Der tägliche Canetti

Das aktuelle »Masse und Macht«-Zitat zur Fußball-WM 2006
Der Tag danach
 
... auf jeden Fall scheint einem eine künftige Wiederholung ähnlicher Gelegenheiten verbürgt. Die Feste rufen einander, und durch die Dichte der Dinge und Menschen vermehrt sich das Leben.

 

Abgesang

Aus, aus, aus – die WM ist aus! König Fußball ist abgetreten. Es wird keine Verlängerung geben und auch kein Elfmeterschießen. Der Schlusspfiff ist verklungen. Die Masse ist zerfallen. Leer sind die Arenen, und die Public-Viewing-Bereiche sind verwaist. Ein letztes Mal noch hüllen wir uns in eine Fahne, schnäuzen in ein Trikot und gedenken der letzten vier Wochen: Wir haben unsere »Berührungsfurcht« abgelegt, waren eine Masse von Paninibildsammlern, haben inbrünstig Fahnen geschwenkt, in fremden Sprachen gesungen, wir haben gemeinsam gelitten, gefeiert, gejubelt und geweint. Von der »Festmasse« gingen wir nahtlos in eine »Klagemeute« über – und feierten weiter. König Fußball, wir waren gerne deine Untertanen. Du warst nicht immer gerecht, manche deiner Entscheidungen können wir nicht verstehen. Mit deiner Macht hast du neue Götter geschaffen und alte dick werden lassen. Einen Tempel, der dir geweiht war, hast du eingerissen – und dies in der 119. Minute. Doch wir lieben dich, denn du warst völkerverbindend, fröhlich und friedlich und nie so machtbesessen wie deine Adjutanten von der FIFA. König: es ist Zeit. Der Monat war sehr groß. Leg deinen Schatten über die Stadionuhren, und auf den Feldern laß die Winde los. Und all den bibliophonen Schöngeistern, die dicke Schinken gewälzt haben, um dich zu verstehen, sei auf den Weg gegeben: Entscheidend ist auf dem Platz!

 

Der tägliche Canetti

Wer die Theweleits, Hornbys, Schönaus oder Schümers bis jetzt nicht gelesen hat, der kommt jetzt auch nicht mehr dazu. Denn der Anpfiff ist gegeben, der Ball rollt! Auch die »Kritische Ausgabe« kann und will sich diesem Massenphänomen nicht entziehen. Zumindest nicht völlig.
 
Mit geschärftem Blick, der über das bloße Ergebnis hinausgeht, empfinden wir bibliophilen Schöngeister diese Sport-Großveranstaltung in erster Linie als eine gewaltige und daher durchaus bedrohliche Massenveranstaltung. Was läge für uns näher, als diesem durch den Weltfußballverband FIFA in einem sportlichen (und wohl auch kommerziellen) Wettkampf kanalisierten Aufeinandertreffen der Kulturen einen Text zugrunde zu legen? Und zwar nicht irgendeinen: Jeden Tag während der WM werden wir an dieser Stelle ein Zitat aus Elias Canettis umfangreichem Essay »Masse und Macht« veröffentlichen, um damit Ihnen, liebe Leser, einen kleinen Augenblick der inneren Einkehr, ja der Besinnung zu ermöglichen, bevor Sie sich erneut der Masse stellen, wo auch immer sie Ihnen begegnen mag: im Stadion, in der Stadt, in der Kneipe oder auch nur auf der Mattscheibe.
 
Canetti selbst berichtet übrigens, dass die Laute vom Rapid-Platz in Wien, die in sein Arbeitszimmer drangen, unterschwellig Eingang in seinen Essay gefunden haben:

»Während der sechs Jahre, die ich dieses Zimmer bewohnte, versäumte ich keine Gelegenheit, diese Laute zu hören. Den Zustrom der Menschen sah ich unten bei der Stadtbahnstation. Es fällt mir schwer, die Spannung zu beschreiben, mit der ich dem unsichtbaren Match aus der Ferne folgte. Es waren zwei Massen, das war alles, was ich wußte, von gleicher Erregbarkeit beide und sie sprachen dieselbe Sprache. Manchmal saß ich während des Ereignisses am Tisch in der Mitte meines Zimmers und schrieb. Aber was immer es war, was ich schrieb, kein Laut vom Rapid-Platz entging mir. In Manuskripten jener Zeit, die ich bewahrt habe, glaube ich noch heute jede Stelle eines solchen Lautes zu erkennen, als wäre er durch eine geheime Notenschrift bezeichnet.«

Wir wünschen Ihnen viel Freude!

