Der stumm gewordene Begleiter des Sterbenden

Geschichten über den Tod können beunruhigen, verstören, nachdenklich stimmen. Philippe Bessons Roman Sein Bruder erzählt von Thomas, der von einer unheilbaren Krankheit betroffen ist. Auf seinem Leidens- und Sterbensweg wird er von seinem älteren Bruder Lucas begleitet. Über die Perspektive des Bruders nimmt der Leser Anteil an den Eindrücken, Gefühlen und Ängsten der beiden Hauptcharaktere, die auf zwei parallelen Handlungsebenen beschrieben werden. Von Anfang an wird der Leser mit Fragen und Reflexionen des 28-jährigen Ich-Erzählers konfrontiert: Wie kann man von jemandem Abschied nehmen, der einem von Kindheit an vertraut ist? Wie kann man jemandem Trost spenden, obwohl man in dieser Situation selber gerne getröstet werden möchte? Der 28-jährige Lucas versteht und teilt den Eindruck seines Bruders, der Medizin als Objekt hilflos ausgeliefert zu sein. Er kann jedoch an den schmerzhaften und in seinen Augen oft unmenschlichen Bedingungen nichts ändern. Er bleibt stummer Beobachter am Rande des Geschehens.

"Der verrückte Eindruck, sich nicht mehr zu gehören..."

Besson nimmt den Leser durch erstaunte Fragen und hilflose Beobachtungen des Ich-Erzählers an die Hand. Er macht durch feine Beobachtungen und kurze, einfache Sätze das Drama in der Familie, aber auch Ängste und Verzweiflung fassbar. Der Sterbende, Thomas, vermag die Behandlungen und Hilfestellungen der Ärzte nicht sicher einzuordnen. Seine Hoffnung auf Besserung oder Heilung wird immer wieder enttäuscht. Thomas befindet sich in einem Wartezustand. Er fühlt sich nicht mehr wohl in seiner Haut und begegnet auch den Angehörigen, die ihn besuchen, gereizt und angespannt. Seine Eltern können die Schwere seiner Erkrankung nicht akzeptieren. So äußert die Mutter, mit den Worten "Ich sage Euch: Man wird wieder gesund" das Krankenopfer verallgemeinernd, ihre Hoffnung auf eine "Regenerationsphase". Ihre Worte werden von beiden Brüdern als Taktlosigkeit wahrgenommen. In ihrem Empfinden bilden sie jedoch nicht nur hier eine stillschweigende Gemeinschaft. Schlimmer noch erscheint ihnen eine später im Krankenzimmer gestellte Frage des Vaters. "Warum hat nicht dein Bruder diese Krankheit bekommen?" Die Brüder reagieren darauf mit Scham, Entsetzen und Wut. Ihre tiefe Verbundenheit vermag die Äußerung des Vaters jedoch nur noch zu intensivieren. Da die Eltern unfähig scheinen, die Krankheit ihres jüngsten Sohnes verantwortungsbewusst und sensibel wahr- und ernst zu nehmen, bleibt Thomas als einzige Bezugsperson der ein Jahr ältere Bruder Lucas.

"Unsere Familie erleidet Schiffbruch, aber unsere Eltern bleiben bis zum endgültigen Untergang vereint."

Philippe Besson beschreibt behutsam und anschaulich Gespräche und Annäherungen zwischen den beiden Brüdern. Immer wieder bemerkt Lucas schweigend die Erniedrigungen, die Thomas für eine potentielle Heilung seiner Krankheit in Kauf nimmt. Bei einer Operation, die ohne Narkose durchgeführt werden muss, hört er die Schreie seines Bruders. Er vergleicht diese Operation mit einer Schlachtung: "Ich denke an Pferde, die geschlachtet werden." In Thomas' Blick nimmt er eine plötzliche Schwärze wahr. Thomas hält trotzdem weiterhin am Leben fest. Lucas steht ihm durch seine bloße Anwesenheit bei. Der ungewöhnlichen geschwisterlichen Nähe wird in Gedankengängen Ausdruck verliehen: "In den Augenblicken, die das Ende vorwegnehmen, ist unsere Nähe größer als je zuvor." Lucas schafft jedoch den wichtigen Schritt, sich gedanklich mit dem tragischen Schicksal seines Bruders abzufinden und davon abzugrenzen. Das veranschaulichen trockene und sachliche Bemerkungen wie: "Immerhin: Am Ende werde ich derjenige sein, der gewinnt", und: "Ich denke, wenn unsere Eltern einmal gestorben sind, wird das Haus in Saint-Clément an mich fallen, mir gehören. Die Frage einer Aufteilung wird sich nicht stellen." Diese Bemerkungen deuten auf ein Konkurrenzdenken zwischen den Brüdern hin, das jedoch während ihres Zusammenseins nie eine besondere Rolle spielt. Letztendlich ist Lucas verwirrt und verunsichert, als er Thomas' Entscheidung, den letzten Schritt zu gehen, realisiert hat.

