Der Gral und die Religion

Manfred Poser schließt seinen Gralszyklus ab und kehrt zurück in den Schoß der Kirche

In einigen Sagen kehrt der Gral (oder bei Parzival der Stein der Weisen) wieder in den »Osten« zurück und verbleibt dort an unbekanntem Ort. Wir werfen noch einmal einen Blick auf den persischen Sufismus des Mittelalters. Sohrawardi, Ibn Arabî und Rūmī lebten eben zu der Zeit, als die Gralserzählungen geschrieben wurden.

 

Fresko im Heiliggeistspital Lübeck (Foto: Manfred Poser)
Gestalten wie aus der Gralssage: Fresko im Heiliggeistspital Lübeck (Foto: Manfred Poser)

 

Der östliche Gral

Der Philosoph Sohrawardi (1154–1190) äußert sich in einer wenige Zeilen kurzen Episode über den Gral:

»Der Becher, Spiegel des Universums, gehörte Kay Khosrou. Er konnte in ihm alles lesen, wonach ihn verlangte, konnte die verborgenen Dinge betrachten und die manifesten Dinge kennenlernen. Man erzählt sich, dass der Becher in einem Behälter aufbewahrt war, den zehn Schnüre festhielten. Als Kay Khosrou eines Tages die verborgenen Dinge sehen wollte, löste er die Schnüre. Als alle gelöst waren, war der Becher unsichtbar geworden. Als der Behälter – der Ort seiner Aufbewahrung – wieder befestigt war, war der Becher wieder sichtbar.«

Dazu ein Exeget: Der Gral solle den Menschen von seiner Natur befreien. Das Unsterbliche trete ins Sterbliche ein. Die irdische Natur ist seine Hülle, also der Behälter, in dem sich der Gral befindet. Im Inneren muss die neue Seele aufwachen, um den Geist zu empfangen. Sich in den Geist zu erheben, heißt, sich von der Materie zu lösen. – Weiter Sohrawardi:

»Als die Sonne sich im Frühling befand, erhob Kay Khosrou den Gral gegen die Sonne. Gleichzeitig fiel ein starkes Licht auf ihn, und alle Linien und Repräsentationen der Welt zeigten sich deutlich. Als ich den Meister den Gral von Jam beschreiben hörte, wurde ich selbst zum Gral der Welt, dem Spiegel von Jam. Im Gral der Welt, dem Spiegel, sahen wir wie in einer Erinnerung, dass der Gral eine Flamme ist, die uns sterben lässt.«

Dazu eine Parabel des mystischen Sufidichters Jalāl ad-Dīn Rūmī (1207–1273):

»Der Mensch ist wie ein Sack Getreide. Der König ruft: ›Wohin bringst du dieses Getreide? Denn mein Becher ist darin.‹ Der Mensch kümmert sich nicht um den Kelch, er denkt nur ans Getreide. Wäre er sich des Bechers bewusst, wie könnte er auf das Getreide achten? Nun ist jeder Gedanke, der dich zu jener überirdischen Welt zieht und dich kalt und gleichgültig gegenüber dieser Welt werden lässt, der Abglanz der Strahlen jenes Bechers, der herausragt. So sehnt sich der Mensch nach der anderen Welt. Wenn er sich hingegen nach dieser niederen Welt sehnt, ist dies ein Zeichen dafür, dass jener Becher noch hinter dem Schleier verborgen liegt.«

Ein wertvoller Becher als Symbol für das Unsterbliche, das läge irgendwie nahe. Doch Sohrawardi spricht deutlich vom Gral (graal in der französischen Übersetzung). Vielleicht findet sich eine Geschichte hierzu in den Lehren des Persers Mani; jedenfalls könnte es sich um einen Mythos handeln, der nicht nur dem westlichen Kulturkreis angehört. Ein Symbol ist nicht festgelegt. Daher erscheint es wahrscheinlicher, dass sich in Ost und West unterschiedliche Lesarten entwickelt haben.

