Der Schein trügt

Warum das Leben ohne Tageszeitung ärmer wäre – am Beispiel der Berner Band Schöftland
Titel der »Neue Zürcher Zeitung« (Foto: © Benedikt Viertelhaus)
Start in einen gelungenen Tag: Der Blick in die Tageszeitung (Foto: © Benedikt Viertelhaus)

Seit das Internet zu einem allgemein zugänglichen Medium geworden ist, leidet die Tageszeitung weltweit eine Absatzkrise. Es ist in den letzten Jahren viel darüber spekuliert worden, wo die Antworten liegen könnten, um dieses alte Medium zu retten. Schnell geht es dann um Möglichkeiten des ›paid content‹, bezahlten Inhalten, um im Internet, ergänzend zum gedruckten Blatt, Geld zu verdienen. Das Internet aber hat, daran darf man nicht vorbeireden, eine Kostenlosmentalität gefördert, auf die es zu antworten gilt und der Internetnutzer hat ein anderes Verhalten als der Leser einer Tageszeitung. Solange der User seine Informationen kostenlos bekommen kann, ist zu erwarten, daß er dafür nicht zahlen wird. Das gilt neben den Nachrichten, die früher unter anderen Medien die Zeitung lieferte, für Musik, Filme, Lexikonartikel und vieles mehr. Eine Lösung sucht man in Begriffen wie dem »Qualitätsjournalismus«. Darin steckt der Gedanke, daß ich bei bezahlten Medien Informationen bekomme, deren Richtigkeit ich mir sicher sein kann, bzw. daß Fehler, die immer mal passieren, in einer der nächsten Ausgaben korrigiert werden. Redakteure werden für ihre Arbeit bezahlt, der Blogger oder der Autor eines Wikipedia-Artikels nicht, ist aber womöglich ein richtiger Experte in seinem Gebiet. Der Vorteil, den ich mir mit einer Tageszeitung ins Haus hole muß also ein anderer sein, wenn ich an alle Informationen auch kostenlos komme. Oder ist es reine Nostalgie, die einige noch zum Zahlen für Journalismus veranlaßt?

»Alle geben gerne Auskunft – aber niemand kann richtig Auskunft geben«

Vielleicht, dachte ich lange, bin ich einer dieser hoffnungslosen Nostalgiker, die täglich ihre Zeitung brauchen, weil es zu einem gelungenen Tag gehört, sich morgens einen Überblick über die Geschehnisse in der Welt zu machen. Aber was würde ich über Frankreich erfahren, wenn nicht gerade Präsidentenwahlkampf ist, was über Iran, wenn nicht gerade ein allgemeines Interesse an den Entwicklungen bestünde? Mit der Tageszeitung bekommen wir einen Überblick geboten, den uns das Internet trotz, oder wegen, der Fülle an Informationen kaum bietet. Die Breite an Information, die das Internet bietet, ist unendlich groß, aber schnell verliert man beim Surfen die Sicht auf das Relevante. Eine Tageszeitung ist einen Tag aktuell und hat eine letzte Seite. Das Internet ist immer aktuell und kennt keine letzte Seite. Schnell bleibt man daher orientierungslos im Informationsüberfluß stecken, besucht nur die ersten 20 Googletreffer, schaut für die Tagesnachrichten nur noch bei Spiegel Online über die Startseite, liest, wo einen die interessanten Überschriften hinleiten, weiter aber selten. Und genau da liegt eines der größten Probleme, die das Internet hat. Es hilft der Vertiefung, vereinfacht die Recherche, verhindert aber mitunter die Teilhabe am »ganzen Leben«. Die Tageszeitung liefert täglich einen Ausschnitt dessen, was die Redakteure für relevant halten. Ich bin ihnen zwar diesbezüglich ausgeliefert, finde aber eine Orientierung über das Tagesgeschehen. Nur dem Radio bin ich, solange es läuft, in ähnlicher Weise ausgeliefert. Eine Ergänzung liefert mir das Internet je danach, wenn ich Informationen vertiefen will oder Zweifel an der Interpretation habe. Die Tages- oder Wochenzeitung und das Radio verleiten dazu, an Dingen hängenzubleiben, nach denen man im Internet nicht gesucht hätte. Man kann hier Entdeckungen machen, ohne Link, ohne Referenz, die von Themen ausgeht, über die man sich gerade eh informierte, und daher mindestens in einem ähnlichen Spektrum verortet sind. Sich über Tageszeitungen informiert zu halten, ermöglicht viel stärker, an gesellschaftlichen Leben teilzuhaben, als das im Internet der Fall ist. Die Selektion der Themen ist breiter und nur übers Internet informiert läuft man Gefahr, sich z.B. nur über die aktuelle Kultur zu informieren. Man könnte sagen, es wäre wie wenn ein SPD-Mitglied nur den Vorwärts lesen würde und denken, er sei informiert. Bei einer Tageszeitung, die den Versuch unternimmt unparteiisch zu sein, sollten Ansätze aller Parteien kritisch betrachtet werden. Beim Lesen der Zeitung wird der Leser verleitet, von einer Überschrift schneller in Artikel rein zu lesen, als auf Onlineplattformen einem Überschriftenlink zu folgen. Zwar kann sich im Internet jeder äußern, aber die Wahrscheinlichkeit, gelesen und wahrgenommen zu werden, ist gering. Wer meint, das Internet sei aufgrund der breiten Äußerungsmöglichkeiten demokratischer, der muß auch die Frage stellen, ob Demokratie grundsätzlich die Separation in einzelne Interessensgebiete bedeutet oder ob die Willensbildung nicht vor allem auch einen Allgemeinbildungsprozeß erfordert. Im Internet ist jedoch vor allem ein breites Nebeneinanderher zu beobachten.

