Der letzte Spaziergang

In Herisau, 10 Kilometer südwestlich von St. Gallen, gibt es einen Robert-Walser-Pfad, der vom Museum und der Gemeinde betreut wird. Er führt zum Psychiatrischen Zentrum am Krombach und dann über den Rosenberg zum Friedhof. Unterhalb der Wachtenegg brach Walser auf seinem letzten Spaziergang am 25. Dezember vor 50 Jahren zusammen: tot. Er hatte die letzten 23 (seiner 78) Jahre im „Haus für ruhige Männer“ verbracht. Seine letzte irdische Habe: eine Uhr und zwei Bücher.

Robert Walser (Foto: Museum Herisau)
Robert Walser (1878-1956)
(Mit freundlicher Genehmigung des Museums Herisau)

Mein Fahrradfreund François aus Rehetobel kennt die beiden Männer, die den toten Dichter damals auf einer Wiese liegend auffanden. François’ Frau Corina hat als Stationsleiterin in der Psychiatrischen Klinik gearbeitet, dabei einen Patienten kennengelernt, der Walser noch erlebt hatte, und dessen Krankenakten gelesen, die heute im Staatsarchiv einzusehen sind. Bei unserem Telefongespräch fiel irgendwann auch der Name Peter Morger – ein Poet und Mundartdichter, der vor fast fünf Jahren aus dem Leben geschieden ist. Er hatte 1986 den Einfall zum Robert-Walser-Pfad.

Das Buch „Wanderungen mit Robert Walser“ von seinem Mäzen und Freund Carl Seelig beweist, dass der Dichter des „Gehülfen“ und der „Geschwister Tanner“ nicht verrückt war. Aber Walser hatte wohl außerhalb der Klinik niemanden, darum wollte er nicht entlassen werden. Dieses Jahr stieß ich auf den französischen Theaterautor Antonin Artaud, der von 1937 bis 1946 in der Psychiatrie war, dabei mit Elektroschocks behandelt wurde und seine Entlassung nur um zwei Jahre überlebte. Im Sommer las ich ein Interview mit der italienischen Lyrikerin Alda Merini, die zwei Jahrzehnte in der Psychiatrie verbrachte, und die Interviewerin von „La Repubblica“ berichtete staunend, wie die Merini sich eine Zigarette nach der anderen entzündete und die rauchenden Kippen zu Boden fallen ließ, anscheinend eine Marotte von ihr.

Psychiatrische Klinik Herisau (Foto: Manfred Poser)
Das Direktionsgebäude der Psychiatrischen Klinik Herisau, das von oben die anderen Häuser überwacht, die schön verstreut auf Wiesen und an Hängen stehen.
(Foto: Manfred Poser)

Dann gab’s 2006 im „Kinok“ einen Film über den Liedermacher Townes Van Zandt (1944-1996). Ihn hatten die Eltern, die mit ihm nicht mehr klarkamen, einweisen lassen zu den Männern in Weiß, und seine Mutter sagte später: Das war ein Fehler. Durch dubiose Behandlungen verlor Townes viele Kindheitserinnerungen. Und denken wir an Hemingway, den Elektroschocks zerstörten. Der Schweizer Krimiautor Friedrich Glauser hatte auch eine lange Psychiatrie-Karriere. Dazu muss man „Die Macht der Psychiatrie“ von Michel Foucault (Suhrkamp, 2005) lesen. Die Irren werden als „Residuen der Gesellschaft“ ausgegrenzt und einer Disziplinarmacht unterworfen. Die Psychiatrie schließt weg, simuliert mit ihrem Betrieb die Realität, und die Anlagen sind eine Ausdehnung des Körpers des Arztes, der alles zu überwachen hat, schreibt Foucault.

Alles dreht sich um die Frage: Bist du wirklich verrückt? Denn erst dieses Geständnis, diese Erkenntnis macht den Arzt zum Arzt. Von Heilung ist kaum zu träumen. Doch auch ein schräges System zur Bewältigung der Realität hat seine Logik, wie die geschlossene Anstaltswelt und literarische Wahrheit sie haben. Autoren können zwischen literarischer Welt und der Außenwelt unterscheiden – das nur unterscheidet sie von Irren. Mich zieht ihre Welt magisch an. Wir bleiben in Kontakt.

P.S. Am 25. Dezember gab’s in

P.S. Am 25. Dezember gab’s in Herisau den letzten Spaziergang live: seinen „Nachvollzug“ auf Walsers Pfad mit Stationen an Sterbeort und Grab, Teepause und Reden, Ausklang im Museum, alles „mit bundesrätlicher Begleitung“. 11.30 Begrüßung. Allerdings ohne Ortsangabe. Ich wählte natürlich den falschen Startort, schloss mich da einem ebenfalls desorientierten, sehr sympathischen Schweizer Paar an, und so begann unser zweistündiger Irrweg zwischen den Häusern der Psychiatrie, über vernebelte Hänge, mit Rauhreif bedeckte Wiesen, auf und ab, bei drei Grad minus. Dann, vor dem Rüti, kamen uns Leute entgegen: die offiziellen Spaziergänger! Es mochten 150 gewesen sein, die an uns vorbeischritten. Der Herr Bundesrat war an Lammfellmantel und Schirm kenntlich. (Ich glaube, Walser wäre lieber mit uns dreien gegangen.) Wir wandten uns ab, tranken noch einen Glühwein, sprachen viel über den Dichter und trennten uns vor dem Bahnhof Herisau. Herumirren ist menschlich – und viel spannender. Viele gute Wünsche fürs Neue Jahr – Manfred Poser.

 

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