Der Krimi als Duell

Manfred Poser wendet sich noch einmal dem Schachspiel zu und sieht den Krimi als kreatives Duell

Das Schachspiel ist ein Duell von Kontrahenten, die die Figuren manipulieren – und ein optimales Bild für den bösen Potentaten, der seine Mitarbeiter wie Schachfiguren umherschiebt. Die erotische Qualität des Schachspiels darf dabei nicht unterschlagen werden, und dazu muss man die Szene aus Thomas Crown ist nicht zu fassen kennen, in der der Titelheld (am besten in der Version 1968: Steve McQueen) gegen eine Versicherungsdetektivin (Faye Dunaway) spielt; es ist nur ein Vorspiel.

Mich hatte nach längerer Pause der Krimi wieder gepackt, als ich den Roman Das Geheimnis der schwarzen Dame von Arturo Pérez-Reverte (1990) zu fassen bekam. Im Original heißt er La tabla de Flandes, und tabla heißt vermutlich Gemälde, Leinwand, und man mag an Michel Foucaults »tableaux« erinnert werden aus dem Buch Die Ordnung der Dinge, das mit der Schilderung eines Bildes von Velazquez beginnt, dessen Elemente allesamt aufeinander verweisen. Im Kriminalroman werden immer tableaus aufgespannt. Ganz deutlich ist das im Regionalkrimi, wo auf die Folie (oder Leinwand) einer Stadt oder Region Handelnde und Handlung aufgetragen werden; Held ist neben dem Kommissar die Region (das Allgäu, die Eifel).

Pérez-Revertes Krimi aus der Kunstszene rankt sich um ein Gemälde aus dem 16. Jahrhundert mit einer rätselhaften Inschrift und einer Schachpartie. Die Restauratorin Julia und ihre Helfer verfolgen die Partie zurück und können den Figuren Opfer und Täter zuordnen. In Schachmatt von Stephen L. Carter (2002; im Original The Emperor of Ocean Park) ist der Plot wie ein Schachproblem angelegt, an dem der ermordete Vater des Erzählers arbeitete, »so dass sein Tod eine Kette von Ereignissen auslösen würde …«. Schnell hineingeschoben ein Haiku des neuen Literaturnobelpreisträgers Tomas Tranströmer: »Der Tod beugt sich / über mich, eine Schachaufgabe. / Und hat die Lösung.«

Beim Schach schaffen die Gegner gewissermaßen gemeinsam an einem Werk, der Partie, die dann schriftlich vorliegen wird für die Ewigkeit: als Notation. Man könnte sie auch eine Partitur nennen. Da wir gerade dabei sind, noch ein Verweis auf Through the Looking-Glass von Lewis Carroll (die Fortsetzung von Alice im Wunderland), dessen elf Kapitel den elf Zügen entsprechen, mit denen Alice als Bauer/Bäuerin zum Matt fortschreitet.

 

Platz in Majolica (Foto: Manfred Poser)
Auf diesem Platz in Majolica wird jedes Jahr ein Schachspiel mit lebenden Gestalten nachgespielt.
(Foto: Manfred Poser)

Der Plot entstammt einem Gehirn, dem des Autors, und es kann nicht mehr herauskommen, als zuvor hineingetan wurde. Der Autor erdenkt ein Rätsel aus vielen komplexen Bestandteilen, versteckt diese und lässt sie von seinem Ermittler wieder aufdecken, wobei er sich in verschiedene Personen spalten muss. Dieses Phänomen wird mich demnächst eigens beschäftigen.

Kommissar und Serienkiller

Ich habe früher gegen mich selbst Schach gespielt, aber das geht nur leidlich, wenn man sich gegen sich selbst abschirmt und schnell zieht. Irgendwann entstehen dann Stellungen, in denen Züge erzwungen sind und es keine Rolle mehr spielt, dass ich mein eigener Gegner bin. Auch das Krimischreiben ist ein Selbstgespräch, doch je ausgefeilter das Rätsel, desto überzeugter ist der Leser, dass er an der Welt teilnimmt, die aber nur eine Welt ist: die des Autors.

Es geht im Krimi um Gut und Böse, ausgespielt als Duell zwischen Kommissar und Serienkiller. In den Taten ist oft ein Muster verborgen, das zeitlicher und räumlicher Art sein kann. Der Täter will dem Ermittler durch seine Taten etwas sagen: Ich bin schlauer als du, ich bin Gott, ich kann morden, ohne dass du weißt, wo und wie; aber ich gebe dir Hinweise, ich gebe dir eine Chance. Die Worte sind Zeichen, aber auch die Taten sind es, auf einer höheren Ebene. Doch Zeichen haben nur Sinn, wenn es draußen einen Beobachter gibt. In Paul Austers Stadt aus Glas sagt Quinn/Wilson/Auster über die Handlungen Stillmans, den er beobachtet: »Er wollte, dass sie [die Zeichen] einen Sinn hätten.« Stillmans Wege zeichnen Buchstaben nach, die den Schriftzug The Tower of Babel ergeben: eine hübsche Anspielung auf Jorge Luis Borges’ gleichnamige Geschichte.