Die Band Schöftland (Foto: © Schöftland, Bern)
Die Berner Band Schöftland (Foto: © Schöftland)

Daß dies ein Problem des Internets ist, ist mir anhand eines Beispiels aufgefallen, das verdeutlicht hat, wie sehr die Zeitung diesen allgemeinbildenden Vorteil hat. Auf die Berner Band Schöftland wäre ich im Internet so schnell nicht gestoßen, auch wenn es jene Verweise gibt, die da hätten nachhelfen können: Verstärkung bekommen die Schweizer auf ihrem phantastischen Album Der Schein trügt von zwei Gastsängern, die viele Musikinteressierte auf das Debut aufmerksam machen könnten: Nils Koppruch und Gisbert zu Knyphausen. Verdanken muß ich die musikalische Entdeckung des Frühjahrs aber der Neuen Zürcher Zeitung, die auf ihren »Kultur Zürich«-Seiten immer wieder Platten der Bands vorstellt, die in ein paar Tagen in der Gegend spielen werden. »Hochdeutsch zu singen, ist in der Schweiz nicht nur aussergewöhnlich, sondern auch mutig, denn Englisch ist die Sprache der Rockmusik geblieben, Mundart der Schlüssel zum Erfolg im Pop«, heißt es in dem Artikel direkt zu Anfang. Den Verweis auf die Band lieferte also die Zeitung, die starke These als Einstieg in den Artikel das Interesse zu einem Weiterlesen.

»Du kannst nicht einfach gehen, das geht nicht«

Aber was ist das für eine Musik, die mich über das Medium Zeitung nachdenklich macht, weil sie mir zeigt, wie wenig das Internet bisher Antworten auf die Zeitung liefert (was natürlich nicht heißt, die Zeitung müsse keine Antworten auf das Internet finden)?

was willst du hier mit Blaulicht es ist irgendwie zu spät und warum jedes Leben retten wenn schlussendlich jeder geht,

singt Floh von Grünigen über Schlagzeug- und Baßmusik. Erst im Refrain werden die für die Indimusik typischen E-Gitarren laut:

du kannst nicht einfach gehen das geht nicht das geht zu weit

Wortspiele wie diese sind typisch für diese abwechslungsreiche Band, die vor allem mit ihren schnellen Stücken »Der Sturm« und »Blaulicht« Glanzlichter deutschsprachiger Rockgeschichte abgeliefert haben. Vergleiche mit Element of Crime, wie sie die NZZ bemüht, greifen aber deshalb zu kurz, weil hier musikalisch noch etwas jenseits des bereits Bekannten passiert, worauf man bei der Berliner Band um Sven Regener seit dem Album Psycho von 1999 vergebens warten muß. Auch die ruhigeren Stücke von Schöftland überzeugen, weil sie nicht alles mit Rhythmusgitarren überspielen und so den filigranen und doch wuchtigen Texten ein wunderbares Gewicht einräumen, die, da sie sich nicht auf ein erstes Hören erschließen, durchaus auch mal nebenbei gehört werden können. Paul McCartney sang 1976 in »Silly Love Songs« davon, daß die Menschen doch nie genug von Liebesliedern bekämen »some people wanna fill the world with silly love songs«, Heinz Rudolf Kunze versuchte 1985 sein Liebeslied »Dein ist mein ganzes Herz« mit Wortspielereien wie »Du bist mein Reim auf Schmerz« von der stupiden Ich-liebe-Dich-Konstruktion zu entfernen. Schöftland sind da in »Liebesbrief« noch etwas kritischer:

liebe auf ewig wo bleibt da die poesie sich wiederholen sich wiederholen sich widerholen tönt viel mehr nach industrie

Die Kooperation mit Nils Koppruch, dem früheren Kopf der Hamburger Band Fink, paßt gut zu »Liebesbrief«, das auch von der Ausarbeitung an Fink erinnert. Mit »Kleinstadt«, bei dem Floh von Grünigen von Gisbert zu Knyphausen unterstützt wird, ermöglichen die Zusammenarbeiten der Band einen größeren Bekanntheitsgrad. Nicht umsonst sind diese Titel bei I-tunes als beliebteste der Platte angezeigt. Wie ein Gütesiegel stehen hier die Namen Nils Koppruch und Gisbert zu Knyphausen mit in der Titelliste. Sie können also, vergleichbar mit dem Internet, als Link zu der Band funktionieren. Wer im Internet nach Neuigkeiten zu Gisbert zu Knyphausen gesucht hat, wird zwischenzeitlich schnell bei Schöftland gelandet sein. Die Zugriffszahlen auf die Artikel der Kritischen Ausgabe zeigen, daß das funktioniert und man mit Schlagworten Menschen »fehlleiten« kann: Während der WM holte die Besprechung der Single »Männer, Fußball, Frauen, Sensibel« der Schweizer Aeronauten deutlich mehr Leser als in dem Jahr zuvor auf unsere Seite. Fußball-WM, Nationalmannschaft sind eben Stichworte, die häufig ergoogelt werden. Würden wir mehr über Sex schreiben, bekämen wir womöglich auch mehr Leser, wahrscheinlich aber nur mehr Besucher. In der zweiten Hälfte des Albums verliert Der Schein trügt etwas an Biß und ist ruhiger. Was auf ihrer EP Nur Touristen an Post-Rock-Anklängen angedeutet wurde, hätte der Platte noch etwas Exklusiveres gegeben. Das Lospoltern der ersten Klänge im Song »Der Sturm« läßt eine Erwartung keimen, die ab der zweiten Hälfte wegen der ruhigeren Klänge enttäuscht wird. Ist man dann aber über diese Enttäuschung hinweg, erschließt sich die Vielschichtigkeit dieser Band. Da ist noch viel Potential und diese Band verdient mehr Aufmerksamkeit als Tocotronic und Farin Urlaubs Ärzte zusammen, denn hier bewegt sich die deutschsprachige Rockmusik endlich mal wieder ein gutes Stück in eine neue Richtung!

Um der Band Schöftland dabei zu helfen, bekannter zu werden, würde es sicherlich helfen, hier über Günter Grass oder die Bundespräsidentenwahl, Joachim Gauck und Christian Wulff zu schreiben; Angela Merkel und die Finanzkrise zu kommentieren; oder Robbie Wiliams, Angelina Jolie und Brad Pitt zu erwähnen und vielleicht noch einen kleinen Skandal anzuzetteln. Denn nur über Schlagworte und Links wird ein Leser vielleicht auf ein Thema aufmerksam, nach dem er vielleicht gar nicht gesucht hat und aus seinem kleinen Interessensgebiet gelockt. Das würde dann in etwa funktionieren wie die Zeitung. Oder um es mit Schöftlands Lied »Kleinstadt« anzudeuten:

Schöftland: »Der Schein trügt« (Cover)
 

man könnte meinen jeder kenne jeden man habe alles schon gesehen man sei überall schon gewesen und es sei überhaupt nichts los aber auch hier in der Kleinstadt ist vieles global und auch hier in der Kleinstadt gibt’s grosses Potenzial

 
Schöftland: Der Schein trügt. Chop Records Bern 2009. Ca. 15 Euro.
 

 

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