Der ultimative Wenderoman?

Ein Buch – zwei Meinungen: Uwe Tellkamps Roman Der Turm

Der Turm, aktueller Roman des Bachmann-Preisträgers Uwe Tellkamp, wurde von der Kritik mit Lob überschüttet, mit den Buddenbrooks verglichen und als der langerwartete Wenderoman gefeiert. Die K.A.-Rezensenten Fabian Thomas und Stephan Rauer sind sich da weniger einig: »Poetisches Denkmal an die eigene Vergangenheit« (Thomas) oder ›überambitionierter Roman‹ (Rauer)? »Überzeugendes Panorama der widersprüchlichen DDR-Gesellschaft« oder »ein Fall von selten einhelligem kollektivem Fehlurteil der professionellen Kritik«? – Lesen Sie selbst!Uwe Tellkamp, Der TurmDer Turm, aktueller Roman des Bachmann-Preisträgers Uwe Tellkamp, wurde von der Kritik mit Lob überschüttet, mit den Buddenbrooks verglichen und als der langerwartete Wenderoman gefeiert. Die K.A.-Rezensenten Fabian Thomas und Stephan Rauer sind sich da weniger einig: »Poetisches Denkmal an die eigene Vergangenheit« (Thomas) oder ›überambitionierter Roman‹ (Rauer)? »Überzeugendes Panorama der widersprüchlichen DDR-Gesellschaft« oder »ein Fall von selten einhelligem kollektivem Fehlurteil der professionellen Kritik«? Lesen Sie selbst!

 

The Great GDR Novel

Von Fabian Thomas

Fernsehfilme wie Das Wunder von Berlin (ZDF) und Wir sind das Volk (SAT.1) beweisen: es tut sich wieder was in Sachen DDR-Erinnerung. Natürlich ist daran der nahende 20. Jahrestag des Mauerfalls nicht ganz unschuldig. Bei Uwe Tellkamp kommt es gar nicht soweit: sein DDR-Roman Der Turm endet kurz vor dem entscheidenden Ereignis, das den Arbeiter- und Bauernstaat das Zeitliche segnen ließ. Für den »Turm« erhielt Tellkamp schon vor Erscheinen den Uwe-Johnson-Preis 2008, dann im Herbst den zum vierten Mal verliehenen Deutschen Buchpreis. Zuvor ist der in Dresden gebürtige Autor, der zurzeit in Freiburg lebt, mit dem bei Rowohlt Berlin veröffentlichten Roman Der Eisvogel (2005) bekannt geworden, einer bitterbösen Gesellschaftssatire auf die bundesdeutsche Gegenwart. Jetzt, im Frühjahr 2009, hält sich Der Turm solide auf Platz 8 der Spiegel-Bestsellerliste. Das vom Verlag apostrophierte »gewaltige Medienecho« – der Roman wurde in allen großen Tageszeitungen ausführlich besprochen und als »ultimativer« DDR-Roman gefeiert – ist ein wenig verhallt. Zeit, das wuchtige 900-Seiten-Buch noch einmal jenseits aller fieberhaften Feierlaune unter die Lupe zu nehmen. Es ist ein langer Roman, soviel steht schon einmal fest. Epische Dimension, Familiengeschichte im Dresdner Villenviertel, mit besonderem Schwerpunkt auf dem empfindsamen Arztsohn Christian Hoffmann. Die Handlung beginnt 1982, im Jahr des Todes von KPdSU-Generalsekretär Leonid Iljitsch Breschnew. Die Bewohner des »Turms« (so die verklärende Bezeichnung der bildungsbürgerlichen Eremiten im Weißen Hirsch) feiern: Richard Hoffmann, Familienoberhaupt und Chirurg an der Dresdner Unfallklinik, hat Geburtstag und schart Familie, Freunde und Kollegen um sich. Die Gesellschaft wird durch die Augen von Christian beschrieben, der als letzter den vollbesetzten Saal erreicht:

Alle Köpfe wandten sich nach Christian um, der spürte, wie er rot wurde und sich unwillkürlich kleiner zu machen versuchte. Er ärgerte sich […] Ohne jemand Bestimmtes anzusehen, mit gesenktem Kopf, nickte er einen Gruß zu der im Geviert aufgestellten Tafel, an der vierzig oder fünfzig Gäste sitzen mochten. Rechts entdeckte er Familie Tietze, Meno daneben, Onkel Ulrich und seine Frau Barbara, Alice und Sandor. Anne saß neben dem Vater und dem Chefarzt der Chirurgischen Klinik an der Stirnseite der Tafel. Auch Großvater Rohde und Emmy, Christians und Roberts Großmutter väterlicherseits, konnte er entdecken, als er, immer noch puterrot und mit vor Scham gerunzelter Stirn, zu den Sitzenden hinschielte.

Das hier auftretende Personal lässt schon eine Grundkonstellation erkennen, die Tellkamp in seinem Roman immer wieder, in verschiedenen Zusammensetzungen, verwendet: der Schüler Christian, der uns bis zum Ende des Romans begleiten wird, gibt mit seinen Cousins und Cousinen die jugendliche, mal auch saloppe Sicht auf die Handlung; unter den wunderlichen Mitgliedern der Großfamilien Hoffmann und Rohde ist Christians Onkel Meno der schillerndste Charakter, der ganz im Geiste der Klassiker über Kunst und Literatur philosophiert. Aus der Reihe von Richard Hoffmanns Klinik-Kollegen dagegen tritt durch eine launige Rede der Vorgesetzte hervor, im Übrigen ein strammes SED-Mitglied, dem keiner so recht über den Weg traut. Tellkamp lässt sich Zeit, seine Figuren ausführlich zu beschreiben und ihnen unverwechselbare Charakterzüge zu verleihen. Selbst der Kater der Familie Hoffmann mit dem rätselhaften Namen »Chakamankabudibaba« wird in einem eigenen Absatz gewürdigt und kommt leitmotivisch immer wieder an verschiedenen Stellen des Romans um die Ecke geschlichen. Die Turm-Bewohner residieren in Villen, die phantastische Namen wie »Haus Karavelle«, »Tausendaugenhaus« oder »Haus Abendstern« tragen, die Straße dagegen wird zur »Mondleite«. Das alles deutet auf eine märchenhafte Verwandlung der Wirklichkeit hin. Die als nachteilig empfundene Realität wird zur Traumwelt verklärt. Das allein wäre jedoch noch kein Stoff für einen Roman, der die Tendenz hat, zum »Volksbuch« der wiedervereinigten Deutschen zu werden, wie es vereinzelte Stimmen bereits für möglich halten. Und natürlich geht Tellkamp auch über den zauberhaft-poetischen Ausgangspunkt seiner Erzählwelt hinaus, wenn er ihn als Kontrastfolie für den Zusammenprall mit der real existierenden Eintönigkeit der DDR in den achtziger Jahren verwendet. Warenknappheit, Bespitzelung, parteiliche Willkür und NVA-Dienst werden in all ihren widerwärtigen Facetten geschildert. Hier wird die Stärke von Tellkamps Roman ersichtlich: er versetzt den Leser in die Lage des von Tauschgeschäften abhängigen DDR-Bürgers, lässt ihn die Angst vor dem IM in der Nachbarwohnung durchleben, führt die Sinnlosigkeit der Bürokratisierung des Lebensalltags vor; gegen Ende fährt der Leser sogar mit dem sensiblen Christian Hoffmann in der NVA Panzer. Als Gegensatz zu der mühsam aufrechterhaltenen Turm-Welt beschreibt Tellkamp in den düstersten Farben die rußgeschwärzten Arbeitverviertel in Leipzig; vom elitären Wissenschaftler Arbogast, der auf seinen Empfängen feinste West-Spezialitäten auftischt, bis zum einfachen, im breitesten Sächsisch lamentierenden Arbeiter (»Hörnse uff. Isch gomm aus’m real existierenden Betrieb, mei Härr!«) gelingt ihm ein überzeugendes Panorama der widersprüchlichen DDR-Gesellschaft. Der einzige Schwachpunkt dieses Romans liegt in seiner ureigenen Konzeption: Tellkamp verliert sich in Details und Nebenhandlungen, ja, tendiert gar zur unpersönlichen, völlig aus der Handlung losgelösten Gedankenprosa. Die eigentliche Handlung schreitet währenddessen nur zäh voran. Aber gerade das Nicht-Geschehen von Veränderung hat der »Turm« ja auch zum Thema: Der Wink mit dem Zaunpfahl, dass die Zeit für den maroden Honeckerstaat langsam abläuft, sind nicht zuletzt die an allen Ecken und Enden des »Turms« tickenden Uhren. Etiketten wie das des »ultimativen DDR-« oder »großen Wenderomans« fallen in der deutschen Literaturkritik mit schöner Regelmäßigkeit, zuletzt zu beobachten bei so unterschiedlichen Autoren wie Ingo Schulze (»Neue Leben«) und Thomas Brussig (»Wie es leuchtet«). Seit dem Jahr der Wiedervereinigung ist dies gewissermaßen ein Terminus technicus, der einer Sehnsucht nach dem einen Roman der Identitätsstiftung für das »neue« Deutschland Ausdruck verleiht. Damit läuft er parallel zu einer ähnliche Tendenz in der amerikanischen Kritik, regelmäßig »The Great American Novel« zu küren. Wenn man über einen soziologischen Zugriff gemeinschaftsstiftende Elemente in Romanen analysieren möchte, bietet Der Turm eine ganze Palette von DDR-Erinnerungs-Stückchen, die, wie auch Zeitzeugen bestätigten, das auf ganz eigene Art und Weise beklemmende »DDR-Gefühl« wieder entstehen lassen, das man wohl nur ganz verstehen kann, wenn man es erlebt hat. Insofern ist Der Turm vielleicht der ultimative DDR-Roman (zumindest als Kandidat für den »Wenderoman« scheidet er ja mangels inhaltlicher Abdeckung der Wendezeit aus). Die originelle Eigentümlichkeit von Tellkamps Sprache hebt den Roman dagegen auf eine eigenständige ästhetische Ebene. Man lese dazu nur die ans Lyrische grenzende »Ouvertüre«:

Suchend, der Strom schien sich zu straffen in der beginnenden Nacht, seine Haut knitterte und knisterte; es schien, als wollte er dem Wind vorgreifen, der sich in der Stadt erhob, wenn der Verkehr auf den Brücken schon bis auf wenige Autos und vereinzelte Straßenbahnen ausgedünnt war, dem Wind vom Meer, das die Sozialistische Union umschloß, das Rote Reich, den Archipel, durchädert durchwachsen durchwuchert von den Arterien Venen Kapillaren des Stroms, aus dem Meer gespeist, in der Nacht der Strom, der die Geräusche und Gedanken mit sich nahm auf schimmernder Oberfläche, das Lachen und den Ernst und die Heiterkeit ins sammelnde Dunkel [...].

Die unverwechselbare Traumwelt, in der sich die Turmbewohner bewegen, kurz: die Kunst des Erzählens machen aus dem »Turm« mehr, oder besser gesagt, noch etwas anderes als eine Anekdotensammlung über Alltag in der DDR, nämlich ein poetisches Denkmal an die eigene Vergangenheit. Die Frage nach dem »Volksbuch«-Charakter stellt sich weiterhin: auch wenn der »Turm« mittlerweile in vielen deutschen Haushalten stehen mag, wird ihn wohl nicht jeder erklimmen. Ebensowenig, wie man seinem Kater den Namen »Chakamankabudibaba« gibt.