 

Bisherige Zitate:

Elias Canetti: Masse und Macht (Fischer Taschenbuch)Tag 1: »Nichts fürchtet der Mensch mehr als die Berührung durch Unbekanntes.« (Kapitel: Umschlagen der Berührungsfurcht, S. 13) Tag 2: »Es ist wichtig, als erstes einmal festzustellen, dass die Masse sich nie gesättigt fühlt. Solange es einen Menschen gibt, der nicht von ihr ergriffen ist, zeigt sie Appetit.« (Kapitel: Der Ausbruch, S. 22) Tag 3: »Der Rhythmus ist ursprünglich ein Rhythmus der Füße.« (Kapitel: Rhythmus, S. 32) Tag 4: »Es ist ein Überfluß an Weibern da für die Männer und ein Überfluß an Männern für die Weiber. Nichts und niemand droht, nichts treibt in die Flucht, Leben und Genuß während des Fests sind gesichert. Viele Verbote und Trennungen sind aufgehoben, ganz ungewohnte Annäherungen werden erlaubt und begünstigt.« (Kapitel: Festmasse, S. 70) Tag 5: »Als Massenkristalle bezeichne ich kleine, rigide Gruppen von Menschen, fest abgegrenzt und von großer Beständigkeit, die dazu dienen, Massen auszulösen.« (Kapitel: Massenkristalle, S. 84) Tag 6: »Das Volk will seinen Helden unverletzlich« (Kapitel: Überleben und Unverletzlichkeit, S. 270) Tag 7: »Der wichtigste Vorgang, der sich innerhalb der Masse abspielt, ist die Entladung. Vorher besteht die Masse eigentlich nicht, die Entladung macht sie erst wirklich aus. Sie ist der Augenblick, in dem alle, die zu ihr gehören, ihre Verschiedenheiten loswerden und sich alle als gleiche fühlen.« (Kapitel: Die Entladung, S. 16) Tag 8: »Bestimmte Regungen oder Äußerungen, die als vorbildlich gelten, werden durch Applaus gekräftigt und ihre Wiederholung veranlasst.« (Kapitel: Afrikanische Könige, S. 495) Tag 9: »Italien mag als Beispiel dafür dienen, wie schwer es eine Nation hat, sich selbst zu sehen, wenn ihre Städte von größeren Erinnerungen heimgesucht sind und ihre Gegenwart mit diesen Erinnerungen bewußt verwirrt wird.« (Kapitel: Massensymbole der Nationen, S. 206) Tag 10: »Jede völlig fremde Sprache ist eine akustische Maske; sobald man sie versteht, wird sie zu einem deutbaren und vertraulichen Gesicht.« (Kapitel: Die Figur und die Maske, S. 445) Tag 11: »Die Gleichheit unter den Zuschauern besteht eigentlich nur darin, daß sie sich von der Bühne her alles dasselbe gefallen lassen.« (Kapitel: Stockung, S. 39) Tag 12: »Plötzlich ist alles schwarz von Menschen. Von allen Seiten strömen andere zu, es ist, als hätten Straßen nur eine Richtung.« (Kapitel: Offene und geschlossene Masse, S. 14) Tag 13: »Auf eine merkwürdige und unverwechselbare Weise tragen die Holländer, in Zeiten ernster Bedrohung, ihre Grenzen gegen das Meer in sich.« (Kapitel: Massensymbole der Nationen, S. 201) Tag 14: »Der Sport als Massenereignis hat schon in Rom den Krieg zu einem wesentlichen Teil ersetzt.« (Kapitel: Die Auflösung des Überlebenden, S. 555) Tag 15: »Das Massensymbol der Franzosen hat eine junge Geschichte: es ist ihre Revolution.