Der Sprachvirtuose mit Neigung zum Protest und Anderssein

Schaut nicht so bedeppert in diese Grube.
Nur immer rein in die gute Stube.
Paar Schaufeln Erde und wir haben
ein Jammertal hinter uns zugegraben.

Peter Rühmkorf

 

Seine Vorliebe für Reime und Wortspiele jeglicher Art dürfte sich für Peter Rühmkorf bereits in seiner Kindheit manifestiert haben, denn seine Mutter war in der kleinen Dorfgemeinschaft seines nordniedersächsischen Geburtsortes Warstade berühmt für ihre Verse und Reime, die sie dann auch regelmäßig auf Festlichkeiten vorzutragen pflegte. Auch Rühmkorf selbst, am 25.10.1929 als Sohn einer Pastorentochter und eines fahrenden Puppenspielers geboren und als Patenkind des berühmten Theologen Karl Barth sehr fromm erzogen, fing schon früh an, eigene Gedichte zu notieren, die er allerdings allesamt wieder verbrannte. In seiner Jugend wurde der angehende Poet, Essayist und Dramatiker von einer Art Pubertätsmagersucht geplagt, die er durch Tagebuchschreiben versuchte zu bewältigen. Diese Angewohnheit sollte ihn nie wieder loslassen, bis ins hohe Alter hinein widmete er sich dem täglichen Ritual:

Das Tagebuch ist eine ganz archaische literarische Praxis. Es ist eine sehr subjektive Literaturform, eine Gattung für sich, eine sehr ehrenwerte, nahe am Subjekt wie keine andere.

Auch seine beiden Werke Tabu I und Tabu II sind veröffentlichte Tagebücher, die einen sehr intimen Blick auf den Autor geben. Manche sehen diese Texte sogar als den nie geschriebenen, aber lange erhofften Roman Rühmkorfs an. Sein literarisches Werk umfasst unzählige von Gedichten und Schriften, die mit ebenso vielen Preisen geradezu überhäuft wurden. Besonders herausragend und immer wieder bewundert ist Rühmkorfs ganz eigene und besondere Art mit Worten umzugehen, bei Spiegel online treffend auf den Punkt gebracht:

Gerühmt wird die Virtuosität seiner Wortkunst: Er parodiert, persifliert vorgegebene Gedichtformen, kombiniert Hochsprache mit Slang und saloppem Umgangsdeutsch, reißt Wörter aus dem gewöhnlichen Kontext und stellt sie in neue Zusammenhänge.

Diese Fähigkeiten stellt er unter anderem in dem Gedicht Variation auf »Abendlied« von Matthias Claudius unter Beweis, dessen erste Strophe lautet:

Der Mond ist aufgegangen.
Ich, zwischen Hoff- und Hangen,
rühr an den Himmel nicht.
Was Jagen oder Yoga?
Ich zieh die Tintentoga
des Abends vor mein Angesicht.

Thematisch kreisen die Werke des ehemaligen Rowohlt Lektors Rühmkorf oft um Vanitas, Tod und Liebe, allerdings stets mit einer gehörigen Prise Sarkasmus und Witz gewürzt. Eigenwillig wie Inhalt und Themen seiner Gedichte war auch Rühmkorfs Art, diese zu produzieren – sie entstanden stets aus zusammengefügten »Einfällen«:

Ein Gedicht besteht aus mehreren Grundeinfällen, Aha-Erlebnissen, die ich mir notiert habe, weshalb ich auch ewig Papier und Stift bei mir trage.

Peter Rühmkorf sammelte eifrig alle möglichen Sprach- oder Wortfetzen, die er meinte für seine Gedichte gebrauchen zu können. So legte er sich über die Jahre eine »Vorrats- oder Trickkiste« an, auf die er immer wieder zurückgreifen konnte.

Sein zum Protest und Anderssein neigendes Wesen zeigte sich erstmals wärend Rühmkorfs Schulzeit auf dem Stader Athenäum, als er heimlich antinazistische Propagandazettel verteilte und einem Antinaziclub beitrat. Konsequent weigerte sich Rühmkorf der Einberufung zur Wehrmacht zu folgen und setzte stattdessen seine schulische Laufbahn fort, nachdem er sich zwischenzeitlich einer Ausbildung unterzogen hatte. 1950 erhielt sein Abiturzeugnis, ein Jahr später begann er in Hamburg ein Studium der Pädagogik und Kunstgeschichte, wechselte aber bald zu Germanistik und Psychologie. Auch an der Uni ließ sich Rühmkorf nicht bevormunden und eckte nicht selten bei seinen Professoren an:

Bekenntnisnazis. Zwei von ihnen, Professoren, so autoritäre Knacker, haben mich aus dem Seminar geworfen und meine Universitätskarrieren praktisch kaputt gemacht.

1956/57 brach Rühmkorf sein Studium ab und beschloss als freier Schriftsteller zu leben. Von nun an widmete er sich sehr intensiv seinem künstlerisch und vor allem lyrischen Schaffen. Durch den Beitritt zur Gruppe 47 lernte er unter anderem auch Günther Grass kennen, mit dem er seither freundschaftlich verbunden war. Bereits 1948 hatte Rühmkorf die Bekanntschaft mit Klaus Rainer Röhl, dem späteren Ehemann Ulrike Meinhofs, gemacht, mit dem er die gemeinsam Zeitschrift Studentenkurier herausbrachte und für die er unter dem Pseudonym »Leslie Meier« schrieb. Auch nach der Umbenennung des »Studentenkuriers« in den weitaus bekannteren Namen konkret blieb Rühmkorf der Zeitschrift treu und demonstrierte damit einmal mehr, dass der linksorientierte Lyriker auch immer wieder gerne eine »spitze politisch-polemische Feder« führte, wie die Zeit es nannte.

Zuletzt war Rühmkorf, von der Welt als »schlacksiger Mensch mit einem schlendernden Gang und einem kecken, durchaus frechen Lächeln« beschrieben, für seinen erst im März dieses Jahres erschienenen Gedichtband Paradiesvogelschiß gelobt und ausgezeichnet. Am vergangenen Sonntag, den 8. Juni, erlag Peter Rühmkorf im Alter von 78 Jahren seinem Krebsleiden. Dass aber selbst die Gewissheit des immer näher rückenden Todes diesem Mann seine Lebensfreude und den einzigartigen Humor nicht nehmen konnte, illustrieren beispielhaft die eingangs zitierten Verse des von der F.A.Z. als »Nationaldichter« bezeichneten Sprachvirtuosen.

 

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