 

Das Einweckglas

Von Stephan Rauer

Wenn alle Poesie aus der Welt verloren ginge, so ließe sie sich doch aus dem Faust wieder herstellen, schreibt Albrecht Schöne in der Einleitung zu seinem Faust-Kommentar. Vergleichbar wuchtig bejubelt die Kritik Tellkamps Der Turm, ganz so als ließe sich, wenn alle Literatur und alle Informationen und alle Erinnerung, was die DDR einmal war, abhanden gekommen wären, aus diesem Buch ein adäquates Bild dieses untergegangenen Landes doch wiedergewinnen. Und spätestens, als Volker Hage Tellkamp auf Spiegel-Online am 17.10.08 fragte, was den größten Bruch für ihn bedeutet habe, die Wende 1989/90, der Wechsel des Berufs vom Arzt zum Schriftsteller oder der Bruch aus der Geborgenheit einer bürgerlich geprägten Danziger Familie zum Panzerfahrer der NVA, spätestens hier also konnte man gewiss sein: das Buch wird nicht als ein, sondern als das Ereignis der letzten Jahre gehandelt. Tellkamps Dresden ist allenfalls vergleichbar mit Thomas Manns Lübeck und Günter Grass' Danzig, die den Nobelpreis explizit für ihre Erstlinge, für die Wiederbeschwörung der Heimatstadt ihrer Kindheit und Jugend erhielten. Kurz gesagt: So gut ist das Buch nicht. Gut aber in einigem schon: Der sperrige Anfang soll ein Anfang für ein Gesamtprojekt sein, weitere Teile werden folgen und tatsächlich ist man gespannt, wie es den Protagonisten nach der Wende weiter ergangen ist. Das ist sicherlich einer der starken Züge des Buches, dass man sich in diese Figuren und ihre Welt hineinlebt und ›mit-geht‹. Der Wenderoman aber? Die definitive Aussage zur verlorenen Heimat DDR in literaturhistorisch bleibend relevanter Perspektive? Da war wohl doch ein allgemeiner, sich zunehmend aufdrängender Wunsch Vater des Gedankens.

Stoff und Wirklichkeit

Erzählt wird vor allem aus der personalen Perspektive von drei (männlichen) Protagonisten: Christian Rohde, seinem Vater Richard und dem Onkel Meno. Alle drei sind Zentralfiguren der Gegenwelt, welche der Roman vorführt, Bewohner des »Turms« in der Turmstraße im Dresdener Weißen Hirsch. Alle drei, miteinander verwoben, verkörpern das Anliegen des Romans: die Beschreibung einer zwar prekären, letztlich aber heilen bildungsbürgerlichen Gegenwelt in der Spätphase der DDR. Dabei sind Meno und Richard gewissermaßen wie in einem Altarbild um Christian herum gruppiert: rechts der Chirurg, praktische Handwerker und Verführer Richard, links der Lektor, Insektenforscher und Frauen gegenüber anscheinend eher gleichgültige Meno und in der Mitte Christian, die eigentliche Zentralfigur, die beiden zugleich nachstrebt. Auf Hages Frage antwortet Tellkamp übrigens, die Armee-Erfahrung sei das prägendste Ereignis für ihn gewesen. Die Zeit in der Armee sowie die drei Jahre Haft, die Christian verbüßen muss, werden ausführlich im zweiten Teil des Romans beschrieben. Nun sind aber diese drei Jahre im Vergleich zur autobiographischen Vorlage eingefügt: Tellkamp und Christian haben beide am 28.10. Geburtstag, Tellkamp im Jahre 1968, Christian 1965. Exakt diese drei Jahre musste Tellkamp aber nicht mehr absitzen. Etwas böse gesagt: hier wurde ein wenig ›nachheroisiert‹. Im Zentrum dieses deutlich, von Tellkamp schon in der Klappenvorbemerkung auch nicht negierten, autobiographischen Romans steht also eine nicht autobiographische Opfergeschichte.

