Der Gral und seine Quellen

Manfred Poser wirft einen Blick auf die literarischen Ursprünge des Gral

Es wird wohl nötig sein, den ganzen Sagenkreis zu durchschreiten, der zum Heiligen Gral und zu Parzival führte. Wir brauchen die äußere Handlung, erst danach können wir uns dem Geheimnis widmen.

Die Artussage

Fangen wir bei König Arthur (oder Artus) an, der die legendäre Tafelrunde unterhielt. König Arthur ist eine mythische Figur keltischer Sagen. Er soll der Sohn von Uther Pendragon und der Königin Igraine von Cornwall sein. Der historische Arthur muss Ende des 5./Anfang des 6. Jahrhunderts unserer Zeitrechnung gelebt und die sächsischen Invasoren am Hadrian-Wall bekämpft haben. Als unwilligen Streiter in Diensten Roms stellt ihn auch der Regisseur Antonio Fuqua in seinem Film King Arthur vor (mit Clive Owen und Keira Knightley). Der Zauberer Merlin hatte das Schwert Excalibur in einen Stein versenkt; wer es herausziehen könnte, würde König sein. Arthur schafft es, wird gekrönt, heiratet Guinevere und bekommt von deren Vater den runden Tisch: Die berühmtesten Ritter sitzen daran. Lancelot, sein bester Mann, verliebt sich in Guinevere, was zu Krieg und einem Showdown auf der Ebene von Salisbury führt. Dabei stirbt Arthur. Ausgangspunkt der Sage war die Historia Regium Britanniae von Geoffrey von Monmouth (1100–1155), der sich aber viel zusammenfabulierte. Den Gral gibt es bei ihm nicht; die Artussage wurde erst allmählich mit der Gralsgeschichte verwoben. Es gibt aus vorchristlichen Zeiten zwei Sagen, in denen so etwas wie ein Gral vorkommt: eine irische Legende über einen wundersamen Cauldron (Kessel), den eine gottgleiche Rasse nach Irland gebracht haben soll, sowie die alte walisische Sagensammlung Mahinogion mit dem Cauldron des Bendigeid Vran, der Verwundungen heilen konnte. Mysterien der Druiden also.

 

Basilika San Pietro in Tuscania (Foto: Manfred Poser)
Die Fassade der Basilika San Pietro in Tuscania (Toskana) mit alten keltischen Darstellungen (Foto: Manfred Poser)

 

Autoren und Werke des Gral

Arthur Edward Waite schreibt, die Gralssage sei zwischen 1170 und 1220 literarisch aufbereitet worden und gehöre zu Frankreich und Deutschland. Das wichtigste Werk ist Le Conte du Graal von Chrétien de Troyes, entstanden zwischen 1175 und 1189. Bei Zeile 10.601 bricht der Versroman ab; Gautier de Doulens schrieb weiter bis 34.934, und ein Autor namens Manessier schaffte es auf 45.379 Zeilen. Es gibt sogar ein 15.000 Zeilen langes Grals-Stück eines Papstes: Der Autor heißt Gerbert von Aurillac, 950 geboren, 999 zu höchsten Weihen gelangt, 1003 gestorben. Neben Chrétiens Langgedicht steht gleichrangig der Versroman Joseph von Arimathäa (nach 1170 verfasst) von Robert de Boron, der verloren ist und nur in einer Prosaversion vorliegt, die zum Zyklus des Kleinen Heiligen Grals gehört. Der Zyklus des Größeren Heiligen Grals beinhaltet fünf Romane, darunter den Huth Merlin, Great Prose Lancelot und Longer Prose Perceval, die um 1220 anzusetzen sind. Der deutsche Gralszyklus fußt auf Wolfram von Eschenbachs Parzival, geschrieben zwischen 1200 und 1215. Etwa um 1250 konnte der Sagenkreis als abgeschlossen gelten, obwohl noch aus dem 15. Jahrhundert Werke vorliegen.

 

Die Handlung

Nach Jesu Tod heißt es im Johannes-Evangelium: Einer der Soldaten »stieß mit der Lanze in seine Seite, und sogleich floss Blut und Wasser heraus.« (19,34). »Josef aus Arimathäa war ein Jünger Jesu, aber aus Furcht vor den Juden nur heimlich. Er bat Pilatus, den Leichnam Jesu abnehmen zu dürfen, und Pilatus erlaubte es. Also kam er und nahm den Leichnam ab.« (19,38) Die Bestattung erfolgt in der Nähe, und Josef flieht mit einer Phiole mit Jesu Blut und dem angeblichen Kelch. Er erreicht laut der Sage England und lässt sich als erster Gralshüter in einem Schloss nieder. Man hört nichts mehr von ihm; er reichte den Gral weiter an einen Gralskönig. Dazu kursiert die Annahme, Josef habe vom lebenden Jesus noch heilige Worte zugeflüstert bekommen, die er nur mündlich weitergeben sollte.

