Der Kommunist von Monte Christo
Die Pannonische Tiefebene ist ein äußerst fruchtbares Gebiet Mitteleuropas – insbesondere kulturell und literarisch: Nachdem unter anderem Autoren aus Kroatien, der Slowakei und Österreich in Bonn gastierten, vertritt am 29. Juni Noémi Szécsi die junge Literatur ihres Heimatlandes Ungarn im Rahmen der Lesereihe »Reading Europe: Neue Autoren aus Europa« im LVR-LandesMuseum (Colmantstraße 14–16, Bonn). Mit Communist Monte Cristo bringt die 1976 in Budapest geborene Autorin einen Roman mit an den Rhein, der geprägt ist vom Vokabular des kommunistischen Ungarn in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Angelehnt an Alexandre Dumas' berühmten Abenteuerroman vom Comte de Monte-Cristo erzählt Szécsi die Geschichte des kommunistischen Parteigenossen Sanyi, der im Wien des Jahres 1919 eine Mission im Untergrund erfüllen soll. Den Leser erwartet jedoch kein Spionagethriller, sondern vielmehr einen Schelmenroman: Dass Sanyi nicht nur gelernter Metzger, sondern zugleich überzeugter Vegetarier ist, erweist sich nur als eine wunderliche Eigenheit des Ungarn. Als er an der Kunstschule den Zeichenschülern Modell steht, wird er dank seines imposanten Körperbaus kurzerhand als Matrose rekrutiert, ohne jedoch je die See zu erblicken – Sanyi dient den Rednern der revolutionären Partei als gefragte Dekoration auf ihren Volksversammlungen. Doch als 1919 die kommunistische Räteregierung gestürzt wird, bleibt Sanyi von seinem bisherigen Leben nur noch seine Syphillis. Während Alexandre Dumas seinen Graf von Monte Christo Rache üben lässt, scheint Sanyis Geschichte nun aber einen umgekehrten Verlauf zu nehmen. Früher noch Teil des linksradikalen Spiels, wird er vom Schachbrett geholt und fristet sein Dasein als abseits stehender Beobachter, bis ihn schließlich die Staatspolizei abführt und für Machenschaften im kommunistischen Regime belangt. In den Rahmen der »Reading Europe«-Reihe fügt sich Szécsis Roman jedoch nicht nur geografisch und inhaltlich bestens ein, für Communist Monte Cristo erhielt die studierte Fennistin und Anglistin auch den Literaturpreis der Europäischen Union, den die Europäische Kommission (deren Bonner Vertretung Mitausrichter der Veranstaltung ist) 2009 erstmals verlieh, um »den Reichtum des zeitgenössischen europäischen Literaturschaffens in den Blickpunkt der Öffentlichkeit zu stellen, die Verbreitung literarischer Werke innerhalb Europas zu fördern und ein größeres Interesse für Literatur außerhalb des jeweiligen Herkunftslandes zu wecken«. Die Lesung beginnt um 19:00 Uhr und findet – wie auch die anschließende Diskussion mit der Autorin – in englischer Sprache statt. Der Eintritt ist frei.