Ambitionen (1)

Immer wieder denkt Tellkamps Alter Ego Christian über die Genauigkeit im Beschreiben nach, eine Genauigkeit, zu der ihn sein naturwissenschaftlich geschulter Onkel Meno anleiten möchte. Er rekapituliert, warum Meno das Wort »Magie« nicht liebt: es sei ein unzulängliches und etwas hilfloses »Etikett auf dem Einweckglas, in dem sich die Dinge befinden, wenn wir uns erinnern.« Schlechte Schriftsteller, meint Meno, welche dieses Wort benutzen, umkreisen ihre Hilflosigkeit, unfähig, »dieses Phänomen« zu erzeugen, fähig allein, darüber zu reden. Das dürfte wohl auch Tellkamps Haltung beschreiben. Dieses detailversessenen ›Schreibens ins Einweckglas hinein aber wird man gelegentlich überdrüssig. Beispielsweise lässt sich fragen, welche Funktion eine Stelle wie diese hat:

Vor dem Park, wo die Mondleite abbog, tastete sich ein Scheinwerferpaar näher; Meno sah, daß es zu einem Müllauto gehörte, das vorsichtig und leicht schlingernd auf der unter der Neuschneeschicht glatten Straße näher kam; die Männer sprangen vom Verdeck und treidelten polternd und fluchend die aufgekanteten, übervollen Mülltonnen zum Wagen, klinkten sie in den Haltebügel, worauf die Tonnen von der Hydraulik wie Bierhumpen aufwärtsgekippt und unter mehrmaligem Rütteln entleert wurden.

Ohne je in Kolumbien oder Tadschikistan gewesen zu sein, vermute ich, dass der Prozess der Müllabfuhr mittels LKW auch dort ähnlich vonstatten geht, es handelt sich also um eine Stelle, die anscheinend Marsbewohnern erklärt, wie das bei den Erdenmenschen in der DDR damals vor sich ging mit der Müllabfuhr. Und tatsächlich gibt Tellkamp in seinem Gespräch mit Dieckmann an, er schreibe für »Marsmenschen«, es sei ihm darum gegangen, auch einem Brasilianer ohne jede DDR-Beziehung die Atmosphäre damals vorstellbar zu machen. Aber führt nicht genau dieser Ansatz dazu, dass Tellkamp versucht, aus der Beschreibung banaler Tatsächlichkeit poetischen Mehrwert, eben »Magie« zu pressen, durch dichterische Überformung, in zum Teil quälender Häufung von Vergleichen mit und ohne »wie«?

Ambitionen (2)

Auch jenseits des Autobiographischen steckt der Roman sicherlich voller Bezüge fürs germanistische Ostereiersuchen. Man kann da derweil nur mutmaßen, dass sich ein Großteil dieser Bezüge auf national-relevante Felder wie Goethe/Thomas Mann/Doderer/Tannhäuser, wohl auch auf das utopische Potential von ›echter‹ Jugendliteratur in der »Pädagogischen Provinz« zu Zeiten einer ›progressistischen‹ Erziehungsdiktatur bezieht, nicht aber beispielsweise auf ja durchaus auch denkbare Lektüren von Autoren wie Alfred Döblin, Heinrich Mann, und Lion Feuchtwanger, allesamt Autoren von Prosa-«Blauwalen«, welche Christian als Lektüre so liebt. So scheint mir, als gebe es in diesem sicherlich weitgespannten intertextuellen Bezugssystem kaum links-kritische, jüdisch-deutsche aus Deutschland vertriebene Intelligenz. Anscheinend erinnert Tellkamps Lese-Panorama der ausgehenden DDR hier in vielem an die literarische Landschaft der Bundesrepublik der 50er Jahre (auch der verehrte Thomas Wolfe passt da genau), sie ist voller ›Untoter‹. War das wirklich so in den Nischen bildungsbürgerlichen Bewusstseins in der untergehenden DDR? Ich weiß es nicht, in jedem Fall aber ergeben sich hier Projektionsflächen für die Träume altgeborener Anti-68er, und sorgen nicht gerade diese zumindest auch für einen Teil der begeisterten Kritik und auch der begeisterten Leserzustimmung: endlich darf man wieder irgendwie ›Heimat‹ und irgendwie ›Bildung‹ zusammendenken zu irgendwie »Bildungsheimat«? Merkwürdig in diesem Zusammenhang, dass kein Zusammenhang hergestellt wird zu der Kritik an Tellkamps Der Eisvogel, dem vor einigen Jahren noch mangelnde Distanz zum rechtselitären Gedankengut seiner Protagonisten vorgeworfen wurde. Als sei das Rechtssein in der DDR ein ›gutes‹, widerständiges Rechtssein gewesen, in der Bundesrepublik aber etwas Verwerfliches.