 

Basilika San Pietro in Tuscania (Foto: Manfred Poser)
Untergeschoss der Basilika San Pietro in Tuscania (Foto: Manfred Poser)

 

Bei Wolfram von Eschenbach hat Titurel, Sohn von Elisabeth von Aragon und Titurison, von einem Engel den Gral erhalten. Titurel geht nach Salvaterre in Galizien, im Nordwesten Spaniens, und auf dem Mont Salvatsch entsteht auf einem Fundament aus Onyx der Rundbau der Gralsburg, innen ein blaues Gewölbe mit goldenen Sternen. Nun soll der Gralskönig heiraten. Sein Enkel Frimutel zeugt fünf Kinder: Anfortas, Trevrizent, den späteren Einsiedler und Lehrer Parzivals, sowie die Töchter Urrepanse, Schoysiane und Herzeloyde. Letztere bringt dann Parzival zur Welt, hält ihn jedoch vor dieser verborgen. Parzival (etymologisch: Per-ce-Val, »der durch den Wald geht«) ist also schon für seine Tat vorbestimmt. Ich habe viel von Dieter Kühn und seinem Buch Der Parzival des Wolfram von Eschenbach gelernt. Wer es liest, erfährt alles über die damalige Zeit und bekommt den ganzen Parzival in einer eigenen Übersetzung. Denken wir daran, dass sich die Werke vor 800 Jahren etwas anders lasen. Auf Seite 194 gibt Dieter Kühn den Beginn wieder:

Ist zwivel herzen nahgebur das muoz der sle werden sur gesmehet unde gezieret ist, swa sich parrieret unverzaget mannes muot, als agelstern varwe tout. der mac dennoch wesen geil: wande an im sint beidiu teil des himels und der helle. der unstete geselle ...

In einer anderen Geschichte ist Galahad der Gralsritter, und auch seinem Vater Lancelot wird der Ritt zur Gralsburg zugetraut. Dort gibt es immer einen Gralskönig, der mit einer rätselhaften Verwundung darniederliegt und Hilfe von außen braucht. Durch die Verwundung ist ein Fluch über das Land (England) gekommen, und es gibt Hoffnung, dass der Richtige käme. Was muss er tun? Er muss die Burg finden und dann die alles entscheidende Frage stellen: De quoi li Graus sert, in der Version von Chrétien de Troyes. Wem dient der Gral? Was soll das alles? Parzival/Perceval ist zu befangen, zu schüchtern, zu höflich; er unterlässt es, die Frage zu stellen. Am anderen Morgen findet er sich alleine im Schloss wieder und muss weiterziehen. Viele Vorwürfe muss er über sich ergehen lassen, doch ein Scheitern ist noch nicht der Untergang, er bekommt seine zweite Chance und stellt die Frage. Große Freude! Parzival wird auf sieben Jahre Gralskönig, dann zieht er sich zehn Jahre als Einsiedler in den Wald zurück und wird Priester. Mit ihm geht, vielleicht, der Gral ins Paradies ein und wird der Wahrnehmung entzogen. Der Gral verschwindet. In einer anderen Version kehrt er in den Osten zurück, nach Indien; er ist verschwunden, muss aber noch da sein. Parzivals Sohn ist Lohengrin, der mit einem Schwan daherkommt und bei Wagner singt: Nie sollst du mich befragen. Seine Frau darf ihn nicht nach seiner Herkunft befragen; sie tut es dennoch, und auch das ist falsch: Lohengrin enteilt. Übrigens hat Wagners Parsifal wenig mit der Gralssage zu tun, da stellt der Held sofort die richtige Frage, und überhaupt geht es zu wie in einem Fantasy-Roman. Wagner mochte es griffig und kitschig und passte zu Märchenkönig Ludwig II.

 

Worms (Foto: Manfred Poser)
Worms, ein wichtiger Schauplatz der Nibelungensage (Foto: Manfred Poser)

 

Die Jahre um 1200 waren literarisch äußerst fruchtbar. Hartmann von Aue schrieb ein zweites Artus-Epos, Iwein. Walther von der Vogelweide diente und dichtete, Wirnt von Grafenberg verfasste den Wigalois. Die Nibelungensage ist auch um 1200 entstanden: Da gibt es einen Schatz, das Rheingold, und Details weisen darauf hin, dass die Autoren den Dichter Wolfram kannten. Doch der Geschichte geht die spirituelle Dimension ab, da gibt’s nur Kampf, Ehebruch, Neid, Wut und Mord. Das Spirituelle am Gral beginnt uns nun aber zu interessieren …

 

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