« (Kapitel: Massensymbole der Nationen, S. 203) Tag 16: »Man bewegt sich mit großer Beharrlichkeit auf ein Ziel hin, das unverrückbar ist, und bleibt unterwegs auf alle Fälle zusammen.« (Kapitel: Langsamkeit oder die Ferne des Ziels, S. 43) Tag 17: »Der Engländer sieht sich als Kapitän mit einer kleinen Gruppe von Menschen auf einem Schiff, ringsum und unter ihm das Meer.« (Kapitel: Massensymbole der Nationen, S. 200) Tag 18: »Sie wollen vielleicht alle dasselbe, aber sie sind nicht alle dasselbe.« (Kapitel: Massensymbole der Nationen, S. 198) Tag 19: »Es ist unfaßbar, was im Verlaufe einer einzigen Stunde über das Gesicht des Menschen geht.« (Kapitel: Die Figur und die Maske, S. 443) Tag 20: »Der Stolz des Stehenden ist, dass er frei ist und sich an nichts anlehnt.« (Kapitel: Von den Stellungen des Menschen: Was sie an Macht erhalten, S. 460) Tag 21: »Eine ungeheure Frage ist die nach der Zukunft. Man könnte sie die höchste aller Fragen nennen; es ist auch die intensivste.« (Kapitel: Frage und Antwort, S. 341) Tag 22: »Die Zuschauer können sitzen […]. Sie haben die Freiheit ihrer Füße zum Stampfen und bleiben doch am selben Fleck. Sie haben die Freiheit ihrer Hände zum Klatschen.« (Kapitel: Stockung, S. 38) Tag 23: »Die Größe des Sieges drückt sich im Maße des Beifalls aus.« (Kapitel: Der Dirigent, S. 469) Tag 24: »Die Urteilskrankheit ist eine der verbreitetsten, die es unter Menschen gibt, und praktisch alle sind von ihr befallen.« (Kapitel: Urteilen und Aburteilen, S. 352) Tag 25: »Es kann keinem Zweifel unterliegen, daß der Mensch, sobald er es einmal war, mehr sein wollte.« (Kapitel: Die Vermehrungsmeute, S. 127f.) Tag 26: »Man verachtet die, die zu falschem Ruhm gelangt sind, aber man verachtet es auch, sie mit ihren eigenen Waffen zu bekämpfen.« (Kapitel: Von der Unsterblichkeit, S. 328) Tag 27: »Aber das Wesentliche ist die Erregung als solche, ein Zustand, in dem alle zusammen etwas zu beklagen haben.« (Kapitel: Die Klagemeute, S. 123) Tag 28: »Der Regen ist die Masse im Augenblick ihrer Entladung, und er bezeichnet auch ihren Zerfall. Die Wolken, denen er entstammt, geben sich im Regen auf; die Tropfen bleiben, weil sie nicht mehr zusammenbleiben können, und es ist noch unklar, ob und wie sie später wieder zusammenfinden können.« (Kapitel: Massensymbole, S. 95) Tag 29: »Der Berühmte sammelt Chöre. Er will nur seinen Namen von ihnen hören.« (Kapitel: Ruhm, S. 471) Tag 30: »Die sicherste und oft einzige Möglichkeit für die Masse, sich zu erhalten, ist das Vorhandensein einer zweiten Masse, auf die sie sich bezieht.« (Kapitel: Die Doppelmasse: Männer und Frauen – Die Lebenden und die Toten, S. 71) Tag 31: »Die Masse braucht eine Richtung.« (Kapitel: Die Eigenschaften der Masse, S. 30)

 

Ausgabe: Elias Canetti: Masse und Macht. Frankfurt a.M.: Fischer-Taschenbuch-Verlag, 272001. 592 Seiten. ISBN 3-596-26544-4. 14,95 Euro.

 

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