Brüche

Auch einige Brüche im Ästhetischen erklären sich, scheint mir, aus dieser ganz ungebrochenen Sehnsucht nach bildungsbürgerlicher Heimat im Heilen. Überdeutlich wird dies in der Gestalt Georg Altbergs, des »Alten vom Berge«, der ganz fraglos bis ins äußere Erscheinungsbild nach Franz Fühmann modelliert ist. Im Gegensatz zu einigen anderen nach der Wirklichkeit gestalteten Figuren des Romans wird er nicht nur als Pappkamerad (wie beispielsweise der Arbeiterdichter Schade) für andere Zwecke eingeführt. Nein, Altberg wird in seiner Gebrochenheit vom Erzähler anscheinend ernst genommen, er ist durchaus sympathisch gezeichnet. Somit ist er wohl (neben Judith Schevola) die linke, gescheiterte Autoren-Gegenfigur im Roman (Stefan Heym-Groth wird nur angedeutet, Hacks/Hermlin-Eschlaroque ins Groteske verzerrt, die Londoner-Kuczynskis sind keine Autoren). Auch so ging das nicht, heißt das. Und wenn man sich beispielsweise die Stasi-Überwachung, der Fühmann ausgesetzt war (und von der bei Tellkamp keine Rede ist), vor Augen hält, kann man Tellkamp hier nur recht geben. Leider aber geht es ihm eigentlich gar nicht um diese Fragen: Altberg nämlich ist schließlich zwar eine der zentralen Stimmen der zunehmend überdrehten Kakaphonie im letzten Drittel des Buches, allerdings beginnt er plötzlich, seine Erinnerungen an den Zweiten Weltkrieg, die ›Sattelzeit‹ deutschen Nationalbewusstseins, zu erzählen. Was das soll, bleibt unklar. Zumal diese recht ausgedehnten Passagen wohl völlig erfunden sind, jedenfalls auch nicht im Ansatz an die auch epische Wucht von Fühmanns Versuchen einer kritischen Selbstbefragung der eigenen Geschichte in dessen (im Roman doch von Meno hochgelobten)Trakl-Essay heranreichen können. Es ist dieses Überambitionierte des Romans, das zunehmend stört (auch Menos Tagebuch beispielsweise ist über weite Strecken nicht recht genießbar). Tilman Krause aber konstatiert zusammenfassend, Der Turm sei der ultimative Roman über die DDR,

diese lächerliche sowjetische Satrapie auf deutschem Boden. Und zwar aus der Sicht derer, die nicht eine Sekunde daran zweifelten, dass sie dagegen waren. Das allein ist schon, nach all dem Wischiwaschi der Christa Wolfs, Volker Brauns, Christoph Heins und tutti quanti, eine nahezu erlösende Tat. So klar antikommunistisch, so voller schneidender Verachtung für das Proleten- und Kleinbürgertum, das 40 Jahre lang im Ostteil dieses Landes sein Gift verspritzen durfte, hat noch keiner, der aus diesen Breiten kommt, den Stab gebrochen.

Sicher, so kann man das anscheinend lesen, aber ebenso sicher ist, dass Fühmann eben kein Kronzeuge für eine derart dem Heute affirmative Beschreibung der DDR in ihren letzten sieben Jahren ist.