Bei Borges kommen immer wieder Duelle vor, und ein Krimi ist ein Duell zwischen Täter und Ermittler sowie deren gemeinsame Kreation. Nur die überirdische Klugheit des Kommissars macht die Geschichte möglich, denn wenn er die Zeichen nicht sehen könnte, würden die Bemühungen des Killers ins Leere laufen. Es werden Hinweise verborgen, und der Kommissar agiert das aus, was der Leser ausagieren sollte, wenn er eingebaute Anspielungen erkennt. Der Ermittler ist im Buch der Leser des Killers. Eine Tat deutet stets auf die nächste Tat. Es herrscht weltanschauliche Leere, und das Aufeinanderbezogensein der Elemente bleibt oberflächlich.

Ganz krass war das bei einer Folge von CSI: New York, in der ein Killer sich am Detektiv rächen wollte und Morde beging, um diesen bloßzustellen. Die Morde geschahen nur, um das Duell zu realisieren. Auch in Blood Work von Clint Eastwood (2002) müssen Menschen sterben, damit der Mörder Eastwood unter Kontrolle bekommt und ihn in die Falle locken kann. Oder der Tatort vom Bodensee mit Klara Blum (Eva Mattes) am 16. Oktober: Erfolgloser Autor setzt die Morde aus den Krimis des erfolgreichen Kollegen in die Tat um, weil er den Verdacht auf diesen lenken will. Dieser Einfall ist mittlerweile ein alter Hut, und eine schlimme Räuberpistole war es dann auch noch. Am nächsten Tag auf Südwest der Kölner Tatort »Rabenherz«, erstmals Ende Januar 2009 ausgestrahlt. Hochspannung, auch ohne vier Leichen.

Yin und Yang

Kürzlich bin ich auf einen Kurzkrimi von Borges gestoßen, Der Tod und der Kompass von 1944. Der Meisterdetektiv Erik Lönnrot kommt an einen Tatort und vermutet, da das Opfer einen kryptischen Satz hinterlassen hat, einen kabbalistischen Hintergrund. Der nächste Mord geschieht genau einen Monat später, und eine dritte Tat gibt es. Das Tetragrammaton (der Name Gottes auf Hebräisch) besteht aus vier Buchstaben, vier Himmelsrichtungen … Ein vierter Schauplatz ist zu befürchten, und nach 100 Tagen des Nachdenkens weiß Lönnrot ihn, geht dorthin – und gerät in Gefangenschaft. Red Scharlach, sein Todfeind, gesteht, die Reihe der Verbrechen fingiert zu haben, um Lönnrot an diesen Ort zu locken, wo er sterben wird.

Borges’ Anmerkung dazu: »Muster in Raum und Zeit finden sich in der ganzen Geschichte immer wieder. [...] Der Töter und der Getötete, deren Hirne gleichartig arbeiten, könnten derselbe Mensch sein. Lönnrot ist kein hoffnungsloser Trottel, der in eine Todesfalle marschiert, sondern auf symbolische Weise ein Mann, der Selbstmord begeht …« Detektiv und Täter sind zwei personae des Autors – Gut und Böse sind komplementär –, die einen archetypischen Kampf ausfechten.

 

Sonnenuntergang in Opfikon bei Zürich (Foto: Manfred Poser)
Yin und Yang und der Funke des Geistes. Sonnenuntergang in Opfikon bei Zürich.
(Foto: Manfred Poser)

Die Kontrahenten könnten also derselbe Mensch sein. Diese Symbiose von Gegnerschaft und Zusammenwirken finden wir in vielen Schöpfungsmythen. In der jüdischen Kabbala ist der Geist, Chockma, das Stadium des Gedankens, des Ungeschiedenen. Chockma produziert sich auf Binah, das Weibliche, Empfangende; der männliche Geist nimmt Form an, differenziert sich, verwirklicht sich. Im Taoismus heißt es: »Aus der kreativen Energie (Yang) und der empfangenden Energie (Yin) quellen die Zehntausend Dinge hervor.« Es braucht den schöpferischen Zusammenprall, der den kreativen Funken gebiert und Schöpfung werden lässt.

 

 

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