 

Der christliche Gral

Waite hält den Gral und seine Geschichte für ein eminent christliches Motiv. Der (schon öfter bemühte) Arthur Edward Waite studierte viele Jahre lang die Quellen, und wir müssen ihm dankbar sein; so wie er auch den Meistern vor ihm, die das Licht suchten und weitertrugen, ausdrücklich seinen Dank abstattete. Der Gelehrte hält den Heiligen Gral für »die katholische Suche in Gestalt des Romans«. Es handle sich um eine Reliquiengeschichte mit der Heiligen Eucharistie im Zentrum. Christus wird durch die Wandlung von Brot und Wein, deren Schleier sich auflösen, spirituell sichtbar gemacht, und durch ihn Gott. Wenn man sich in die Lektüre vertieft, begreift man erst, wie großartig und heilig dieses Sakrament ist. Der verwundete Gralskönig entspricht vielleicht dem inneren Menschen, die Burg seinem Körper – oder der Kirche? Wer eintritt, kann Zugang zum Paradies erhalten.

 

Fresko im Heiliggeistspital Lübeck (Foto: Manfred Poser)
Von meiner Großmutter bekam ich zur Kommunion eine Mini-Plastik des Abendmahls (sie ist wirklich aus Plastik), die bei mir immer auf dem Nachttisch stand. (Foto: Manfred Poser)

 

Weiter: »Der Gral ist in seiner höchsten Form ein Simulakrum, ein Abbild des Göttlichen Mysteriums innerhalb der Kirche.« Waites 1909 erschienenes Buch heißt ja The Hidden Church of the Holy Grail, und trotz des Titels gibt sich der Autor Mühe, darzutun, dass von einer geheimen Inneren Kirche – ein Motiv durch Jahrhunderte – nicht die Rede sein könne. Wenn die Verwandlung der Menschheit noch nicht geglückt sei und die großen Mysterien der Kirche unzureichend waren, die Hingabe der ganzen Welt zu erreichen, so sei ihr dies nicht anzulasten; die Welt stehe eben unter einem Bann – wie das Land in der Gralssage wegen der Verwundung und Verhexung des Königs. Die Rettung sei nur temporär; das Entschwinden des Grals zeuge vom Scheitern der Bemühungen in Bezug auf die äußere Welt. Nun war Arthur Edward Waite auch ein okkulter Autor, der selbst gern zwischen seinen Zeilen wollte lesen lassen. Er stellt neben die Gralssuche als gangbare Wege zum spirituellen Menschen die Kabbala, das Freimaurertum und die Alchemie. Der Schlüssel, den wir in die Hand nehmen müssten, sei das Wissen darum, dass »Gott überall ist und dass Er jene belohnt, die ihn suchen«. Der Verschleierte Meister sei in jedem einzelnen von uns, und der Pfad zu seinem Thron sei der Pfad zur Geheimen Kirche (die er dann doch in seinem Text versteckt hat). Hören wir uns, bevor mein Gralszyklus endet, einmal an, wie die hohen Dinge im alten Englisch klingen.

»My Knyghtes and my seruantes & my true children whiche ben come oute of dedely lyf I wyl now no longer hyde me from you, but ye shal see now a parte of my secretes & of my hydde thynges.«

Die Stelle erinnert an den Sufispruch, der dem Allerhöchsten zugeschrieben wird: »Ich war ein verborgener Schatz, und ich wollte gekannt werden.« Wer sich kennt – heißt es auch –, kennt seinen Schöpfer. Wer den Gral sucht, findet auf der Suche sich selbst. Alle kennen heute den Spruch: ›Der Weg ist das Ziel.‹ Eigentlich müsste es heißen: ›Ohne Ziel kein Weg; aber der Weg zum Ziel kann selbst zum Ziel werden.‹ Es klingt aktuell, wenn Waite – wie immer ambivalent – vor 100 Jahren schrieb: »Währenddessen sind die Kirchen nicht ganz entleert, aber sie befinden sich in Witwenschaft und Verfall, und wir sind bei ihnen, um ihnen Trost in ihrer traurigen Lage zu spenden.« Auch der französische Gelehrte Henry Corbin, der uns Ibn Arabî und Sohrawardi näherbrachte, bemerkte an einer Stelle seiner vielen Bücher, die christliche Kirche habe ihren logos verloren und sei in einem beklagenswerten Zustand. Das ist schwer zu leugnen. Am 3. Mai fahre ich mit dem Fahrrad von Cremona am Po entlang zur Adria und dann nach Rom – nicht, um die Kirche zu retten, sondern um vor der Mini-Konferenz eines befreundeten römischen Parapsychologen einen Vortrag über die derzeitige Jenseitsforschung zu halten. Dann möchte ich hinunter nach Apulien und Kalabrien. Das sind katholische Gegenden, wenngleich nicht mit dem Gralsmythos verbunden. Aber man weiß ja nie, wo einem der Gral begegnet.

 

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