Zusammengefasst

Tellkamp packt die DDR in ein Einweckglas voller reell-realer Details in aufgemotzter Poesie, etikettiert dann »Magie« und (trotzig, auch gegen das bundesrepublikanische Heute) »Heimat«. Dazu bläst er seine eigene Geschichte auf zu einem Panorama aus auch für andere packendem Selbsterlebtem, sowie ideologischem Qualm aus den Quellen der eigenen DDR- Gegenwelt-Vergangenheit und vielfältigen Schlüsselroman-Elementen. Fürs Panorama aber reicht diese Suche nach der eigenen verlorenen Zeit eben doch nicht hin. Was wäre wohl übrig geblieben von diesem Roman, wenn ein skeptischerer Lektor alles angestrengt Poetisierende, alles Zuviel im allgemeinverständlichen Detail, alles künstlich-panoramasierende herausgestrichen und geholfen hätte, den Roman in seinen Grundzügen ins Gebrochenere, weniger Idyllische zu wandeln? Ein gutes Buch sicherlich, etwas wie solider Kempowski, vielleicht auch eine Art Fallada des neuen Jahrtausends. Sicher aber nichts, was zu Vergleichen mit Goethe, Uwe Johnson, Thomas Mann usw. hätte rufen lassen. So aber, wie es jetzt vorliegt, scheint mir der »zukünftige nationale Klassiker« (Dieckmann) vor allem ein Fall von selten einhelligem kollektivem Fehlurteil der professionellen Kritik (sehr viel kritischer dagegen fallen viele Leser-Rezensionen auf amazon.de aus). Und, um zum Anfang meiner Überlegungen zurückzukehren, die Erinnerung an die DDR, welche Marsianer, Brasilianer und auch die Literaturkritik des Jahres 2008 aus Tellkamps Buch mitnehmen, ist wohl doch eine in vielerlei Hinsicht recht eingeschränkte. Fühmanns berühmter Ausschnitt aus seinem eigenen Testament lautet:

Ich möchte in Märkisch Buchholz begraben werden. Ich bitte Uwe Kolbe, wenn es ihm möglich ist, ein paar Worte zu sprechen. Die Herren H. Kant und D. Noll ersuche ich, von der Teilnahme am Begräbnis abzusehn - falls sie diesen Wunsch verspürt haben sollten. Ebenso Herrn G. Henninger [sic!, eig. Henniger] oder einen offiz. Vertreter dieses Schriftstellerverbandes. Ich habe grausame Schmerzen. Der bitterste ist der, gescheitert zu sein: In der Literatur und in der Hoffnung auf eine Gesellschaft, wie wir sie alle einmal erträumten. Ich grüße alle jungen Kollegen, die sich als obersten Wert ihres Schreibens die Wahrheit erwählt haben.

Warum findet sich keine Stimme, die das in ähnlich überwältigende Konsens-Roman-Form fasst wie Tellkamp seine eigene Jugend in Der Turm? Oder geht das nicht?

 

Uwe Tellkamp: Der Turm. Geschichte aus einem versunkenen Land. Roman. Frankfurt a.M., Suhrkamp 2008. 973 Seiten. ISBN 978-3-518-42020-1. 24,80 Euro.

Nach 200 Seiten war für mich

Nach 200 Seiten war für mich Schluss. Tellkamps Sprache ist furchtbar aufgesetzt und pathetisch. Eine riesige Enttäuschung!

"Der Turm" ist/sind - bei

"Der Turm" ist/sind - bei allen Längen - die "Buddenbrooks" der DDR. Aber: Er ist ein VOR-Wenderoman. Einen ernsthaften Wenderoman, der wirklich im Jahr 1989 spielt und sowohl die Ost- als auch die West-Perspektive besitzt, gibt es für mich nur einmal: "Die Liebe in der Zeit des Mauerfalls". Da ist Dresden mit drin, aber auch Prag, Ost- und West-Berlin. Außerdem eine packende, schlüssige Handlung, die einen wie im Strudel hineinzieht in dieses einmalige Wendejahr.

Ich bin beglückt, dass es

Ich bin beglückt, dass es noch andere Leser und Kritiker gibt, die das Buch ein bisschen nüchterner betrachten, als die professionellen Kritiker.

Irgendwie möchte man sich doch so halbwegs selbst trauen.

 

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