenbar, darum ist die Welt noch unerlöst. Vielleicht braucht man nur das eine Wort: »Schläft ein Lied in allen Dingen, / Die da träumen fort und fort, / Und die Welt hebt an zu singen, / Triffst du nur das Zauberwort.« (Eichendorff, Wünschelrute) Ein Film von Orson Welles fällt mir ein, in dem der sterbende reiche Mann ein Wort flüstert, das am Ende einer Suche dem Zuschauer offenbar wird: Rosebud heißt es; das stand auf dem Schlitten, mit dem der Reiche als Kind fuhr und der sein Glück verkörperte. In einer Episode der US-Serie Twilight Zone des genialen Rod Serling steigt ein gestresster Angestellter immer wieder in Willoughby aus (A Stop at Willoughby) und fühlt sich wohl dort; das Wort wird zur Chiffre, als er tot neben dem Bahngleis liegt und es auf der Hecktür des Leichenwagens steht, der seinen Körper abtransportiert: Willoughby. Das Wort. Die Frage. Parzival spricht sie nicht aus. Er scheitert, aber gerade dieses Scheitern ist vielleicht nötig. Er lernt und bekommt eine zweite Chance. Dann spricht er, und der Bann ist gebrochen. Man könnte sich eine kleine Firma vorstellen, eine Familie, einen Verein, in dem es nicht stimmt. Alle arbeiten verdrossen vor sich hin, niemand glaubt eigentlich an ein Ziel, es herrscht Unbehagen. Dann braucht man, wie der Gralskönig, Hilfe von außen. Ein zufälliger Besucher taucht auf und fragt: »Was macht ihr hier denn? Was soll das alles?« Es ist ausgesprochen, Klarheit herrscht, alle gestehen sich ihre schlechte Stimmung ein, der Bann ist gebrochen.

 

Benidorm in der Ferne (Foto: Manfred Poser)
Der Berg mit der Burg Montsalvatsch: Benidorm in der Ferne (Foto: Manfred Poser)

 

Die innere Suche

Waite weist stets darauf hin, dass der Gral »nicht mittels Pferden oder mit der äußeren Rüstung gesucht wird, sondern im Geiste, entlang einer via mystica«. Schon meine Waite-Lektüre war eine Suche, die in Rom sogar belohnt wurde, was aber auch nur heißen sollte: Das gibt es; such weiter. Die Gralssuche ist eher Mystik denn Askese, also eher Streben nach Vereinigung mit dem Göttlichen als Abkehr von der Welt. Weil die Suche nach dem Gral eine große Metapher ist, sind die äußeren Ereignisse nur Zeichen, und die Geschichte spricht uns heute noch an. Da ist der Kelch, die Meisterschale, der Cup als Zeichen für den Sieg bei einem großen Fußballturnier. Das Schloss oder die Burg stehen für das Unerreichbare, den Konzernsitz und die große Behörde, in der man einen Schreibtisch ergattern möchte. Das Schwert ist die Braut und die Seele des Samurai, die Lanze ein phallisches Symbol, blutbefleckt. Unsere Suche nach dem Sinn; unsere Jagd nach Karriere, nach äußeren Zeichen, der schönen Frau, dem schnellen Wagen. Viele große Romane lassen sich als eine Suche begreifen: die Odyssee, der Zauberberg von Thomas Mann, Das Schloss von Franz Kafka, der Mann ohne Eigenschaften von Robert Musil, die Göttliche Komödie Dantes. Unser ganzes Leben ist eine Suche, und manchmal findet man etwas, ahnt den Sinn, und das sind dann die numinosen Momente, die man nie vergisst. In der Lyrik finden wir die Suche nach dem Gral und der Erfüllung am komprimiertesten. Greifen wir als Beispiel das Gedicht Der Soldat von Joseph von Eichendorff heraus.

Und wenn es einst dunkelt, Der Erd bin ich satt, Durchs Abendrot funkelt Eine prächtige Stadt: Von den goldenen Türmen Singet der Chor Wir aber stürmen Das himmlische Tor.

 

Frankfurt, funkelnd durchs Abendrot (Foto: Manfred Poser)
Frankfurt, funkelnd durchs Abendrot (Foto: Manfred Poser)

 

Das Gedicht spricht verschleiernd von Tod und Hinübergang eines Soldaten und jener anderen Welt, einer Entsprechung der hiesigen. Der Soldat ist nicht alleine, und er tut, was er schon zu Lebzeiten getan hat: Er stürmt ein Tor, und alle singen vermutlich dabei; es wird ein Triumph, der ewige Sieg. (In heutiger Lesart könnte das Gedicht auch Der Fußballprofi heißen: Fußball, der Ersatzkrieg auf dem Rasen. Freiburg vor, immer Tor! – so singen sie im Dreisam-Stadion.) Natürlich stoße ich jetzt laufend auf Bücher, die es mit dem Gral haben. In einem Landsberger Antiquariat sprach mich ein Roman mit kitschigem Bild und Titel an – Stay through the Night von Anne Mather (2006), weil der Protagonist Liam Jameson ein Erfolgsautor von okkulten Thrillern ist, der sich auf eine schottische Insel zurückgezogen hat, wo er auf eine junge Frau stößt ... Ich las es, fand es nicht so übel und legte es weg. Aber interessant: Plötzlich merkte ich, dass es eine Gralsgeschichte war! Es war so offensichtlich, und doch hatte ich es zunächst nicht kapiert! Jameson bewohnt ein Schloss (die Gralsburg), hat eine rätselhafte Verletzung an den Lenden von einem Attentat, und Parzival wäre die naive blonde Lehrerin Rosa Chantry, doch dann ist er es, der ihr nachreist, auf der Suche nach der Liebe, seinem Gral. In einem Bücherregal in Zürich stand Die Medizinfrau von Lynn Andrews (2001), und ich las es schnell. Es war eine esoterische Parabel um einen Hochzeitskorb, den der böse Indianer Red Dog den Frauen geraubt hatte und den sich Lynn zurückholen muss, nachdem sie von der Medizinfrau Agnes unter Qualen in Mysterien initiiert worden ist. »Ich hatte den Korb [...] Es war, als schritte ich über mich selbst hinweg. [...] Schließlich explodierte ein helles Licht in meinem Kopf, und mein ganzes Wesen wurde still. Ich hatte keine Angst mehr.« Sogar Woody Allens Film Sweet and Lowdown mit Sean Penn, den ich auf Video sah, passt dazu. Der Super-Gitarrist, Penns Figur, spielt virtuos, aber es fehlt ihm die Seele. Erst nachdem er die echte Liebe kennengelernt (und wieder verloren) hat, findet er zum Geist der Musik, spielt eine Weile göttlich – und verschwindet dann. Es ist nur und immer die Liebe, die uns retten kann, und diese Hoffnung, dieser Mythos bleibt bei uns. Der Gral ist nur ein Symbol. Auch wenn er entzogen wird, ist er irgendwo, als Zeichen des Göttlichen. Was verschwunden ist, ist aber nicht fort, es ist nur verborgen hinter den Schleiern und wirkt von dort aus hinein in unsere Welt. Das ist ein religiöser Gedanke, und der Gral und die Religion ist das Thema des nächsten Beitrags.

 

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