Besson beleuchtet den Ausnahmezustand des Sterbens auf kunstvolle und sensible Art. Er beschreibt Reflexionen, Eindrücke und Beobachtungen eines dem Sterbenden nahestehenden Verwandten. Durch die Perspektive des älteren Bruders veranschaulicht er die Angst vor dem drohenden Verlust und das hilflose Mitanschauen-Müssen. Gleichzeitig erzählt er die Geschichte von einer natürlichen, immer schon da gewesenen Verbundenheit und Nähe zwischen den Brüdern.

"Ich nehme eine Art Wesenlosigkeit an. Ich werde selbst die Lücke, die Leere, das Vakuum. Ich werde seine Nicht-Anwesenheit. Seine Abwesenheit."

Beim Lesen drängt sich manchmal der Eindruck auf, dass der Roman zu reflektiert und kunstvoll erzählt ist, um realitätsnah zu sein. Auch scheint das Grundthema in Bessons Roman, der Umgang der beiden Brüder mit dem Sterben des jüngeren, durch hinzu kommende Nebengeschichten, Motive und Bilder, manchmal in den Hintergrund zu drängen. So wird von zwei Begegnungen erzählt, bevor Thomas im Ferienhaus der Eltern, am Atlantik, zur inneren Ruhe zurückfinden kann. Lucas lernt im Krankenhaus den 18jährigen Manuel kennen, mit dem er für kurze Zeit eine Verbundenheit teilt. Thomas hingegen begegnet einem alten Mann, der ihn, ähnlich einem Orakel, mit einem dunklen Kapitel seiner Vergangenheit konfrontiert. Diese Begegnungen verunsichern und schaden dem konzentrierten Blick auf die Entwicklung der Beziehung der beiden Brüder zueinander. Besson etabliert den älteren Bruder Lucas als homosexuellen Charakter in der Geschichte und beschreibt, dass dieser von seinem Freund Vincent verlassen wird, weil Vincent sich durch die zunehmende reale, aber auch gedankliche Abwesenheit seines Freundes überflüssig zu fühlen beginnt. Denn von Romanbeginn an richtet sich Lucas' gesamte Aufmerksamkeit auf das Elend seines Bruders. Dass der ältere, einfühlsame und rücksichtsvolle Bruder homosexuell ist, bedient nicht nur die Klischeevorstellung vom sensiblen Schwulen, sondern ist auch ein taktischer Zug, den Besson bewusst setzt, um Unterschiede zwischen den Geschwistern aufzuzeigen und zugleich das sexuelle Interesse am eigenen Geschlecht mit der Einfühlsamkeit des Bruders auf eine andere, zwischenmenschliche Ebene zu verlagern. Dies tut er, ohne dass die Annäherung zwischen den Brüdern falsch gedeutet werden könnte. So gibt es im Roman zahlreiche Einschübe, in denen Lucas detailliert das verstümmelte Äußere seines Bruders beschreibt und traurig von dessen Verfall spricht: "Selbst mit geschlossenen Augen gelingt es mir nicht, das Bild von Thomas' Schönheit, seiner früheren Schönheit, einzufangen. Ich betrachte ein fürchterliches Schauspiel, das eines jungen Mannes, der sich selbst zerstört und zerfleischt, der sich von den Lebenden entfernt."

Ein Roman über Verlust, mit poetischer Leichtigkeit erzählt

Bessons Roman erschien 2001 unter dem Titel Son frère in Paris. Zwei Jahre später wurde die Verfilmung des Regisseurs Patrice Chéreau mit dem Silbernen Bären ausgezeichnet. Caroline Vollmann gelang 2005 eine Übersetzung des Romans ins Deutsche, die der Poesie der Vorlage gerecht wird, ohne dabei an Verständlichkeit einzubüßen.

Sein Bruder zu lesen, tut gut. Die Perspektive des zurückhaltenden Ich-Erzählers, der die Handlung über weite Teile des Romans nur beobachtet und nicht trägt, berührt und lässt dem Leser die Hilflosigkeit und Abhängigkeit des Protagonisten mitempfinden. Ein gewisser Charme des Romans liegt in seiner Unaufdringlichkeit, Ruhe und Einfachheit. Trotzdem ist er in jedem Moment stimmungsvoll und bewegend. Philippe Besson erzählt von Schmerzen, Leiden und Sterben und beschreibt dabei eine besondere Nähe, die vielleicht nur unter diesen Umständen zwischen zwei Menschen entstehen kann. Sein Roman handelt von dem Mut, einem Sterbenden, trotz oder gerade wegen der eigenen Hilflosigkeit, beizustehen.

Bibliographie

Philippe Besson: Sein Bruder. Roman. Übersetzt von Caroline Vollmann. München: dtv, 2005. 160 Seiten. ISBN: 3-423-24455-0. 12,00 Euro. (Bei amazon.de bestellen)

Ich habe dieses Buch im

Ich habe dieses Buch im Schulunterricht lesen müssen und so interessant wie es hier beschrieben wird, ist es leider nicht. Ein trostloses Buch über einen Bruder der stirbt, ständig umkreist von den Wörtern Tod, selbstmord und die Frage nach dem Wieso gestalten das Buch nicht gerade spannend. Wer gerne einen Menschen auf seinem Weg des Todes begleiten will, für den ist das Buch genau richtig. Da dieses Buch bestandteil meiner Abschlußprüfung ist, musste ich es lesen, würde es aber persönlich niemandem empfehlen. Sorry...

 

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